7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben

Manuskript zu meinem Impulsreferat, das ich anlässlich der Fachtagung „24 Stunden Zukunft“ für junge Journalistinnen und Journalisten des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) in Hamburg gehalten habe.

Wer mich kennt, weiß, ich bin ein Hybridmodell. Ich moderiere die Spätnachrichten im Fernsehen, ich blogge, ich schreibe aber auch für dieses Dingsda… dieses… Ja. Richtig: Zeitung.. Ich bin also in der alten wie in der neuen Welt zuhause …und ich kenne alle Tricks:

  • Wie man Straßenumfragen so schneidet, damit die Passanten auf der Straße zufällig am Ende genau die gleiche Meinung vertreten, wie der Redaktionsleiter, der einen mit dieser wichtigen Aufgabe betraut hat.
  • Wann ich meine Blogposts live schalte, damit die Presseabteilung der betroffenen Firma, über die ich blogge, möglichst nicht mehr am selben Tag reagieren kann.
  • Wie man mit dem Presseausweis des DJV ordentlich Journalistenrabatte abstaubt.

Ich weiß das alles.

Und weil ich das alles weiß, fällt es mir umso leichter, heute nicht nur ein Nest zu beschmutzen, sondern gleich zwei!. Sollte ich also jemanden von Ihnen verletzen, seien Sie versichert, ich meine jedes Wort genau so wie ich es sage.

„Mit Synergien in den Untergang“ lautet laut Programmheft der Titel meines Impulsvortrages. Ich möchte diesen Titel um eine eigene Unterzeile ergänzen:. „7 ultimative Tipps, damit Sie auch morgen noch einen Job haben“

Tipp Nummer 1: Streichen Sie das Wort „Synergien“ bitte noch heute aus Ihrem Wortschatz!

Vergessen Sie, dass dieses Wort jemals existiert hat und verwenden Sie es möglichst niemals wieder. „Synergien nutzen“, „crossmedial“ oder auch „trimedial arbeiten“ – Buäh! Was soll das?! Erstens: Wer das Internet im Jahr 2011 immer noch als Medium bezeichnet, der soll jetzt bitte nach Hause gehen und sich lieber wieder um seine MySpace-Seite kümmern. Zweitens: Wie alt ist dieses Internet-Dingens doch gleich? 20 Jahre? Wer heute noch zwischen alten und neuen Medien unterscheidet, hat auch wirklich gar nix kapiert.

Tipp Nummer 2: Verbrennen Sie Ihre Social Media Guidelines!

Bei der ARD haben wir jetzt Social Media Guidelines. Hat auch nur 3 Jahre gedauert, bis sich alle angeschlossenen Anstalten auf ein gemeinsames Papier einigen konnten, das so lang ist und sich ungefähr so spannend liest, wie die Nutzungsbedingungen des Apple iTunes-Stores. Mal ehrlich: Wer hat sich diesen Müll ausgedacht? Ich weiß nicht, wie viele Juristen, Hauptabteilungsleiter und Social Media-Beauftragte an diesem Machwerk gesessen haben.

Wenn man solche Social Media Guidelines liest, hat man hinterher soviel Lust auf Facebook, Twitter oder Blogs wie auf Hämorrhoiden. So notwendig wie die Packungsbeilage zu einer Glasflasche auf der die Worte stehen: Vorsicht Gift!

Verbrennen Sie Ihre Social Media Guidelines und verteilen Sie, wenn schon, lieber bunte Buttons oder Sticker auf denen mit freundlichen Buchstaben steht: „Sei kein Idiot“.

Tipp Nummer 3: Lesen Sie keine Zeitung mehr!

Eine Beobachtung, die ich immer wieder gemacht habe – und zwar egal für welches Medium ich bisher gearbeitet habe: Medienmacher gehören zu den ideenlosesten, bequemsten und mutlosesten Menschen, die ich kenne. Schreit einer “Killergurken!”, schreiben es alle anderen ab. Wir Journalisten sind die personifizierte Copy & Paste-Funktion, dafür benötigt es noch nicht einmal das Internet.

In den meisten Redaktionen, für die ich bisher gearbeitet habe, besteht eine Redaktionssitzung darin, dass wir die Schlagzeilen der Morgenzeitungen ausschlachten und für die Abendnachrichten und Magazine verfilmen. “Laaaaaangweilig!” sage nicht nur ich, sondern sagen auch unsere Zuschauer. Aber dann die Nase rümpfen, wenn die lieber das Dschungelcamp gucken. Liebe Kollegen: Lesen Sie keine Zeitung mehr!

Tipp Nummer 4: Zerschnippeln Sie Ihren Presseausweis!

Ich bin vor Jahren aus dem DJV ausgetreten. Aus Gründen. Das erste Jahr habe ich meinen Presseausweis vermisst. Dann nicht mehr. Im Gegenteil. Seitdem ich nicht mehr so oft mit den offiziellen Presseabteilungen zu tun habe, weil die ja mit Bloggern sowieso nicht reden und auf einen Presseausweis bestehen, kann ich viel freier, viel journalistischer arbeiten:

Pressesprecher: “Moment mal! Haben Sie eine Drehgenehmigung?“

Ich so: „Nee, is nur für mein Blog.“

Pressesprecher: „Achso.“

Plötzlich kann man wieder Dinge ohne Aufsicht tun, mit Leuten reden, Fotos machen, wo man mit dieser Plastikkarte und einer ordentlichen Akkreditierung nie, nie, niemals hin dürfte! Während die Verlage und Sender ihre Redaktionen so ausgedünnt haben, haben Firmen und Regierungen ihre Wellenbrecher an Pressesprechern und PR-Firmen so hoch gefahren, dass wir nur noch selten bis zum Kern einer Geschichte vordringen.

Unterlaufen Sie diese! Lernen Sie wieder, unter dem Radar zu fliegen! Rufen Sie nicht in der Presseabteilung an! Und tun Sie sich selbst den Gefallen:. Zerschnippeln Sie Ihren Presseausweis!

Tipp Nummer 5: Zertrümmern Sie Ihr iPad!

Dieses Ding hier (iPad) wird weder die Zeitung, noch Ihren Job retten. Das können nur Sie selbst. Eine dünne, unmotivierte Geschichte wird auch auf einem schicken Gerät nicht besser. Das gilt übrigens auch für diesen ganzen Multimedia-Nonsens. Wenn Sie nichts zu sagen haben, wird Ihre Geschichte auch nicht besser, wenn Sie neben Ihren Text eine lustige Flash-Animation einfügen. Läuft auf dem iPad eh nicht. Daher:. Zertrümmern Sie Ihr iPad!

