Facebook: Pest oder Cholera

Facebook lässt seit heute seine 900 Millionen Nutzer über neue Datenschutz-Richtlinien abstimmen …und versteckt die Wahlzettel.

Eher durch Zufall hat die Welt heute erfahren, dass Facebook seine knapp 1 Milliarde Nutzer an die Wahlurne gerufen hat. Seit heute Morgen (1. Juni ergänzt.: Pacific Time) können alle Facebook-User weltweit über eine neue Datenschutzrichtlinie abstimmen. Soweit so gut. Das Problem: Kaum einer weiß etwas über diese Abstimmung. Weder bei der Anmeldung erfährt der Nutzer von dieser Aktion, noch als Abonnent der sog. “Site Governance Page” wurde man in seiner persönlichen Timeline über den Beginn einer Abstimmung informiert. Auch Journalisten, die wie ich bei Facebook Deutschland im E-Mail-Verteiler stehen, bekamen erst auf Nachfrage eine Erklärung zugeschickt.

In dieser Erklärung heißt es dann (Ironie-Modus an:) “Wir ermutigen alle Menschen auf Facebook, sich am Abstimmungsprozess zu beteiligen.”

Facebook verlangt bei dieser Wahl innerhalb von 7 Tagen (in Worten: sieben) eine Mindestbeteiligung von 30 Prozent aller – ich wiederhole – aller (!) Facebook-Nutzer weltweit, damit die Richtlinien ggfs. angepasst werden. Dazu Facebook wörtlich:

“Die Abstimmung ist ab heute [Anm. Gutjahr: 1. Juni] freigeschaltet und endet am 8. Juni um 18.00 Uhr (MEZ). Gemäß unserer Richtlinien werden die Ergebnisse verbindlich, wenn sich mehr als 30% aller aktiven registrierten Nutzer beteiligen. Sollten es weniger als 30% sein, so verstehen wir das Ergebnis als konsultativ.”

Tina Kulow, Sprecherin von Facebook Deutschland, zu meiner Frage, weshalb man über diese Wahl nicht informiert wurde: ”Ich denke wirklich das ist alles andere als geheim – zumal wir ja auch Kollegen aktiv informieren.”

Um sicher zu gehen, dass es bei dieser Wahl mit rechten Dingen zugeht, schreibt Facebook: “Ein unabhängiger Gutachter wird die Abstimmungsergebnisse prüfen, um korrekte Ergebnisse abzusichern.”

Worum geht es bei dieser Wahl?

Dazu ein kurzes Spontan-Interview mit dem Wiener Datenschutz-Aktivisten Max Schrems:

Max, wie hast Du von der Aktion erfahren?

Durch eine E-Mail von einem anderen Nutzer. Ich abonniere selbst die „Site Governance Page“ aber habe auf Facebook gar nichts bekommen.

Warum macht Facebook diese Abstimmung nicht publik?

Weil Sie natürlich wollen dass die 30% verfehlt werden, sonst wäre das für Facebook verbindlich.

30 Prozent aller Facebook-User in 7 Tagen – Deine Meinung?

Unmöglich, wenn es nicht jeder Nutzer ordentlich auf der Startseite sieht. Außerdem sind die Texte wieder klassische „Weichspüler“ von Facebook, wo sich Nutzer, die keine Ahnung von dem Prozess haben, unmöglich auskennen können.

Facebook lässt einem die Wahl zwischen zwei Optionen, der alten und der neuen Policy. Wie soll man abstimmen?

Pest oder Cholera.

Deine Empfehlung?

Naja, wenn dann dagegen [Anm. Gutjahr: gegen die neuen Dokumente von 2012] stimmen, aber vermutlich wäre es am sinnvollsten wenn einfach nur 100 Leute weltweit abstimmen würden, das wäre wohl das klarste Zeichen.

