9 1/2 Thesen zu SmartTV, SocialTV und dem ganzen Rest

Wetten dass… SmartTVs alles andere als smart sind und dass die Zukunft des Fernsehens den dummen First- und den schlauen Second Screens gehört?

1. Das Lagerfeuer ist aus aber brennt woanders weiter

Der Begriff „SocialTV“ bestimmt zur Zeit wieder alle Medienkonferenzen. Als ob wir es mit einem neuen Phänomen zu tun hätten. Fernsehen war schon immer „social“. Was sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie wir gemeinsam fernsehen. Das familiäre Lagerfeuer, das Kulenkampff, Carrell oder Gottschalk einst entfacht hatten, ist erloschen und einem Meer von LCD-Bildschirmen gewichen. Ob auf dem iPad unterwegs oder auf dem Laptop im Kinderzimmer, sämtliche Studien deuten darauf hin: Mit den neuen technischen Möglichkeiten beginnen die (einst passiven) Zuschauer nach und nach damit, sich ihr Wunsch-Programm selbst à la carte zusammenzustellen.

Das Digitale Quartett vom Sonntag-Abend zum Thema SocialTV

2. 80 Millionen potentielle Programmdirektoren

Mediatheken und Set-Top-Boxen machen es möglich, dass wir nicht mehr länger nur durch die Kanäle zappen können, sondern auch durch die Zeit. Lust auf einen Mad-Men-Marathon? Kein Problem; die Festplatte, die Cloud oder YouTube ist unser Freund. „Niemand will sein eigener Programmdirektor sein!“ habe ich meinen früheren Fernsehdirektor noch im Ohr. Daran habe ich schon damals nie geglaubt. Folgt man dieser Logik, wozu dann überhaupt eine Fernbedienung?

Hier geht’s zur Second Screen App von Wetten dass..?

3. Live-Events – gemeinsam einsam

Natürlich gibt es immer Momente, da wollen wir nicht isoliert voneinander auf den Bildschirm starren. Bei großen Live-Events (wie gestern bei der Markus-Lanz-Premiere von Wetten dass..?) treffen wir uns wieder zum kollektiven Rudel-Glotzen. Hier geht es darum, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erfahren, die zusammen lernt, lacht und leidet. Dazu braucht man keine Familie, keine Kneipe an der Ecke oder Fan-Meile. Mit dem Laptop auf dem Sofa ist man mit der ganzen Welt verbunden. Social Viewing statt Public Viewing. Gemeinsam einsam.

4. Kein Second- ohne den First Screen

Das Netz als gigantischer Verstärker, ein Kosmos, dem es aufgrund seiner dezentralen Struktur auch immer wieder gelingt, sich den Gesetzen klassischer Programmplaner und Gatekeeper zu entziehen (“Shitstorm happens”). Und doch ist diese Web-Welt nicht so unabhängig, wie es manche Internet-People gerne hätten. Kein Second Screen ohne den First Screen. Twitter ohne Bild, BamS und Glotze wäre sicher um einiges geistreicher – aber eben auch verdammt öde.

"Die Macht" - die Second Screen App zur "rundshow"

5. SmartTV: Dead On Arrival

Und so müht sich die Fernsehindustrie seit Jahren damit ab, Fernsehen und Internet irgendwie unter eine Haube zu bekommen. Ob auf der IFA in Berlin oder im Institut für Rundfunktechnik in München-Freimann; über die letzten Jahre hinweg habe ich die Entwicklung der Hybrid- und SmartTVs interessiert mitverfolgt. Funktionen und Userinterfaces sind in der Tat umfangreicher und vor allem benutzerfreundlicher geworden. Das ganze dummerweise 5 Jahre zu spät.

6. Smartphones sind smarter und schneller

Das Problem: SmartTVs besitzen keine Funktion, die mein Smartphone nicht mittlerweile genau so gut – in vielen Fällen sogar besser – beherrscht. Natürlich kann ich den Wetterbericht, Tweets oder Börsenkurse als Picture-in-Picture-Darstellung 3 bis 4 Meter weit entfernt auf dem Fernsehbildschirm studieren. Aber im Ernst: Wer macht das? Im Vergleich zu Smart-TV-Anwendungen, unabhängig von Hersteller oder Betriebssystem, komme ich mit meinem Smartphone/Tablet fast überall schneller, komfortabler und punktgenauer ans Ziel, als über den Umweg Fernbedienung/Fernseher. Hinzu kommt: Ich nerve keine Familienmitglieder mit meinen permanenten Einblendungen.

