“Das hier ist jetzt unser Facebook!”1. Februar 2011

3 Uhr in der Früh, die letzten Stunden habe ich draußen auf dem Platz der Befreiung verbracht. Irgendwie hatte ich das Gefühl, noch nicht genug zu wissen über die Menschen und was sie dazu bringt, bis in die frühen Morgenstunden in der kühlen Nachtluft auszuharren. Da die Stimmung den ganzen Tag über ausgesprochen friedlich war, wollte ich diese Phase noch nutzen vor der angekündigten Großdemo später am Tag.

Es dauert nicht lange, bis mich die erste Gruppe zu sich ans Feuer einlädt und mir Tee anbietet. Wo ich herkomme, wollen die Männer wissen. München. „Bayan München!“ rufen sie begeistert, und ich muss für die nächsten 5 Minuten so tun, als sei ich der größte Fan, ach was, ein persönlicher Freund von Schwaischtaiga, Miro Kchlose und natürlich Oliva Kchan.

Mohammed, 27 ist Chemiker. „Das heisst aber nichts“, sagt er fast kleinlaut, denn seine Ausbildung sei schlecht. Man habe ein mieses Schulsystem, und ein Studium sei auch noch teuer. Wer studiert, hat es aber auch nicht besser, als der Rest, denn Jobs gäbe es sowieso keine. „Ob Du arm bist oder reich, ob Du aus Suez stammst oder aus Kairo, ganz egal. Wir haben hier keine Zukunft“. Mohammed verdient 800 Ägyptische Pfund, etwa 100 Euro im Monat. Früher sei das ganz okay gewesen, räumt er ein, aber die Preise seien in den letzten Jahren massiv angestiegen.

Es ist eine Revolution der jungen Menschen, das ist bekannt – aber ist es auch eine Facebook-Revolution, wie viele Medien berichtet haben? “Facebook spielte in der Tat eine große Rolle” sagt Mohammed, “Wir hier sind alle bei Facebook”. – “Und heute?” will ich wissen. Das Internet funktioniere doch nicht mehr. “Das hier ist jetzt unser Facebook!” grinst der junge Mann und deutet auf den Tahrir-Platz um uns herum.

Der Platz ist etwas leerer als noch vor ein paar Stunden. Diejenigen, die noch auf den Beinen sind, skandieren unermüdlich Parolen. Auf einer aus Stoff improvisierten Leinwand laufen Karikaturen und Texte, zugespielt über einen am Laternenpfahl angebrachten Beamer. Von der Ampel an der Straßenecke baumelt eine Pappfigur, die den Namen des Präsidenten trägt. Es sind jetzt fast nur noch Männer unterwegs, was die Stimmung anheizt. Einige Redner stacheln die Gruppen zusätzlich zu lauten Sprechchören an. Das sind die Momente, in denen ich mich beginne zu fragen, was wohl passiert, wenn die Stimmung am nächsten Tag kippen sollte.

Eine Million Menschen sollen kommen, sagt Mohammed stolz. Ob er keine Angst vor Ausschreitungen habe, will ich wissen. Nein, sagt er, die Armee sei ja überall. „Und die hält zu Euch?“ – „Die Armee, das sind wir!“ Mubarak müsse weg, sind er und seine Kumpels sich einig. „Und danach?“ will ich wissen. „Was haltet Ihr von ElBaradei?“. – „Egal“, sagt Mohammed. „Jeder ist besser als er. Und wenn nicht, dann wählen wir ihn nach 4 Jahren wieder ab“. Jetzt müsse erst der alte Präsident weg, sagt Maohammed siegesgewiss „Morgen ist der große Tag!“

Das sieht ein Mann mit Kopftuch anders, der gerade dabei ist, seine Transparente für den „Marsch der Millionen“ zu vollenden. „Mubarak wird kämpfen“, sagt er. „Das ist ein zäher Hund. Hinzu kommt: er hat keinen Platz wo er sonst hin könnte“. Zur Not werde er die Armee und die Polizei mobilisieren. Der Mann will weiterziehen. Was dort auf dem großen Banner stünde, will ich noch von ihm wissen. Er überlegt kurz und übersetzt dann emotionslos: „Ägyptisches Blut gibt es nicht umsonst“.

