Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen

Die Wulff-Affäre – ein Machtkampf zwischen Politik und Medien. Alte Absprachen gelten nicht mehr, in Zeiten neuer Medienrealitäten lautet die Devise: anything goes. Das Publikum ist angewidert und wünscht sich den Rücktritt; den Rücktritt des Bundespräsidenten und von allen beteiligten Journalisten.

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Foto: Tobis Film


Prolog

In “Iden des März”, einem US-Polit-Drama um den Präsidentschafts-Wahlkampf von Mike Morris (George Clooney), gibt es eine Schlüssel-Szene. Kampagnenmanager Stephen Meyers (Ryan Gosling) versucht, eine hartnäckige Reporterin davon abzubringen, eine Skandal-Geschichte über ihn zu veröffentlichen:

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- “Ida, you’re supposed to be my friend. Why do you wanna stick the fucking knife at me, on a bullshit story?”

- “Is that what you thought that we are friends? (…) You give me what i want. I write you better stories. Don’t pretend, it’s any more than that.”

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Die gute alte Zeit

Politiker und Journalisten. Eine Zweckgemeinschaft zweier Berufsgruppen, die im gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Ohne Informationen kein Journalismus, ohne Öffentlichkeit keine Politik. Und so haben sich beide Seiten über die Jahre. miteinander arrangiert, Umgangsregeln ausgehandelt, an die sich alle mehr oder weniger gehalten haben.

Die wichtigste Regel für die Berichterstatter: Kritik an den Herrschenden ist zwar erlaubt, zu viel davon jedoch wird oft mit Liebes- bzw. Informationsentzug bestraft. Wer gegen die ungeschriebenen Gesetze verstößt, darf das nächste mal eben nicht mehr mit zum Emir – “Sorry, aber die Präsidentenmaschine, leider voll.”

Umgekehrt haben Politiker die Aufgabe, Journalisten laufend mit frischen Informationen und Indiskretionen zu versorgen, welche den Tippgebern und den Journalisten gleichermaßen nutzen. Die “gut unterrichteten Kreise” sind immer gut für eine neue Schlagzeile, für die Auflage oder für die Einschaltquoten.

Peter Kruse: “Macht definiert sich neu”

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Neue Spielregeln

Das Internet verändert die Spielregeln, und zwar grundlegend. Nicht nur, dass sich die Geschwindigkeit erhöht, mit der sich Informationen verbreiten. Das Netz rüttelt an den Grundfesten von Parteizentralen und Redaktionen, auf die sich beide Seiten bislang verlassen konnten. Absprachen, gegenseitige Abhängigkeiten, sanfte oder auch mal weniger sanfte Erpressung, das alles funktioniert in einer vernetzten Welt so nicht mehr. Blogger haben keinen Verleger, den man unter Druck setzen könnte. Eine über Twitter ausgeplauderte Indiskretion lässt sich nicht wieder einfangen. Die fein austarierte Machtbalance zwischen Politikern und Journalisten gerät aus den Fugen.

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Guttenberg als Mahnung

Politiker können sich nicht länger darauf verlassen, einen Journalisten in der Tasche zu haben. Für die Amtsinhaber gerät die wachsende Gegenöffentlichkeit im Netz zu einem unkontrollierbaren Risiko. Schon einmal ist ein Bundespräsident zurückgetreten, weil ein Blogger eine Empörungswelle im Web ausgelöst hatte, die dann von den klassischen Medien wiederum dankbar aufgegriffen wurde.

Guttenberg, Koch-Mehrin und Co sind nicht über die Recherchen investigativer Journalisten gestolpert, sondern über Initiativen jener „People formerly known as the audience“. Die Medienvertreter geraten in Zugzwang, erkennen, dass sie ihre Exklusivrechte als Aufklärer eingebüßt haben. Jeder Laie mit einem Smartphone hat heute Zugang zu Quellen, die noch vor kurzem ausschließlich den Berufsjournalisten vorbehalten waren.

Wie weh dieser voranschreitende Bedeutungsverlust tut, lässt sich an Momenten wie jener Bundespressekonferenz ablesen, als die Herren Hauptstadtkorrespondenten regelrecht ausflippten, weil der Kanzlersprecher neuerdings twittert. Twitter? Da könne ja jeder einfach so mitlesen!

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Auge um Auge

Politiker lassen die Gatekeeper links liegen und schießen ihre Botschaften direkt durch zum Publikum.. Über Jahrzehnte hinweg respektierte Verträge zwischen Politik und Medien werden aufgekündigt. Das Schmierentheater „Bild“ gegen „Bundespräsident“ – in Wahrheit ein Kampf zwischen Massenmedien und Politikern um die Gunst jener neuen, nicht länger nur zum Schweigen verdammten Öffentlichkeit.

Der Nimbus des Journalisten als allwissender Erklärer schwindet. Schlimmer noch: Die Berichterstatter selbst stehen neuerdings unter Beobachtung.. Im TV-Interview mit dem Bundespräsidenten letzte Woche gab es einen bemerkenswerten Moment. Wulff zeigt mit dem Finger auf die Journalisten und sagt, christlich-konservativ verpackt in einem. Bibelzitat: Auch Ihr seid nicht frei von Schuld!

“Also wir müssen alle hohe Ansprüche haben in dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Und natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.”

Als Wulff die ZDF-Studioleiterin zu ihrer unrühmlichen 150-Euro-Aussage nötigte, ging es nicht um Gratis-Urlaube; schon gar nicht um einen Hauskredit. Was Wulff getan hat, ist so dreist wie bemerkenswert. Eine Drohung vor einem Millionenpublikum, gerichtet an alle Journalisten, die ihn kritisieren: Wenn Ihr Euch nicht mehr an unsere Absprachen haltet, tue ich es in Zukunft auch nicht mehr! So passt es auch ins Bild, dass er dem Springer-Konzern damit gedroht haben soll, eine Pressekonferenz anzusetzen, in der er über die Machenschaften der Boulevard-Zeitung berichtet.