7. HbbTV und SmartTV in der Sackgasse

Vor allem aber krankt das SmartTV-Konzept an einem ganz zentralen Punkt: SmartTV-Geräte sind nicht mobil! Die Schaltzentrale, also das, was die SmartTVs überhaupt erst smart macht, ist fest verbaut in einem riesigen, unhandlichen Bildschirm, der bei mir im Wohnzimmer an die Wand gedübelt ist. Was aber, wenn ich im Zug sitze oder abends im Hotelzimmer Lust auf eine alte Folge Simpsons habe? Dann schaue ich mit meinem SmartTV zuhause an der Wand dumm aus der Wäsche bzw. in die Röhre.

Das eigentliche SmartTV?

8. Dumme First- und smarte Second Screens

Die Lösung kann daher eigentlich nur die folgende sein: dumme Bildschirme statt schlaue Fernseher. Die werden größer, flacher und stylischer sein, am Ende aber dienen sie lediglich als Projektionsflächen für jene Inhalte, die wir uns via Smartphone/Tablet aus der Wolke holen. Damit wäre auch endlich das Problem der gefühlten 17 Fernbedienungen gelöst. Meine Überzeugung: Die Zukunft gehört den dummen, stationären First- und den smarten, mobilen Second Screens.

9. TV-Branche in der Kompetenzfalle

Ob Programmanbieter, Kabelnetzbetreiber oder Gerätehersteller, die TV-Branche steckt in einer Kompetenzfalle. Man kennt und beherrscht sein Geschäft so gut, dass man nicht in der Lage ist, out-of-the-(TV)-box zu denken. Was in solchen Phasen geschieht, ist, dass ausgerechnet die Platzhirsche den Anschluss verpassen. Frühere Branchenprimusse (-Primi? -Primaten?) wie Sony, Nokia oder Kodak können ein Lied davon singen.

9 1/2. Fernsehen muss sich neu erfinden

Wir TV-Macher wären gut beraten, unsere Arroganz des einstigen “Leitmediums” abzulegen und uns jetzt daran zu machen, mit all dem Geld und den Resourcen, über die wir (noch) verfügen, uns neu zu erfinden. „Wozu die Eile?“, höre ich die Verantwortlichen sagen. Noch nie hätten die Menschen so viel ferngesehen wie heute. Die Zahlen geben ihnen recht. Genauso, wie die Zahlen einst den Zeitungsverlegern und den Plattenbossen Ende der Neunziger Jahre recht gegeben haben. Dann kam der Sturm.

Print- und Musik-Industrie Ende der 90er auf dem Höhepunkt

Mein Fernseher daheim

Ausblick

“Fernsehen ist wie YouTube – nur kaputt”, hat ein Digital Native das Problem mal auf den Punkt gebracht. Doch wie lässt es sich reparieren? Angeblich soll Steve Jobs kurz vor seinem Tod eine Lösung gefunden haben (“I finally cracked it“). Wird Apple nach der Musik-, der Mobilfunk- und der Printindustrie auch noch die TV-Branche revolutionieren? Nach meinen letzten Gesprächen mit „gut informierten Quellen“ aus Cupertino bin ich mir da nicht mehr so sicher. Woran ich aber glaube: Die Lösung wird nicht von einem der aktuellen Player aus dem TV-Business kommen, sondern von einem Branchen-Neuling, der mit Fernsehen zuvor wenig oder vielleicht sogar gar nichts zu tun hatte.

Wetten dass..?

