Qualitätslobbyismus

Vor knapp 4 Jahren hat die Operation „Leistungsschutzrecht“ begonnen. In 2 Wochen soll das umstrittene Gesetz in erster Lesung vor den Deutschen Bundestag kommen. Verleger und Internet-Konzerne fahren schwere Geschütze auf. 

Crowdsourcing-Aktion: Helft mit bei der Suche nach verdächtigen Berichten (siehe ganz unten)

Qualitätsjournalismus?

Wer wissen will, wie es um den Journalismus in Deutschland bestellt ist, der sollte dieser Tage die Berichterstattung in der Presse genau verfolgen. Was dort seit Wochen an einseitiger Stimmungsmache gegen Google verbreitet wird, hat mit Zufall nichts zu tun, mit Qualitätsjournalismus schon gar nicht. In gut 2 Wochen soll im Deutschen Bundestag zum ersten Mal über das Leistungsschutzrecht diskutiert werden. Die Spin-Doktoren auf beiden Seiten haben lange auf diesen Moment hingearbeitet.

Wenn es um die eigenen Interessen geht, belassen es die Medienhäuser nicht bei der hehren Berichterstattung. Verlage und Sender selbst agieren als Player in diesem Milliarden-Spiel. Ob Datenschutzrecht oder die Einführung des Leistungsschutzrechtes; es geht um Standortpolitik, um knallharte Geschäftsinteressen, von journalistischer Neutralität und Ausgewogenheit bei den deutschen Qualitätsmedien keine Spur.

Wenn der SPIEGEL in seinem aktuellen Aufmacher schreibt: „Wie neutral ist das Unternehmen wirklich bei der Vermessung der Netzwelt?“ muss die Frage erlaubt sein:

Wie neutral ist die deutsche Verlagswelt, wenn es um ihre eigenen Interessen geht?

Natürlich besitzen Springer, Burda oder FAZ getrennt, jeder für sich, nicht einmal annähernd soviel Macht wie Google. Doch was, wenn sich die Häuser organiseren? Der Druck, den die Verlage gemeinsam mit ihren Beteiligungen an TV- und Radiosendern ein Jahr vor den großen Landtags- und Bundestagswahlen auf Abgeordnete und Parteien ausüben können – dagegen sind die Möglichkeiten der Internetkonzerne im fernen Amerika doch eher begrenzt. Zur Erinnerung: Google produziert keine Inhalte.

„Der Konzern verheißt Transparenz, die er in eigener Sache kaum bietet“ schreibt der SPIEGEL über Google. Blicken wir mal auf die Transparenz der Print-Industrie in eigener Sache:

Im Jahr 2009 begann die Axel-Springer-AG damit, die Kampagne für das Leistungsschutzrecht zu organisieren. Dazu beschäftigte sie u.a. Prof. Dr. Jan Hegemann , der im Auftrag von Springer ein geheimes Memorandum verfasste, das an namhafte Bundestagsabgeordnete verschickt wurde. Die FAZ veröffentlichte daraufhin einen Essay, in dem sich Hegemann für die Notwendigkeit eines Leistungsschutzrechtes aussprach. Wie es der Zufall will, gab Hegemann der Springer-Zeitung WELT ein entsprechendes Interview.

Eine Große Koalition von Politik und Medien

In keinem dieser Qualitätsblätter wurde auf die Verbindung des Professors mit dem Springer-Konzern hingewiesen. Stattdessen erklärt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) 4 Wochen später per Pressemitteilung, sein oberstes Gremium, die Delegiertenversammlung, fordere ein Leistungsschutzrecht für die Presse (Lese-Empfehlung: Mehr Details zur Operation Leistungsschutzrecht erfahrt Ihr auch hier bei Stefan Niggemeier).