Tipp Nummer 6: Meiden Sie Bedenkenträger

Ich arbeite seit über 10 Jahren beim Bayerischen Rundfunk, habe dort viel gelernt und bin mit Herzblut Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Systems. Was ich viel zu spät kapiert habe: Unsere Neigung, jede Form von Fortschritt zu bekämpfen, überall vor allem die Gefahren zu sehen und so Dinge wie Twitter, Facebook oder Google niederzumachen, bevor wir es überhaupt auch nur mal ausprobiert haben – diese Attitüde kotzt mich an.

Seitdem ich mich ein bisschen freigeschwommen und den experimentierfreudigen offenen Journalisten in mir wiederentdeckt habe, habe ich mir folgendes vorgenommen: Egal an welchen Projekten ich in Zukunft arbeite, ob ich blogge, Workshops besuche oder auch mal ein Impulsreferat wie heute hier halte: Umgib Dich mit positiven Menschen! Stinkstiefel, Miesepeter und Langweiler, die immer nur jammern, habe ich bis hier! Meine Zeit ist zu kostbar, um mich von Bremsern und Blockierern runterziehen zu lassen. Dafür ist die Epoche, in die wir da hineingeboren worden sind, viel zu aufregend. – Meiden Sie Bedenkenträger!

Und damit bin ich auch schon beim letzten Punkt meines kleinen Offline-Rants angekommen. Einem Punkt, von dem ich weiß, dass er Ihnen sehr wichtig ist, deshalb habe ich ihn mir zum Schluss aufgehoben:

Tipp Nummer 7: Denken Sie nicht an Geld!

Ich weiß, dass Sie jetzt sagen: “Ach, der Gutjahr hat leicht reden, bei all den Millionen die der mit seinem Blog verdient!” Zur Info: Auch ich habe schon mehrfach durch Einsparungen und Umstrukturierungen meinen Job verloren. Das letzte mal 2010 im Juli. Am Ende habe ich zum Glück immer irgendetwas anderes gefunden. Auch die Öffentlich-Rechtlichen sind keine sichere Bank.

Deshalb: Tun Sie das, woran Sie glauben, wovon Sie überzeugt sind. Klar müssen Sie dabei auch zusehen, dass genug Geld reinkommt. Arbeiten Sie 4 Tage die Woche in einer soliden, klassischen Umgebung. Aber dieser eine, dieser 5. Tag, der gehört Ihnen! Beginnen Sie ein Blog, eröffnen Sie einen YouTube-Channel, allein oder in der Gruppe, suchen Sie nicht nach Synergien sondern nach Gleichgesinnten und machen Sie Ihr Ding!

Wenn Sie für das Brennen, was Sie machen und Sie Ihr Handwerkszeug einigermaßen beherrschen, gebe ich Ihnen Brief und Siegel: Das Geld wird irgendwann kommen.

Sie leben in einer geilen Zeit. Machen Sie was draus!

Vielen Dank.

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91 Gedanken zu “7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben

Zitiert von
  1. Journalisten: 7 ultimative Tipps, damit Sie auch morgen noch einen Job haben | G! – gutjahr’s blog | itsthenews.tk

  2. Digital Media Women » DJV: Gekommen, um Journalist zu bleiben

  3. 7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben | Journalismus 2.0 | Scoop.it

  4. digital and crossmedia journalism - “24 Stunden Zukunft” sind vorbei

  5. DiesDas

  6. stilstand» Blogarchiv » Wieder ein neues Wort gelernt

  7. Journalismus & Social Media: Tipps von Richard Gutjahr « Journalismus21

  8. 6. Oktober 2011 bis 10. Oktober 2011 | word of mouse

  9. 7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben | "Socialmedia für Unternehmen" | Scoop.it

  10. Wie sieht der Journalismus der Zukunft aus? Zwei tolle Texte zum Thema | Curious on the Road

  11. Netztrip #1 | Thomas Diesenreiter

  12. » Mein Schreibprozess » antiperson

  13. 7 ultimate Tipps to save your Job as a Journalist « PC’s Pixels and Posts

  14. Linksverkehr KW 41/11 » YOUdaz.com

  15. Journalismus und Social Media | medien21

  16. Flattr-Charts Oktober: Da sind sie! » YOUdaz.com

  17. Social Media Guidelines: Sinnvoll oder doch überflüssig? » t3n News

  18. Link: Radikal, aber interessant. | Fotos. Videos. Was mit Medien.

  19. queo blog – Das Blog der Spezialisten für kreative Werbung, ganzheitliche Onlinevermarktung und individuelle Softwarelösungen. » Gastbeitrag: RA Bernhard Kelz über Social Media Guidelines

  20. Gastbeitrag: RA Bernhard Kelz über Social Media Guidelines | queo blog – Das Blog der Spezialisten für kreative Werbung, ganzheitliche Onlinevermarktung und individuelle Softwarelösungen.

  1. Danke, ein sehr inspirierender Artikel. Vor allem das Zitat “Wenn man solche Social Media Guidelines liest, hat man hinterher soviel Lust auf Facebook, Twitter und private Blogs wie auf Hämorrhoiden.” ist köstlich!

    Nummer 6 stimme ich nur insofern zu, als dass ein wenig (gesunde und konstruktive) Kritik oder ein berechtigter Mahnhinweis durchaus ab und an angebracht sein können. Manche Menschen neigen zum Größenwahn, andere zum übertreiben und wieder andere zum Machtmissbrauch. Da tut eine externe Schranke besser als eine vor dem Kopf. ;)

  2. Niemals Zeitung lesen und keinen Presseausweis haben, in Schleichfahrt recherchieren und die Maßgabe, nicht mit Idioten zusammenzuarbeiten, das sind so meine Modi Operandi. Und endlich sehe ich mal: Ich bin nicht allein.

    Ich empfinde ehrliche Freude darüber, nicht der einzige Journalistenhasserjournalist zu sein. Jetzt muss ich nur noch jemanden finden, dessen iPad ich zertrümmern kann. Will it blend?

    • @Clemens Gleich – Naja, hassen muss man uns Journos jetzt auch nicht gleich. Aber wir sollten lernen, auch mal unsere eigene Rolle zu hinterfragen. Auf der Podiumsrunde bemerkte Chefredakteur Vorkötter (Berliner Zeitung) wie ich finde sehr richtig: Wir Journalisten sollten doch nicht so tun, als hätte der digitale Wandel nur unseren Berufsstand getroffen. Jeder Ingenieur, Unternehmer, jede Krankenschwester ist diesem Wandel unterlegen. Nicht Jammern. Ändern!