 

Mehr Infos zum Streit über die neuen Datenschutzrichtlinien findet Ihr bei Europe-vs-Facebook. Welche Änderungen Max Schrems und seine Mitstreiter von our-policy.org verlangen lest Ihr hier. Facebook selbst informiert über die weltweite Abstimmung auf dieser Seite. Über diesen Direktlink gelangt Ihr zur Abstimmung.

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45 Gedanken zu “Facebook: Pest oder Cholera

Zitiert von
  1. Wahlen bei Facebook

  2. Neue Facebook-Regeln zur Abstimmung: Mindestens 270 Millionen Menschen müssen voten – SOCIAL MEDIAS RES

  3. Nachtwächter-Blah » Ein kleines Fratzenbuch-Gluckserchen zum guten M…

  4. Facebook: Geheime Abstimmung über neue Datenschutzrichtlinien - Rainer Schuldt

  5. Protokoll vom 02. Juni 2012beiTrackback

  6. Linksverkehr KW 22/2012 » YOUdaz.com

  7. Facebook und die 300-Millionen-Abstimmung - UNIVERSALCODE

  8. jensscholz.com 2.0

  9. Facebook: App zur Abstimmung über Änderungen verfügbar - qambo.de

  10. Lesetipps für den 4. Juni | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  11. der Weisheit XV – Geile Hochzeitsprogrammierer | monoxyd

  12. Facebook lässt wählen und keiner bekommt einen Wahlzettel » t3n News

  13. Facebook lässt abstimmen – alte oder neue Nutzungsbedingungen? | SicherDeinWeb

  14. Hollightly Facebook spielt Demokratie mit Volksabstimmung zu Datenschutz

  15. allfacebook.de | Draufgeklickt! - Die Wahl ohne Wähler

  16. Facebook: Abstimmung gescheitert - qambo.de

  1. Dem muss ich widersprechen. Ich bekomme die Meldung schon den ganzen Tag über alle möglichen Facebook-Seiten bei mir in die Timeline geschubst. Von Zufall kann man da also ganz und gar nicht sprechen. Und angekündigt war es auch, meine ich.

    • Und wo, bitte, war es angekündigt? Der durchschnittliche Nutzer, der Facebook nicht aus beruflichen Gründen beobachtet, weiß von dieser Abstimmung absolut nichts. Es soll auch Menschen geben, die 7 Tage mal nicht bei Facebook vorbeischauen (schockierend!), zumal die Urlaubszeit beginnt. Sowas Groteskes wie die “Informationsstrategie” zu dieser Abstimmung habe ich wirklich noch nie gesehen.

    • Ich habe diese Meldung genau EINMAL erhalten, und zwar als Share von einem Freund. Und es ist wirklich nicht so, dass ich nur selten auf FB bin…

    • Wenn Max Schrems – der die Bestimmungen und Gegenentwürfe besser kennt als wir alle zusammen – sagt: es ist eigentlich egal, wie man abstimmt, das Ganze sei ohnehin eine Farce, dann ist das doch eine klare Botschaft. Offenbar sollen dadurch EU und Kritiker im US-Kongress von FB eingelullt werden, ohne den Nutzern eine wirkliche Alternative anzubieten.

          • Das “Interview” ist natürlich stark verkürzt weil das 2 E-Mails spät Nachts waren…

            Wir haben eine klarere Aussendung kurz nach diesem Interview abgegeben:

            “Wir empfehlen für die alte Datenschutzrichtlinie zu stimmen. Begründung: Facebook muss dann einen neuen Anlauf für eine Änderung nehmen müsste und wir dann auf eine bessere Version hoffen. Außerdem ist die neue Richtlinie noch schlimmer als die alte. Generell lehnen wir die Abstimmung aber ab, da nicht über die Vorschläge der 40.000 Nutzer abgestimmt werden kann!”