Update 1, 8 Uhr Ortszeit

Die Handynetze funktionieren noch. Ich schätze ca. 5.000-10.000 Demonstranten jetzt auf dem Platz der Befreiung. Die meisten von ihnen haben die Nacht hier verbracht. Seit den frühen Morgenstunden läuft über eine Beschallungsanlage Musik, unterbrochen von Durchsagen. Die Reihen haben sich gelichtet, allerdings wollten Viele nur schnell nach Hause fahren, um zu duschen und sich umzuziehen. 3 Tage lang wollen die Menschen in ganz Ägypten die Arbeit niederlegen und auf die Straße gehen. Allein in Kairo, so heisst es von Seiten der vielen kleineren Wortführer, werden 1 Million Teilnehmer erwartet. Mohamed ElBaradei soll später auf dem Tahrir-Platz eine Rede halten.

Der Platz füllt sich langsam

Heute kreist ein anderer Helikopter über dem Gelände als in den verg. Tagen

Der Blick auf die Seitenstraßen lohnt sich – diese vermeintlich kleinen Gruppen strömen von allen Richtungen in Richtung Zentrum

Update, 18 Uhr Ortszeit

Der Befreiungs-Platz im Zentrum Kairos platzt aus allen Nähten. Seit Stunden strömen die Menschen aus allen Richtungen herbei, vom Kleinkind im Kinderwagen bis zum Greis am Stock sind alle Altersgruppen vertreten. Verhüllte Frauen, Männer mit langen Bärten, die T-Shirt und Turnschuh-Fraktion, aber auch Geschäftsleute im feinen Zwirn, alles ist auf den Beinen. Sie tragen Fahnen, Transparente und Pappschilder mit westlichen oder arabischen Schriftzeichen. Manchmal genügt auch eine Karikatur, um zu entschlüsseln, was der Schildbürger hier zum Ausdruck bringen will: Mubarak, tritt endlich zurück!

Kritik am eigenen Präsidenten, vor nur wenigen Wochen wäre das hier noch undenkbar gewesen. Hussein, ein junger Zahnarzttechniker erzählt mir dazu eine Geschichte: Der älteste seiner fünf Brüder habe sich in einem Kaffeehaus über die Regierung und über die Zustände im Land beklagt. In der Nacht darauf standen um 2 Uhr Polizisten vor der Tür und nahmen ihn mit. „Sie kommen immer nach Mitternacht“, sagt Hussein, damit die Nachbarn nichts mitbekommen. Der 23jährige hält ein Schild in die Luft, darauf das Firmenlogo von Facebook. „Ich fühle mich großartig heute“ sagt er. Er könne hier sagen, was er möchte. Endlich wieder atmen, „Es ist wie frische Luft!“

Am frühen Nachmittag ist es soweit. Die Millionen-Grenze ist erreicht. Es herrscht ohrenbetäubender Lärm auf dem Platz, eine Mischung aus Sprechchören, Megapghon-Gebrüll und Helikopter-Rotorblättern. Die einzigen, die sich still verhalten, sind die Soldaten. Sie stehen mit Maschinenpistole an den Schultern neben ihren Panzern und lenken die Menschenströme. Jeder, der zum Platz möchte, muss an ihnen vorbei. Dazu halten die Menschen ihren Ausweis über dem Kopf und passieren so den Checkpoint. Journalisten werden geduldet, allerdings werden die Soldaten ungemütlich, wenn man sie filmt oder fotografieren möchte.