  3. Schon beim ersten Punkt hab ich nur gedacht: oh mein Gott, wie recht er doch hat. Ich studiere in einem Studiengang Journalismus, der sich als völlig neu präsentierte, aber unsere Lehrbeauftragten benutzen tatsächlich Worte, wie im ersten Abschnitt aufgeführt, inflationär. Veraltet im Kopf, im Verhalten, in ihren Unterichstmethoden. Eines unserer Module heißt sogar Next Media. Ein anderes Crossmedia . In diesem Modul, zum Beispiel, war es unsere Aufgabe einen Film zu drehen und einen Text zu liefern, der sich inhaltlich nicht zwingend unterscheiden musste. Danke und Abfahrt. Web 2.0 ist immer noch das neue Medium in diesem Studium. Soviel zu diesem Punkt.
    Ach so: der Studiengang ist gerade mal vier Jahre alt.

  4. Kann ich alles unterschreiben, wenn man den finanziellen Background hat. Leider, leider muß man im Leben auch Dinge tun, die nicht immer so viel Spaß machen, um Geld zu verdienen, damit die Familie was zu essen hat. Das alles klingt sehr nach der Lebenseinstellung von S. Jobs.

  5. auch eine Erklärung gegen Flash ;)
    Also das mit dem iPad überleg ich mir nochmal, aber ohne eine Geschichte die interessant ist, nutzt das alles nix. Das wusste auch Steve Jobs.

    Und vor allem, erst seitdem ich tue was ich wirklich mag, bin ich gut, bekomme ich Bestätigung und ehrlichen Zuspruch und kann mein Glück (gute Laune, echtes Lächeln…) weitergeben!
    Nur so funktioniert gesunder Erfolg. (wer sich das mal ansehen will, kann gern auf meinem eigenen TV Sender zuschauen http://www.youtube.com/isartom ;)

  6. Liebes Hybridmodell ;-),

    “Wer das Internet im Jahr 2011 immer noch als Medium bezeichnet, der soll jetzt bitte nach Hause gehen” …
    “Wer heute noch zwischen alten und neuen Medien unterscheidet, hat auch wirklich gar nix kapiert.”

    Da ich im Moment zu Hause sitze, kann ich ganz entspannt fragen: Als was, wenn nicht als “Medium”, soll man das Internet denn bitte sonst bezeichnen? Als Multimedium? Als Medien, im Plural? Als “Mutter aller Medien”?

    Ich glaube, solche überpointierte Stoßseufzer-Polemik hilft niemandem weiter. Sie ist lediglich das zeitgeistkonforme Gegenstück zum prähistorischen DJV-Zerrbild des “Redaktronikers”, jener mit Mikro, Kamera, Computer und Schreibblock behängten, aber technisch analphabetischen eierlegenden Wollmilchsau, vor der sich Zeitungsreporter vor 25 Jahren ängstigten.

    Das Problem, das wir als Journalisten lösen müssen, besteht IMHO darin, dass technikaffine, aber journalistisch unerfahrene junge Kollegen in einer anderen Welt leben als technophobe, aber journalistisch erfahrene ältere. Eigentlich könnten beide Lager von einander lernen, aber sie sprechen nicht die gleiche Sprache, gehen zu wenig aufeinander zu, haben Vorurteile. Ich kenne das aus dem DJV recht gut, da geistern immer noch zu viele Einmal-Zeitung-immer-Zeitung-Redakteure herum, die sterbenslangweilige Blätter machen – Leute, die sich größer machen, als sie sind, um auf die Online-Kollegen (und auf die Freien) verächtlich hinabblicken zu können. Nicht dass alle so wären, aber es sind halt noch verdammt viele. Das Dumme ist, dass an den Vorurteilen auf beiden Seiten etwas dran ist. Da muss man ansetzen – und nicht Leute rhetorisch “nach Hause” schicken.
    Wenn ich als altersweiser Besserwisser das mal hier sagen darf. ;-)

    @ Constanze Mantel:
    Vor ein paar Tagen habe ich mich mit Jörg Sadrozinski (neuer Leiter der DJS) darüber unterhalten, worauf es in der Journalistenausbildung wirklich ankommt. Wir waren uns einig darin, dass es eigentlich die alten Tugenden sind, allem voran gute Recherche – unabhängig von der Form, in der die Beiträge zum Rezipienten kommen. Insofern ist es das Gegenteil von zeitgemäßer Ausbildung, wenn die Technik – oder gar der letzte Schrei, der vor dem Aufsetzen des Studiengangs zu hören war – in den Mittelpunkt gestellt wird. Sie ist Mittel zum Zweck, nicht mehr, nicht weniger. Der Zweck ist: so gut, so korrekt, so relevant, so spannend und dabei unterhaltsam zu informieren wie möglich.

    Dennoch ist es nicht einerlei, ob wir schreiben, fotografieren, filmen. Es ist nicht egal, ob Zeitung, Zeitschrift, Hörfunk, Fernsehen, online, offline, live oder geschnitten. Nicht jeder kann alles, nicht jeder muss alles können (ich wäre als VeeJay eine krasse Fehlbesetzung). Aber jeder muss wissen, wie er in der Medienform, in der er ganz konkret arbeitet, das Beste aus dem Thema macht.

    • @Ulf Herzlichen Dank für diesen Beitrag, den ich ausdrücklich in allen Punkten, inkl. der Kritik an meiner überzogenen Stoßseufzer-Polemik, so teile. – Zur Internet=Medium-Frage: Ich versuche mir, das Internet nicht als “Medium” sondern als Plattform vorzustellen. Amir Kassaei nannte das mal die “Infrastruktur des 21. Jahrhunderts” auf der alles stattfinden kann. Das trifft es für mich eher, als der Begriff “Medium”. Wie sehen Sie das?

  7. @Richard @Ulf Also ich persönlich bin ja Freund der Gutjahrschen und von mir aus auch Kassaeischen Internet = Infrastruktur-Idee. Allerdings: auf den Straßen, den Häfen, den Schienen muss auch was fahren, auf den Datenbahnen muss was los sein.

    Das Web dann also doch nur Trägermaterial? Wie die Wurst fürs Ketchup? Nope, zu wenig. Weil das Web sich “selbst befüllt” (leider auch allzu oft selbst unterhält) muss es mehr sein. Mehr als Träger, mehr als Medium. Dann, wenn das angekommen ist, hat auch die Bedenkenträgerfraktion nichts mehr zu tragen. @Gutjahr: Schöner Beitrag!

