Amir Kassaei: Apple ohne Jobs

Amir Kassaei gilt als größter Creative, den Deutschland je hervor gebracht hat. Der 42jährige bezieht nächste Woche sein Office als Global Chief Creative Officer bei DDB Worldwide in Manhattan. Mit ihm habe ich über das Phänomen ‘Apple’ gesprochen und darüber, was der Rückzug von Steve Jobs für das Unternehmen bedeuten könnte.

Amir, ist Apple am Ende?

Steve Jobs ist immer einer gewesen, der nichts dem Zufall überlassen hat, der auch seinen Abgang genau geplant hat, und zwar seit dem Moment seit dem er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Das ist zumindest mein Gefühl. Das ist wie ein Teil des Puzzles, ein Schachzug, auf diesem großen Brett, den er vor langer Zeit vorbereitet und dann mit ruhiger Hand ausgeführt hat. Ich glaube nicht, dass es Apple in absehbarer Zukunft schlechter gehen wird. Ich denke, er hat diese Grundidee von Apple, diese DNA, schon so sehr weiter verpflanzt, dass die Leute, die jetzt das Kommando haben, seine Philosophie weiter tragen werden. Er hat quasi einen Grundstein für die nächsten 30 bis 40 Jahre gelegt.

Du hast mit vielen großen US-Konzernen zusammengearbeitet. Wo siehst Du Gefahren für ein Unternehmen wie Apple in so einer Situation?

Na, dass sie ihren Fokus verlieren. Sie müssen natürlich aufpassen, dass sie das, was sie tun, genauso konsequent und mit 100 prozentigem Einsatz richtig machen. Und dass sie jetzt nicht irgendwie anzufangen, zu experimentieren oder auch abzuheben. Es kann natürlich passieren, dass sie vom Weg abkommen und Richtungen einschlagen, die vielleicht attraktiv oder auch spannend klingen, die aber nichts mit dem Kern des Unternehmens zu tun haben. Also nicht nur das zu tun, was richtig ist, sondern vor allem auch das zu lassen, was komplett unnötig ist. Aber ich gehöre doch eher zu den Optimisten und denke, das Unternehmen ist mittlerweile so fest zementiert, die ganze Strategie, die Jobs seit 20 Jahren verfolgt, da kann man fast nichts falsch machen.

Glaubst Du, er hatte wirklich diesen Masterplan?

Apple ist kein Unternehmen und keine Marke. Apple ist eine Idee, und zwar eine Idee, die Welt besser zu machen. Im Grunde hat er die Firma für sich selbst gegründet. Steve Jobs ist der beste und zugleich kritischste Konsument von Apple. Er hat die Dinge verfolgt von denen er überzeugt war, dass sie sein Leben besser machen. Und er hatte schon immer die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die andere nicht gesehen haben. Ob er von Anfang an einen Masterplan hatte, weiß ich nicht. Aber er wusste immer wohin die Trends, wohin die Technik geht. Vor allem aber wusste er, wie er diese Technik einsetzen muss, damit die Menschen den größten Nutzen davon haben. Er ist im besten Sinne des Wortes ein Unternehmer. Alle Welt bezeichnete ihn als CEO. Das mag formell ja auch richtig gewesen sein, aber im Grunde war er bis zuletzt Unternehmer und kein angestellter Manager. Das wird auch die Herausforderung für Tim Cook sein, dass er sich selbst nicht nur als Manager, sondern auch als Unternehmer versteht.

Teilst Du den Ansatz von Jobs, dass Marktforschung Blödsinn ist, weil die Leute ja oft noch gar nicht wissen können, was sie wollen, bevor es ein Produkt wie z.B. das iPad überhaupt gibt?

Marktforschung halte ich schon für sinnvoll. Das Problem ist, dass 90 bis 95 Prozent aller Unternehmen Marktforschung falsch einsetzen. Marktforschung ist vor allem dafür wichtig, um bestimmte Märkte, bestimmte Bedürfnisse der Menschen aufzuspüren. Und dann musst Du Dich hinsetzen und mit deiner visionären Kraft, mit deiner Kreativität etwas schaffen, das einen Nutzen für diese Menschen darstellt. Dazu muss man aber auch mutig sein. Steve Jobs hat an diesem Punkt immer wieder großen Mut bewiesen, weil er mit seinen Produkten, aus einer tiefen, inneren Überzeugung heraus, oft auch alles auf eine Karte gesetzt hat. Sowas trauen sich heute nur die Wenigsten.

Eine Eigenschaft, die Dir in den Vorstandsetagen fehlt?

Definitiv. Wie viele Unternehmensgründer gibt es denn noch, die ihren eigenen Betrieb leiten? Steve Jobs ging es bei dem, was er tat, nie wirklich um Geld, sondern darum, Dinge besser zu machen. Ich glaube, dass es heute viel zu wenige Unternehmerpersönlichkeiten gibt, die ein klares, langfristiges Ziel haben und sich nicht nur von Quartal zu Quartal hangeln. Deshalb mache ich mir um Apple auch keine Sorgen, weil es auf diesem Gebiet keine Konkurrenz für Apple gibt. Ich spreche hier nicht von Produkten oder von Strategien sondern von dieser gewissen Grundhaltung, die den anderen Unternehmen einfach abgeht.