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23 Gedanken zu “9 1/2 Thesen zu SmartTV, SocialTV und dem ganzen Rest

Zitiert von
  1. Das Digitale Quartett #6: Wetten, dass... & Social TV

  2. Links oben: Was ist jetzt schon noch TV? - UNIVERSALCODE

  3. Perlen der Woche (weekly) » punktefrau

  4. Besser als gedacht: Fünf Fakten zur Wii U. « Gefahrgut

  5. Social TV Megafail – deshalb greifen wir lieber zum Second Screen « Gefahrgut

  6. Das COMfortel 3500 als Second Screen nutzen, am Beispiel der Kicker App | Auerswald Clever Blog

  7. Schicker, Smarter, Sackgasse – Die Zukunft der TVs

  1. Diese SmartTV-kritik ist eine Kritik an der Fragmentierung und der Verschlossenheit durch die Hersteller, nicht an dem Konzept Inhalte modular auf einem Bildschirm darzustellen. Das schließt eine Second-Screen Nutzung natürlich nicht aus.

    Wenn wir nur eine SmartTV-Plattform hätten die dazu auch offen ist (̶A̶p̶p̶l̶e̶), könnte eine breite Nutzerbasis Expertise entwickeln und die Plattform weiterentwickeln. Da werden dann automatisch Konzepte entstehen, die besser sind, als Alles was sich die Samsungs und Sonys dieser Welt zur Zeit ausdenken und patentieren lassen. “Die Lösung wird nicht von einem der aktuellen Player aus dem TV-Business kommen…” D’accord! Ich brauch aber auch keine zusätzliche Box, wenn der SmartTV sowieso schon genug Rechenleistung mitbringt.

    Aber warum keine zusätzlichen (Text-)Inhalte halb-transparent oder in den Freiräumen die entstehen, wenn die Seitenverhältnisse von produziertem Fernsehbild und Fernseher nicht übereinstimmen, darstellen? Potenziell wünscht der Nutzer sowas, er weiß er vielleicht noch nicht. Insgesamt eine Riesenchance für die Barrierefreiheit!

    Das Gegenkonzept zur Fernbedienung heißt klassisch Tastatur oder eben SecondScreen. Wenn ich unterwegs bin streamt mir der SmartTV sein Bild aufs Tablet. Das geht sogar heute schon :)

    • D’accord. Mit einer Gegenthese: Warum sollte der TV-Screen mir den Inhalt auf das Tablett streamen – und nicht umgekehrt? Was passiert, wenn ich mit dem Gerät das Haus / Netzwerk verlasse?

      • Naja schon in beide Richtungen streamen – je nach dem, wo der gerade interessantere Inhalt ist. Wenn du mit dem Tablet das Haus verlässt, nimmst du alles mit, was eben zu Hause auch verfügbar ist – VPN. Auch ins Ausland etc. und ohne Fremddienst, nur eben über die eigene Bandbreite.

        Szenario: Du guckst nen Film auf Fernsehsender X über Astra 19,2° E, Anruf kommt rein – du musst los. Online-Verwertungsrechte hat der Privatsender X nicht/kein Anbieterstream verfügbar. Erstmal timeshift auf dem TV an, losgehen und dann mit dem Tablet in der Bahn genau an der Stelle weiter gucken, ohne suchen ohne Einstellungen – nur connect, play/resume.

        • Funktioniert sogar noch besser, wenn der Inhalt nicht mehr bei Dir zuhause, sondern auf dem Sender-Server/ beim Provider zwischengespeichert liegt. Zum Abspielen reicht eine schlanke, mobile Steuereinheit; der Fernseher selbst muss lediglich das Signal deines Smartphones/Tablets empfangen. Auf die Art und Weise habe ich vor 2 Wochen “Schlag den Raab” in Israel live geschaut. Web-Videostream (ProSieben) -> iPhone (im WLAN-Netz)-> Flatscreen (Empfang über Apple-AirPlay). Während das Telefon “sendete”, konnte ich parallel damit twittern und im Web surfen. Das Telefon genügt. Alles drin.

