Stolz, ein Blogger zu sein

Lange habe ich mich zurück gehalten. Es geht nicht mehr. Warum mich die Debatte um das Leistungsschutzrecht wahnsinnig macht und weshalb ich in Tagen wie diesen stolz bin, Blogger zu sein.

Man kann zu den Geschäfts (modellen) -praktiken mancher US-Konzerne stehen wie man will. Der Umgang der deutschen Qualitätsmedien in der Causa Google beschämt mich. Gekaufte Experten, das Ausblenden unliebsamer Stimmen und Studien, die gezielte Desinformation des Publikums.

Nicht nur die eigenen Leser werden verraten; verraten wird das, was man sich selbst vollmundig auf die Fahnen schreibt: den sogenannten „Qualitätsjournalismus“.

Und wozu? Um noch ein paar Jahre länger an veralteten Geschäftsmodellen festhalten zu können?

Es ist schon viel über dieses Thema geschrieben worden. Was ich mich langsam frage: Wer hat noch nicht geschrieben – und warum nicht?

Wo bleibt der Aufschrei aus den eigenen Reihen unserer Zunft? Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht? Wo sind die Stiftungen, die unzähligen Medien-Organisationen, die Vorsitzenden der Journalistenverbände?

Schlimm genug, dass die eigene journalistische Integrität auf dem Altar der Druckmaschinen geopfert wird. Was mich am meisten befremdet: Egal, welchem Lager man angehört, durch diesen Kampagnenjournalismus wird der gesamte Berufsstand in Misskredit gezogen.

Journalismus. War das nicht genau das, was uns von Google unterscheidet?

In Tagen wie diesen bin ich stolz, ein Blogger* zu sein.

 

* Disclaimer: Ich verdiene mein Geld als freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, schreibe für Tageszeitungen, gebe Workshops und halte Vorträge bei Verlagen und Web-Unternehmen. 

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28 Gedanken zu “Stolz, ein Blogger zu sein

Zitiert von
  1. plus-me.at GOOGLE | Stolz ein Blogger zu sein!

  2. Journalismus? « Stefan Niggemeier

  3. Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht? — neunetz.com

  4. leistungsschutzrecht die xte. « cuberia

  5. #LSR: Tote Presse und sterbende, aber stolze Blogs? « TmoWizard's Castle

  6. Transparenz gegen Korruption im Gesundheitswesen | weezerle

  7. LSR-Debatte – Ist Google schon recht so | me-blog

  8. Wir rufen zur Teilnahme an der “Abmahnwache” gegen das Leistungsschutzrecht auf || Piratenpartei Potsdam

  1. Der Streit hat hysterische Dimensionen erreicht. Alle schreien, keiner hört zu.
    Am wenigsten der Debatte selbst. jeder konnte am späten Donnerstag Abend dabeisein. Dank der neuen Medien, dank Livestream.
    Jetzt liegt es in der Hand des Ausschusses “Neue Medien”, in den z.B. NICHT Ansgar Heveling, wohl aber Thea Rößner und Petra Sitte. Ich denke wir sollten einfach mal abwarten.
    PS.: Ich bin auch stolz, Blogger zu sein – auch ohne journalistische Vorbildung. Wir sind viele….

    • Toller Text von Stefan Plöchinger. Wie so oft. Dennoch muss sich auch die Süddeutsche die Frage gefallen lassen, weshalb man kritische Stimmen zum LSR in der eigenen Berichterstattung weitestgehend ausblendet. Dazu passt ein Zitat von Jakob Augstein: “Natürlich sagen Mathias Döpfner, Frank Schirrmacher oder Hubert Burda ihren Redakteuren nicht, was sie schreiben sollen. Das wissen die schon von allein.” Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-im-zweifel-links-das-internet-gehoert-uns-allen-a-769999.html

      • Das mit der fehlenden Berichterstattung in der SZ ist selbstverständlich übel. Aber es stimmt positiv, dass Plöchinger sich wenigstens in seinem Blog äussert, und nicht wegduckt wie die meisten bei grossen Zeitungen angestellten Journalisten dieser Tage…

      • Sowohl der Text von Herrn Plöchinger, als auch der in dem Text verlinkte Artikel ( http://pip.net/monopoly ) von Herrn Klöckner sind sehr lesenswert. Die ganzen Artikel beweisen einfach wie unglaublich komplex das Thema ist. Ich versuche erst die letzten Wochen da einigermaßen durchzusteigen und bin noch weit davon entfernt behaupten zu können, ich verstünde alle Aspekte. Das die Aktion von Goolge allerdings scheinheilig ist, daran ist für mich kein Zweifel. Allerdings haben sie damit viele für die Diskussion sensibilisiert. Alles in allem ein sehr spannendes Thema.

