Machen statt meckern – Was Molekularbiologie mit der täglichen Parkplatzsuche zu tun hat und was wir Deutsche von der israelischen Startup-Szene lernen können.

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Wenn ich in Israel mit dem Auto unterwegs bin, habe ich stets das Gefühl, durch die Bay Area von San Francisco zu reisen: Microsoft, Hewlett-Packard, Cisco, Intel – fast alle großen Player des Silicon Valleys unterhalten hier ihre Forschungszentren. Ausgerechnet hier, in einem Land, das Viele nur aus den Nachrichten kennen. Meist sind das keine guten Nachrichten. Wer kommt nur auf die Idee, ausgerechnet in dieser Krisenregion seine Zelte aufzuschlagen?

An den guten Manieren der Einwohner jedenfalls kann es nicht liegen. Israelis sind bekannt für ihre forsche, direkte Art und ihren mangelnden Respekt vor Autorität. „Sie sind also der CEO von Intel, na und? Mein Onkel Moshe könnte das machen! Ihre Prozessoren verbrauchen trotzdem zu viel Energie.“ Soviel Chuzpe muss man sich leisten können; und in der Tat, Israels Tech-Bilanz kann sich sehen lassen: Der schmale Landstreifen am Mittelmeer, etwa ein Drittel so groß wie Bayern, verfügt weltweit über die größte Patentdichte pro Einwohner.

Parko ist im Januar gestartet und hat heute rund 75.000 Nutzer

Nach den USA ist Israel das Land mit den meisten Firmen im NASDAQ. Nirgendwo außerhalb des Silicon Valleys gibt es mehr Startups und mehr Venture Capital als hier. Doch das ist alles nur Statistik. Wer wissen will, wie sehr Israelis ihre Technik leben, der sollte mal in eines der beliebten Straßencafés gehen und sich dort mit den Menschen unterhalten.

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Moran Barda, 35, ist einer der drei Gründer von Parko. Die Smartphone-App ist in der Lage, Parkplätze zu vermitteln – und das noch bevor diese frei werden. Alles was dazu nötig sei, stecke bereits in unseren Smartphones, so Moran. „Unser Algorithmus erfasst alle 9 Sensoren in Deinem Gerät, egal ob Android- oder Apple-Telefon. Aus Deinen Bewegungen können wir berechnen, was Du gerade tust – ob Du fährst, zufuß gehst, ob Du einparkst oder einen Parkplatz suchst, weil Du schon zweimal um denselben Block gekreist bist.“

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Sobald die App feststellt, dass jemand zufuß unterwegs ist und sich zielstrebig seinem Auto nähert, berechnet Parko die Wahrscheinlichkeit, dass der Parkplatz auch tatsächlich frei wird. Die App schlägt dann bei allen Suchenden im Umkreis von 500 Metern Alarm und zeigt dem Suchenden zusätzliche Informationen an, z.B. um welchen Fahrzeug-Typ es sich handelt, um sicherzustellen, dass die freiwerdende Parklücke groß genug sein wird.

„Und der Datenschutz?“, will ich von Moran Barda wissen. „Eure App meldet doch 24 Stunden am Tag, was mach gerade macht. Haben die Israelis da keine Bedenken?“ Das sei nur solange ein Problem, bis man in die Situation kommt, dass man mal wirklich schnell einen Parkplatz braucht, so Moran. „Wenn die Leute merken, dass unsere App tatsächlich funktioniert und sie dadurch immer den perfekten Parkplatz finden, legen sie bald ihre Bedenken ab.“ Zusätzlich gibt es immer wieder mal einen Coupon, für einen Kaffee in der Nähe, wo man geparkt hat oder für eine Autowäsche. „So etwas bieten andere Apps, die ungefragt Deine Daten auslesen, nicht.“

Smartphones und Soziale Netzwerke gibt es überall auf der Welt, doch nirgendwo scheinen die Menschen so selbstverständlich damit umzugehen, wie hier in Israel. Ob Kindle oder iPad, wenige Wochen nach dem US-Verkaufsstart prägen die aktuellen Tech-Toys das Straßenbild von Tel Aviv. „Sie sind unser Anschluss an die Welt“, erklärt Saul Singer, einer der Autoren des internationalen Bestsellers „Startup Nation“. „Wir sind eingekreist von Staaten, die uns nicht gerade wohl gesonnen sind. Der Flughafen und das Internet, das ist unsere Verbindung nach draußen.“

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Die ehemalige Bankangestellte Inbal zeigt mir ihre App „Pink Park“

An die 700.000 Autos drängeln sich Tag für Tag durch die Straßen der Küstenstadt Tel Aviv, Parkplätze sind Mangelware. Auch Tomer Blustein hat dieses Problem erkannt. Der gelernte Molekularbiologe hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sich der Straßenverkehr besser leiten ließe. Die Grundüberlegung hinter seinem Startup lautet wie folgt: Wenn Proteine in unseren Zellen stets genau wissen, wohin sie müssen, wie lässt sich dieses Phänomen auf den Straßenverkehr in einer Großstadt übertragen? Das Ergebnis seiner Forschungen ist Pink Park, eine App, die Privatparkplätze von Hauseigentümern an Parkplatzsuchende vermittelt.