  2. Das ist noch einmal ein schöner Fokus auf das Web TV Thema, das gestern in der Diskussion leider etwas zu kurz gekommen ist. Ich teile deine Meinung zur Aussage: „Niemand will sein eigener Programmdirektor sein!“ Das ist gestern schon falsch gewesen und inzwischen absurd geworden. Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 (!) sagt dazu: „Bereits 13 Prozent der Fernsehzuschauer nutzen gelegentlich neben dem Fernsehen den Second Screen des Smartphones, des Tablet oder des Laptops.” http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

    Bei Econsultancy findet man die Zahl 24 Prozent Second Screen-Nutzer für das United Kindom. http://econsultancy.com/de/blog/10570-24-of-people-use-second-screens-while-watching-tv

    Die Kunst wird in Zukunft sein, dieses wachsende Interesse an Zusatzinformationen und Austausch so zu konzipieren, dass eine „schlaue” Second Screen Anwendung entsteht. Second Screen muss die Informationen aus sozialen Netzwerken zusammenführen, kommentieren, Interessantes herausstellen und mit weiterführenden relevanten Informationen anreicheren. Es muss einen „Qualtitätsdialog” entstehen können, der anderswo in dieser Form nicht möglich ist. Das fordert auch eine neue Art redaktioneller Auseinandersetzung. Die Kompetenz dazu muss bei den Fernsehsendern noch optimiert werden, aber der Wille und die Offenheit dazu ist da, was für mich gestern ein sehr positives Signal war.

    Und noch ein Interessanter Link für die ZDF Second Screen Anwendung für „Wetten dass…?”. Der Link unten führt zum tatsächlichen (Second) Screen wie man ihn während der Sendung sieht. Die Abbildung die du oben zeigst, ist nur eine Archivauswahl-Startseite: http://webapp.wettendass.de/sendung/gast/duesseldorf-2012/#backstage

    • Danke Jens für das ausführliche Feedback. Ich freue mich, dass sich in unseren Häusern immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass wir was tun müssen – auch wenn es heute “nur” 13 bzw. 24 Prozent unserer Zuschauer betrifft. Mit der Wetten dass..? App geht Ihr definitiv den richtigen Weg und sammelt wichtige Erfahrungen, für alles was da noch kommt. Ich freue mich für und mit allen Pionieren wie Euch. (Danke für den Link, ich baue ihn oben ins Bild mit ein).

    • Ich muss sanft widersprechen. Die vernetzte Nutzung von TV und Internet ist keine “Nischenveranstaltung” wie die Ergebnisse der ARD/ZDF Online Studie vermuten lassen.

      Anywab hat im Juni eine umfassende Online-Untersuchung zum Thema Second Screen realisiert und zwar in der werberelevanten und medienaktiven Zielgruppe der 14-49 jährigen. Wir kommen auf einen beeindruckenden Wert von 49% gelegentlicher Second Screen Nutzung. Damit eins klar ist, die Studie ist von uns in Eigeninitiative durchgeführt worden. Da stehen keinerlei Interessen dahinter. Wie kommt es aber zu einer solchen Abweichung:

      - ARD/ZDF hat alle Altersgruppen befragt. Das sind 17 Mio. Menschen mehr!
      - Wir haben online befragt, ARD/ZDF hat sich für den Medienbruch entschieden und
      telefonisch befragt. Da geht erfahrungsgemäß etwas flöten.
      - Wir haben die Second Screen Nutzung nach konkreten Nutzungsarten abgefragt und
      die Ergebnisse dann in der Gesamtnutzung zusammengefasst. So haben wir u.a. den
      Bereich Online-Wetten parallel zum Live-Sport Event mit abgefragt oder die Suche
      im Intrnet mit Bezug zur aktuell laufenden Sendung.

      Im Dezember werden wir die zweite Welle veröffentlichen und die Veränderung im Zeitablauf nachzuweisen.

      Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Potentiale der Second Screen Nutzung in drei Bereichen liegen:
      1. Information. Die User nutzen den Second Screen um Infos über Schauspieler, Regisseure, Reiseziele, Produkte zu sammeln. Mit Bezug zum laufenden TV-Programm
      2. Entertainment. Die User haben Spass mit Bezug zur Sendung zu Quizzen, zu Wetten und zu Voten. Sie werden auch Spass daran haben, Politiker live to bewerten oder Schiedsrichterentscheidungen zu kommentieren. Der Second Screen wird der Rückkanal für die Zuschauer und steigert so die Attraktivität des First Screen.
      3. Social Media. Die Fernsehzuschauer nutzen ihre soziales Netzwerk, um das aktuelle Programm zu kommentieren bzw. zu lesen, was das Netzwerk macht.