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Die Doppelmoral der Moralprediger

Wulff weiß, wo er die Journalisten zu packen hat. Bei ihrer Eitelkeit. Die “embedded journalists” in den Parteizentralen lieben es, an den Fleischtöpfen und Büffets der Amtsträger mitzuessen. Korrespondenten mit direktem Zugang zu den Mächtigen, haben oft auch zuhause in der Redaktion den entscheidenden Karriere-Vorsprung.

Wie Trophäen dekorieren sie die Büros mit ihren Akkreditierungsausweisen. Auch ich habe das schon getan. Das Signal an die Kollegen: Seht her, wie wichtig ich bin! “Mein Weltwirtschaftsforum gegen Deinen Bundespresseball” – journalistischer Schwanzvergleich am Bande.

Nähe korrumpiert, genau so wie Geld. Wie selbstverständlich greifen wir Journalisten jeden Presserabatt ab, der sich uns bietet. Vom Handyvertrag über Computer oder auch Flugreisen; allein die Seite pressekonditionen.de hat nach Angaben des Betreibers rund 18.000 Abonnenten. Die größte deutsche Journalistenvereinigung, der Deutsche Journalisten-Verband, lockt ganz unverhohlen mit Vergünstigungen, die man als Mitglied bei unzähligen Firmen erhält. Schämen müsste man sich. Aber es tut keiner.

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Hetzjagd der Medien

Die Medien machen in der Wulff-Affäre keine rühmliche Figur. Im Gegenteil: Die meisten Deutschen sehen in der Berichterstattung eine Hetzkampagne, eine irrationale Treibjagd von Leuten, die sich in ihrer Journalistenehre getroffen fühlen. Oder wie gestern ein guter Freund von mir (nicht aus der Medienbranche) formulierte:

“Den Wulff und alle Journalisten in einen Sack stecken und draufhauen!”

Wie kamen FAZ, Süddeutsche und Spiegel eigentlich an die Abschriften der Telefonate? Von wem ging die Initiative aus? Warum kommen die Indiskretionen nur (Salami-) scheibchenweise ans Licht? Da werden Informationen gezielt über Bande gespielt, um dann später, mit Verweis auf die anderen Quellen, daraus zu zitieren; in der Finanzwelt würde man einen solchen Vorgang wohl als Geldwäsche bezeichnen.

Urlaubsinterview ohne Urlaub  Foto: ZDF

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Die Mär der Qualitätsmedien

Vertreter von ARD und ZDF gefallen sich in ihrer Rolle als das letzte Bollwerk, das den Qualitätsjournalismus in Deutschland noch hoch hält. Dabei übersieht man beflissentlich, dass auch die scheinbar kritischen Interviewer oft zu reinen Stichwortgebern verkommen. Da werden vor laufender Kamera ritualisierte Wortgefechte geführt, die nach ähnlichen Regeln ablaufen, wie beim US-amerikanischen Wrestling. Schläge, die für das Publikum brutal aussehen, in Wahrheit aber nicht wehtun.

Ein schönes Beispiel, wie Journalisten mit den Mächtigen gemeinsam die Realität verbiegen, erlebten wir letzten Sommer im ZDF. Dort hat Bettina-150-Euro-Schausten mit Christian Wulff (sic!) gleich ein komplettes Sommer-Interview gefaked. Um entspannte Urlaubsidylle vorzutäuschen wurde der Bundespräsident mal eben kurz per Diensthubschrauber nach Norderney eingeflogen. Ein Urlaubsinterview ohne Urlaub. Und der Zuschauer erfährt von solchen zwischen Journalisten und Politikern ausgehandelten Medieninszenierungen kein Sterbenswort.

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Vorgespielte Transparenz

Spätestens seit dem Wahlerfolg der Piraten ist es ja auch in den deutschen Medien en Vogue, von Politikern mehr Transparenz zu fordern. Dabei lassen wir gerne außeracht, dass gerade wir Journalisten lernen müssen, transparenter zu werden. Und mit Transparenz ist gemeint: echte Transparenz, nicht etwa, Transparenz nur vorzuspielen, so wie es der Bundespräsident tut. Die Zeiten, in denen Mächtige und Meinungsmacher in den Hinterzimmern der Republik ungestört die Deutung der Welt aushandeln konnten, sind zu Ende. Was nicht heißen soll, dass es nicht auch in Zukunft politische Freundeskreise geben wird. Doch so wie es mal war, wird es nie wieder sein.

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Epilog

In “Iden des März”  muss der junge Polit-Berater Stephen Meyers durch die Hölle gehen, um die schmutzigen Tricks und Intrigen der Politik zu lernen. Später wendet sich das Blatt. Der Kampagnenmanager wirft all seine moralischen Bedenken über Bord, steigt selbst zum Pressechef auf und lässt seine alte Bekannte, die Times-Journalistin, mit ihrer Bitte um ein Statement abblitzen. “Common, Stephen, aren’t we friends anymore?” fragt die Reporterin unterwürfig. Der Polit-Mann dreht sich um, blickt der Reporterin in die Augen, erwidert kühl: “You are the best friend I have.”

 

 

 

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72 Gedanken zu “Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen

Zitiert von
  1. Wulff gegen Presse – tolle Show | Erbloggtes

  2. Mediale Berichterstattung - Auflage vs. Themenpriorität | steve-r.de

  3. Im Aufzug « FETTE-HENNE.INFO

  4. Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen

  5. Wulff gegen Presse – tolle Show « nachrichtenpirat

  6. Bild, Wort, Wert und Geste | word of mouse

  7. onlinejournalismus.de » Wulffs Mailbox-Nachricht: Rekonstruiert via Crowdsourcing