pink-logoTechnologie als Schlüssel zur Welt; kein Wunder, dass das Web im gelobten Land allgegenwärtig ist. In Israel kommen auf zehntausend Einwohner 2300 frei zugängliche WLAN-Netze. Für ultra-orthodoxe Juden gibt es ein koscheres, in mehrere „Härtegrade“ abgestuftes Internet, autorisiert von den führenden Rabbis des Landes.

Soweit die Infrastruktur. Doch woher nur dieses Know How? Laut OECD haben 45 Prozent der Israelis einen Hochschulabschluss, das ist absolute Weltspitze. Israels Universitäten genießen einen exzellenten Ruf: Da wäre die Hebrew University in Jerusalem, das renommierte Weizmann-Institut in Rehovot, und natürlich das legendäre Technion von Haifa, vor knapp 100 Jahren gegründet von einem Deutschen. Viele der Professoren unterrichteten anfangs noch in deutscher Sprache, der Sprache der Wissenschaft.

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„Pink Park“-Platz in Tel Aviv: Solange der Hausbesitzer seinen Stellplatz nicht benötigt, kann dieser per Knopfdruck gemietet werden

Und dann wäre da noch das Militär. Während ihres Wehrdienstes werden die jungen Israelis darauf getrimmt, jenseits der Norm zu denken. Selbst aus ausweglosen Situationen noch einen Vorteil zu machen, damit hat das Land seine Feinde schon mehr als nur einmal böse überrascht. „Auf dem Schlachtfeld oder im Unternehmen – Probleme sind für uns keine Herausforderung, sondern eine Mission“, so Avi Hasson, Chief Scientist im Wirtschaftsministerium.

Er muss es wissen, denn auch er hat in der berühmt-berüchtigten 8200 Elite-Einheit des Mossad gedient, einer Spezialeinheit für heikle Aufgaben. Sie knacken Codes, hacken sich in feindliche Netzwerke. Ihre Waffen: der Computer, das Internet, vor allem aber ihr angsteinflößend hoher IQ. Es gibt Menschen, die behaupten, Stuxnet sei hier geboren worden. Bekannte von mir, die in der 8200-Unit gedient haben, wollen das nicht kommentieren (siehe auch Blogpost: Mossad-Experte über PRISM).

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* Amazon-Partner-Link

Saul Singer, Co-Autor von „Startup-Nation“, hat einen Traum. „Israel soll das Silicon Valley der Welt werden, ein globales Testlabor für neue Technologien.“ Denn wenn man hier etwas besser verstanden hat als sonst wo in der Welt, dann doch dieses: HaChaim hem beta – Life is a beta.

Parko, Viber, Fring oder Pink Park – es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein großer Player bei den Israelis anklopft, um die Technik in das eigene Unternehmen zu integrieren. Vor einem Jahr ist auf diese Art und Weise Waze von Google für 1 Milliarde US-Dollar übernommen worden. In meinem israelischen Bekanntenkreis wächst die Zahl der Startup-Millionäre von Jahr zu Jahr. Mit-Dreißigjährige, die ihren gelernten Job bei der Bank oder in einer Unternehmensberatung gekündigt haben, um „ihr Ding“ zu machen, bis irgendwann einmal einer anbeißt.

Auch Moran Barda von Parko hatte einen sicheren Arbeitsplatz in der Verpackungsindustrie-Firma seiner Eltern, bis er eines Tages genug hatte und mit zwei Freunden sein Startup gründete. „Es ist toll, wenn man an etwas arbeiten kann, woran man glaubt. Man schmeckt das Leben“, schwärmt er „Solltest Du auch mal probieren!“.

Teile dieses Textes stammen aus einer früheren Kolumne von mir bei WIRED.

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4 Kommentare
  1. […] Richard Gutjahrs Blog habe ich einen wirklich sehr interessanten Artikel über die Startup-Kultur in Israel gefunden. Den solltet ihr euch unbedingt mal anschauen – absolute Leseempfehlung […]

  2. Philipp Gensel schreibt:

    Echte Innovationen sind es, die ein StartUp erfolgreich machen. In Israel als auch im Silicon Valley hat man erkannt, wie man Potential schöpft (und leider auch abschöpft). Ich finde es gut, dass sich Israel(dort sagt man wohl doch besser Palästina) neu definiert hat bzw. einen Weg gefunden hat, um diese Belagerungsstimmung aufzuheben. Gut vorstellbar, dass daraus ein Zentrum für Fortschritt wird. Genau so, wie sich Dubai als ein Zentrum für Big Business und Tourismus definiert hat.

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