  8. @ Ulf J. Froitzheim:

    Das “Internet” ist ebenso wenig Medium, wie Papier als solches “Medium” ist. Papier kann zum Einwickeln von Geburtstagsgeschenken dienen – werden Artikel daraufgedruckt, entsteht ein Mediums namens Zeitung. Und so ist auch das Internet erst mal kein Medium.

  9. Die Journalisten-Variante von “stay hungry, stay foolish” ;-) Da ich meine Brötchen (und übrigens auch die meiner Kinder) u.a. mit dem Lesen und wiederkäuen von Zeitungen, dem Vorzeigen eines Presseausweises und hin und wieder auch als Bedenkenträger verdiene, werde ich sicher nicht alle Ratschläge beherzigen, kann sie aber trotzdem bestens nachvollziehen.

    Ich bin allerdings zuversichtlich, dass die künftige digitale Content-Welt nicht nur Visionäre braucht, so wie auch die IT-Welt nicht nur aus vielen Steve Jobs besteht. Auch künftig wird es einen Bedarf an “Content-Handwerkern” geben – in welcher Form die Inhalte dann auch immer verbreitet werden. Und sich im System der Wellenbrecher und PR-Abteilungen auszukennen, wird auch künftig Vorteile bringen – spätestens, wenn die Wellenbrecher erkannt haben, dass auch ein Blog Wellen schlagen kann.

    Geistige Schranken zu öffnen, wie es der Text versucht, ist deshalb zwar absolut notwendig. Als 8. Tipp würde ich aber trotzdem noch dazufügen: Lernen Sie, einen stabilen Tisch zu schreinern!

  10. @alle: Sorry, hab’ gerade ganz altmodisch BR-Fernsehen geschaut… ;-)

    Also: Das Internet würde ich schon in einem Atemzug mit dem Rundfunk nennen. Beide Begriffe stehen doch sowohl für technische Infrastrukturen als auch für die Vielfalt an Inhalten, die darüber verbreitet werden.

    Ich will jetzt nicht über “The Medium Is The Message” philosophieren, das ist eigentlich durch. Klar ist aber, dass die technischen Möglichkeiten das prägen, was Journalisten daraus machen. Dabei sind die Grenzen eh nicht mehr scharf zu ziehen, seit die “Neuen” Medien Alltag geworden sind. In den frühen Achtzigern – Btx entwuchs gerade den Feldversuchen – haben wir über den Rückkanal fürs Fernsehen theoretisiert. Damals krabbelten die Daten mit 0,0012 Megabit durchs Telefonkabel. 30 Jahre später gibt es Triple Play mit IPTV, aber immer noch keinen akzeptierten Standard für interaktives Fernsehen (welcher Normalzuschauer versteht, was der Verkäufer mit “HbbTV” meint?). Aber wir brauchen es auch gar nicht mehr, weil es im Zweifelsfall eine App gibt, die den Zweck besser erfüllt als jedes in den Fernseher hineingebastelte System. Wir schauen, wann wir wollen (Timeshift etc.) und wo wir wollen (gern Bigscreen, notfalls auf dem Smartphönchen). Im Grunde braucht man also medientheoretisch nur noch zwischen audiovisuellen Inhalten und Text/Standbild zu unterscheiden.

    @ Matthias: Natürlich ist Papier kein Medium, erst die Zeitung ist eines. Die Analogie zum universellen Druckfarbenträger “Papier” ist aber die Dark Fiber, das dunkle Glasfaserkabel. Die Übertragungsprotokolle – also Software, nicht Hardware – machen daraus das Medium Internet, so wie Lichtsatz und Druckerpressen das Papier zum Medium Zeitung machen.

  11. sehr erfrischender Diskussionsbeitrag, herrlich provokant. Am meisten stimme ich mit dem Satz “Mach Dein Ding” überein. “Lesen Sie keine Zeitung mehr” kann ich nicht stehen lassen, da gibt es doch ein sehr großes Spektrum und auch die eine oder andere inspirierte Zeitung.

  12. Ist es wirklich so wichtig, wie man das Internet begrifflich exakt einordnet? Nennen wir es halt Kommunikations-Kanal oder -Plattform – so wie es Rundfunk oder Zeitungen sind. Und jede Plattform ist genau das, was die jeweiligen “Macher” und Nutzer daraus machen oder darin sehen – das Spektrum der Möglichkeiten ist groß, mit dem Internet gar gewaltig und kaum in einem Begriff festzumachen.

    Mein Austritt aus dem SWJV liegt schon rund zwei Jahrzehnte zurück und ich habe es nicht bereut, zumal Journalistengewerkschaften meiner Erfahrung nach dazu tendieren, “Freie” (auch in öffentlich-rechtlichen Sendern) entweder stiefmütterlich zu behandeln oder gar zu torpedieren.

    Allerdings hat es eine Weile gedauert, bis ich mich als Neu-Blogger (erst seit rund zwei Jahren) wirklich getraut habe, “unterhalb des Radars” der Pressestellen zu recherchieren. Man hat halt die alten Redaktions-Mechanismen noch ziemlich in den Knochen stecken. Inzwischen ist es aber ganz erfrischend, in einem Unternehmen oder bei Verbänden etc. mit Fachleuten und tatsächlich Verantwortlichen zu sprechen statt wie früher mit Informationsverhinderern.

  13. Ein schöner Artikel, überzogen provokant, der einem mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt und Reaktionen haben will. Und nach den Aufzählungen möchte ich auch kein Bremser oder Miesepeter sein.
    Dennoch :)
    Jeder Mensch wächst für sich. Ich kann gut verstehen, dass man auf die Welt sauer ist und alle anderen Menschen eine Verblödung attestieren will. Aber glauben tue ich, dass es so einfach nicht ist. Die Welt ist in den Köpfen der Menschen real und jeder denkt, er habe gute Gründe die Dinge so zu sehen wie er sie eben sieht. Sollten wir in ein Zeitalter von “Richtig” und “Wahr” hineinlaufen, so würde ich in vorderster Reihe stehend klatschen. Aber – und da kommt die Bremse in mir – das glaube ich nicht. Nicht die Menschen verändern sich, es sind die Individuen. Jedes Medium wurde zu Anfang verpönt, kann ich mir vorstellen. Aber man kann auch mit wehenden Flaggen in verderben gehen, wenn man Alles bejaht. Jeder Mensch versucht die Welt in seinem Kopf konsistent zu halten und nur die wenigsten sind davon frei.
    Ich glaube, wenn es zum Stillstand kommt, möchte ich der sein der antreibt. Aber geht es zu schnell voran, so wäre ich gerne die Bremse.

