Zwei Professoren. Zwei Philosophien. Ein Thema. Hinter der Bühne zum Münchner Futureday 2012 von Censhare sind sich die beiden Bestseller-Autoren zum ersten mal begegnet.

Es geschieht nicht oft, dass ich über einen Vortrag hinweg vergesse, dass ich ja eigentlich der Moderator der Veranstaltung bin, nicht nur Zuschauer. Noch seltener geschieht es, dass ich meine Vorurteile zähneknirschend korrigiere, lieber verliere ich einen guten Freund. Ich halte fest: Manfred Spitzer ist ein wirklich fantastischer Redner, der mich mit seiner Freestyle-Vorlesung über das menschliche Gehirn schnell in seinen Bann gezogen hat.
Erfrischend: Er bleibt sehr sachlich, das reißerische Thema „Demenz durch Internet“ spielt über die gesamten 70 Minuten hinweg so gut wie keine Rolle. Anhand von zahlreichen Experimenten erklärt er, wie unser Gehirn aufgebaut ist, wie neuronale Verbindungen entstehen und wie sich das Gehirn eines Menschen entwickelt. „Wie lernt ein Kleinkind das Laufen?“ fragt er das Publikum, um die Frage gleich selbst zu beantworten: „Von Fall zu Fall.“
Reiseleiter Spitzer führt die rund 400 Zuschauer im Münchner Kesselhaus durch die menschlichen Gehirnwindungen. „Der Mensch kann gar nicht anders, als zu lernen”. Der Wissenschaftler erklärt durchaus plausibel, wieso das so ist und wie die Forschung auf diese oder jene Erkenntnis gekommen ist. Zum Beispiel dass ein Kind, so es mit dem vollständig ausgeprägten Gehirn eines Erwachsenen auf die Welt kommen würde, gar nicht in der Lage sei, sprechen zu lernen. „Unser Gehirn ist wie ein Schuhkarton, in den, je mehr wir hinein füllen, immer mehr reinpasst.“

Dann, ganz zum Schluss, kommt er auf das Thema seines Buches zu sprechen. Demenz sei wie der Abstieg von einem Berg: „Je höher Sie starten, desto länger dauert es, bis Sie unten ankommen“. Wer sein Gehirn nicht in jungen Jahren so vielschichtig wie möglich trainiert, der beginnt seinen Abstieg später von entsprechend weiter unten. Spitzer unterscheidet zwischen sinnlichen Lernerfahrungen (wertvoll) und unsinnlichen Lernerfahrungen über das Internet (gefährlich). Ich habe sein Buch nicht gelesen, aber ab hier klingt Spitzer so, wie man ihn aus den Talkshows kennt. Zornig, wenn man die von ihm postulierte direkte Kausalität („viel Internet -> blöd“) in Frage stellt. Die Studien, mit denen er versucht diese Schlussfolgerung zu untermauern, überzeugen mich nicht.
Digitale Potenz
Wie gut, dass es da noch diesen anderen Professor gibt. Gunter Dueck. Mathemathiker, Philosoph, ein Omnisoph, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Seit seinem Gastspiel auf der re:publica gilt Dueck in Bloggerkreisen als Über-Geek (Man behauptet gar, Sascha Lobo soll noch immer darüber schluchzen, dass Duecks re:publica-Vortrag bei YouTube bislang dreimal so häufig geschaut wurde, wie der von Lobo, Update: was bei näherer Betrachtung so nicht ganz stimmt, wenn man die 52K Views bei vimeo in die Rechnung mit einbezieht). „Jäger, Bauer, E-Man“, so der Titel von Gunter Duecks Keynote beim Futureday – das exakte Gegenteil von dem, was Manfred Spitzer zuvor so eindrücklich erklärte (den gesamten Vortrag als Video gibt es hier).
Das Problem mit Spitzers Thesen, so Dueck, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren könne. Wissenschaftler neigen oft dazu, Schnittmengen zu bilden. Das mag auf dem Papier dann alles ganz schön und richtig sein, im wahren Leben gäbe es diese Schnittmengen-Menschen gar nicht. Auch den Zusammenhang zwischen Verwahrlosung und Online-Sucht sieht Dueck genau umgekehrt. Könnte es nicht sein, dass Menschen, die keine Perspektive haben, verstärkt zu Gewalt, Alkohol-, oder Online-Sucht neigen?

Das Internet sei keine Gefahr sondern eine Bereicherung. „Ich wünschte mir, dass noch viel mehr Menschen ins Internet gehen würden“, so der Mathematiker. Das müssten sie nämlich auch, wenn sie morgen noch einen Job haben wollen. Jedes Zeitalter habe uns Menschen spezielle Fähigkeiten abverlangt. So haben sich unsere Vorfahren vom Jäger zum Bauern entwickelt, um sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Nur: Das, was einst die Jäger und später dann die Bauern erledigt hätten, übernehmen heute (weitestgehend) Computer. In Anspielung auf Spitzers Bestseller warnt Dueck: „Das Internet macht Sie nicht dement, es macht Sie überflüssig!“
Diejenigen, die im Internet eine Bedrohung sehen, hätten einfach nur keine Lust, sich zu verändern. Das Publikum nickt zustimmend. „Recht hat er“, denke ich. Paradox: Genau das dachte ich eine Stunde zuvor auch schon bei Spitzer. Schwindelgefühle, was soll ich nur glauben! Ich versuche den inneren Konflikt zu lösen, indem ich mir einrede: Es könnten ja beide recht haben. Bloß: wer von beiden in welchen Punkten?
Dueck ist jetzt derart in Fahrt, dass er den hinteren Bühnenrand übersieht und mitten im Satz knapp 1 Meter tief vom Podium stürzt. Als der erste Schreck vorüber ist und der Professor unverletzt seinen Vortrag fortsetzt, höre ich in meinem Inneren Manfred Spitzer voller Genutuung glucksen: „Wie, lieber Kollege, lernt ein Kind nochmal das Laufen?“
Backstage
Leider gab es im Anschluss keine Zeit mehr für einen Battle zwischen den beiden Rednern vor Publikum, Spitzer muss nämlich gleich nach seinem Vortrag wieder abreisen (ein Preis, der in Weimar auf ihn wartet). Dafür hatte ich bereits hinter der Bühne Gelegenheit, die beiden Professoren bei ihrem ersten Aufeinandertreffen zu belauschen. Und klar, Ihr kennt mich, habe ich das ganze natürlich für Euch mitgeschnitten:
Deine Meinung – wer hat recht?
Dazu auch: Daily Dueck - Digitale Potenz – ein Überspitzer gegen den Über-Spitzer


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