..und nebenan brennt es auf dem Reaktorgelände

Stell Dir vor es brennt auf dem Gelände eines Atomkraftwerks im benachbarten Frankreich und die Medien berichten lieber über eine Fürstenhochzeit. So geschehen an diesem Wochenende.

In unserem Nachbarland Frankreich, rund 300 Kilometer Luftlinie zur deutschen Grenze,. ereignet sich auf dem Gelände eines der größten Kernkraftwerke der Welt eine Explosion. Eine dichte, schwarze Rauchsäule steigt auf, doch in den Medien kein Wort.

Lediglich die Rhein-Zeitung* (Korrektur: offenbar haben noch andere Online-Zeitungen später die dpa-Meldung gebracht, s. Kommentare) veröffentlicht am frühen Abend eine knappe dpa-Meldung, jedoch: keine Eigenrecherche, keine Einordnung, kein gar nichts. Auch im Radio: nichts. Nichts in der Tagesschau, nichts bei Spiegel Online, nichts bei Sueddeutsche.de. Aber alle, alle berichten sie über die Kitsch-Hochzeit von Monaco. Nicht einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist sich zu schade für eine Yellow-Press-Foto-Klickstrecke.

Und nebenan brennt ein Feuer auf dem Reaktorgelände.

„Ist ja nichts passiert“, höre ich die Kollegen jetzt sagen, als ob das eine Entschuldigung wäre für die eigene Ignoranz. In französischen Foren wird zu diesem Zeitpunkt schon diskutiert, ob man wohl je über die klassischen Medien von dem Feuer erfahren hätte, wäre nicht zufällig eine Straße direkt am Reaktor verlaufen, von wo aus gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Handykameras ungewöhnliche Fotos gemacht und ins Netz gestellt hätten.

Die Betreiberfirma hat erstmal keinerlei Stellungnahme abgegeben. Aus gutem Grund, denn die PR-Leute wissen: Keine Presseerklärung = keine unnötigen Schlagzeilen. Sie kennen die Logik der Journalisten wonach ein Ereignis nur dann stattgefunden hat, wenn es dazu auch eine entsprechende. Presseerklärung oder Agenturmeldung gibt.

Die Rechnung der Spin-Doktoren scheint auch diesmal wieder aufzugehen. Ausgerechnet gestern, als sich der Vorfall ereignete, hat Heribert Prantl aus Anlass der Verleihung der „Geschlossenen Auster“ eine Rede gehalten über die Atomlobby und die Journalisten – der Titel: „Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld“:

Die Atomkonzerne werden mit der “Verschlossenen Auster” ausgezeichnet für das Verschweigen und Herunterspielen von Unfällen, die sie “Störfälle” nennen, welche sie oft erst auf Druck offenbaren und dann kleinreden und kleinschreiben.

Und so brüskiert sich die Journalisten-Elite beim Jahrestreffen von Netzwerk Recherche in Hamburg über die bösen PR-Leute, die auch noch so unverschämt sind, keine Faxe zu schicken, wenn etwas passiert.

Und nebenan brennt ein Feuer auf dem Reaktorgelände.

Ob Spanien-Proteste, der Tod von Osama Bin Laden, sogar das Erdbeben von Fukushima konnte man bereits 20 Minuten vor der ersten Agenturmeldung bei Twitter erfahren. Erst letzte Woche wieder hatte ich den ersten Hinweis über das Killerkommando im Interconti-Hotel von Kabul eine halbe Stunde vor unseren Nachrichtenredakteuren – eine halbe Stunde! – im Nachrichtengeschäft eine halbe Ewigkeit.

Eine halbe Stunde – das ist eine halbe Stunde mehr Zeit für Recherche, eine halbe Stunde mehr Zeit für den Korrespondenten, sich vor Ort selbst ein Bild von der Lage zu machen kann – eine halbe Stunde, um eine Meldung gegebenenfalls auch als Falschmeldung zu überführen.

Was das Feuer von Tricastin angeht, so hatten Twitter-Kollegen in der Zwischenzeit Informationen zu dem Vorfall gesammelt, haben Fotos geteilt, französische Texte übersetzt und nach weiteren Quellen gefahndet; wir haben von früheren Vorfällen bei Tricastin erfahren oder zum Beispiel die Tatsache, dass die französische Atombehörde erst vor 2 Tagen eine Liste mit 32 Sicherheitsmängeln/Anforderungen für den Pannen-Reaktor vorlegte.