  3. Hi,

    ich hab mit Fernsehen nicht viel am Hut. Die meisten meiner Kommilitonen auch nicht mehr so richtig (außer Stefan Raab, der geht iwie immer als Gesprächsthema bzw. der Tatort oder mal ne Doku), da es einfach so dermaßen plump und dumm geworden ist, dass man sich nicht mehr nur verarscht vorkommt, sondern sich manchmal auch ins Gesicht geschlagen fühlt. Bestes Beispiel: RTL am Nachmittag oder RTL2 ab 22 Uhr. Ich bin letztens richtig erschrocken, als auf RTL2 eine “Doku” über Dominas lief und dort haben die doch glatt gefilmt, wie ein Mann Nackt mit Maske im Garten sitzt und grast und die Domina am Balkon steht – also iwo muss doch mal der Boden erreicht sein…

    Zu deinen Thesen. Ich glaube weder an Social TV noch an die 80 Millionen Programmdirektoren. Warum?
    Second Screen ist meiner Ansicht nach wieder ein Bla Bla Hype der Medienbranche ohne Ideen; es ist ein Trend und keine neue Weisheit. Ich glaube auch, dass es eher eine Gefahr fürs Fernsehen ist, da ich aus meiner Sicht sagen kann, dass der Second Screen hauptsächlich bei mir da ist, weil der First einfach langweilig ist bzw. man wie beim Radio mal nen Spielfilm oder ähnliches nebenbei laufen haben will.
    Wenn ich dagegen eine Doku sehe, die mir wirklich was bieten kann, dann ist mir der Second Screen egal. Schließlich lenkt mich das ja total ab.
    Zu den Programmdirektoren: Wer hat die Zeit, sich ein Programm zusammenzustellen?! Niemand, der den ganzen Tag arbeitet. Klar, man sucht sich das Programm aus, aber man stellt nichts wirklich aktiv im Sinne eines Programms zusammen. Das machen wir jungen Leute, weil wir die Zeit und Möglichkeiten für uns entdeckt haben, aber es machen nicht die Rentner (größte Bevölkerungsgruppe) und auch sonst nur wenige, die wirklich einen Full-Time-Job haben. Außerdem habe ich nicht den Eindruck, dass der Wille was zu kommentieren und aktiv Meinung zu äußern, eher abnimmt. Was zunimmt ist das Auskotzen und An-die-Wandstellen. Ständig iwo alles kommentieren, beim Fernsehen? No way…

    Ich denke, das Fernsehen muss nicht an neuen Technologien arbeiten – die Leute sind ja noch nicht mal weit genug im Kopf, dass sie mit sozialen Netzwerken umgehen können – das Fernsehen muss an Inhalten arbeiten, denn auch wenn es Konzepte wie die Rundshow gab, wie sieht das Bild von TV in den Köpfen der Leute aus? Richtig, Stefan Raab, Doku-Soaps. Daher kann Social TV meiner Ansicht nach (noch) nicht funktionieren.

    • Es geht mE nicht um die Ordinalzahl des Screens sondern um Inhalte und wo sie am besten rüberkommen. Eine Tagesschau geht auch am Smartphone, auch Talkrunden, kurze Anleitungsvideos. Dokus brauchen mehr Diagonale. Gute Filme dann gerne noch grösser – am Besten sowieso im Kino.

      Wie die Inhalte verbreitet werden ist das andere Thema: sobald ich jeden gewünschten Inhalt auf der von mir als optimal empfundenen Diagonale sehen kann, stehen die Screens gleichberechtigt nebeneinander.

      Bisher muss ich mir das halt noch zusammenklauben bei verschiedenen Anbietern: Programm der Fernsehsender, Mediatheken, youtube, vimeo, etc., online-videotheken (da gehört iTunes u.ä. mE dazu), Datenträger (gekauft oder geliehen). Ich will die Doku aber nicht bei allen Anbietern suchen müssen, sondern einfach spontan anschauen können egal wo, aber nicht egal wie.

