Zeitung ja, nur anders4. April 2013

Wie muss das Konzept „Zeitung“ weiterentwickelt werden, damit gedruckter Journalismus auch in Zukunft seinen Platz findet? Zeitungsleser, -Verweigerer & Macher haben sich im Kommentarteil des G! Blogs ihre Gedanken gemacht. Eine Zusammenfassung.

big-newscardsReaktionen der Blogleser

Vergangene Woche haben Sascha Lobo, Frank Schirrmacher, Amir Kassaei, Ulrike Langer, Mario Sixtus und Thomas Knüwer in diesem Blog geschildert, wie sie sich die Zukunft der Zeitung vorstellen. Ich bin sehr dankbar, dass sich diese klugen Köpfe Zeit für diese Frage und mein Blog genommen haben.

Fast noch dankbarer bin ich allen Bloglesern, die spontan in die Diskussion mit eingestiegen sind. Dutzende von Euch haben im Kommentarteil ihr persönliches Medien-Nutzungsverhalten beschrieben, dargelegt, weshalb sie Zeitung lesen – oder eben auch nicht mehr.

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Würden Sie hier etwas kaufen wollen?

Lob, Kritik & Ideen

Vom 18jährigen Digital Native Benedict bis hin zum Tageszeitungsredakteur Wolfgang erfahren wir, woran es liegt, dass die gedruckte Zeitung immer weiter an Relevanz verliert. Es hagelt Kritik, es gibt aber auch viel Zuspruch. Und nicht selten machen die Kommentar-Schreiber sogar richtig gute Vorschläge, was die Verlage tun müssen, damit die Zeitung auch in Zukunft noch einen Platz im persönlichen Medienmix behält.

Ich bin so einer – fast 50, gelernter Printer! Täglich bemüht, den allseits geforderten Wandel weg von der Print- hin zur Internetdenke hin zu vollziehen, glaube ich, den Zug abfahren zu fühlen. Mir wird angst und bange, wenn ich von Apps und E-Papers der Konkurrenten lese und erdulden muss, dass ich selber sowas nicht habe und nicht bedienen kann.
 Ich fürchte, von einer sich auftürmenden WWW-Woge weggespült zu werden, täglich in der Sorge, als Printdino dem Burnout näher zu sein als dem Surfbrett, das mich auf die richtige Seite der Welle bringt.

Dibo, 28. März

Diskussionen wie diese sind für mich der beste Beweis dafür, dass wir Journalisten noch aktiver Gebrauch von der Kommentarfunktion machen sollten. Dass es sich lohnt, von unseren (Elfenbein-) Sendetürmen und (Geld-) Drucker-Pressen herabzusteigen, um mit und von unserem Publikum zu lernen – bevor es irgendwann vielleicht zu spät ist.

Ich gehöre selbst zu der vom Aussterben bedrohten Art des Tageszeitungsredakteurs und stelle mir die o. g. Fragen seit Jahren. Das Schlimmste: Seit einiger Zeit ist es morgendliches Ritual geworden, das Weltgeschehen mal eben per Smartphone auf Spiegel Online durchzuklicken. Und es passiert genau der hier vielfach beschriebene Effekt: Man pickt sich die Rosinen heraus und liest nur den Beitrag in voller Länge, der wirklich interessiert. Ich säge also infizierterweise selbst an dem Ast, auf dem ich sitze – und kann mich, wie denn auch, der Aktualität nicht entziehen.

Wolfgang, 29. März

Natürlich weiß ich, dass die Menschen, die sich in einem Blog äußern, nicht repräsentativ für den Bevölkerungsdurchschnitt sind. Aber: Sind das nicht genau die Personen, die man bereits ans Web verloren hat, und die einem wertvolle Hinweise geben können, bevor auch der letzte Zeitungsleser sein Abo gekündigt hat?

Ich bin 25. Als SPON das erste mal veröffentlichte, war ich 6. Als ich mich für die Welt zu interessieren begann, so mit 15/16, waren Internet und Onlinemedien schon nichts ungewöhnliches mehr. Ich musste mich also nie daran gewöhnen, die News von heute erst morgen zu bekommen. Und ich habe es auch nie. (…) Wenn ich mir aktuell eine Zeitung kaufe, dann nur mal eine Wochenzeitung, falls mich das Titelthema besonders interessiert. Meine Informationen bekomme ich via Feedly, Flipboard, diversen Apps (ZDFheute, NZZ, NYT, Spiegel usw.) und über das Heute Journal. Bei Feedly bündeln sich die Meldungen von etwa 30 „Zeitungen“.

Dumaine, 30. März

Das Wichtigste in Kürze

Für alle diejenigen von Euch, die keine Zeit oder Lust haben, sich durch die bisher rund 80 Kommentare im Original zu kämpfen, hier eine Bündelung der wesentlichen Leser-Wünsche und Anregungen:

iTunes BILD

Warum ich keine Zeitung mehr lese:

  • Allerweltsnachrichten werden über den ganzen Tag verteilt via Twitter, Facebook, Tagesschau und Spiegel Online abgerufen
  • Die Tageszeitung wird als „alt“ und voller Nachrichten von gestern empfunden
  • Die Qualität überzeugt nicht – banaler Agentur-Copy-&-Paste-Journalismus
  • Zunehmende Vermischung von Meldung und Meinung
  • Besserwisser-Attitüde vieler Schreiber bei nicht vorhandenem Fachwissen
  • Das Kozept einer (Zwangs-) Bündelung von Ressorts, die nicht interessieren, ist überholt (Vergleich: Musikindustrie / Einzelverkauf von Songs bei iTunes)
  • Smartphone, Tablets und Reader sind handlicher

 

iTunes SZWarum ich Zeitung lese:

  • Informationen aus der Region, die es nirgendwo sonst gibt
  • Die Zeitung als „Wundertüte“, die auch Themen bereithält, die man nicht aktiv sucht
  • Ein „endliches“, abgeschlossenes Produkt, das nicht wie das Web in alle Richtungen ausfranst
  • Geschichten, die über die Tagesaktualität hinausgehen
  • Zur Entspannung, zum Eintauchen, zum Genuss

 

iTunes WELTWas die Zeitung der Zukunft bieten muss:

  • Mehr Tiefe und Analyse, statt Copy-&-Paste-Agenturjournalismus
  • Mehr Mut, gegen den Mainstream eigene Themen zu setzen
  • Mehr Lokales – aber kritischer, weniger Hofberichterstattung
  • Digitale Ausgaben von Montag bis Freitag, gedruckte Wochenendausgaben zum Schmökern
  • Die Möglichkeit, sich „seine“ Zeitung im Netz selbst zusammenstellen zu können – am besten gleich verlagsübergreifend
  • Ein einfach zu bedienendes Micro-Pay-System für hochwertige, gut recherchierte Artikel

Fazit

Generell wünschen sich die Leser hochwertige Inhalte, die man dann gerne auch gesondert bezahlen möchte. Voraussetzung hierfür wäre ein einfaches und verlagsübergreifendes Abrechnungssystem. Micropayment erfüllt 2 Zwecke: Zum einen die Möglichkeit, sich “seine” Zeitung aus unterschiedlichen Quellen selbst zusammenstellen zu können (Rosinenpicken, vgl. Musikindustrie und iTunes). Zum anderen wollen Leser durch gezieltes Bezahlen auch bewusst Qualität “belohnen” (vgl. flattr).

Für mich wären Online-Angebote interessant, bei denen ich mit einem individuell festlegbaren Filter meine Zeitung auf dem Bildschirm zusammenstellen könnte. Artikel möchte ich nur noch in ganz seltenen Fällen gedruckt in der Hand halten.

Jürgen M. Beith, 28. März

Was die Leser nicht mehr lesen wollen ist Copy-&-Paste-Journalismus, Hofberichterstattung und schlechte Recherche.

Was müsste also passieren, damit ich wieder die Zeitung kaufen würde?
 1. Sie sollte modular beziehbar und aktuell sein. 2. Die Zeitung muss mir wirklich einen Mehrwert gegenüber dem liefern was kostenlos im Netz verfügbar ist. 3. Die journalistische Qualität muss wieder stimmen. 4. Selbstverständlich sollte die Zeitung auch problemlos über verschiedene Geräte jeweils optimal angepasst lesbar sein.

Benjamin Wagener, am 28. März

Auch die Notwendigkeit einer tagtäglichen Ausgabe in gedruckter Form wird in Frage gestellt. Alternativ wird eine digitale Tageszeitung von Montag bis Freitag vorgeschlagen, in Kombination zu einer gedruckten Wochenendausgabe mit Analysen und längeren Hintergrundstücken zum Schmökern.

Klar ist: die Printausgaben müssen sich umstrukturieren, mehr aufs Eigene setzen, als auf die Agenturweltnachrichten – ohne aber eben ganz darauf verzichten zu können (weil: siehe oben). Und im Netz müssen Formate gefunden werden, die, und davon bin ich nun fest überzeugt, darauf hinauslaufen, dass sich die jeweiligen User ihre eigene Nachrichtenwelt zusammenbauen. Das wäre dann auch eine Zeitung. Eine moderne eben.

Barfau, 29. März

Der 18jährige (!) Benedict Schultheiß beschreibt in seinem Kommentar das gesamte Zeitungsdilemma sehr ausführlich und überaus anschaulich. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die was mit Medien machen.

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14 Kommentare
  1. Tim schreibt:

    Dass Zeitungsangebote früher oder später nur noch online abrufbar sind, ist meiner Meinung nach nicht zu ändern. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sich gerade im Online Bereich viele neue Chancen ergeben.
    Stichwort Personalisierung: Als User möchte man auch im Netz, dass persönliche Bedürfnisse gestillt werden. Internettechnologien können schon heute leisten, dass man User unterscheiden kann, welche Typen das sind, Mann, Frau, Alter, Bildungsgrad, Interessen usw. Es ist z.B. möglich, User zu kategorisieren und jeder Kategorie eine bestimmte Variante der Zeitung zu zeigen. Ich persönlich interessiere mich für Sport, Wirtschaft und Marketing. Ich würde ein Zeitungsangebot toll finden, welches mir bevorzugt Nachrichten zu diesem Thema liefert. Aber nicht nur thematisch kann man unterscheiden, sondern auch stilistisch. Ich bin jung, ich verstehe vielleicht noch kein Fachchinesisch, also möchte ich Texte lesen, die meinem Leseniveau entsprechen. So kann man z.B. zwei Texte zu der selben Nachricht verfassen und diese dann unterschiedlich ausliefern, je nachdem, welche Merkmale der User besitzt.
    Man sollte etwas kreativ sein, Spiegel und Co. leben von ihrer Bekanntheit. Man kann sich meiner Meinung jedoch von denen abheben.

  2. Eric Schreyer schreibt:

    Gute Gedanken von Jeff Jarvis. Er zeigt, dass Medienschaffende mehr in Beziehungen und weniger in Inhalten denken müssen, wenn sie überleben und Geld verdienen wollen. Sehr lesenswertes Interview, auf das in meinem Kommentar verlinkt wird:

    http://parabanking.blogspot.de/2013/04/journalisten-als-unternehmer.html

    Eine schöne Ergänzung zu Deiner wertvollen Ideensammlung für eine Zeitung der Zukunft.