    • Also so eine Farce ist es nicht. Die neuen Richtlinien basieren so gut es geht auf dem Input der Community, die sich dagegen gewehrt hat. Klar kann man nicht alles haben, aber dafür, was die Plattform bietet ist das gut, sie hätten die Inputs auch ignorieren können.

    • Hier geht es doch gar nicht um die Policy-Entwürfe (die ich – wie so viele – nicht komplett durchgelesen habe) – sondern um den Umgang eines quasi-Monopolisten mit seinen Nutzern. Man kriegt doch auch sonst per default ständig E-Mails von FB über jeden Scheiss – aber die Abstimmung – zu der FB sagt, man ermutige alle Nutzer daran teilzunehmen, wird verschwiegen? Bullshit.

      • Mir geht das ganze Pseudo-Demokratie-Gelaber in Deutschland / Österreich / Schweiz sowas von auf den Geist – bleibt doch einfach draussen, wenn es euch nicht passt. Ich gehe ja auch nicht zum Musikantenstadl, wenn mir volkstümliche Musik nicht passt. Und was ist mit all den bescheuerten Gesetzen, welche Politiker einführen, ohne mit dem Volk Rücksprache zu nehmen?
        Facebook ist eine Firma, die kostenlos eine Plattform zur Verfügung stellt. Jedermann kann sie nutzen, muss aber nicht. Wo liegt da verdammt nochmal das Problem.
        Gerde dieser Österreichische Studenten Hirni, hier im Interview, ist doch einfach nur ein Wichtigtuer, der sonst keine Aufgabe in seinem noch jungen Leben gefunden hat…

        • Mit Verlaub, Dein Vergleich hinkt schon sehr. Man kann doch wohl einen Dienstleister nutzen und trotzdem hinterfragen, was mit seinen Daten geschieht. Wenn Facebook mit offenen Karten spielen würde, würde ich Dir Recht geben.

        • Du hast das Prinzip von Facebook schon verstanden, oder? Die kostenlose Nutzung basiert darauf, deine Daten dafür zu nutzen, dich als ‘Target’ für die Werbekundschaft von fb vorzuführen. Das ist die Währung, die für fb zählt. Und wir alle, die hier unterwegs sind, sind offensichtlich bereit dafür mit unseren offengelegten Daten zu bezahlen. Das mag für manche bedenklich, für andere unbedenklich sein. Über kurz oder lang wird das fb killen. Die einen steigen aus, die anderen werden mit Werbung zugepflastert, die Werbetreibenden erkennen, dass Werbung auf fb nicht funktioniert und Google+ wird sich durchsetzen und sein Webmonopol noch stärker durchsetzen … In drei Jahren ist der Hype durch und dB ein Pennystock!

  2. Ich habe jetzt schon häufig Aufrufe dazu bekommen. Wenn das auch anderen so geht, können viele erreicht werden. Die 30% Hürde ist allerdings hoch. Fair wäre es, wenn jeder via E-Mail darüber eine Information von Facebook selber bekommen würde aber das ist ja nicht in deren Interesse, denke ich …

  3. Das ist doch kompletter Mumpitz! bei den ganzen Fakeaccounts, Accountleichen etc. stimmen doch niemals 30% ab. das ist so, als würden demnächst neben den lebendigen und erwachsenen BRD Bürgern auch die Toten auf den Friedhöfen und Babie zur Bundestagswahl gerufen. Ach ja, Hunde, Pferde und alle anderen Tiere sollten dann auch Wahlrecht haben. Mal sehen ob dann die nötige Mindestwählerquote zustande käme ;)

  4. Bei den ganzen Links zur Abstimmung und zu weiteren Infos fehlt irgendwie auch der Link zur Löschung des Benutzeraccounts bei Facebook…

  5. Nach 2 Tagen gerade mal 50.000 Stimmen, davon nur 37.000 gegen die neuen Regelungen – das Kalkül von Facebook scheint aufzugehen.
    Aber ich kann mich vielen Kommentaren hier anschließen: Wir wissen alle, dass Facebook nicht mit offenen Karten spielt und ein überaus fragwürdiges Unternehmen ist. Warum nutzen wir es dann trotzdem? Weil es so praktisch ist und wir den “hohen Preis”, den wir dafür zahlen, in Kauf nehmen.
    Natürlich ist es wichtig und richtig, Widerstand zu leisten und mit Artikeln wie diesem auf Mißstände hinzuweisen, aber es ist ein aussichtsloser David-gegen-Goliath-Kampf!