Eine Gruppe vermummter Frauen zieht vorbei. Frauen haben besonders gelitten unter Mubarak, erklärt mir eine Studentin. Auch sie haben offenbar wieder ihre Stimme entdeckt, skandieren lauthals ihre Parolen. Etwas weiter abseits vom Ort des Geschehens, am Zugang der Nilbrücke steht eine bunt-zusammengwürfelte Gruppe mit englisch-sprachigen Schildern: Foreign Citizens of Egypt – Ausländische Bürger Ägyptens. Auch sie sind gekommen, um ihre Solidarität mit den Ägyptern zu zeigen. Patrick, 18, kommt aus New York und studiert seit letztem Sommer Arabisch an der American University in Cairo. „Ich fühle mich sicher“ sagt er, „auch wenn ich natürlich weiß, dass wir Amerikaner hier nicht gerade beliebt sind“. Hass und Ablehnung habe er hier nicht erlebt, sagt er. Nur seine Mutter zu Hause in New York macht sich große. Sorgen, aber das sei ganz normal.

Die Sonne senkt sich über den Dächern der Stadt. Der aufgeheitzten Stimmung tut das keinen Abbruch. An die zwei Millionen Menschen mögen inzwischen auf der Straße sein. So genau weiß das zur Stunde niemand mehr. Ein Muezzin singt. Das hat, trotz des anhaltenden Lärms, etwas beruhigendes. Schon in der vergangenen Nacht haben zigtausend Menschen mitten auf dem Platz sprichwörtlich ihre Zelte aufgeschlagen und gegen die Kälte kleinere Lagerfeuer gemacht. Die Nachtwache dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Gut möglich, dass sie auch heute wieder unter dem Sternenhimmel campieren werden. Ihre Botschaft an den Präsidenten ist klar und unmissverständlich: „Wir werden nicht gehen!“

Bildergalerie

Bilder dürfen unter CC-Lizenz verwendet werden. Quellenangabe wäre nett.

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In dieser Reihe auch erschienen:

Teil 1:  “Unterwegs nach Kairo”

Teil 2:  “Das hier ist jetzt unser Facebook”

Teil 3: “Die letzte Chance”

Teil 4: “Bloggen aus Kairo – Die Bilanz”


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42 Kommentare
  1. maxen schreibt:

    @Zahal Böses mit Bösem, Schlechtes mit Schlechtem, Schlimmes mit Schlimmem vergleichen .. spalten, trennen, differenzieren .. und an Ängsten festhalten .. mach’ Dich doch nicht schlecht! Die Strategie scheint zwar nachhaltig zu sein, zukunftsfähig erscheint sie mir nicht. Das ist wie mit dem Frieden ..

    Erkämpfter Friede ist vielleicht nachhaltig, aber nicht zukunftsfähig, denn er ruft Revange hervor. Erarbeiteter Frieden ist zukunftsfähig, und er ist langfristig, wenn er nachhaltig gestaltet ist ;-)

    ‘Langfristig’ meint eine Perspektive von mehreren Jahrhunderten, wie sie bisher nur Religionen oder kleiner Österreicher mit Bart sie versprachen. Sie disqualifizier(t)en sich durch ihre Überheblichkeiten (besser, schöner, größer, härter, stärker, schneller, zäher) gegenüber Anderen selbst.

    “Die Gewaltspirale, Rache an ‘den alten Machthabern/Unterdrückern’ zu üben, zu durchbrechen, kann zu langfristig-zukunftsfähigen Frieden führen.”
    Diese Größe wünsche ich den Protestierenden in Ägypten und allen Folgenden, auch in den unterschiedlichst ausgeprägten Demokratien.

    Die Perspektivlosigkeit in Folge der weltweiten Vereinheitlichung (Globalisierung) ist umfassend und hat heranwachsende Menschen aller
    Kulturen ergriffen. Sie vereinen sich in der Praxis ihrer alltäglichen Mediennutzung. Kurz und knapp in fast 140 Zeichen:

    #Radikal extremistische #Kapitalisten #terrorisieren #unser aller #Haushalte + #Leben! In allen #Kulturen auf der ganzen #Erde! #global

    @gutjahr DANKe fürs Berichten!
    Alles Gute ist Liebe
    maxen

  2. jojojo schreibt:

    @John Dean:
    ich kann mir schon denken,woher der kommt.
    fängt mit “p” an und hört mit “news” auf…