  14. Da fehlt leider ein essentieller Punkt in der Liste:

    “Streicht das Wort ‘ultimativ’ aus dem Vokabular”

    Das Einzige, was in dieser ultimativ innovativen Welt, voller ultimativer Superlative und nahezu ultimativen Möglichkeiten, in denen selbst ultimatives Versagen ultimativer Konzernchefs mit ultimativen Abfindungen belohnt werden, in der ultimativ angekündigte Bildungsoffensiven ultimativ in den Sand gesetzt werden, einer Welt voller ultimativer, superlativer Informationsgeschwindigkeit und ultimativer Mobilität , ultimativ ist, ist der sehr unspektakuläre Stillstand….

    Aber das ist nicht wirklich eine neue Information, mit dem Problem haben sich schon die alten Römer rumschlagen müssen, und wohin das geführt hat, kann man im Geschichtsbuch nachlesen.

    Gruß
    Gunnar Hellmig

  15. Den Presseausweis kann man aber im Notfall auch einfach verstecken und gar nicht erwähnen. Oder meinst Du eher, ihn gar nicht zu besitzen, lässt diesen Drang zu unkonventionellen Methoden erst frei?

  16. Hört sich teils so an wie die Rede seiner Lebensweisheiten, die Steve Jobs 2005 in Stanford hielt. Aber nur kein Missverständnis: die fand ich inhaltlich auch gut.

  17. @Richard @Ulf,
    ich kann fast jeden Eurer Sätze sehr gut verstehen, unterstützen, unterstreichen. Doch leider ist es mit dem Punkt Gelderwerb so eine Sache. Sich etwas klassisches zu suchen, würde für mich heissen, wieder mehr bei Printmedien im Reisebereich anschaffen zu gehen. Oder bei PR-Agenturen auf der anderen Schreibtischseite. Doch glaube ich kaum noch an dies klassische Modell und sind mir die Hierarchien zu festgefahren. Auf dem sicheren Ruhekissen BR mich auszuruhen – die Möglichkeit habe ich leider nicht. Doch darüber können wir drei gern mal in München bei ein, zwei Bier drüber reden.

    Solange baue ich darauf, dass mein Geniesser-Magazin Le Gourmand http://www.legourmand.de/ bald auch die dicken Fische an Anzeigen etc. anlockt…

  18. Hallo und so,

    wenngleich ich aus einer ganz anderen Branche kommen, spricht mich dieser Blog sehr an. Ich selber mache meinen Job des Mainstreams meinen Job gut und leidenschaftlich. Wobei mir die Leidschaft wichtiger ist. Gut liegt ja immer im Auge des Berachters.
    Und gerade dann wenn man meint selber einen an der Klatsche zu haben, helfen solche Blogs…

    Weiter so….

  19. Zwei Sätze aus dem Tipp Nummer4 haben mich gerade fast vom Bürostuhl geworfen: ” Lernen Sie wieder, unter dem Radar zu fliegen! Rufen Sie nicht in der Presseabteilung an!”

    Ich arbeite als Pressesprecherin für ein Hotel und frage mich seit einiger Zeit, wie ich neben klassischer Public Relations zukünftig proaktiv Blogger Relations in meinen Arbeitsalltag integrieren kann. Sehr gern würde ich Blogger in die Unternehmenskommunikation einbinden und diesen einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Aber wie soll ich dies machen, wenn Blogger unter dem Radar der PR-Abteilungen fliegen? Würde z.B. ein Gastro-Blogger mir gegenüber den Wunsch äußern, einen Tag lang einen unserer Köche zu begleiten, dann wäre ich die Letzte, die dies verhindert. Jedoch wäre dies ohne eine Voranmeldung in der PR-Abteilung allein aus Hygiene-Aspekten gar nicht möglich. Meiner Ansicht nach kann eine gute PR-Abteilung Bloggern mehr Türen öffnen als verschließen.

    Habt Ihr alle nur negative Erfahrungen gemacht oder gibt es auch einige Best Practice?

  20. Wenn Du die Abendschau moderierst, warum sendest Du dann nicht einfach zwischendrin Musikvideos, zur Hälfte einen 5-minütigen Werbeblock und sprichst zum Schluss einen persönlichen Kommentar über den CSU-Parteitag im Namen des BR?

    Discloser: Ich arbeite für einen ÖR-Sender und habe bei Guidelines mitgeschrieben. Ich bin zwar mit dem Gesamtergebnis nicht ganz zufrieden, finde Regeln aber grundsätzlich ok.

    • @Christoph Lieber Kollege, ich will Dir und Deinen Guidelines nicht zu nahe treten – aber wir haben doch auch keine Guidelines dafür, was wir in einer Straßenumfrage zu antworten haben oder ob wir ein gedrucktes Buch herausgeben dürfen, in dem wir Firmengeheimnisse ausplaudern. Alles, wirklich alles, was in diesen Guidelines steht, ist doch durch das Arbeitsrecht bereits gedeckt.

  21. Als ÖR-Kollege kann ich fast alles unterstreichen und habe zum Glück auch schon viele ihrer 7 Regeln umgesetzt. Aber: Wie können Sie mit dieser Haltung beim BR überleben. Zumindest nicht im Fernsehen!

  22. Hurra! Schön so etwas von einem Journalisten zu lesen!

    Wir Journalisten sind die personifizierte Copy & Paste-Funktion…

    Damit sind Sie jetzt ein Nestbeschmutzer, aber werden von Millionen Lesern die das schon seit 50 Jahren wissen geliebt!

    Weiter so!

    Gruß
    Sebastian

  23. Wenn ich gerade hier ausm Fenster vom ZOB schau und rüber zum BR “Turm” dann seh ich Leute mit hochroten Kopf die auf eine Gutjahr-Puppe einschlagen…

    Hat aber bestimmt nix zu bedeuten ;)

  24. Hallo Richard, die Guidelines (die ich kenne) sind für Redaktionen und nicht für Privatpersonen bestimmt. Wir reden wohl von verschiedenem. Aber die ARD ist ja auch groß.

    P.S.: “Disclosure” natürlich!

  25. “Denken Sie nicht an Geld! [...] Wenn Sie für das Brennen, was Sie machen und Sie Ihr Handwerkszeug einigermaßen beherrschen, gebe ich Ihnen Brief und Siegel: Das Geld wird irgendwann kommen.”
    Das ist doch inhaltsleeres Befindlichkeitsgequatsche. Denken Sie nicht an Geld, dann haben Sie morgen noch einen Job und damit Geld. Das bewusste Befolgen der Handlungsrationalität verneinen, um sie dadurch besser befolgen zu können. Achso, tolle Weisheit. Da flattert man gerne.