  6. Es gibt nur eine Möglichkeit, mit facebook umzugehen: Shorted es zu Tode! *gnihihihi*

    30.15 -> 21.965 € innerhalb von nur 2 Wochen. In 3 Monaten sehe ich die 10 € Grenze unterschritten. Der Börsengang war der letzte geplante Raubzug Zuckerbergs. In ca. einem Jahr wird facebook verkauft werden, inklusive aller Nutzerdaten. Dabei ist es völlig egal, wie die derzeitigen Datenschutzbestimmungen aussehen oder wie sie geändert werden, denn der Vertrag wird dort geschlossen werden, wo das absolut keine Rolle spielt. Es wird einen großen Aufschrei geben und etliche Nutzer werden facebook verlassen, obwohl das zu der Zeit überhaupt nichts mehr ändert.

    In zwei Jahren redet dann keiner mehr davon.

    • Man kann eigentlich nur hoffen, dass sich irgendwann eine Open-Source-Community wie Diaspora etabliert, aber danach sieht es momentan noch nicht aus, dafür ist Facebook (noch) zu mächtig. Aber vielleicht haben sie mit dem Börsengang das Rad wirklich überdreht, vielleicht ist nun der Sinkflug eingeläutet – warten wir es ab…

  7. Vielleicht habe ich da einfach sehr differenziert denkende und überlegt handelnde Freunde. Aber: In meinem Freundeskreis gibt es Menschen, die sich ganz bewusst gegen Facebook entschieden haben. Sie wissen, dass Facebook eben NICHT kostenlos ist, weil wir mit unseren Daten dafür bezahlen. Wer also diese “Dienstleistung”, ich würde eher sagen: dieses Unterhaltungsprodukt in Anspruch nehmen will, zahlt dafür einen Preis – nämlich den, dass mit seinen Daten gehalten bzw. Geld verdient wird. So klar, so unaufgeregt, so in Ordnung.

    Ich habe ebenfalls geschrieben, dass die Wahl jetzt eher die zwischen Pest und Cholera ist – es ist so platt wie zutreffend. Nur hilft uns das nicht weiter – und es macht schon gar nicht Facebook zu einer Insel der Glückseligen im Werbe-Web. Dazu wird es nicht kommen, denn Facebook muss Geld verdienen – und nichts anderes. Wer also gegen Facebook ist, braucht nicht auf eine neue Datenschutzerklärung warten. Er sollte sich dort einfach abmelden. Manchmal ist es so einfach. Gilt übrigens auch für Apple-Produkte, lieber Richard.

  8. Ich bin eigentlich aktiv bei Facebook und jeden Tag mehr als einmal Online. Bis jetzt wußte ich von der Abstimmung garnichts!!

    Nach dem Vorfall mit der Schufa bin ich am überlegen ob ich auch ohne Facebook lebensfähig bin. Ich denke ja und werde mich von der Sozialen Plattform wahrscheinlich abmelden.

    Freunde wissen mich auch anders zu erreichen.

  9. Trotz der Brisanz der Thematik war die mögliche Erreichung der 30%-Marke utopisch, was den Facebook-Entscheidern klar gewesen sein wird. Der Titel ist somit mehr als treffend, denn auf diesem Wege ließ sich mit Sicherheit keine geeignete Lösung für die Umsetzung des Datenschutzes bei Facebook schaffen!