Natürlich kann man auch ohne Twitter eine Nachrichtensendung oder Zeitung füllen, genauso wie man das auch ohne ein Telefon tun könnte. Aber es gibt nun mal das Telefon. Warum freiwillig darauf verzichten? Journalisten bauen keine Autos oder nähen Anzüge. Wir handeln mit Informationen. Sollten wir da nicht alle Werkzeuge und Quellen nutzen, die uns zur Verfügung stehen?

Dort, wo Twitter schon in die Medienhäuser Einzug gehalten hat, wird der Kurznachrichtendienst leider überwiegend so genutzt, wie man Medien schon immer genutzt hat: Man sendet. Auf Fragen eingehen? Hinweisen nachgehen? Kritik entgegen nehmen? Fehlanzeige. Denkt man sich Twitter noch einmal als Telefon, wäre das so, als würde man ununterbrochen in den Telefonhörer quasseln – bei zugeklebter Lauschmuschel.

Begründet wird der Einsatz von automatisierten Twitter-Bots bzw. RSS-Spamschleudern mit dem angeblichen Mangel an Geld. Interessanter Weise sind es aber oft gerade die personell dünn aufgestellten Häuser. (Rhein-Zeitung, Abendzeitung). die sich twitternde Mitarbeiter leisten. Alles eine Frage der Priorisierung.

Wir können noch Wochen, Monate und Jahre damit verbringen, uns über Tagesschau-Apps, 3-Stufentests oder das Leistungsschutzrecht zu streiten. Mit „Qualitätsjournalismus“ hat das alles nichts mehr zu tun. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir uns spätestens an dieser Stelle von unserem Publikum verabschiedet, beschäftigen uns vor allem mit einem – mit uns selbst.

Und nebenan brennt ein Feuer auf dem Reaktorgelände.

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Update: Lesen Sie den Gastbeitrag von meinem WDR-Kollegen Robert Kindermann: Wie ich zur Quelle wurde und mich unwohl fühlte

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77 Gedanken zu “..und nebenan brennt es auf dem Reaktorgelände

Zitiert von
  1. Reclaiming technology

  2. …und nebenan brennt das Reaktorgelände | G! – gutjahr’s blog | WitticonUndRum- Wittiactsblog

  3. Drüben brennt ein Atomkraftwerk | sixumbrellas

  4. Glanzlichter 72: Momo, Twitter und die fabelhaften Springer-Boys « … Kaffee bei mir?

  5. Glanzlichter: Momo, Twitter und die fabelhaften Springer-Boys | Ruhrbarone

  6. Links 2011-07-03 | dª]V[ªX

  7. Wie ich zur Quelle wurde und mich unwohl fühlte #tricastin | G! - gutjahr's blog

  8. Linkdump vom So, 03. Juli 2011 bis Mo, 04. Juli 2011 Links synapsenschnappsen

  9. Lesetipps für den 4. Juli | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  10. waka's delicious soup

  11. weekend essentials: FCP X, Picasa, iOS5, Circles, AKWs, ... | iNews.de

  12. Stell dir vor auf einem Reaktorgelände brennt es. Und keiner sieht hin « The Dead Cat Bounce

  13. 21. Jahrhundert » Blog Archiv » …und nebenan brennt es auf dem Reaktorgelände #Tricastin | G! – gutjahr’s blog

  14. Explosion in französischem Atomkraftwerk Tricastin « Joes Garage

  15. Die deutschen Flattr-Charts im Juli 2011 – Macht ihr Urlaub, oder was? » YOUdaz.com

  16. Spaghetti-Monster sorgt für Sensation

  1. …oder, um das noch eben zu ergänzen/verbessern (hab ja nichts gegen Praktikanten): der Artikel wurde zumindest sehr schnell und hektisch zusammengebastelt.

  2. Finde, hier haben Medien funktioniert: Sie haben gesichtet und bewertet – und sich entschieden, das Ding klein zu fahren. Es zeigte sich doch sehr rasch, dass es sich hierbei allein um einen Störfall handelte – bei dem alle üblichen Sicherheitsmechanismen funktioniert haben. Eine Meldung wert? Sicher. Ein Top-Thema? Unnötig.