      • Ja, seh ich auch so. Aber das würde nicht als neue Medienweisheit sehen, sondern eigentlich is das aus meiner Sicht der technische Standard, wie er sein sollte, also genau so zu arbeiten und auf sämtlichen Wegen Inhalte bereitzustellen.

    • Das, was da mittags – und nicht nur zu dieser Zeit – im Fernsehen läuft, finde ich genauso schrottig wie jeder andere auch. In unserer WG läuft der Fernseher mittags aber trotzdem, angeschaltet wird das kleinste übel – ein anderes Programm gibt es eben nicht.
      In Zukunft wird sich das ändern: Inzwischen sind die Fernseh-Apps (bzw. die die sich z.B. per Blu-Ray-Player nachrüsten lassen) dermaßen gut, dass es in Zukunft wahrscheinlich wird, dass man sich anstatt irgendwelchem Müll mittags um 14 Uhr die Folge TVtotal oder auch mal die Tagesschau vom Vortag anschaut. Mein Blu-Ray-Player kann das, und das funktioniert wunderbar. Ich habe keinen normalen Fernsehempfang, vermisse das aber auch gar nicht, da ich auch so an alle Inhalte komme, die mich interessieren – und das schon heute. Ich nutze das jeden Tag.

      Interessant wird das allerdings erst, sobald Google, Apple oder Facebook da nen Fuß in die Tür bekommen, sagen wir mal 2015.
      Diese Firmen kennen die Nutzerinteressen schon heute recht gut und werden gezieltes Bewerben der Zuschauer ermöglichen. Mit Targeted Marketing in Streams wird sich pro Minute mehr Geld verdienen lassen, wodurch verkürzte Werbepausen und zeitversetztes Fernsehen ganz normal werden. Aber auch das Programm selbst wird besser werden: Big Data wird eine AUTOMATISCHE Personalisierung des TVprogramms ermöglichen, einfach dadurch, dass das als relevanter gesehen werden wird, was auch bei meinen Freunden populär ist. Putpat, eine Musikvideostreaming-App passt schon jetzt sein TV-Programm an meine Vorlieben an – das funktioniert! Dieses Sei-dei-eigener-Programmdirektor-Ding sehe ich vor allem bei Diensten wie Spotify funktionieren, wo Nutzer sich TATSÄCHLICH eigene Playlists anlegen. Spotify sehe ich als Radio-Ersatz, der nebenbei dudelt.

      Da Internetfernsehen für Nutzer bessere Inhalte und für Anbieter bessere Werbemöglichkeiten bieten kann als die bisher etablierten Massenmedien, prophezeihe ich ihm noch den großen Durchbruch.

      Nun aber noch zum Second Screen: Auch er könnte wegfallen, sobald ausgereifte Gesten- und Sprachsteuerung die Eingabe von Befehlen direkt am first Screen komfortabel machen.

      • Kann ich nur unterstreichen. Das Geniale am “eigener-Programmdirektor-sein” ist, dass es wie “Lean-Back” funktionieren wird. Es ist wie passives Fernsehen, nur dass die Inhalte an Deinen Vorlieben angepasst sind (“Kunden, die sich für dieses Produkt interessiert haben, kauften auch jenes Produkt”). Was den Second Screen betrifft: Mag sein, aber wird noch dauern. Habe mir alle Sprach- und Gesten-gesteuerte Geräte auf der IFA angesehen. Das ist alles Schrott (noch). Die nächsten 5 Jahre gehören denke ich den Tablets.

  4. Schön zusammengefasst. Ich muss Dir völlig Recht geben. Fernsehen ohne Second-Screen (iPad) mache ich eigentlich gar nicht mehr. Viele TV-Events machen mit dem Second-Screen einfach doppelt so viel Spaß. Da ist es noch weniger zu verstehen, dass es bei “Wetten dass..?” zwar eine wirklich gute Web-App gab, diese aber während der Sendung gar nicht promoted wurde. Ich habe erst im Laufe der Sendung zufällig bei Twitter davon mitbekommen. Schade.

