Einmal Kairo und zurück – die Bilanz2. März 2011

Ende Januar bin ich nach Kairo gereist, um in meinem Blog und via Twitter vom Tahrir-Platz zu berichten. Hunderte von Euch haben mich spontan durch Spenden unterstützt. Hier nun die (überwältigende!) Bilanz.

Zunächst einmal danke für Eure Geduld. Mein Kassensturz hat etwas länger gebraucht weil noch diverse Rechnungen gefehlt hatten, Umrechnungskurse der Kreditkarten-Unternehmen etc., so dass eine seriöse Bilanz nicht möglich war. Erschwerend hinzu kam auch der Monatswechsel von Januar auf Februar, der meinen Reise-Zeitraum betraf. Auch ohne die Summe auf den Cent genau zu kennen (einzelne Honorare für Hörfunk- und TV-Interviews stehen noch aus) kann ich heute feststellen: dank Eurer Hilfe werde ich wohl am Ende nicht mit einem dicken Minus sondern evtl. sogar mit einem kleinen Plus abschließen!

Wie alles begann

Wie im ersten Blogpost geschildert, war ich Ende Januar in Israel und verfolgte gebannt die Situation „nebenan“ in Ägypten. Als das Internet, die Mobilfunknetze und später auch noch Al Jazeera abgeschaltet wurden, hielt ich es zuhause einfach nicht mehr aus. Die zugrundeliegende Idee war ganz simpel: wenn diese Revolution tatsächlich über Facebook, Twitter & Co angezettelt wurde, warum nicht auch auf dem gleichen Wege darüber berichten?

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich die Absicht, klassische Fernsehberichte oder Hörfunkfeatures zu produzieren. Das ist Aufgabe der Korrespondenten, die mit ihren Stringern und der technischen Infrastruktur vor Ort so etwas sehr viel besser leisten können. Mein Plan war es, als Alleinkämpfer dort hin zu gehen, wo große Teams mit ihren Kameras nicht mehr hinkommen bzw. zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Wenn alle Stricke reißen, könnte ich doch wenigstens ein paar Tweets absetzen und damit versuchen, das Informations-Embargo zu unterlaufen.

Kritik

Wie Ihr ja vielleicht mitgekriegt habt, ist der Trip nicht überall auf Gegenliebe gestoßen. Interessant: gerade Kollegen aus den eigenen Reihen standen dieser Reise skeptisch gegenüber.

Das komplette Reisegepäck

Mir wurde Selbstdarstellung vorgeworfen, was ich auch gar nicht völlig von der Hand weisen will: als Blogger, der nichts weiter hat, als eine Webseite, muss man natürlich klappern, um sein Publikum zu finden (oder besser: vom Publikum gefunden zu werden). Kollegen mit einer große Marke im Nacken wie Tagesschau oder Spiegel sind da natürlich im Vorteil (von der finanziellen Ausstattung mal ganz zu schweigen).

Dann gab es natürlich auch Kritiker, die mir Profitstreben vorwarfen. Dazu möchte ich nur soviel sagen: zu keinem Zeitpunkt spielte Geld bei meinen Überlegungen eine Rolle. Wer so denkt, kennt uns Journalisten nicht.

Dass ich am Ende nahezu +/- Null aus der Nummer rauskommen würde, hätte ich noch in Kairo nicht für möglich gehalten. Im Gegenteil: als ich später zuhause mein PayPal-Konto zum ersten mal öffnete, traute ich meinen Augen nicht:

Einnahmen

Meine gesamten Einnahmen setzen sich wie folgt zusammen:

  • 218 Einzelspenden via PayPal
  • 1287 Klicks bzw. Direktspenden via flattr
  • 1 Einzelspende per Dirkektüberweisung

(Stand: 28. Februar)

Hinzu kommen Honorare von klassischen Medien-Anbietern für Telefon-Interviews und Berichte (die Summen sind nach oben gerundet, da vereinzelt Zahlungen noch ausstehen).

Nachtrag: Von der Gesamtspendensumme in Höhe von 3047,50 € hat PayPal 140,42 € Gebühren einbehalten. Auch flattr hat rund 10% der Spenden als Gebühr kassiert. Beides ist also von meinen tatsächlichen Einnahmen noch abzuziehen.

Ich habe heute den ganzen Tag damit verbracht, die Zahlen aufzuschlüsseln und in den folgenden Tabellen darzustellen. Mit diesen Grafiken möchte ich mich bei allen Spendern bedanken, die nicht nur wissen sollen, wofür ich das Geld benutzt habe, sondern auch, wie sich die Spendensumme zusammensetzt:

Gerne hätte ich auch die flattr-Spenden einzeln aufgelistet. Leider weist flattr die Eingänge und Abzüge nicht einzeln aus.