Wo siehst Du Steve Jobs im historischen Kontext?

Ich glaube Steve Jobs wird in die Geschichte eingehen als der Mann, der in dieser Zeit mehr verändert hat, als jeder andere Unternehmer überhaupt. Er allein hat ja bereits 5 oder 6 mal die Welt verändert, das wissen die wenigsten Leute. Er hat im Grunde den Personal Computer eingeführt. Er hat den digitalen Lifestyle massenfähig gemacht. Er hat die gesamte Telekommunikationsindustrie auf den Kopf gestellt. Mit dem Tablet hat er den klassischen PC, also das Gerät, das er selbst groß gemacht hat, auch wieder zu Grabe getragen. Ich könnte mir vorstellen, dass Apple in den kommenden 12 Monaten wieder so ein Produkt herausbringen wird, das die Welt wieder ein Stück weit verändern wird. Ich kenne niemanden, keine Unternehmerpersönlichkeit in einer Zeitperiode von sagen wir 200 bis 300 Jahren, die einen solchen Trackrecord vorzuweisen hat. Ich hoffe, dass man das später mal so sieht und diese Leistung auch entsprechend anerkennt. Dazu gehört natürlich immer auch ein gewisser Wahnsinn. Er war mit Sicherheit kein einfacher Zeitgenosse, die Art und Weise, wie er seine Mitarbeiter, sein Unternehmen geführt hat – aber unterm Strich hat er halt viele Dinge einfach richtig gemacht.

Was bedeutet dieser Mann für Dich persönlich aber auch für Dein professionelles Leben?

Steve Jobs ist eines der größten Vorbilder, das man haben kann. Weil er dich inspiriert, weil er dir beweist, wenn du mutig bist, und den Glauben in dir hast, dass du die Dinge wirklich zum Besseren verändern kannst, dass du damit auch erfolgreich sein wirst. Und dass das Leben auch auf Wahrhaftigkeit basiert. Ich bin ja, genauso wie Du, ein Apple-Fanatiker der ersten Stunde. Aber auch als Mensch ist er ein Vorbild, wie man sein Leben gestalten und selbst in die Hand nehmen kann. Mit allen Vor- und Nachteilen und natürlich auch Konsequenzen.

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17 Gedanken zu “Amir Kassaei: Apple ohne Jobs

Zitiert von
  1. 118000, E-Plus, Vodafone. — mobilbranche.de

  2. WG014: Zickerei um den Socialmedia-Burnout | Wikigeeks - Podcast über gesellschaftliche Netzthemen

  3. Nein. Facebook wird leben. Und ihr werdet euch noch wundern. | Cluetrain PR

  4. Nachrufe auf Steve Jobs? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

  5. One last thing: Thank you. | G! - gutjahr's blog

  1. Es ist tatsächlich dieses Gespür für zukünftige! Bedürfnisse von Menschen, das Steve Jobs wie fast kein anderer in einer Person repräsentiert. Da nützt die Marktforschung wenig und die Trendforschung hilft nur zu allgemein.
    Dazu hatte ich auch schon einmal etwas geschrieben. Ich bin mal so frei:
    http://www.werbeblogger.de/2008/12/16/statistiken-sind-von-gestern/
    Wie Amir richtig sagt: Er ist Unternehmer geblieben, ein Business Autokrat, der allzu “softe” Mangement-Modelle und breite Mitbestimmungsformen nicht mag, ganz so wie der mittelständische Unternehmer, der mit seinem Unternehmen komplett verwachsen ist.
    Eigentlich Oldschool-Management, aber erfolgreich :-)

  2. Ein tolles Interview, danke! Ein bisschen spooky finde ich bloß, dass Amir Kasseis Antworten sich teilweise so lesen, als sei Steve Jobs schon tot (Auch wenn ich die Ansicht teile, dass sein Abgang damit zu tun hat, dass er wohl weiß, dass es zu Ende geht.) Für mich beweist sich die visionäre Kraft von Jobs übrigens immer noch am meisten in seiner Rede von 2005 vor Stanford-Absolventen: http://www.youtube.com/watch?v=UF8uR6Z6KLc

  3. Ja, ja, der Amir, nun endlich größter Kreativer aller Zeiten (GröKaZ) und immer noch ganz doll aufgeregt in der großen fremden Stadt. Da freut man sich schon jetzt auf seine uns hoffentlich bald erleuchtenden Sprüchlein zum Thema Jesus, Einstein, Picasso usw. – auf gleicher Höhe deutet es sich doch am schönsten.

  4. Wenn Apple dazu da sei, die Welt besser zu machen, gäbe es in Zuliefer-Werken in China menschliche Arbeitsverhältnisse und das ganze Unternehmen hätte keinen ROI von etwa 35 %.