        • Die Google-Kampagne ist zum Kotzen. Nur: Googles Geschäftsmodell ist ja nicht unabhängiger Journalismus. Wer aber davon lebt, fair und ausgewogen zu berichten – genau das aber nicht mehr tut, der hat ein noch viel größeres Problem als ohnehin schon.

          • Die Verlage und Redaktionen haben einen Ruf zu verlieren. Google nicht. Das ist der Unterschied und der Grund dafür, warum Google unverfrorener auftreten kann. Der folgende Vergleich hinkt auf vielen Ebenen, auf der entscheidenden aber nicht. Das ganze erinnert mich an den Kampf demokratischer Staaten gegen den Terrorismus. Während die Staaten blindlings den Terroristen jagen, schaffen sie nebenher ihre eigenen Grundwerte ab und untergraben damit ihr eigenes Fundament. Die Verlage sind die Staaten, Google der Terrorist. Das Fundament, auf dem die Redaktionen stehen, ist das Vertrauen ihrer Leser. Wenn die Leser der Zeitung erstmal enttäuscht den Rücken kehren, weil sie erkennen, dass der vormals zuverlässig objektive Informant doch nur seine eigenen Interessen verfolgt – und das auch noch unter dem Deckmäntelchen des Qualitätsjournalismus – dann erweist sich der mögliche Erfolg im Kampf um das Leistungsschutzrecht schnell als Pyrrhussieg.

          • Gewagter Vergleich, aber ich glaube ich kann Dir folgen. Dazu ein Spruch, ich denke, es war Benjamin Franklin: “Wer immer mehr Freiheit zu. Gunsten der Sicherheit opfert, wird am Ende beides verlieren“

        • Sie zweifeln hoffentlich auch nicht daran, dass die Aktion der Verlage noch viel scheinheiliger ist. Denn gerade die agitieren seit Jahren gegen Google und tun so, als ginge es ihnen nicht um die Kohle sondern um Demokratie. DAS ist scheinheilig (allerdings auch sehr leicht durchschaubar).

  2. Lieber Richard,

    wann stellen wir dann die Folgefragen, z.Bsp. wie frei und kritisch Journalismus noch sein kann, wenn die Bezahlung und der Jobdruck so aussehen, wie sie es jetzt tun?

    Gruß
    Daniel Lücking
    Bloggender Journalist

    • Gute Frage. Der oben gelistete Blogpost von Stefan Plöchinger zielt genau in diese Richtung. Ich denke wir greifen zu kurz, auf eine einfache Lösung (iPad, LSR etc.) zu hoffen. Vielmehr glaube ich, müssen wir uns in einer Phase, in der das alte System nicht mehr und das neue System noch nicht funktioniert, breiter aufstellen. Ich für meinen Teil habe begonnen, meine Standbeine zu verlagern: ich schreibe (Print), sende (TV), blogge (Web) und unterrichte (RL – RealLife). Was davon mich in 5 Jahren über Wasser halten wird? Nun, ich habe eine Ahnung – aber sicher sein kann man sich da leider nicht.

  3. “Wo bleibt der Aufschrei aus den eigenen Reihen unserer Zunft? Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht?”

    1. Sie haben Angst um ihren Job: “Vielleicht kann uns das LSR noch ein paar Jahre die feste Anstellung retten. Was danach kommt, interessiert mich nicht, denn dann bin ich Rentner.”

    2. Sie haben Angst um ihren Job: “Mein Verleger könnte es als Angriff auf den Verlag werten. Das kommt nicht gut an. Ich wäre der Erste, er gefeuert würde, müssten Arbeitsplätze abgebaut werden. Wer bedient dann den Kredit für mein Häuschen, und wer bezahlt dann den Skiurlaub in Kaprun und meinen Scotch?”

    3. Sie sind nicht bereit, die Hintergründe des Geschehens um das LSR zu erfassen, so wie sie auch sonst selten bereit sind, Hintergrund für ihre Texte zu erfassen und den Lesern anzubieten, denn das kostet Lebenszeit. Wer über Jahre/Jahrzehnte hinweg Oberflächlichkeit gewohnt ist, wird sie für das LSR nicht ablegen.

    4. Wenn Journalisten vor lauter Arroganz nicht bereit sind, im Journalistenalltag Fehler einzugestehen, warum sollten sie ausgerechnet in Sachen LSR selbstkritisch sein? Das wäre geradezu lächerlich.

    5. Wer es gewohnt ist, Agenturmaterial zu verwursten, wer daran gewöhnt ist, keine Gegenmeinung einzuholen und deshalb jedes Gewäsch nachplappert und als eigene journalistische Leistung verkaufen lässt, wer es mit gekürzten Pressemitteilungen ebenso tut, ist so sehr an Lobbyismus und Bequemlichkeit gewöhnt, dass er gar nicht erkennen kann/will, dass es bei der Kampagne für das LSR, die seit drei Jahren geführt wird, um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht. Nein, er wird das sogar völlig richtig und nützlich für sich selbst finden.