  3. Na wenn das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung deiner liebsten Freundin Monika Piel ist. Aber du hast natürlich recht, mich schockiert diese Prioritätengewichtung auch.

    Danke für deinen Artikel. Bitte öfter sowas.

    Gruß

  4. Das ist wirklich kaum zu glauben und ich bin darüber einigermaßen verwundert, zumal das eine Ereignis ist, das in die aktuell omnipräsente Atomdiskussion bestens passt und gerade in Deutschland den Politikern doch gut in den Kram passen müßte, um zu untermauern, dass der beschlossene Atomausstieg richtig war, da es eben regelmäßig Vorfälle in AKWs gibt. Ich will nicht wissen, wieviele Störfälle es gab, von denen nie einer etwas mitbekommen hat.

    Und eins ist auch klar, wenn es niemand bemerkt hätte, hätte der Betreiber in Frankreich den aktuellen Brand auch verschwiegen.

    Die Macht der Medien ist enorm, dort werden Meinungen und Stories gemacht oder eben nicht. So gesehen ist es fantastisch, dass es einen Dienst wie Twitter gibt, wo sich auch sozusagen Volkes Wille bilden und frei verbreiten kann.

  5. Ach naja, als vor ein paar Tagen Google+ rauskam, hat sich auch keiner dafür interessiert, daß in Deutschland der Atomausstieg beschlossen wurde. Und wer hätte davon Kenntnis genommen, wenn Google+ gestern rausgekommen wäre? Also, nicht nur auf die „alten Medien” schimpfen, sondern auch mal bei Twitter & Facebook reinschauen- da ist´s nämlich kein Deut besser. Der Schein ist heilig und die Moral zählt doppelt…

  6. Glaube davon, dass die herkömmlichen Strukturen im Journalismus-Bereich irgendwann mit der neuen Situation umgehen können, müssen wir uns verabschieden. Hoffe darauf, dass eine neue Generation, dass so mit der Muttermilch aufgezogen hat, dass sie sich von den alten Hasen nicht noch in die falsche Richtung umerziehen lässt…
    Btw., wäre ein G+ Button hier noch möglich?

  7. Sagen wir es einmal so: Ich hätte nichts dagegen. Grundsätzlich finde ich aber auch, dass klassische Medien nicht alles mitdrehen müssen, was sie über Twitter ereilt – das kommt ja häufig auch aus einer bestimmten Interessenslage an. In den Tweets, die Du anführst, ist bspw. stets von einer “Explosion im AKW” die Rede. *Im* AKW ist aber gar nichts explodiert.

    Spannend – und für uns alle wirklich relevant – wäre die Geschichte, wenn 1. die Stromzufuhr für den Betrieb des AKW gefährdet wäre und 2. die Strom-Not-Versorgung Probleme gemacht hätte. Das scheint beides nicht der Fall gewesen zu sein. AFP meldete etwa: “Der Transformator dient der Weiterleitung des produzierten Stroms in die Stromnetze.” Es ging also noch nicht einmal um den Strom, der *in* das AKW geleitet werden sollte, sondern um den, den das AKW selbst produziert.

    Deinen Eintrag finde ich aber dennoch äußerst hilfreich, nämlich für die Frage, wie wichtig insb. Twitter für Nachrichtenjournalisten ist. Wir lernen, mal wieder: Soziale Netzwerke dienen prima als Radar, zwecks Vorwarnung und Auslösung eigener Recherchen. Wir lernen aber auch: Wir sollten tunlichst vermeiden, die Aufregung, die uns über Twitter erreicht, 1:1 weiterzuleiten. Genau hier sind wir Journalisten nämlich gefragt, wenn es darum geht, zu sieben.

  8. Ich würde das noch in eine andere Richtung lesen: Was ist eigentlich noch “Relevanz” oder “Nachrichtenwert” in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft. Für Politiker aller Parteien, die derzeit erneuerbare Energien ganz oben auf der Agenda haben, ist das auf jeden Fall ein Top-Thema. Für Royalistenkitschfans ist die Fürstenhochzeit ein Topthema. Massenmedien versuchen, aus den unterschiedlichen tribalen Präferenzordnungen den größten gemeinsamen Nenner zu extrahieren – für alle ein bisschen Relevanz, aber für niemanden wirklich relevant.