    Tschurnalismus.

  26. @Ruprecht Frieling
    “Senior Digital Native”

    Wunderbar. Endlich ein Begriff, mit dem sich die Generation identifizieren kann, in deren Kindheit man nicht Jobs und Gates kannte, sondern Zuse, Nixdorf, Telefunken, Honeywell oder Sperry-Rand/Univac.

  27. Hier gleich noch drei Tipps: Weder Sätze noch gar Überschriften mit Ziffern beginnen lassen. Schlechte Anglizismen wie das adjektivische “ultimativ” meiden. Falsche Anschlüsse wie zum Beispiel “Tipps, damit … ” unterlassen.

    Wenn Sie das beherzigen, steht Ihnen nicht mehr viel im Weg.

    • @Gero von Randow – Touché, Herr Kollege. Jedoch: Bei diesem Blogpost (“Netztagebucheintrag”?) handelt es sich, wie im Vorspann erwähnt, um ein Redemanuskript zur Einstimmung für eine Podiumsrunde, nicht um einen Zeitungsartikel oder gar um Prosa. Aber ich weiß natürlich auch: Als Journalist würden Sie ja niemals Dinge aus dem Zusammenhang reißen! “Ultimativ” ist, wie bereits unter #24 erläutert, bewusst gewählt und doch bitte mit dem ultimativst-möglichen Augenzwinkern zu verstehen.

  28. Vieles halte ich für überzogen bzw. Satire, aber beim siebten Punkt stimme ich absolut zu! Hier fehlt vielen der Spirit und der Mut, ein eigenes Ding zu machen und auch voll Herzblut reinzustecken. Dann wirds authentisch – und das journalistische Produkt ein Erfolg.

    Ich bin schon gespannt auf die Medientage München auf die Diskussion zu diesem Thema am 21.10. Eintritt ist ja frei.

  29. Interessant, toll gemacht, inspirierend. Nur: das Wort “geil” stört mich immer noch. Ich bin da vielleicht zu sensibel, aber das schadet einer Frau nicht, oder?

  30. Ohne Populismus geht es nicht, ein gewisser Hang zum Publikum zieht einen aus so manchem Loch.

    Klar geschrieben, Laut geschrieben, gut geschrieben.

    Auf dass Journalismus wieder richtig spannend, provokant und meinungsbestimmend wird. Im positivsten Sinn!

  31. Liest sich leicht und lustig, aber wenn man erstmal ein Vierteljahrhundert als Journalist tätig ist und man weiß, daß der Ruhestand keine undeutliche Vision, sondern ein klares Ziel ist, sieht man das anders. Besonders der letzte Punkt (“Denken Sie nicht an Geld!”) ist völlig daneben. Klar denke ich an Geld. An was denn sonst? Ich denke genauso an Geld wie mein Vermieter, mein Autohändler, meine private Krankenversicherung, das Finanzamt, das Presseversorgungswerk, meine Frau und meine Geliebte.

    • @Markus Kellner …und gerade weil Sie (übrigens genau wie ich) verständlicherweise zuerst ans Geld denken, ist es doch durchaus angebracht, genau das mal in Frage zu stellen. Dass wir alle Geld brauchen, Entschuldigung, daran muss man glaube ich niemanden mehr erinnern, oder? Ausserdem sage ich ja eben nicht: das eine oder das andere, sondern eine Kombination aus beidem (“Hybridmodell”) könnte ein Weg sein. Das gilt gerade für eine Übergangszeit, in der das alte Geschäftsmodell offenbar nicht mehr, aber die neuen Geschäftsmodelle eben noch nicht funktionieren.

  32. @Richard Gutjahr Wieso funktioniert “das alte Geschäftsmodell” nicht mehr? Entschuldigen Sie meine Ignoranz in diesem Punkt, aber wenn Sie entweder festangestellter Redakteur in einem Verlag sind (und dort zahlreiche Jahre gewirkt haben) bzw. Redakteur oder Fester Freier in einem ARD-Sender, dann dürfte es doch eher arbeitsrechtlich schwer sein, Ihnen den Stuhl unterm Hintern wegzuziehen. Jedenfalls wäre im Falle eines Falles eine deftige Abfindung drin. Es funktioniert also. Und pardon: geht’s mir finanziell gut, kann ich auch ungestört recherchieren, im Dreck rumwühlen und mich unbeliebt machen. Geht’s mir finanziell schlecht, dann bin ich doch wohl eher damit beschäftigt, meine berufliche Situation zu verbessern.

  33. “Eine dünne, unmotivierte Geschichte wird auch auf einem schicken Gerät nicht besser. Das gilt übrigens auch für diesen ganzen Multimedia-Nonsens. Wenn Sie nichts zu sagen haben, wird Ihre Geschichte auch nicht besser, wenn Sie neben Ihren Text eine lustige Flash-Animation einfügen.”

    Das ist für mich der springende Punkt, den zuviele Journalisten scheinbar noch nicht begriffen haben.

    Es wird im Netz nur zahlende Kundschaft geben, wenn man Inhalte liefert. Eine Agenturmeldungen oder News von gestern ins Netz zu kippen wird niemals ausreichen, um dafür Zahlungsbereitschaft der Kunden erwarten zu dürfen.

    Schon seit Jahren vermisse ich, dass einer der großen Verlage mal zwei oder drei gute, reine Online-Formate gegen Bezahlung wagt, stattdessen versucht man sich daran, Paywalls für Nachrichten von gestern hochzuziehen.

  34. @ Markus Kellner

    Grundsätzlich völlig richtig. Auch ich bin der Meinung, dass jeder mit seiner täglichen Arbeit genug Geld verdienen sollte, um seine Familie zu ernähren.

    Auf der anderen Seite bin ich aber auch ein Freund der freien Marktwirtschaft und selten ein Freund des Gönnertums. Mittlerweile bin ich nicht mehr bereit, für eine Tageszeitung (im Gegensatz zu Wochen- oder Monatstiteln) Geld auszugeben, ganz einfach feshlab, weil nichts älter ist als die Zeitung mit Redaktionsschluss mehrere Stunden vor dem Zeitpunkt, zu dem ich sie kaufen könnte, während ich gleichzeit aktuellere Infos kostenlos überall im Netz finde.

    Schade für die Tageszeitungsjournalisten, aber so ist das im Leben halt. Das hat auch nichts mit bösem Willen oder Sparwut meinerseits zu tun, sondern ist eine Folge des technischen Fortschritts, auf den viele Verlage scheinbar noch keine Antwort gefunden haben.