  8. World Wide Wagner – Medienmagazin vom 07.01.2012

  9. Man kennt sich, schätzt sich | Die Politische Notiz

  10. sven scholz - sagichdoch? » Wulff

  11. Wulff-Affäre ohne Ende

  12. Der (all)tägliche Wulff « Ankommen in Bayreuth

  13. Aufgelesen und kommentiert 2012-01-11

  14. Glanzlichter 80: Possen, Drohnen, Ostinato « … Kaffee bei mir?

  15. PR-Beiträge in der KW 02/2012: Krisenkommunikation, Wulff und ING DiBa | kommunikationsABC.de

  16. Blogposting 01/13/2012 « Nur mein Standpunkt

  17. Dieter Janecek » Blog Archive » Auf der Suche: Der offene Politiker?

  18. Neunnnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  19. Webschau Januar 2012

  1. Sehr guter Artikel, Herr Gutjahr. Danke für die Mühe ! Ein kurzer Nachtrag zur Hetzjagd der Medien und den Behauptungen von Jörn Schönenborn. Die ARD Berichterstattung im Zuge der letzten Infratest Dimap Umfrage verdeutlich, wie mit Hilfe eines Strohmann Arguments eine Self-fulfilling prophecy ins Leben gerufen wird um den Täter Wulff als Opfer darzustellen. Außerdem enthält die Präsentation der letzten Umfrage eine Formulierung (“60 Prozent der Deutschen der Ansicht, er habe eine zweite Chance verdient”), die nirgends in der veröffentlichten Erhebung zu finden ist, aber von nahezu allen Medien verbreitet wurde.
    http://machtelite.wordpress.com/2012/01/06/ardinfratest-dimap-die-60-luge-von-der-zweiten-chance-fur-wulff/

    • @Bob Roberts – Danke für das Feedback. Interessanter Aspekt, von dem ich mir aber nicht vorstellen kann, dass er stimmen kann. Ich kenne Jörg Schönenborn als sehr akkuraten Analytiker. Dass er sich zu so einer Behauptung hinreißen lassen würde, ohne entsprechende Zahlen zu besitzen, kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Schon mal ne Mail geschrieben und ihn gefragt?

  2. Ehrlich gestanden, ziemlich viel unbelegtes blabla. Was soll sich geaendert haben? Und wieso war Wulffs Frage eine Drohung? Und welche Planstelle nimmt Gutjahr in diesem Spiel ein?

    • @Stefan #4 – Hi Stefan, danke für das Feedback. Welche Rolle ich selbst einnehme? Ich verdiene mein Geld bei den Öffentlich-Rechtlichen (siehe Impressum) was aber nicht heißt, dass ich mir nicht auch meine eigenen Gedanken mache. Ich finde, gerade wenn man in diesem Job arbeitet, sollte man seine eigene Rolle immer wieder in Frage stellen und auch offen diskutieren. Genau das tue ich hier ja gerade.

  3. Eine saubere Analyse und Beschreibung der “veröffentlichten Meinung”, die Journalisten in Zusammenarbeit mit Politikern bestimmen.
    Mit arroganter Ehrlichkeit lieferte der ARD Sprecher Buhrow nach dem Wulff Interview Einsicht auch in die Machenschaften der öffentlichen Fernsehanstalten. Bei Nachrichtensendungen kommt es auf die Performance an, nicht auf den Inhalt. Ja, der Zuschauer will betrogen und belogen werden.

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/01/05/ard-performance/

  4. Danke für diesen Beitrag Herr Gutjahr. Weshalb hat nicht vor der Buprä-Wahl 2010 die Medienlandschaft reagiert? Hat es an den juristischen Hürden der Spiegelredaktion bei der Recherche “Landtag Hannover” gelegen? Diese Fragen stellen sich wohl nicht mehr, zumal Herr Wulff außer Politik ja eh nix gelernt hat und diesen Job wohl für seine Altersversorgung benötigt. Ich werde Ihren Artikel sehr gern weiterempfehlen.

  5. Schönenborn sagte: „Die Mehrheitsmeinung heute ist dass er eine zweite Chance verdient hat. Dass wer öffentlich um Verzeihung bittet noch mal einen Versuch starten darf.“

    Sein Kommentar fiel im Gespräch mit der Tagesthemen Moderatorin Caren Miosga und war über die nachfolgende ARD Seite abrufbar:
    http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend1438.html

    Nun nicht mehr, stattdessen ein anders Video. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber ich habe mir die Szene mit ihm mehrfach angesehen und sorgfältig transkribiert. In der ARD Mediathek müsste es noch zu finden sein. Die Aussage zu den “60%, die Wulff eine 2.Chance geben wollen” steht allerdings immer noch auf der ARD Seite, ist aber bei Infratest Dimap nirgend zu finden. Eine Anfrage meinerseits bezüglich dieses Aspektes wurde bislang von dem Institut nicht beantwortet. Wenn Sie über einen Draht zu Herrn Schönenborn verfügen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie ihm einen klärenden Kommentar entlocken könnten.

  6. Nachtrag:
    Hier der Beitrag von Schönenborn aus den Tagesthemen vom 5.1.2012.:
    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9189832

    Wenn Sie die Formulierung “60% sind der Meinung, Wulff habe eine zweite Chance verdient” in der Erhebung von Infratest finden, bitte informieren Sie mich. Auch die Passage, nach der Wulff “öffentlich um Verzeihung gebeten” haben soll (Zitat Schönenborn), interessiert mich sehr.

    Apropos Stichwortgeber:
    WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn hat das Exklusivinterview von ARD und ZDF mit Bundespräsident Christian Wullf verteidigt. Schönenborn sagte am Freitag auf einer Tagung in Köln, es freue ihn, dass “ARD und ZDF in dieser Situation ein Leitmedium sind”. Die Sender hätten ihre Aufgabe “gut gemacht”.
    http://aktuell.meinestadt.de/koeln/2012/01/06/wdr-chefredakteur-verteidigt-exklusivinterview-mit-wulff/

  7. Wozu, wenn nicht dazu zu veröffentlichen, was ist, sind denn Medien da? Das als Hetzjagd zu diffamieren, verkennt mir die Aufgabe und Funktion der Medien. Selbstverständlich stehen öffentliche Personen, erst recht höchste Politiker wie ein Staatsoberhaupt, die sich selbst in die Öffentlichkeit begeben, in der Beobachtung eben dieser Öffentlichkeit, darunter ihrer wichtigsten Beobachter und Wächter, den Medien. Formale Nebensachen und Petitessen wie der vorgetäuschte Urlaub für ein Urlaubsinterview ändern an der Glaubwürdigkeit der Medien in diesem Wächteramt ÜBERHAUPT NICHTS. Sie haben zu veröffentlichen, was passiert, nichts weiter. Kritik daran bedeutet nichts weniger als eine Forderung nach Einschränkung der Medienfreiheit. Was unserem Web-2.0.-Vorzeigeblogger Richard Gutjahr überhaupt nicht gut zu Gesicht steht.

