Bertelsmann: “Kindergärten angetestet”26. Februar 2013

Nach dem Blogpost zum Thema Datensammeln an Schulen haben sich Dutzende Betroffene, aber auch Mitarbeiter von Bertelsmann bei mir gemeldet. Sogar das von inmediaONE beauftragte Logistik-Unternehmen, das 10 Jahre zuständig war für die Beschaffung der Kinder-Adressen, gewährte mir ein paar neue Einblicke…

bertelsmann-update

“Wir haben gerade einen Anruf des Magazins ‘Eltern’ erhalten” schreibt Daniel in seinem Blog. “Der nette Herr am Telefon hat uns zur Geburt unserer Tochter Lene gratuliert und möchte uns ein Abo verkaufen.” Solche und ähnliche Erlebnisse erreichen mich Dutzende seit vorgestern, via Facebook, über Twitter, und per Mail.

Völlig Ahnungslos

In den meisten Fällen sind die Betroffenen völlig ahnungslos und können sich nicht erklären, woher Bertelsmann die Telefonnummer bzw. die Post-Adresse hat. Mehr noch: “Woher kennen die den Namen meiner Tochter?”

Die von Bertelsmann beauftragte WKV Direktvertriebs GmbH, die bis Ende 2012 für die Beschaffung der Kinder-Adressen zuständig war, weiß es genau. Allein in den vergangenen 4 Jahren habe man um die 4 Millionen Gutschein-Karten (siehe letzter Blogpost) gedruckt und verschickt, heißt es bei der Firma.

Kindergärten “angetestet”

Das Sammeln der Daten erfolge in Wellen, berichtet ein Mitarbeiter. Ein- bis zweimal im Jahr käme ein neuer Auftrag von der inmediaONE, dann heißt es, man brauche wieder 300.000 bis 400.000 Adressen.

32.000 Schulen in ganz Deutschland sowie in Österreich werden mit jeder Sammelaktion angeschrieben. Die Akzeptanz sei hoch, heißt es. Nur eine von 5 Bildungseinrichtungen lehne das Angebot für Gratisbücher ab.

In mindestens 2 Erhebungswellen habe man dabei auch Kindergärten “angetestet”. Das habe aber nicht sonderlich gut funktioniert. Bei den Schulen sei die Rücklaufquote mit 50-60 Prozent aller ausgegebenen Gutscheinkarten deutlich höher. Die Postkarten mit den Angaben zu den Schülerinnen und Schülern werden maschinell ausgelesen; jede Adresse mit einem Image-Scan hinterlegt, um den Eingang der Karte zu belegen.

Karte-Trick

“Wir wollen keine Familien abzocken”

Rund 30 Personen seien an einer solchen Sammelaktion 2-3 Monate beteiligt. Die daraus gewonnenen Adressen und Telefonnummern werden über ein spezielles Datenformat an die inmediaONE übergeben. “Was dann mit diesen Daten geschieht, entzieht sich unserer Kenntnis”, heißt es bei der WKV.

SchlagworteWeshalb die Logistikfirma den langjährigen Vertrag mit der inmediaONE gekündigt habe? Antwort: Man wolle in die “Machenschaften” der Bertelsmann-Tochter nicht hineingezogen werden. Auf die Nachfrage, was denn genau mit “Machenschaften” gemeint sei, bringt es der Mitarbeiter ziemlich deutlich auf den Punkt: “Wir wollen keine Familien abzocken.”

 

Alles unter einem Dach

Anstelle der WKV kümmert sich seit Anfang 2013 die Bertelsmann-Tochter AZ direct um das Sammeln der Kinder-Daten. Auf ihrer Web-Seite wirbt AZ direct u.a. damit, über Daten von über 40 Millionen Haushalten zu verfügen mit “mehr als 250 kombinierbaren Merkmalen, zum Beispiel zu Soziodemografie, Psychografie, Konsumeigenschaften und Lebensphasen”. Mit den Daten aus den Kindergärten und Schulen ist hierfür sicher ein guter Grundstein gelegt.

Bei der aktuell laufenden Datensammel-Aktion an Schulen in Deutschland/Österreich mit Produkten der Marke “Brockhaus” handelt es sich laut Angaben von Bertelsmann wieder um eine “niedrige siebenstellige Auflage”.

brockhaus-facebook

Damit die Kinder im Internet auch ein bisschen Medienkompetenz lernen, habe ich mir erlaubt, das Schaubild “Wie kommen Adressenhändler an Kinder-Daten” (JPG-Datei / Creative Commons) auf die Facebook-Seite des Kinder-Brockhaus  / inmediaONE zu stellen.

Wem die Bildung von Kindern am Herzen liegt, der kann da eigentlich nichts dagegen haben, oder?

Richard Gutjahr gefällt das

Weitere Blogposts zum Thema:

 

“Selbst erlebt auf Elternabend: Lehrer machen Druck, alle Eltern sollen diese Zettel ausfüllen, damit man einen Klassensatz an Duden hat.”