Gesagt – getan: Im Herbst 2009 beeilte sich die schwarz-gelbe Koalition, das Leistungsschutzrecht in ihrem Koalitionsvertrag festzuschreiben. Heute, im letzten Jahr der Legislaturperiode, drängt der BDZV auf eine Umsetzung dieses Versprechens. Über die Folgen für einzelne Politiker oder gar ganze Parteien für den Fall, dass die Koalitionspartner nicht Wort halten, ließe sich spekulieren.

lobbying-google

Man darf nichts beschönigen. Auch Google, Facebook & Co beschäftigen ganze Heerscharen an PR-Strategen und Lobbyisten, die meist aus Abgeordneten und Beratern ehemaliger Regierungen bestehen. Doch anders als in den USA, wo es gesetzlich geregelte Lobbyregister gibt, werden Verflechtungen zwischen Politik und Medien bei uns nicht bekannt. Angaben über Lobbyausgaben, wie sie in den USA üblich sind (siehe Grafik) sind aber dringend notwendig, um Lobbystreitigkeiten, wie die über das Leistungsschutzrecht zwischen Google und den deutschen Verlagen besser beurteilen zu können. Ähnlich wie beim Streit um die Offenlegung von Nebeneinkünften gibt es für ein gesetzlich vorgeschriebenes Lobby-Register keine Mehrheit (siehe Zitat Felix Kamella).

Während sich die Öffentlichkeit in den USA und teilweise auch in Brüssel ausführlich über die Lobbyarbeit einzelner Unternehmen und PR-Agenturen informieren kann, bleiben diese Informationen in Deutschland verborgen. Angaben über Lobby-Ausgaben nach Themenfeld, Budgets pro Kunde und Namen der Lobbyisten sind jedoch notwendig um Verflechtungen oder Interessenkonflikte besser zu erkennen. Nur mit diesen Angaben können Gesetzgebungsprozesse gesellschaftliche kontrolliert werden. Entsprechende gesetzliche Regelungen wurden jedoch von der Bundespolitik bisher blockiert.  

Felix Kamella, LobbyControl e.V.

Wer mein Blog kennt, weiß, dass auch ich immer wieder Probleme mit der mangelnden Transparenz großer Internet-Konzerne wie Google, Facebook und Apple habe. Die Fragen, die von SPIEGEL & Co gestellt werden, sind berechtigt. Jedoch – nach unzähligen Cover-Storys über amerikanische Internet-Konzerne – meine Frage an die deutschen Verlage (die ja selbst nie müde werden, sich als Garanten für Qualitätsjournalismus darzustellen):

Wann gibt es zur Abwechslung mal eine Titelstory über die „undurchsichtigen Methoden“ der deutschen Verlage?

Disclaimer: Ich selbst beziehe Honorare für Moderationen und Kurse von privater und öffentlich-rechtlicher Seite. Eine Auflistung meiner z.T. bezahlten Engagements, u.a. auch bei Google und Springer, gibt es hier.

Crowdsourcing-Aktion: Wenn Ihr über Artikel oder Berichte stolpert, die verdächtig einseitig zugunsten des Leistungsschutzrechts ausfallen – bitte postet unten im Kommentarfeld den entsprechenden Link inkl. einer kurzen Beschreibung der betreffenden Stellen. Vielen Dank!

flattr this!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

40 Gedanken zu “Qualitätslobbyismus

Zitiert von
  1. Fahrplan zum Leistungsschutzrecht: Bundesregierung läuft die Zeit davon

  2. Qualitätslobbyismus | Streifzüge

  3. Volker König » Blog Archiv » Sterbehilfe in der Zeitungskrise

  4. Online-Petition gegen das geplante “Leistungsschutzrecht” – 4 | A BLOG FOR NONCONFORMISTS

  1. Ich fand alle drei Google Titelstories gelungen – denn natürlich muss der Spiegel gegenüber einem Konzern mit derart viel Macht eine kritisch-distanzierte Haltung einnehmen. Was Du in diesem Artikel aufmachst, ist in meinen Augen eine Verschwörungstheorie, für die ich bislang wenig Argumente sehe.