  8. Guten Tag!

    Treffender Text – und danke für das Urlaubsfilmchen der Achse Schausten-Wulff, hatte ich schon glatt wieder vergessen.

    @bob Sehr gut beobachtet.
    @richard Schönenborn kann sich sich die Zahlen zurecht legen wie er will. Würde er akkurat argumentieren, würde er die Beliebtheiten vergleichen und vermutlich feststellen, dass es noch nie einen Buprä gegeben hat, den 40 Prozent der Befragten ablehnen. Es ist die Perspektive, die entscheidet.
    Beide Informationen zusammen ermöglichen so etwas wie “Objektivität” – fehlt eine, wird gezielt beeinflusst.

    Noch einen Hintergrund zu Schönenborn: Der hat Ende 2002 ein Filmteam des WDR auf Intervention des SWR aus Jordanien zurückgerufen, weil der SWR nicht wollte, dass “fremde Teams” in ihrem Berichtsgebiet arbeiten. Geplant war ein Stück über Frauen vor dem Krieg – monatelange Vorbereitungen wurden zunichte gemacht. Die Aktion kostete rund 20.000 Euro Gebührengelder. Ich hatte exklusiv für die FAZ darüber berichtet – gab mächtig Ärger. Schönenborn hat Anfragen nicht beantwortet.

    Zum Thema hatte ich mir auch schon Gedanken gemacht:
    http://www.pushthebutton.de/2012/01/07/affaere-wulff-jede-menge-ruecktritte-vonnoeten/

    @all Großes Lob an Richard – der traut sich Kritik, was innerhalb der ÖR tatsächlich sehr, sehr selten geworden ist.
    Hoffe nur, dass ihn das nicht irgendwann den Job kostet.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

    • @Hardy Prothmann – Danke für Deinen Beitrag. Zu Deiner Schönenborn-Geschichte kann ich nichts sagen, ist ja auch schon eine Ecke her. Was die Kritik auch am eigenen Haus betrifft, so wächst die aus einer tiefen Verbundenheit zum öffentlich-rechtlichen System. Öffi by heart! ;-)

  9. Erfrischend, auch mal einen Artikel ohne die mittlerweile schon peinliche schwarz-weiß-Malerei zu lesen. Denn sind wir doch mal ehrlich: In unserer Gesellschaft herrscht ein Evolutionsdruck in Richtung Egoismus und Mitnahmementalität. Bescheidenheit, Moral, ein Wertesystem jenseits materiellen Besitzes wird doch von den meisten zunehmend belächelt und mit einer Bemerkung der Art “Schön dumm!” versehen. Der Grundtenor ist “Wenn man Dir gibt, nimm! Wenn man Dir nimmt, schrei!” Wie naiv muss man also sein, wenn man tatsächlich davon ausgeht, dass trotz dieses entgegengesetzten Evolutionsdruckes am Ende vollkommen integere Persönlichkeiten in Machtpositionen kommen? Es ist mitnichten nur so, dass Macht korrumpiert, sondern dass “moralische Flexibilität” auch zu Macht verhilft.

    Entschuldigt das Wullfs Verhalten? Natürlich nicht! Es erklärt womöglich aber die mangelnde Sensibilität für diesen Bereich. Sollte man sich selbst einfach dem Druck beugen und ungeachtet jeglicher Moral nur auf seinen Vorteil bedacht handeln, weil andere es ja auch tun? Auch das nicht! Vielmehr sollte man dem Nächsten, der einem wieder mal ein “Schön dumm!” an den Kopf wirft, lächelnd entgegnen: “Ja, viele sind leider für redliches Handeln nicht stark genug.”

    btw: Die gute Silvana heißt Koch-Mehrin. ;)

  10. Letztes Mal war es Guttenberg jetzt ist es Wulff. Die BLÖD Zeitung wieder in ihrer Paraderolle einer Hetzzeitung. Politik sollte vom Volk gemacht werden und nicht von der BLÖD Zeitung. Wird Zeit für eine zweite RAF die diese BILD Zeitung abfackelt.

  11. @Richard Gutjahr
    In dem Sinne, dass Medien Tatsachen erfinden, sind in dieser Affäre seitens der Medien bisher keine Inszenierungen aufgetaucht. Wenn Politik strategisch und taktisch agiert, können und müssen die Medien das, insbesondere in der Dramaturgie natürlich schon lange auch tun. Dass sich der Bundespräsident dabei dann weitaus dümmer anstellt als die Medien, ist dann gewiss nicht Schuld der Bild-Zeitung, sondern eben dieses Bundespräsidenten und wirft um so mehr Fragen hinsichtlich seiner Eignung für das höchste Staatsamt auf.

  12. Jedes Blogposting in Deutschland enthält nach meinem Eindruck beim Thema Wulff mindestens einen Kommentar eines Hardy Prothmann mit Link auf sein Fischfutterjournalismus-Blubberblog.

    Nervt.

  13. @Richard Gutjahr – Ich schrieb bereits, dass es Aufgabe der Presse ist, zu veröffentlichen, was ist und was passiert. Was der Bundespräsident einer Zeitung aufs Band spricht, ist von allerhöchstem öffentlichen Interesse – weil es eben Zeugnis abgibt von der Art seines Umgangs mit den wichtigsten Beobachtern der Öffentlichkeit, den Medien. Es gehört also in exemplarisch-kritischen Fällen wie diesem unbedingt veröffentlicht – egal von wem. Und die Terminierung von Veröffentlichungen tut ja schon mal fast garnichts zu deren Inhalt. Man hat in den besinnlichen Weihnachtsstunden eben allgemein ein bißchen Rücksicht genommen auf die Öffentlichkeit wie auf Wulff gleichermaßen, so what.