    Sie nennen das aber nicht Nachrichtenmittelmaß, sondern verkaufen uns das als “redaktionelle Auswahl und Bewertung” (ein paar Ausnahmemedien bemühen sich wirklich um eine begründete Auswahl). Aber vor dem Hintergrund der technischen Personalisierungsmöglichkeiten und der gesellschaftlichen Tribalisierung wird immer deutlicher, wie unnötig und chancenlos dieser Weg des Mittelmaßes ist (insofern verstehe ich die Aufregung um die Tagesschauapp nicht).

    Was wir wirklich brauchen, sind Medien, die diesen unterschiedlichen Stammestrommeln zuhören und sie für uns übersetzen. Mir fällt im Moment nur Al Jazeera ein, die das schon auf sehr hohem Niveau praktizieren.

  9. Genau, dass war auch mein Gedanke. Wo bleiben die klassischen Medien? Ich habe die meisten Nachrichtenportale angesurft, aber nix als eine kleine Rand-DPA-Meldung. Gehört das nun schon zur Normalität, wenn es eine Explosion in einem AKW gibt? Scheinbar schon! Mein Gott, brauchen wir erst ein Fukushima in Europa, bis die Menschheit zur Vernunft kommt? @Richard: Toller Artikel.

  10. @Benedikt: Sehr richtige Gedanken. Ich mutmaße zudem mal, dass diese Diskussion hier überhaupt nur aufkommt, weil sich “das Feuer von Tricastin” an einem Samstag ereignet hat. An diesem Wochentag sind nämlich alle Nachrichtenredaktionen traditionell mit Abstand am dünnsten besetzt – und der Herdentrieb damit noch einmal stärker als sonst. Da aber einige Medien durchaus merken, dass im Zeitalter der Echtzeit-Information – Stichwort: Smartphones – das nicht mehr auf Dauer funktioniert, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass sich das demnächst ändert.

    Und ich gebe Dir Recht, Benedikt, dass auch ein vergleichsweise ungefährliches Feuer am Rande eines AKW in diesen Zeiten – Stichwort Energiewende – für einige Menschen tatsächlich von Interesse sein dürfte. Auch wenn dabei gar keine Gefahr bestand.

    Grundsätzlich frage ich mich aber weiterhin, wie früh klassische Medien heute in Geschichten einsteigen müssen, die über soziale Netzwerke schon an Fahrt aufgenommen haben: Sofort, um erst hinterher zu relativieren – oder doch erst, wenn klar ist, was wirklich passiert ist? Tendenziell bin ich nach wie vor für letzteres. Denn womit sollen sich journalistische Produkte sonst von dem, was auf Twitter und Co. vibriert, unterscheiden, wenn nicht durch ihre Selektion und Einordnung?

    • @Daniel und @Benedikt Danke für die interessante Diskussion, ich kann beide Standpunkte gut nachvollziehen und bin natürlich auch der Meinung, dass die Medien nicht jedem Twitter-Hype hinterherlaufen sollten. Aber die Meldung von einem Brand im größten Kernkraftwerk der Welt …in unserem Nachbarland… vor der aktuellen Diskussion rund um den Atomausstieg? Da greift man doch wenigstens mal zum Telefonhörer, oder?

  11. Bin übrigens auch für einen Gutjahr+ Button. Für jeden guten Beitrag bekommt er dann ein + ins Klassenbook und somit ein besseres Ranking in den Suchergebnissen meiner Kontakte. Und eurer! Und aller! Weltherrschaft!!! Ich schweife wieder ab…

  12. Hätten die Medien das Ding schneller, größer, dicker gefahren, hätte man hier und anderswo möglicherweise gelesen, dass sie Panikmache betreiben und eine dicke Geschichte konstruieren, wo viel Rauch, aber wenig Feuer ist. Das haben sie in diesem Fall nicht, dafür haben andere -von denen man es nicht erwartet- ganz schön dick aufgetragen: https://twitter.com/#!/videopunk/status/87230481216704513

    Ich teile die Meinung von Daniel Bouhs. Die Medien haben hier funktioniert und ihe Arbeit sehr wohl gemacht: https://twitter.com/#!/dominikrzepka/status/87241699016974336

    …und ich bin mir sicher -schon alleine weil sie in Wirklichkeit ja schon ein bisschen sensationslüstern sind- haben das bei der Meldung andere genauso wie Dominik Rzepka getan ;-)

    Dafür, dass das AKW zum Glück schlicht nicht in Flammen stand und damit die ganzen aufgeregten Tweets in sich zusammengefallen sind – dafür können die Medien nichts.