    • Ich fand den Spiegel-Artikel über Google wieder journalistisch kümmerlich. Ein Beispiel: der Exkurs über die Deutsche Bahn und Google Maps. In epischer Breite wird beweint, dass die Verbindungen um Cottbus herum nicht optimal ausgewiesen sind. Ja, und? Wo kommt es her? Wo war der Auftraggeber (Bund und Länder), der die Regionalzüge bezuschusst? Wo war die Berliner BVG, die ihr Bus- und U-Bahnangebot nicht eingebracht hat? Sollen wir jetzt dem Spiegel glauben, dass Google evil ist? Eion Blick nach England: da ist in Google Maps das Routing für Autos, öffentlichen Personenverkehr, Fußgänger und Radfahrer integriert. Bei der Route von Exeter nach Cambridge mit dem Zug bekommt man natürlich alle Carrier sowie die U-Bahnverbindungen durch London ausgewiesen. Der Spiegel nimmt Schnarchnäsigkeit deutscher Behörden und macht eine Verschwörungstheorie über Google draus. Genau wegen solcher Underperformance beim Spiegel habe ich das Abo nach über 30 Jahren gekündigt. Und um mich zu halten (Costumer Retention), haben sie mir einen Pornoroman geschickt. Qualitätsjournalismus aus der Gosse.

  2. In der FAZ (2012-10-20) ist mir der Artikel “Frankreichs Google-Krieg — Die Masken sind jetzt gefallen” (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/frankreichs-google-krieg-die-masken-sind-jetzt-gefallen-11931537.html) unangenehm aufgefallen.

    Besonders der Satz “Doch Google ist kein Gratistaxi – sondern ein Schwarz- und Trittbrettfahrer.” liess mich aus dem Leseprogramm auf die Papierversion zurückgreifen, da ich im ersten Moment einen verirrten Link oder eine vertauschte Textstelle vermutete. Aber die Print-Ausgabe ist inhaltsgleich, nur das hier dieser Satz nicht als eigener Absatz hervorgehoben ist.

    • Habe damals nur die Schlagzeile gelesen. Danke für die Erinnerung. Der nächste Verlags-Shitstorm gegen Apple kommt bestimmt. Jetzt ist erstmal Google dran. ;-)

  3. Also ich würde die “Qualitätsmedien” nicht vermissen, mehr als die Propaganda einflussreicher Personen (aus Politik und Wirtschaft) können die eh nicht verbreiten.

    Themen wie Elektrosmog werden mit weissen Handschuhen angefasst, um es sich nicht mit den Werbepartnern aus dem Mobilfunkbereich zu versauen. Auch wird nichts hinterfragt, immer nur die offizielle Theorie nachgeplappert (9/11)…

    Dennoch ist dieses Leistungsschutzrecht eine Riesen-Sauerei, weil es besonders hart kleine Blogger betrifft.

    • Frage mich, weshalb die Verlage von Apple ständig verlangen, alle Nutzerdaten zu bekommen, wenn man über iPhone/iPad ihre Apps/ePapers abonniert. Skandal!!!

  4. Die FAZ tut sich in der Kampagne besonders hervor. Interessant bei einer Zeitung, die ansonsten staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft verdammt. Wenn es aber um die eigenen Pfründe geht, ist sie sich nicht zu schade, in der eigenen Zeitung gegen den Gegner zu schießen und Staatseingriffe zu fordern. Besonders traurig, dass Nils Minkmar, der für das Feuilleton zuständig ist, den Platz für die Propaganda freiräumt. Hier nur einige Beispiele aus der letzten Zeit:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/muenchner-medientage-elefanten-im-schafspelz-11937013.html

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/internetsuche-als-oeffentliche-aufgabe-wir-muessen-google-konkurrenz-machen-11874702.html

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/leistungsschutzrecht-guter-tag-fuer-die-freiheit-11872495.html