    • @Dan Danson – Alles richtig, nur haben wir als Journalisten auch gelernt, sich niemals allein auf eine einzige Quelle (hier: Bild) zu verlassen. Ich möchte daran erinnern, dass alle Qualitätsmedien anfangs von einem Veröffentlichungsstopp geschrieben haben. Tage später war die Rede lediglich von einem Aufschub. Will sagen: Wir wissen nicht wirklich was ist und was passiert. Nach anfangs tiefgründigen Recherchen bei Springer und auch anderen Medienhäusern, kommt mir die Berichterstattung seit Tagen nur noch wie Copy & Paste vor. Siehe auch Stefan Niggemeier: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/perpetuum-mobile/ . An dieser Stelle sollten Journalisten einen kühlen Kopf bewahren und nicht jeden unbestätigten Verdacht zur großen Schlagzeile aufblasen.

  14. Ein Spektakel, wie es kein Regisseur besser inszenieren könnte (außer wohl Dr. D. Wedel) und eine perfide Darstellung der wahrgenommenen Wirklichkeit in unserer Republik. Medien, Politik, Wirtschaft, Macht, Freunde, Juristen, Volk, Kommentatoren, Blogger sind die kafkaesken Vertreter in diesem Schauspiel. Alle 7 Todsünden sind vertreten und es wird nach außen gekehrt, was unsere Gesellschaft im Inneren ausmacht. Kein Lehrbeispiel theoretischer Art sondern reales Theater, in dem wir alle mitspielen dürfen. So und nicht anders funktioniert unsere Republik schon immer und in dieser causa wird es exemplarisch offensichtlich.

  15. Ich war ein paar Jahre Mitglied der Bundespressekonferenz und habe schon damals die Kumpanei der Kollegen mit den Protagonisten gehasst. Darum liebe ich das Internet und die Möglichkeit für jeden kleinen Blogger, mitzuspielen, zu fragen und zu kommentieren. Der professionelle Politikbetrieb verdrängt im Alltag vollständig, dass er im Auftrag des Souveräns tätig ist. Etliche Journalisten spielen dabei eine besonders dubiose Rolle, vor allem öffentlich-rechtliche. Es ist schon kurios, dass ARD und ZDF in absolutistischer Manier ihre Kanäle für die Nummer 1 zusammenschalten. Und die moralisch aufgeladene Frage, woher die FAZ und andere die Zitate Wulffs von Dieckmanns Mailbox haben, ist eines Journalisten eigentlich nicht würdig. Seit wann pampen wir Kollegen an, indem wir uns über ihre Quellen echauffieren? Gilt das journalistische Zeugnisverweigerungsrecht neuerdings nur noch bei irgendwie erwünschter Recherche?

    • @Christoph Lemmer – Damit bestätigst Du doch, dass an dieser Kumpanei (nicht alle über einen Kamm scheren!) etwas dran ist. Was die moralisch aufgeladene Frage betrifft: Es geht nicht darum, Namen zu nennen (Zeugniverweigerungsrecht). Aber wenn eine Zeitung einer anderen Zeitung den Wortlaut steckt, in der Hoffnung, dass diese das dann veröffentlicht (also quasi die Drecksarbeit übernimmt), um dann am nächsten Tag die über Bande gespielten ‘Enthüllungen’ der anderen Zeitung zu zitieren, ist eine solche Frage wirklich ‘unwürdig’? Ich halte das für absolut diskussionswürdig.

  16. Danke für diesen guten Artikel. Er schließt endlich die Lücke, man musste lange auf ihn warten. War eine Frage: Wer schreibt ihn? Denn dass sehr viele Journalisten mindestens genaus so korrupt sind, wie die Typen, über die sie schreiben, sollte spätestens hier offensichtlich sein.

    Das Wulff überhaupt auf die Idee kam, den Chef-Redakteur auf diese Art zu kontaktieren, deutet doch darauf hin, dass das sonst auch funktioniert hat … und damit Gang und Gäbe ist in diesem Geschäft.

    Wir, die Leser, das einfache Volk, sind dabei, wie immer, die ge- und im konkreten Fall, die verarschten!

  17. Darüber kann man natürlich diskutieren. Dabei kämen u.a. vielleicht diese Faktoren ins Spiel: Würde Dieckmann seine Mailbox öffentlich machen, könnte Wulff ihn wegen Verstoßes gegen die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes belangen – zumal der ja jetzt einer Veröffentlichung ausdrücklich widersprochen hat. Dann müsste ein Gericht klären, ob der Anruf als privat oder als amtlich/dienstlich zu wären wäre und ob das überhaupt einen Unterschied machte. Ich könnte das noch eine Weile weitertreiben, aber deutlich wird: Wir quälen uns dann mit Fragen, die uns vom Kern der Geschichte meilenweit wegführen. Das Zeugnisverweigerungsrecht wurde geschaffen, damit Journalisten auch trübe Quellen anzapfen können. Tun sie ja in anderen Fällen auch. Ist auch völlig richtig, weil es eben zuerst darum geht, was da an Tatsachen auf den Tisch kommt und nicht darum, wo die Tatsachen herstammen.

    Was die Kumpanei betrifft – da habe ich Dir in der Tat zugestimmt, das war von mir nicht als Widerspruch gemeint. Ich stimme Dir übrigens noch an einer anderen Stelle lautstark zu, nämlich bei Deiner Kritik am korruptiven Massengebrauch des Presseausweises. Darüber habe ich ja gelegentlich auch schon geschrieben. Dass das Echo darüber, nunja, ansonsten minimal ist, liegt natürlich auch auf der Hand.