    Ich für meinen Teil kann nach der Nummer manche, die sonst berechtigterweise sehr schnell dabei sind, den Medien Panikmache vorzuwerfen, nicht mehr so richtig ernst nehmen.

    • @Joachim Auch wenn nichts passiert ist, ich bleibe dabei: Ein Brand auf dem Gelände des größten Atomkraftwerks der Welt, in unserem Nachbarland, vor der aktuellen Debatte um den Atomausstieg. Sowas sollte zumindest eine Meldung in den Abendnachrichten wert sein. Mit “Panikmache” hat das nichts, aber rein gar nichts zu tun.

  13. Sicher war der Vorfall in Frankreich kein Top-Thema und keine Unterbrechung der Übertragung der Hochzeit wert, aber das wurde im Beitrag von Richard denke ich auch nicht kritisiert, sondern, der Umstand, dass so gar nichts in den klassischen Medien darüber berichtet wurde. Und das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Atomdiskussion “merkwürdig”. Und was heute nur ein kleiner Brand ist, bei dem möglicherweise sogar alle Sicherheitsmechanismen funktioniert haben, kann eben morgen auch etwas größeres sein, das dann vielleicht nicht mehr leicht kontrollierbar ist. In jedem Fall zeigt auch ein solcher Vorfall, dass der Ausstieg aus einer Technologie wie der Atomenergie richtig ist und wäre auch daher berichtenswert gewesen.

    @skFFM: Über den Beschluss zum Atomausstieg wurde sehr wohl ausführlich berichtet und diskutiert, insbesondere zur hohen parteiübergreifenden Zustimmung. Das war sogar einigen Online-Redaktionen, ich glaube von Spiegel und auch von FAZ eine Eilmeldung bzw. eine Top-Meldung wert.

    @joachim: Die Medien sollten das Ding nicht groß oder klein machen, sondern wenns geht einfach berichten und zwar wenns geht in der angemessenen Größe.

  14. Wer sagt Ihnen denn, dass sie nicht zum Telefon gegriffen und danach entschieden haben, es nicht zu bringen, weils pure Panikmache wäre. Sie schwimmen hier ganz schön Herr Gutjahr. Denn zwischen telefonieren und “zumindest eine Meldung in den Abendnachrichten bringen ” (Tagesschau???) ist schon noch ein Unterschied. Da können sie noch so oft schreiben: Nebenan brennt ein Atomkraftwerk. Die Argumentation ist in diesem Fall ziemlich billig. Dieses ewige Aufrechnen von bunten Meldungen und irgendwie “wichtigen” die nicht gemacht werden, das könnte man schon fast populistisch nennen.

    • @JürgenG Sorry, aber darüber zu informieren, dass es auf dem Gelände eines der größten AKW der Welt gebrannt hat, eine Meldung, evtl. mit Foto, das hat für mich nichts mit “Panikmache” zu tun. Im Übrigen: dass man tatsächlich noch nicht mal zum Telefon gegriffen hat, hat mir heute ein Redakteur eines großen deutschen Medienhauses eindrucksvoll bestätigt.

  15. Ich weiß, es ist immer einfach, Redaktionen zu unterstellen, sie hätten etwas verpasst. Oft genug stimmt dieser Vorwurf auch. Aber haben sie das auch diesmal, wirklich? Man schaue sich mal an, wo der Vorfall am Tag danach auf den französischen Seiten eingeordnet wird: unter vielen kleinen Meldungen, nicht als eines der Top-Themen.

    Haben jetzt etwa auch die französischen Medien versagt? Ich sehe hier eher: Da ist über Twitter eine Aufregung generiert worden, die nicht angemessen war. Das “Feuer von Tricastin” ist kein Lehrstück dafür, wie Journalisten etwas verpennt haben, sondern vielmehr dafür, wie Journalisten mal klug mit einer künstlichen Aufregung umgegangen sind. Das ist die eigentliche Geschichte, weil viel zu häufig das Gegenteil der Fall ist und sich Medien von Erregungszuständen oft zu schnell anstecken lassen, um dann eher kleinlaut zu relativieren.

