Data Mining – Obama und der Datenbergbau8. November 2012

Die Operation “Four More Years” ist geglückt. Parteistrategen in Deutschland blicken neidisch nach Washington und fragen sich: Wie hat Obama das wieder hingekriegt? 

In den letzten Tagen hatte ich Gelegenheit, einigen Online-Wahlkämpfern über die Schultern zu schauen. Was ich gesehen habe, hinterließ mich teilweise ratlos. Dass Daten der Rohstoff der Zukunft sind, ist bekannt. Das Ausmaß, mit dem Behörden, Konzerne aber eben auch Parteien heute schon sog. “Datamining” (Datenbergbau) betreiben, verschlägt mir die Sprache. So war es den Obama-Strategen für diese Wahl offenbar gelungen, Informationen aus mehreren, 2008 noch getrennten Datenbanken zu einer Gesamtdatenbank zusammenzuführen.

Die Megadatenbank

So erfährt man beispielsweise aus dem amtlichen Wählerregister, welcher Bürger wann und wie oft bisher gewählt hat. Diese Liste beinhaltet, neben Geburtsdatum und Wohnadresse, auch Telefonnummer sowie in manchen Staaten auch die Parteimitgliedschaft eines Bürgers. Eine zweite Datenbank besteht aus Daten, die ein Wähler selbst von sich preisgegeben hat, beispielsweise wenn er die Partei-Homepage oder die Facebook-Seite eines Kandidaten besucht/liked. E-Mail-Adressen, Kreditkartennummern (sofern Geld gespendet wurde), häufig angesteuerte Webseiten, sowie Informationen über Freunde oder Hobbys lassen sich von den Datenbergarbeitern leicht abtragen. Die eigenen Botschaften werden dann gezielt durch sogenanntes “reverse engineering” in die Timelines der “gekaperten” Freundeskreise platziert.

Eine weitere Quelle für personenbezogene Daten sind Informationen, die von Dritten beigesteuert werden. Obama-Unterstützer konnten sich beispielsweise eine App herunterladen, die Wähleradressen aus der Region bereitstellt. Damit konnten Freiwillige Wahlhelfer gezielt Hausbesuche bei noch unerforschten Haushalten machen und die dadurch neu gewonnenen Informationen aus der Nachbarschaft zurück ans Hauptquartier berichten. Damit nicht genug: Bei diesem Präsidentschaftswahlkampf haben beide Lager auch Verbraucherinformationen von Kreditkartenunternehmen und Adresshändlern hinzugekauft.

Zweck dieser Datensammelwut ist es, ein lückenloses Profil über potentielle Wähler zu erhalten. Dadurch lassen sich sog. Streuverluste minimieren und jedes Zielobjekt vermeintlich individuell ansprechen, -rufen, -schreiben.

Farewell, Datenschutz 

Und der Datenschutz? Alec Ross, Social-Media-Berater von Hillary Clinton, appelliert an uns Deutsche, endlich unsere Datenschutz-Paranoia abzulegen: “Wenn Sie nicht wollen, dass Suchmaschinen Ihre Suchanfragen speichern; benutzen Sie die Suchmaschine nicht! Meiden Sie entsprechende Soziale Netzwerke!” Genauso gut hätte er natürlich auch sagen können: Hören Sie auf zu atmen. – Wenn Ihr mich fragt, Recht hat er. Sauerstoff wird ohnehin überbewertet.

Meine gesammelten Texte zur US-Wahl findet Ihr hier im Blog von tagesschau.de

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8 Kommentare
  1. Norbert schreibt:

    Das für einen einzigen Zweck eine solche Vielzahl von Datenquellen kombiniert wurden, ist sicherlich bisher einmalig. Die technischen Grundlagen dazu sind schon länger vorhanden.
    Relativ neu sind nun Werkzeuge, die es erlauben ohne große Vorarbeiten große Datenmengen durchsuchbar zu machen. Ich kann jetzt schon sehr einfach unterschiedlichste Daten aus verschiedensten Quellen im Hauptspeicher verknüpft ablegen und dort dann schnell durchsuchen und analysieren.
    All diese Techniken stehen vor dem Sprung in den allgemeinen Gebrauch bei vielen Firmen, sie sind keine Domäne von Tech-Konzernen mehr.

  2. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte. Wenn bei den Amerikanern der Datenschutz einstweilen zu kurz kommt, sind wir in Deutschland tatsächlich leicht paranoid bei dem Thema. Das liegt zum Teil an einer verworrenen Gesetzgebung, zum Teil an schwarzen Schafen, die eben Datenmißbrauch betreiben.

    Grundsätzlich spricht nichts gegen Data Mining und datengesteuerte Kampagnen, so lange zwei Kriterien erfüllt sind: a) es wird ausführlich darüber aufgeklärt, was mit den Daten passiert und welche Vorteile sich für den Einzelnen ergeben und b) das Individuum behält die Kontrolle über seine Daten, kann also auch jederzeit Daten einsehen und die Löschung erwirken.

    Beides kommt m.E. in der Praxis zu kurz, was schade ist, weil ein sorgsamer und professioneller Umgang mit Daten für beide Vorteile mit sich bringt. Unternehmen, oder wie hier Parteien / Kandidaten, könnten ihre Botschaften relevanter und zielgerichteter rüber bringen. Und als Adressat einer solchen Kampagne würde man eben individueller angesprochen, statt mit sinnfreien Massen-Mailings bombardiert zu werden.