  18. Interessante Diskussion hier, und erfreulich selbstkritisch. Vorab zur Frage des Kollegen Roberts. Es ging um “fast” 60 Prozent. Und das entsprechende Chart findet sich hier: http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend1438-magnifier_pos-1.html
    Kollege Niggemeier hat in vielem korrekt analysiert. Gleichwohl ist er nicht in der Lage, sich von eigenen früheren Vorbehalten zu Wulff zu trennen. Vieles, sehr vieles von dem, was in der Debatte Wulff vorgehalten wird, ist – um eine Leyendecker-Formulierung zu wenden – taktische Wahrheit. Bis auf sehr wenige Ausnahmen hat Wulff keine Unwahrheiten verbreitet. Beispiel BW-Baufinanzierung. Korrekt, dass die Bank auf Schriftform besteht, dennoch wird Wulff zu Recht eine Einigung behaupten dürfen, die auch Erfüllungsansprüche gegen die BW-Bank nach sich zieht. Kein Widerspruch.
    Fairness: Niemand in der Presse hat die “Respektlosigkeit” der BILD beleuchtet, den Bundespräsidenten im Ausland mit einer innenpolitischen Veröffentlichung zu konfrontieren. Ihm quasi in Abwesenheit zu drohen. Zufall? Wohl kaum. Respektlos übrigens weniger hinsichtlich Wulff, denn gegenüber dem Gastgeberland. Wie kommen sich die Gastgeber vor, einen Staatsgast zu empfangen, der zuhause wie eine Witzfigur behandelt wird. Dabei ist dieser ursprüngliche Vorwurf der VÖ vom 13.12. noch nicht einmal bestätigt. Ob das Ministergesetz verletzt wurde, kann jedenfalls nicht BILD feststellen. Allenthalben wird aber genau so getan. Professionell??
    Schließlich: Was die Bereitschaft Wulffs angeht, sich überhaupt auf Deals mit BILD einzulassen: Das Schweigen der aktuellen Politiker zum Fall Wulff ist weniger Distanz als vielmehr Feigheit vor dem Feind. Niemand ist sich sicher, dass BILD nicht doch die Oberhand behält. Da will man nicht durch offenen Widerspruch gegen KD zum nächsten auf der Liste avancieren, dem ein “Angebot zur Zusammenarbeit” unterbreitet oder gar eine fertige Geschichte vorgehalten wird. Wer jemals auf der Chefetage von BILD dabei war, weiß wovon die Rede ist! Wulff war 2006 schlicht zu ängstlich, um den menschlichen Trennungsfall ohne Deal mit (und im Zweifelsfall gegen) BILD zu bestehen. Viel ist in den letzten Tagen über den geschätzten Kollegen Glaeseker geschrieben worden. Damals hat er sich selbst ebenso verschätzt wie bei der Frage der Annehmbarkeit von Urlaubsangeboten mit direktem (!) Amtsbezug. Es war ein Fehler, es mit einem Deal zu versuchen. Das weiss Wulff längst. Ist es dennoch verwerflich, auszusteigen?
    Aber es ist und bleibt kritikwürdig, was BILD hier mit der Demokratie in Deutschland veranstaltet. Hape Kerkeling und Wir sind Helden haben Recht!

  19. Will jetzt nicht noch eine Flanke aufmachen, deswegen nur kurz: Wenn ich mir “Volkesstimmen” dazu anhöre, wird mir eher noch von einer ganz anderen Seite angst und bange.

    In dem ganzen Streit um mehr Transparenz stellt man nicht die Frage nach der Qualität des Publikums. Scheint ein letztes Tabu zu sein. Klar sind das alles einzelne Menschen, jede Bewertung einer solch flüssigen Masse klingt anmassend und falsch.
    Man kommt der Meinungslage sicher auch nicht mit dem Festnetz-Benutzer-Anrufen eines Schönenborn näher. Vorallem, wenn man dann, wie oben bereits kommentiert, die wesentlichen Vergleichswerte gar nicht thematisiert.

    Aber – Wenn hier jetzt alle – „People formally known as the audience“ – nun partizipieren wollen und transparent informiert sein wollen – dann müssen sie sich genauso nach ihrer Motivation befragen lassen, müssen inhaltliche Kompetenz nachweisen und ihre grundlegende Bereitschaft zur Demokratie beweisen.
    Will damit nicht die Machtspiele zwischen Politik und Journalismus verteidigen, wer dort eine Änderung und Öffnung will, sollte nicht vergessen, die notwendigen Grundlagen dieses Neuen miteinanders auch im ehemaligen “Publikum” zu prüfen.

    PS: Ansonsten bin ich dafür, dass dieses Vorbild an Egoismus, Aufsteiger-Arroganz und passiv-aggressiver Persönlichkeitsstörung Christian Wulff das Amt des Bundespräsidenten keinen einzigen Tag länger schädigt.

  20. Alle Achtung, Herr Gutjahr,

    der Artikel ist brillant. Es könnte sehr gut möglich sein, dass das Gefüge Presse Politik verschoben ist. Dann wäre aber der Rachefeldzug der Medien, der dann zwangsläufig folgen muss, noch unsicherer, denn C.W. twittert und facebookt nicht.

    Ich habe immernoch die vage Vermutung, dass das ganze Theater immernoch durch seine Rede in Lindau letzten Sommer gekommen ist. Anderes scheint mir noch weiter hergeholt zu sein.

    Ich habe auch einiges darüber geschrieben, u.a. den Artikel:
    http://www.henning-uhle.eu/?p=2181

    Das ist nur einer von vielen.

    Bemerkenswert ist, dass es immer wieder die selben sind, die auf C.W. eindreschen. Und ein Teil rudert jetzt zurück, wie unschwer am Artikel zu erkennen ist:
    http://t.co/SWYoxZWr

    Ich weiß nicht, aber das Medienkartell muss sehr hilflos sein, so etwas bis zum Erbrechen auszurülpsen. Damit gibt das Kartell wahrlich ein erbärmliches Bild.

  21. @Uwe Alschner #28 – Danke für Ihren Diskussionsbeitrag. Sie werfen da einige spannende Fragen auf, auf die ich keine Antwort habe. Man muss, wie ich finde, die Leistung der Bild-Reporter anerkennen, dass sie im Fall Hauskredit sauber recherchiert haben, dass die Fakten, die sie zusammengetragen haben, offenbar alle korrekt sind. Investigative Recherche ist wichtig, wenn Sie mich fragen, eine – wenn nicht gar DIE Überlebenschance für professionellen Journalismus. Was die Motivation, das Timing und die politische Dimension hinter dieser Recherche betrifft, das ist eine ganz andere Debatte, die noch zu führen ist. Vielleicht lässt sich das erst mit ein wenig Abstand tun, beispielsweise dann wenn Christian Wulff ins politische Exil in die USA ausgewandert ist.