PayPal-Spendeneingänge nach Datum

Meine Reise begann am 30. Januar mit dem Flug nach Kairo. Am Mittwoch, 2. Februar entschloss ich mich abzureisen. Das hatte nichts mit den geringeren Spendeneingängen zu tun (die kannte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht), sondern war allein meiner eigenen Sicherheit geschuldet (siehe letzter Blogpost / Tweets aus Kairo).

Ausgaben

Meine Ausgaben sind recht überschaubar, da ich außer Wasserflaschen und ein paar Snacks kaum Kosten hatte. Was Telefon- und Roaminggebühren betrifft: natürlich hatte ich zunächst versucht, mit Prepaid-SIM-Karten zu arbeiten. Diese ließen aber keinen Datentransfer zu und waren damit für meine Zwecke unbrauchbar.

Nachtrag: Mein Mobilfunkbetreiber war so freundlich, mir einen Teil der Kosten im Nachhinein zu erlassen. Die Dankbarkeit hierfür hält sich in Grenzen, da das Unternehmen, trotz dieser Geste, noch immer genug an mir verdient hat.

Fazit

Ich möchte betonen, dass ich in Bloggern keinen Ersatz für professionelle Berichterstatter sehe (wobei das Eine das Andere ja nicht ausschließen muss). Wovor ich jedoch warnen möchte, ist, solche Trips als Hobby-Blogger zu unternehmen („Liebe Kinder – das jetzt bitte nicht zuhause nachmachen!“) Zwar bin auch ich weiß Gott kein Kriegsreporter, allerdings habe ich für die ARD div. Trainings für Krisen- und Kriegsberichterstatter bei der Bundeswehr durchlaufen, die sich übrigens auch in Kairo als sehr nützlich erwiesen haben.

“Die Mär von der Kostenlos-Kultur im Internet ist eine faule Ausrede, um sich selbst nicht verändern zu müssen”

Was das Finanzielle betrifft, hat mich die Reise in meiner These bestärkt, dass wir Journalisten in Zukunft über neue Finanzierungsmöglichkeiten nachdenken müssen. Auch wenn ich natürlich weiß, dass sich nicht jede Story durch Spenden refinanzieren lassen wird, hat mir diese Reise doch gezeigt, dass die Mär von der angeblichen Kostenlos-Kultur im Internet nichts weiter ist, als eine faule Ausrede, um sich selbst nicht verändern zu müssen.

An alle Spenderinnen und Spender…

…Herzlichen Dank! Vor allem für das von Euch entgegengebrachte Vertrauen. Meinen besonderen Dank auch an alle Blogger-Kollegen und -Kolleginnen, die mich nicht nur durch Geld, sondern auch durch ihre Spendenaufrufe in Blogs, bei Facebook und Twitter unterstützt haben – allen voran: Udo Vetter (law-blog), Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache), Mario Sixtus (Blinkenlichten), Daniel Fiene (Was Mit Medien),. Jürgen Kuri (c’t-Magazin & heise online),. Ulrike Langer (Medial digital), Sascha Pallenberg (netbooknews), . Jürgen Vielmeier (basic thinking),. Martin Weigert (netzwertig) und auch an. Sascha Lobo – Du weißt wofür ;-)


Flattr this

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind mit * markiert.

48 Kommentare
  1. Volker schreibt:

    Erstmal Danke für die Transparenz – und natürlich für die Aktion insgesamt! Da schließe ich mich dem Lob und Respekt der anderen Kommentatoren an.
    Zu denken gibt mir aber der Kommentar von Mela: Tatsächlich kann man mit dieser Kalkulation den eigenen Lebensunterhalt nicht finanzieren, geschweige denn den irgendeine Art von Rücklage bilden. Familie/Kinder gehen schon mal gar nicht.
    Dass Journalisten in Zukunft Einzelunternehmer mit einer möglichst tollen Geschäftsidee werden sollen, wird uns ja täglich gepredigt. Aber nicht jede / jeder kann (sich) das leisten. Oder hab ich da was falsch verstanden?

    • Richard schreibt:

      Bitte nicht falsch verstehen – unser Modell kann höchstens einen TEIL der Einnahmen reinholen, die man zum Leben braucht. Werbung und auch Abos werden auch in Zukunft wichtig sein und bleiben. Wir verstehen LaterPay als wichtigen Zwischenschritt, um den Menschen das Bezahlen für digitale Inhalte, auch für Journalismus, zu erleichtern. Was in 5 oder in 10 Jahren ist, wagt keiner vorherzusagen!

  2. Markus schreibt:

    So wie die Rechnung aussieht, könnte man aus der Revolutions-Berichterstattung sogar fast ein tragfähiges Geschäft aufbauen ;-)

    Darf man eigentlich erfahren, welchen Netzbetreiber Sie haben? Ich kann mir kaum vorstellen, dass die gute alte Telekom die Romaing-Gebühren erlässt …

    • Richard Gutjahr schreibt:

      @Markus Korrekt, war mein israelischer Mobilfunkanbieter – mein Telekom-Handy war für Tethering nicht freigeschaltet!