Claudia

 

“Wir mussten das ausfüllen, dass alle Schüler auf dem gleichen Stand sind…. krass…”

Gianna

 

“Meine Tochter (7. Klasse Gymnasium) hatte den Gutschein letzte Woche auch dabei. Der kam dann umgehend in den Papiermüll – nach einigen Diskussionen.”

Sebastian

“Meine Tochter schleppt auch immer mal was an. Das war schon so im Kindergarten. Jetzt in der Schule gibt es dann schon den Gruppenzwang. ‘Aber die anderen dürfen das auch’.”

Susanne

 

“Auch an den Schulen unserer Kinder werden die ‘Gutscheine’ verteilt. Glücklicherweise gab es schon zur Zeit der ersten Verteilaktion ausreichend Rückmeldungen im Internet …”

Michael

 

“Ich bin im weiteren Umfeld von Bertelsmann tätig und weiß, dass ziemlicher Aufwand betrieben wird, um Adressen rechtskonform einzuwerben.”

Anonym

 

“Die Verwendung des Begriffes “Bertelsmann” im Gespräch ist den Drückern übrigens in der Regel streng verboten.”

Steffen

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind mit * markiert.

39 Kommentare
  1. lahja schreibt:

    Ehrlich gesagt, verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Kein Mensch wird mit vorgehaltener Waffe zu irgendeinem Kauf gezwungen, keiner muß Besuch empfangen, den er nicht will. Ablehnen kann ich eine Sache nur, wenn ich sie kennengelernt habe. Wenn mir ein einigermassen symphatischer Mensch etwas Neues zeigen will, vorausgesetzt, ich bin daran interessiert (Wissen, Bildung, Schule sollten ja für jeden intelligenten Menschen interessant sein), dann schaue ich mir das an u. entscheide, ob ich das für so nützlich erachte, dass ich es haben will oder eben nicht. Ist mir das zu teuer oder kann ich es mir nicht leisten, na dann lasse ich es eben. Freier Wille! Was ist daran schwierig? Und die Adresse? Wer bei Facebook ist, Bestellungen im Netz aufgibt, hat sich doch schon durchsichtig gemacht. Es stehen immer noch mehr als die Hälfte der Menschen im Telefonbuch!

    • Richard schreibt:

      Der Vergleich hinkt: Facebook hat bei mir noch nie angerufen oder an der Tür geklingelt. Facebook wirbt auch nicht an Schulen. Und schon gar nicht in Kindergärten. Ich sage nicht, dass FB nicht auch problematisch ist (suchen Sie mal nach “Facebook” in meinem Archiv). Die Logik: Facebook ist auch schlecht macht die Geschäftsmethoden von Bertelsmann doch nicht besser.

      • lahja schreibt:

        Ist ein gutes Argument. Allerdings ist es auch so, dass ohne Werbung heute nichts mehr geht. Manche gute Sachen erfährt oder bekommt man nur, wenn man die Werbung liest. Ich nutze doch auch dann nur das, was für mich sinnvoll ist. Vorurteilsfrei sich mal was Neues anhören, schadet nicht. Und was in der Presse so manches Mal betrieben wird, grenzt schon an Rufmord, vorgestern Mercedes, gestern Bosch, heute Bertelsmann, nur Journalismus nicht! Nervige Werbeanrufe bekomme ich auch, interessiert es mich nicht, sage ich freundlich: “Nein, danke”. Hin und wieder ist aber ein interessantes Angebot dabei. Das heisst dann immer noch nicht, dass es auch angenommen wird. Und meine Anschrift? Tja, ich stehe auch im Tel.buch… Ehrlich gesagt, mich stört es nicht, dass jemand weiss, wo ich wohne.

  2. Insider schreibt:

    Den Kommentar der WKV Direktvertriebsservice GmbH finde ich hoch interessant. Letztendlich wurde das Unternehmen ausschließlich für diese Tätigkeit gegründet und in der Aufbauphase auch finanziell unterstützt. Dies war die einzige Geschäftstätigkeit der WKV seit über 10 Jahren. Und war sehr stolz darauf. Interessant auch dabei, dass der Geschäftsführer vorher selbst Handelsvertreter bei Brockhaus/Bertelsmann war und seine Idee der Adressgewinnung an Schulen mit der WKV professionell umsetzen konnte. Das man dort nicht wusste, was mit den Adressen geschieht ist der blanke Hohn. Die WKV selbst hat in den Anfangsjahren die Termine für die Bertelsmann Handelsvertreter tel. vereinbart. Parallel dazu hat die WKV nach vereinbarten Zeitfenstern die Eltern wiederrum angerufen und tel. Nachverkäufe der sog. Schülerhilfen getätigt. Das die Zusammenarbeit mit Bertelsmann beendet ist, hat nichts mit Gewissensgründen zu tun, sondern damit, dass Bertelsmann aufgrund der Probleme mit ihren Direktvertrieben nicht mehr die Mengen an Adressen braucht. Wenn das nicht Heuchlerich ist.

    • Richard schreibt:

      Würden Sie mir eine Mail schicken – vertraulich – wie ich Sie erreichen kann? Vielen Dank, RG