  22. Ich wünsche mir auch den Rücktritt von einigen mehr als unbeteiligten Journalisten.

    Tweet “Heddesheimblog” (Herausgeber Hardy Prothmann) vom 7. Januar 12:
    Die #Wulf – Krise weitet sich aus. Es gibt noch mehr Rücktrittskandidaten http://t.co/sQ3LAcHm
    https://twitter.com/#!/heddesheimblog/status/155573616581419008

    Der Link führt zu Hardy Prothmanns Blog und einem persönlichen Blogposting. Hier sind die Rücktrittskandidaten nur noch im persönlichen Gespräch. Die Rücktrittskandidaten entpuppen sich nur als persönliche Wunschkandidaten.

    Affäre Wulff: Jede Menge Rücktritte vonnöten
    http://www.pushthebutton.de/2012/01/07/affaere-wulff-jede-menge-ruecktritte-vonnoeten/

    Solche rhetorischen Formulierungsspielchen auf Parterre-Niveau finde ich auf Blog/Medienebene bedenklich bis kritisch. Aber oben gscheitschlau mitkommentieren und den Artikel noch verlinken (anbiedern?) müssen.

    Hardy Prothmann: [...] Das ist eine Bagage von Hinterzimmerjournalisten, Bundespressedingsbumsteilnehmern, Borchadt-Stammgästen, Schniefnasen und Dauerschluckis, blondgefärbten, zurechtgefönten Sympathieträgern oder inbrünstig öffentlich-rechtlich gepämperten, brummenden Wichtigtuern sowie schneidigen Springersoldaten. [...]

    Wer sind denn die Schniefnasen und Dauerschluckis? Gibt es dazu Belege? …die Prothmann gerne immer gleich von anderen einfordert.

    Dumme Vorurteile eines blubbernden, hetzenden Schwätzers.

  23. Ober-Werber und Ex-ADC-Chef Amir Kassaei hat gestern Abend folgendes getwittert: “Deutschland braucht überhaupt keinen Bundespräsidenten weil das Amt entbehrlich ist. Damit wäre alles gesagt. Zurück zu wichtigen Dingen.” Stellt sich die Frage, was die wichtigen Dinge sind. Wie sich Gina-Lisa im Dschungelcamp schlägt? Wann das iPhone 5 endlich kommt? Dass Philipp Rösler politische Pläne hat, die er mangels Wählern nicht wird umsetzen können? Dass die Sternsinger bei Madame Merkel im Kanzleramt waren? Es ist lästig und drückend, dass dieser Bundespräsident durch seine Anwesenheit im Amt es uns nicht erspart, ihn wegdiskutieren zu müssen. Und jeder, den es stört, dass SpOn und “Bild” auf dieser Geschichte ad nauseam herumreiten, ist ja eingeladen, sich keine “Bild”-Zeitung mehr zu kaufen, sie auch nicht aus dem Stummen Verkäufer zu klauen, ja nicht einmal die Titelschürze zu beachten. Und er kann statt SpOn auch eine der vielen anderen Nachrichten-Websites aufrufen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Boulevardzeitungen und Websites – kein Medium spürt das Interesse der Konsumenten an seinen Inhalten so unmittelbar wie diese – wochenlang ein Thema beackern, wenn die Leser doch lieber wieder über die Euro-Krise, den Pflegenotstand oder die Frage lesen möchten, ob Behavioral Targeting der Königsweg im Mobile Advertising ist, um mal auf Herrn Kassaei zurückzukommen. Die bösen Medien zu schelten, wenn einem die Nachrichtenlage nicht gefällt, das war schon immer ein billiger Reflex der Herrschenden, der wird sich auch so schnell nicht ändern. Herr Vogel hat gestern bei Jauch gefordert, die Diskussion um Wulff müsse zu einem Ende kommen. Das, lieber Herr Vogel, haben Sie nicht in der Hand, und allein die Forderung ist anmaßend.

  24. Der CW-Wert in den Medien hat sich verändert ;-)

    Vielen Dank für den Beitrag. Einer der mutigeren zum Thema.

    Obwohl wir eigentlich alle keine Zeit für das folgende Video haben, so poste ich den Link hier dennoch. Insbesondere Herrn Dan Danson zum Verständnis (man kann sich die Dokumentation ja bei Gelegenheit eventuell mal alternativ zum “Tatort” ansehen ):
    http://www.youtube.com/watch?v=fbG-W4rH5J0&feature=player_embedded
    Eine anderthalbstündige Dokumentation über unsere Medienlandschaft, deren Drahtzieher und die verschiedenen Einflüsse, die zu dem führen, was wir Nachrichten nennen.

  25. Ein sehr schöner, selbstkritischer Kommentar mit Eingeständnissen, die man von journalistischer Seite leider nur selten hört (siehe erste Reaktion des ZDF auf Nachfragen zu Frau Schausten im Bundespräsidenten-Interview)!