    Die Verlage hatten eigentlich die optimalen Ausgangsvoraussetzungen, um im Web Geld zu verdienen, denn sie waren es, die die Kontakte zu denen hatten, die Anzeigen aller Art aufgegeben haben, seien es Wohnungen, Kleinanzeigen, Jobs etc. Aber man war wohl zu langsam oder zu verbohrt oder was auch immer. Wären sie es nicht gewesen, gehörten heute die profitablen Jobbörsen, Immobilienportale, Ebay und was auch immer den Verlagen. Ist aber (bis auf wenige Ausnahmen) nicht so.

    Und deswegen hält sich mein Mitleid stark in Grenzen. Hätte man die Chancen der neuen Technologien erkannt, wäre man der große Gewinner gewesen, so ist es aber nicht gekommen, aber nicht, weil die Welt da draußen so böse ist oder der gemeine Webnutzer nicht bereit, zu zahlen, sondern weil man den Wandel verpennt bzw. bewusst ignoriert hat.

    Ist aber auch irgendwie nicht neu. Die Wirtschaftsgeschichte kennt genug Beispiele, dass die Marktführer einer ‘alten’ Technologie selten in der Lage waren, sich rechtzeitig auf Neues einzustellen und dort zu den Marktführern zu gehören.

  35. Nr. 1,6 und 7 gilt eigentlich für alle Berufe! Wobei ich die Nr. 6 gerne relativieren würde.—> Man sollte auch “Bedenkenträger” überzeugen können., sonst hat das alles keinen Wert…(manchmal sind diese nämlich gegen Übereuphorie auch sinnvoll :-)

  36. @gutjahr Als branchenfremder Medienkonsument freue ich mich über deine Tipps bzw. Ansichten. Bei Punkt 5 blieb mir aber fast das Herz stehen und ich hoffe es war mehr satirisch gemeint. :)

    Ich frage mich aber (wie gesagt branchenfremd) wie man als Journalist u.a. im ÖR ohne Presseausweis arbeiten kann. Wird man dann über den Sender akkreditiert? Die inhaltliche Aussage zu diesem Punkt ist mir schon klar, nur die praktische Umsetzung nicht ganz.

    Die Plattform-Idee gefällt mir sehr gut. Ich gehöre zu der Generation die mit dem HomeComputer aufgewachsen ist. Das war zu der Zeit genauso mysterisch für viele wie heute das Internet.
    Viele BerufskollegInnen können heute immer noch nichts mit den “Neuen Medien” anfangen. Und leider ist der Internetzugang am Abteilungsrechner gesperrt und das sog. “Intranet” ist unter dem Niveau 1994. – Es scheint also immer noch ein gesellschaftliches Problem zu sein, alters- und branchenübergreifend. – Ach so, ich bin Krankenpfleger.

    • @Wolfgang Küting – Lieber Wolfgang. Nein, natürlich muss man nicht alle Punkte wortwörtlich nehmen. Ich will ja nur ein paar Gedankenanstöße liefern. Vieles, was wir heute praktizieren, ist gewachsen und wurde nie wirklich hinterfragt. Das lässt sich tatsächlich auf viele Branchen übertragen.

  37. Herr Gutjahr, super Text, liest sich schmissig, live vorgetragen sicher ein Burner. Aber doch auch vorhersehbar, und sehr think pink. Es gibt ja diese Tradition, kritische Menschen zu verunglimpfen, sind ja auch unbequem, stehen im Weg, sperren sich. Aber Ihr neo-futuristisches Manifest verkennt, dass Hurra-Patriotismus in Sackgassen führen kann. Vor 40 Jahren waren alle Atom-begeistert, heute weiß man, was Bedenkenträger schon damals sagten: Ist alles nicht so einfach wie gedacht, hat Folgen, die doch schwerwiegender sind als geplant. Natürlich ist reaktionäre Kritik sinnlos und nervig. Aber sich nur noch mit Ja-Sagern zu umgeben, führt auch nicht weiter.

  38. Wunderbar, auch punkt 5), den Schluss finde ich sehr flach, erinnert mich stark an amerikanische Selbsthilfe Bücher … da hätte ich mehr erwartet nach dem pointierten und gut gewürztem Start.

    • @Jo D’Accord – aber vergiss bitte nicht: Es handelt sich um eine Rede vor jungen Journalisten/innen, denen man zum Schluss auch Mut machen möchte. Als geschriebenen Text hätte ich es sicher auch eleganter und nicht ganz so pathetisch abgerundet.

  39. Wenn ich mich so umschaue, entdecke ich kaum Bedenkenträger. Und sagen wir mal so: Die Frage zu stellen, was genau FB und G+ mit meinen Daten machen, und was Unternehmen damit machen, ohne dass FB und G+ das überhaupt wissen, die ist ja berechtigt und keine Bedenkenträgerei. Ansonsten gilt: Sie haben Recht.

  40. Sehr schöner Wachmacher-Artikel und Vortrag. Ist sicher gut angekommen beim DJV.
    Bevor hier jetzt irgendwelche Journalisten ihr iPad zerstören schickt es mir. Sendungen bitte an die Postanschrift in meinem Impressum.
    Zum Inhalt: Tipp 6 und 7 treffen auf alle Berufe zu, vorallem die Freischaffenden.
    Zu den Kommentaren: Ich finde die Diskussion interessant und befremdlich zugleich, ob das Internet nun Medium oder Plattform ist. Um beim angesprochenen Bild der Straße zu bleiben. Das Internet bietet alles: Auto und Straße und Beleuchtung und Sprit. M.E. erübrigt sich diese Differenzierung. Wir sollten aufhören, neue Dinge mit alten Bildern zu beschreiben, sondern anfangen sie zu zu nutzen. Aber bitte mit Begeisterung!

  41. @ Hubertus

    Sowohl was den Umgang mit Daten betrifft als auch die Erkenntnis, dass die Plattform, die heute hip ist, morgen out sein kann (siehe myspace, die VZ-Netzwerke) ist denke ich den heavy usern durchaus bewusst, so sie denn bislang nicht blind im Netz unterwegs waren bzw. es noch sind. Aber das wird (scheinbar) in Kauf genommen, und ich sehe wenig Grund zur Annahme, dass sich daran etwas grundlegendes ändern wird.

    Es wird aber IMHO ein schleichender, aber stetiger Prozess bleiben, mehr und mehr im Netz zu leben/lesen, das ist halt eine Generationenfrage. Ich denke, die in 20 Jahren 60-jährigen werden wesentlich netzaffinen und gewohnt im Umgang mit der Technik und deren Gefahren sein als es heute der Fall ist, und damit wird sich die Relevanz von “Print” zunehmend verringern.