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/frankreichs-google-krieg-die-masken-sind-jetzt-gefallen-11931537.html

  5. Die Fotostrecke des Spiegel von vor kurzem ist extrem frech, nachdem sie insbesondere zeigt, wieviel Traffic die Verlage bereits über SEO abgreifen. Als ob es nichts mehr auf den Top-Platzierungen gäbe, wenn sie rausfliegen würden:
    http://www.spiegel.de/fotostrecke/leere-seiten-google-ohne-verlage-fotostrecke-88782.html
    Ich tendiere zur These, dass die resultierenden SERPs deutlich diversifizierter und insbesondere in der Summe ausgewogener wären, wenn man statt Weissraum echte Ergebnisse reingepackt hätte.

  6. Apple erhöht die Preise für Verlagsprodukte im App-Store und dem Spiegel scheint das nicht zu gefallen:

    http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/a-863720.html

    Im Blogbeitrag wird nicht nur über Apple gewettert, sondern auch über Google. Im Titel werden Apple und die anderen “Netzriesen” als Monopolistes bezeichnet. Zur Errinerung:

    Ein Monopol nennt man eine Marktsituation, in der für ein ökonomisches Gut nur ein Anbieter vorhanden ist. (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Monopol)

    Und jetzt überlegen wir nochmal, ob Apple der einzige Anbieter für Smartphones ist, Google die einzige Suchmaschine, Amazon der einzige Online-Shop und Facebook das einzige soziale Netzwerk. Spiegel-Leser wissen mehr.

  7. Es stellt sich die Frage, wie und ob Journalismus noch frei ist. Vor diesem Hintergrund ist es doch eindeutig, dass gegen Unabhängige Meinungen opponiert wird. Denn wie sollen sich sonst “gemachte Meinungen” gegenüber der freien Berichterstattung im Ganzen behaupten. Big Brother lässt grüssen und unternimmt alles um solche Gesetzte zur eigenen Meinungsbildung und damit einer Konstruierten Wirklichkeit, durchzusetzen.

  8. Wer eine Zusammenfassung aller Schwachsinns-Argumente für ein Leistungsschutzrecht sucht…

    http://www.presseschauder.de

    Der gute Christoph Keese ist ja allseits für das Thema bekannt, sollte aber der Vollständigkeit halber hier mit aufgezählt werden. Vor allem, weil es auf der Seite schon längst nicht mehr (wie im Titel behauptet) um Medienpolitik geht, sondern weil sich die Seite mehr und mehr offen zu einer Leistungsschutzrecht-Lobbyseite entwickelt. Man lese nur die Überschriften der letzten Artikel…

  9. Spannende Sammlung hier. Vor zwei Tagen hat die Welt einen Abgesang auf das Internet geschrieben:

    http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article110318650/Der-geplatzte-Traum.html

    Handlung: Regellosigkeit und Anarchie. Darunter auch ganz beiläufig:

    …Das jüngste Erpressungsmanöver von Google gegen französische Zeitungsverlage und die Ignoranz von Facebook gegenüber dem Datenschutzrecht der EU sind nur zwei Beispiele von vielen….

    Mir stossen vor allem immer diese unterschwelligen, nicht so einfach zu enttarnenden Beispiele auf. Ach, irgendwie ist das alles ganz schön doof ;)

  10. Und hier dann der nächste Tiefschlag der FAZ diesmal von FRANK SCHIRRMACHER persönlich, erschienen in der gestrigen FASZ. Diesmal wird zwar nicht das Leistungsschutzrecht direkt benannt, aber insgesamt heftig ausgeteilt, gegen Google, das fehlende Geschäftsmodell Internet und auch gegen den Verräter in den eigenen Reihen (Wolfgang Blau, noch Chefredakteur Zeit Online).

    Zukunft des Journalismus – Das heilige Versprechen
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/zukunft-des-journalismus-das-heilige-versprechen-11970610.html