    Und es ärgert mich auch völlig, warum moderne Fernsehgeräte mit immer mehr Technik vollgestopft werden. Ich wünsche mir eigentlich nur einen Fernsehbildschirm ohne jeglichen Schnickschnack. Also nur mit einer brillanten Darstellung. Für mich ist der Fernseher nichts anderes als ein Bild-Ausgabegerät. Genau wie die Lautsprecher das Ton-Ausgabegerät sind. Dazwischen hängt der AV-Receiver, an dem die ganzen Input-Geräte hängen. Also Sat-Receiver/Recorder, DVD-Player, AppleTV, etc. Schade, dass es dass so einen Fernseh-Bildschirm (noch) nicht gibt.

  5. Mein einziges Problem mit dem Apple TV ist die Umschalterei; HDMI connecting …
    Live-TV als eine App wäre schön.

    Boxee mit DVB-T Dongle soll wohl so funktionieren. Nur ob sich die aktuellen Player freiwillig in die zweite Reihe drängen lassen, ist fraglich.
    Und die TV-Hersteller werden vermutlich damit überfordert sein, einen einheitlichen Standard zum Empfang von Streams (Airplay) zu unterstützen.

  6. Das Chart mit den US-Printwerbeumsätzen ist schon spektakulär, das hätte ich so nicht gedacht. Das richtig dicke Ende steht hierzulande wohl noch bevor.

    Die andere Grafik zu den MI-Umsätzen ist jedoch irreführend weil nicht inflationsbereinigt. Dadurch geht unter, dass es bereits in den 70ern einen Peak bei den Umsätzen gegeben hat. Hintergründe dazu hier:
    http://modcult.org/read/2011/2/18/global-music-industry-turnover-real-dollars

    Zurück zum Thema:
    Ich glaube nicht an eine offene Lösung, denn kein TV-Hersteller hat ein Interesse daran, nur die technische Basis von “Smart-Inhalten” zu liefern. Genau aus dem Grund backt ja auch jeder Smartphone-Hersteller seinen eigenen Android-Aufsatz um sich vom Wettbewerb abzuheben (die Konsequenzen sind bekannt). Ausserdem wird eine ordentliche Rechenleistung bei diesen SmartTV-Aufsätzen mittelfristig nur Topgeräten jenseits der 2000€-Klasse vorbehalten sein. Bei Geräten darunter werden entsprechende Mehrkosten imho von der Masse der Kunden einfach nicht bezahlt (die wollen ein TV keinen PC). Deswegen sind fast alle Hersteller-Lösungen zu dem Thema bislang so erbärmlich (meine Meinung).

    Anders herum haben die Sender (aka Content-Inhaber) kein Interesse daran, auch noch mit jedem TV-Hersteller einzeln ins Bett zu steigen. Die haben schon genug Stress mit den Kabelbetreibern. Das spricht wieder für Geräte übergreifende Plattformen von denen es derzeit bereits zwei ernstzunehmende im Smartphonebereich gibt.

    Anders als Google bzw. das Android-Konsortium hat Apple bereits eine sehr gut funktionierende und gar nicht teure TV-Anbindung für sein Ökosystem die m.E. erstaunlich gut funktioniert – auch ohne iPhone/iPad. Dort fehlen derzeit nur ausreichend Fremdcontent abseits von Videopodcasts (immerhin gibts die Lindenstraße :-) und MLB/Netfix. Ich gehe davon aus, dass Apple die Plattform spätestens nächstes Jahr auf breiter Ebene für Drittanbieter öffnet. Bspw. ist es denkbar, für iPhone/iPad-Apps eine AppleTV-API zu erlauben, mit der auf dem TV mehr ausgegeben werden kann als nur das MP4-Videobild.

    Ich sehe keine Platform, die Apple in dem Bereich so schnell einholen wird, erst recht keine offenen. Die Content-Inhaber werden einen Teufel tun und einfach so die Kontrolle über ihre Inhalte aufgeben. Mir gefällt Apple rigide Politik auch nicht. Noch weniger gefällt mir das zögerliche und halbherzige Vorgehen der Rechteinhaber hierzulande. Aber man muss den Realitäten ins Auge sehen.