  42. Ja, der Weg zum Hofberichterstatter ist mit den affirmierenden Beiträgen der positiv-denkenden Blogisten gepflastert. Man kann schon manchmal das nutzen der “neuen Median” hinterfragen, und deren Effekt auf unserer Gesellschaft und nicht einfach zu allem Ja sagen. Insofern ist dieser Beitrag eintypischer Widerspruch in sich, da es, wie Religion, affirmativ eine einzige Welt puscht und allen anderen miesmacht. Der Jesus dieser Religion ist gerade gestorben. Der G(oogle)ott dazu herrscht noch.

    Diese neue Welt der Medien ist nur deswegen atemberaubend, weil sie atemlos ist, und vor lauter Schlafmangel werden wir alle ein grosses Stückchen Freiheit abgeben.

    Versuche es als völliger freier Journalist, Junge. Das wird deine Echtheit prüfen. Ferseh ist kein Journalismus, wie man sieht. Es ist visuelles Plagiat.

  43. Vor allem finde ich es hübsch, dass jemand auf einer DJV-Veranstaltung auftritt und dort erst mal erklärt, er selbst sei aus dem DJV ausgetreten.

    Ein wichtiger Punkt neben aller Schimpfe über Social-Media-Phrasen: Das Internet ist eine wunderbare Möglichkeit, auf die Schnelle werbefrei und damit unbeeinflusst zu berichten. Das geht in dieser Form sonst fast nur noch in Büchern, aber die sind eher langsam.

    Und im Internet bieten sich schöne Formen: Text, Bild, Bewegtbild und Audio – wie sonst auch.

    Was absolut richtig und wichtig ist: Der “Presseausweis-Journalismus” filtert die Realität auf eine Weise, dass sie verfälscht ankommt. Das Fernsehen liefert ein Zerrbild voller Propaganda, weil viel zu viel Unhinterfragtes in den Nachrichten landet. Wirtschaftsnachrichten tun so, als beschränke sich Wirtschaft auf die Börse. “Polit-Talkshows” machen Sommerpause, so als sei Politik nur parlamentarisch und nicht alltäglich. Frau Will hatte sogar einen Katzentisch für Gäste zweiter Klasse, nämlich die “normalen Leute”.

    Nach der Abstimmung zur “Präimplantationsdiagnostik” im Bundestag haben die “Tagesthemen” sogar eine Umfrage gebracht, ob wir den “Fraktionszwang” öfter mal aufheben sollten, obwohl es diesen nicht gibt und er verfassungswidrig ist. Hier vermitteln gestandene Journalisten die alltäglichen Hinterzimmer-Intrigen in einer Scheindemokratie als normal und indoktrinieren damit das Volk, das eigentlich der Souverän ist und einen Anspruch darauf hat, dass seine Vertreter nach ihrem Gewissen entscheiden.

    Der Begriff “Abweichler” ist für diese Geisteshaltung bezeichnend. Abweichler gibt es bestenfalls in Diktaturen.

    Auch was wir beispielsweise mit Unternehmen erleben, muss so, wie es ist, in die Öffentlichkeit, nicht gefärbt durch Propagandaabteilungen. Sehr viel mehr Journalisten sollten erkennen, dass viele Unternehmen inzwischen Staaten im Staate sind und wahrhaftige Paralleluniversen.

    Insofern wäre es schön, wenn Journalisten in der Ausbildung tatsächlich etwas mehr Journalismus lernen würden.

  44. Ulf: “Wir waren uns einig darin, dass es eigentlich die alten Tugenden sind, allem voran gute Recherche – unabhängig von der Form, in der die Beiträge zum Rezipienten kommen. ”

    Ja, das Handwerkszeug ist immer gleich, und man sollte online nicht anders schreiben als sonst und meinen, alles müsse nun in kleine, nichtssagende Informationshäppchen zerlegt sein oder schlechtere Qualität haben.

    Und bestimmte Rechercheregeln – immer zwei Quellen etc. – sollte jeder mal gelernt haben. Viele lernen da erst aus Schiffbrüchen. Woher auch? Schließlich investiert kaum ein Verleger mehr in Ausbildung.

    Medium? Selbstverständlich ist das Internet ein Medium und keine Plattform. Websites, Blogs können Plattformen sein, aber nicht “das Internet”, so wie “das Telefon”, “die elektromagnetischen Funkwellen” oder “der Paketdienst” keine “Plattform” ist. Man kann mit funk Rundfunk betreiben, aber auch Polizeifunk, der nun definitiv keine “Plattform” ist, oder Mobiltelefone.

    So wie die ÖRR teilweise blöken “das Internet ist unsere dritte Programmsäule” und einem deshalb sogar die E-Mail konfiszieren, sich weigern, Internet zunächst mal als Telekommunikations-Medium zu sehen und nicht als Broadcast-Plattform, kann das nicht funktionieren. Daß dies hier jeder lesen kann, liegt daran, daß da ein Webserver mit einer Blogsoftware steht, nicht am “Internet” – eine Fernsehkamera und ein Blogger an einer Schreibmaschine könnten denselben Effekt auch ohne Internet erzielen.

    @Matthias: Papier und Internet sind Trägermedien. Nicht automatisch Massenmedien. Auf einem Papier kann etwas stehen, es kann aber auch nur Transportmedium für einen Backfisch sein. Internet kann WWW sein, aber auch ein Mittel zum Transport eines Musikstücks, Buchs, oder eines Liebesbriefs. Weder Liebesbrief noch Fisch sind für alle bestimmt, sondern nur für einen einzigen. (Selbst, wenn der Fisch dann in einem Blogkommentar geworfen wird ;-).

    @Richard: “Lesen Sie keine Zeitung mehr”? Und wie ist es mit Blogs? *g*

    Und Presseausweis sowie Pressestellen? Kann man nutzen, muß man aber nicht. Wieso gibt es da nur ein “entweder/oder”?

  45. Wie immer, richtig, progressiv und klug analysiert…
    Das Internet ist richtig nicht als Medium bezeichnet. Plattform greift ein bisschen zu kurz. Es ist gelebte Demokratie, maximale Kommunikation und die Vermischung oder neutral “Vereinigung” zwischen Autoren, Journalisten, Politikern und Lesern … und die vierte Dimension oder juristisch: die vierte Gewalt. Es ist das Flugzeug in eine neue Galaxie und die Möglichkeiten, die es bietet – nicht nur für Journalisten – sind noch nicht einmal zu zwei Prozent erkannt und genutzt.