    Ich habe vor zehn Jahren, nach zehn Jahren Festanstellung und drei Jahren freier Tätigkeit, die journalistische Tätigkeit endgültig beendet, ohne Angst vor der Zukunft zu haben, war dann ein paar Jahre arm und bin nun Pflegehelfer.

    Ich beobachte aber das, was sich als kritisch-hochwertiger Qualitätsjournalismus ausgibt und blogge meine Beobachtungen. Darauf bin ich nicht stolz, aber ich tue es (gegenwärtig habe ich dazu keine Zeit); ich dokumentiere den Niedergang einer Regionalzeitung, damit später einige Interessierte sagen können: “Aha, so war das also.”

  4. Danke Richard für diesen Artikel, der letztendlich dafür gesorgt hat, dass ich meine Bundestagsabgeordneten angeschrieben habe.

    Bisher ging die Debatte ziemlich an mir vorbei. Doch schon nach wenigen Minuten des Einlesens offenbart sich die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Da haben sich die Verleger ja was feines ausgedacht…

  5. Hallo,
    total off topic, geht um das Alec Ross Interview. Würde auch da kommentieren, schaffe es aber nicht zu dem Blog Post zu kommen, da ja nur das Video auf der Startseite ist. Gibt es überhaupt eine eigene Seite zu dem Interview?
    Keine gute Lösung übrigens, vermutlich dem Design der Seite geschuldet, aber Funktion nach dem Design ist keine so gute Sache. Dazu fällt mir doch gleich “What would Steve do?” ein! Aber das Design sieht ja sowieso eher nach Windows 8 Live Tiles aus. ;-)

    Was ich als wichtigstes Fragen wollte, gibt es das Video auch ohne die Synchronisation? Habe es bis jetzt noch nicht angesehen, da es total schwer für mich ist zu folgen. Oder gibt es ein Transcript?
    Danke und Grüße

  6. Hm… ich verstehe die Zeitschriftenverlage schon ganz gut, aber denke, dass sie nur verlieren können… ob die Zeitschrift an sich jetzt wirklich veraltet ist, wage ich zu bezweifeln, bzw. es gibt keinen echten Ersatz dafür wenn sie ab sofort nicht mehr vorhanden wäre… ein Blog kann zwar informieren, aber wer da warum wie schreibt ist bei sowas sehr schwer herauszufiltern und man müsste 100erte Blogs zum gleichen Thema lesen um sich einen halbwegs objektiven Blick bewahren zu können…

    Mein Problem bei der Sache: Ich hab noch anderes zu tun als Blogs zu lesen. Deshalb sucht man sich ein Produkte (z.B Spiegel, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, etc.) der journalistisch ganz sinnvoll ist und liest diesen… um eben nicht 1000 Sachen lesen zu müssen. Sicher, polarisierend ist das schon, aber ich erlaube mir zu sagen, dass sie im allgemeinen einen objektiveren Artikel verfassen werden als Blogger XYZ. (nicht dass ich Blogger verteufeln möchte, aber es liegt in der Natur der Sache, dass Blogs häufig weniger objektiv sind…)

    Egal wie sich die Verlage allerdings verhalten, sie verlieren dabei… wehren sie sich gegen Google&Co haben sie schlechte Publicity, geringe Erfolgschancen und wenn sie es doch schaffen, verlieren sie jede Menge Leserschaft, weil Ihre Rankings bei Suchmaschinen ins Bodenlose fallen werden… (sie also keiner mehr findet)

    Wehren Sie sich nicht, gibt es Informationen, die sie zusammen tragen mussten oder kaufen mussten für jeden umsonst, was sich kein Verlag auf dauer leisten kann (so reizvoll der Gedanke auch ist, Konsequenz ist nunmal, dass der Verlag pleite geht und morgen eben dann doch niemand mehr höherwertigen Journalismus lesen kann…

    Googles Standpunkt ist aber natürlich auch zu verstehen: Ein Suchmaschinenbetreiber, der keine Infos suchen darf? Na super…

    Ich würde den Verlagen sagen: Blockt per robots.txt oder einfach mit dem detektieren der Bots von Google & Co bestimmte informationen…. z.B: lasst Übersichtsseiten einlesen (z.B. mit Teasern der Artikel um die Keyworddichte aufrechtzuerhalten), die eigentlichen Artikel aber nicht…

    Das halte ich für einen sinnhaften und auch recht fairen Weg das Problem zu lösen…