  26. Zunächst einmal wieder vielen Dank für deinen informativen und kritischen Journalismus, Richard!
    Ich habe schon häufig die Beobachtung gemacht, dass scheinbar sehr komplizierte Dinge oft eine einfache Erklärung haben.
    Gestern Abend bei Jauch sah man Spiegel und Bild einträchtig nebeneinander. Der Bild-Redakteur äußerte sich erneut über den Drohanruf, dessen Wortlaut er aber nicht konkret nennen wollte. Sein Spiegel-Freund verbreitete dann mit ernstem Gesichtsausdruck, dass er den Wortlaut des Drohanrufes vom Bild-Freund erhalten habe, und dass dieser schlimm sei, und dass dieser in Auszügen in der am nächsten Tag erscheinenden Spiegel-Ausgabe abgedruckt würde.
    Im Internet war heute bis jetzt (14 Uhr) weder bei Spiegel noch bei Bild der konkrete Wortlaut des Drohanrufes nachzulesen. Immerhin gab es beim Spiegel im einem Teaser zu einem Wulff-Artikel einen Hinweis drauf (“Große Teile der Abschrift sind allerdings längst bekannt.”).
    Worum es bei dem Drohanruf, über den seit Tagen diskutiert und gemutmaßt wird, wirklich geht, erfährt man also nur, wenn man sich die Printausgabe vom Spiegel kauft.
    Wer Schlechtes dabei denkt …

  27. Hi Richard,
    hast wieder nen guten Artikel verfasst.
    Ich habe allerdings einen Fehler absteits von der inhaltlichen Ebene gefunden!
    Du hast im vorletzten Absatz “außeracht” geschrieben.
    Das ist nach der aktuellen Rechtschreibung wohl ein Fehler (korrigiere mich wenn ich mich irre).
    Trotzdem, weiter so!
    PS Du musst meinen Kommentar auch nicht freischalten, um die Anschuldigung der nur vorgespielten Transparenz von dir abprallen zu lassen.

  28. @Uwe Alschner

    Sie irren.Es ging nie um “fast” 60 Prozent und schon gar nicht um 56% wie in dem von Ihnen verlinkten Chart: http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend1438-magnifier_pos-1.html ist nicht das Richtige.
    Es ging um genau 60% und die Formulierung “Zweite Chance”, die allerdings nicht auf der ARD Seite vom 5.1. auftaucht und auch nicht auf Umfrage Seite vom 5.1. bei Infratest Dimap.
    http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2012/januar-extra/

    Mittlerweile wurde von Infratest an anderer Stelle ein Chart nachgereicht, wie ich vermute, der das “Zweite Chance” Statement in einer kombinierten Auflistung von Statements präsentiert. Überzeugt mich nicht. Viel Spaß beim suchen danach ;)

  29. Ich teile viele Ihrer Gedanken. Eine gewisse Komik hat es schon, das Wulff die Pressefreiheit in Deutschland ausgerechnet über die BILD Zeitung angegriffen haben soll.

    Wir wissen alle, BILD steht für ganz ganz sauberen Journalismus und Günter Wallraff war nur ein linker Nestbeschmutzer. Wie eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter dann in anderen Redaktionen auftaucht, das hat auch was, ist aber sehr vielen Journalisten keine Bemerkung wert.

    Putzig auch heute die Diskussion ab 10.10 Uhr im Deutschlandfunk. Da warf der Millionenerbe und Verleger Jakob Augstein Herrn Wulff zu enge Kontakte bzw. Ferienaufenthalte bei Millionären vor.

    Nicht das mir Wulff politisch besonders nahe steht oder ich ihn sympathisch finde, aber diese moralinsaure Diskussion ist schon hochgradig merkwürdig.

  30. @Franz (#33)
    Stimmt.

    Prothmann: [...] Einer heißt Ulrich Deppendorf – Wortspiele drängen sich auf, aber dafür ist die Lage zu ernst.[...]

    Sowas ist schon peinlich für einen Journalisten.

  31. mir stellt sich eine ganz grundsätzliche frage: hat ein bundespräsident ein privatleben? wenn ja, dann hat er auch ein recht darauf, bei wie auch immer gearteten und situierten freunden einen günstigen kredit in anspruch zu nehmen oder bei ihnen gratis zu urlauben (alles das hätte er m.e. sogar unabhängig von der antwort, solange daraus im gegengenzug keine vorteilsnahme/-gabe erfolgt, und die habe ich bisher nirgendwo dokumentiert gefunden). hätte er dagegen während seiner amtszeit keinen anspruch auf privatleben, ist also immer als repräsentant “im amt”, dann stünden ihm auch privat alle bequemlichkeiten des amtes zu, selbst ein flug in den urlaub oder zu einem interview mit der “präsidentenmaschine”, oder? ein upgrade im flieger würde dem amt anerkennung zollen und rechnung tragen, oder können wir uns einen repräsentanten leisten, der economy fliegt? ist nicht alles andere scheinheilige neid- oder “zu-fall-bringen”-debatte? wer steuert das? politische oder private neider, ein journalismus, der unter dem deckmantel der pressefreiheit sich über den souverän stellen will oder, oder, oder? ist das eine strafbare rufbildschädigung?

  32. Kompliment Herr Gutjahr,
    ich finde Ihren Artikel toll und ganz schön mutig. Die Diskussionen zeigen, dass es wichtig ist, auszusprechen, was alle wissen. Habe gestern “Hart aber fair” gesehen und hätte mir gewünscht, Sie wären Gast gewesen!

  33. Eine interessante Frage hätte ich:

    Wenn Wulff von Anwälten (bislang) 500 Fragen beantworten lässt – zu seiner privaten Kreditfinanzierung – kostet das bei

    - 1 Stunde pro Frage (inkl. Vor- und Nachbereitung; Vergleich; Korrektur etc.)

    - 200 Euro (Brutto) pro Stunde im Schnitt (Anwälte mit unterschiedlichen Gebührensätzen; Texter; Hilfskräfte

    Rund 100.000 Euro. Zahlt er die selbst? Dann war der Kredit doch nicht so günstig….

    Oder wird damit (Privatkredit (sic!)) die Staatskasse belastet?

  34. Hallo Herr Gutjahr, schöner Bericht und er beschreibt die Zustände wohl mehr als treffend. Die Anzahl der Lösungsvorschläge lässt ein wenig zu wünschen übrig, aber trotzdem denke ich, dass die Zeiten etwas besser geworden sind. Wo man früher noch mit Vetternwirtschaft durchkam, kann man sich heute fast sicher sein, dass irgendwo ein kleiner Blogger sitzt, der seine große Geschichte sieht.
    Von diesem Punkt aus betrachtet, sollten die Politiker vielleicht neue Wege zur Macht suchen und die Journalisten sich wieder mehr auf ihren Instinkt verlassen, anstatt auf freiwillig gegebene Informationen.

    mfG

    Marc