    Ich selbst habe Deine Retweets gestern unterwegs gelesen, Richard, und war zunächst entsetzt. Ich habe aber nicht gleich unseren Auslandsdesk (bei der Nachrichtenagentur dapd) auf die Finger gehauen, weil wir nichts dazu hatten, sondern noch ein paar wenige Minuten weiter gesurft. Schon da war klar: Der AKW-Betrieb selbst war nicht in Gefahr, die Geschichte kein Pflichtstück mehr.

  16. @Richard Gutjahr:

    Nichts dagegen, zum Telefon zu greifen. Nur: was erfährt man denn in seinem solchen Anruf?

    - Die ganze Wahrheit (vom AKW-Betreiber)?

    - Dass man später nochmal anrufen solle, weil der Einsatz noch laufe? (von der Feuerwehr)

    - Dass alles voller Rauch ist und bestimmt eine schlimme Katastrophe passiert ist (von Augenzeugen mit Twitteraccount ;-) )

    Ich versuche die Argumentation zu verstehen. Aber der Zusammenhang zwischen dem Atomausstieg und einem brennenden Trafo erschließt sich mir nur bedingt. Eine Kann-, aber bei weitem keine Muss-Geschichte, finde ich.

    Samstagabend-Personal hin oder her – wenn tatsächlich das passiert wäre, was bei Twitter ständig von eigentlich anständigen Leuten aufgebracht verkündet wurde (AKW explodiert, AKW brennt, Feuer in AKW), hätte es diese News schon in die Abendnachrichten geschafft, das wirst du doch nicht bestreiten? Und für alles andere gilt meiner Meinung nach: Checken, was tatsächlich ist, dann berichten. So lange reicht mir auch als Medienkonsument eine kleine dpa-Meldung allemal.

  17. @Joerg Hof:

    “Und was heute nur ein kleiner Brand ist, bei dem möglicherweise sogar alle Sicherheitsmechanismen funktioniert haben, kann eben morgen auch etwas größeres sein”

    Dann sollten die Abendnachrichten auch über jeden Verkehrsunfall in der Nähe eines AKW berichten. Könnte morgen auch ein Flugzeug sein.

    Und jedes Mal, wenn irgendwo eine Feuerwehr in Deutschland ein Leck in einer Gasleitung sichert, sollte die Tagesschau darüber informieren. Das nächste Mal könnte die ganze Stadt in die Luft fliegen. Gerade jetzt, in Zeiten der Debatte um zukunftssichere Energieforemen, ein Muss-Thema ;-)

  18. Mal abgesehen von Prinzenhochzeiten und Boxkämpfen:
    Eines der ersten Themen, das ich heute morgen gelesen habe war, dass Länderinnenminister Facebookparties verbieten wollen. Da hat der Vorfall aber zumindest für mich eine deutlich höhere Relevanz.

  19. Hallo Richard,

    ich gebe Dir völlig Recht, was das Verhältnis Klatsch und Tratsch zu den “wichtigen Themen” aktuell in den klassischen Medien betrifft. Das ist ja aber auch nix neues.

    Was diesen Vorfall angeht habe ich nicht das Gefühl zu wenig informiert worden zu sein. Wie bereits gesagt wurde ist es kein Topthema aber sollte erwähnt werden – und das wurde es für meine Verhältnisse ausreichend.

    Auch habe ich nicht das Gefühl, dass dieser Vorfall in Twitter mehr verbreitet wurde als in anderen Medien – schneller mag sein, aber ist ja meistens so.
    Ich habe viele Feuerwehrleute und Twitterer aus dem Bereich der “Sicherheitsbranche” in meiner timeline. Wenn irgendwo was großes oder wichtiges passiert (Unglück, etc.) erhalte ich dementsprechend viele und detailreiche Tweets dazu. Hier kann ich mich aber nur genau an einen Tweet erinnern, der auf Spiegel online verwies.
    Das Verhältnis Twitter / klassische Medien hat also ganz gut gepasst, wie ich finde.

    Gruß, Joe

  20. Lieber Richard Gutjahr,
    interessanter Beitrag samt Diskussionstableau. Aber ich finde, Sie überziehen mit Ihrer Kritik. Eine Meldung im Blitztempo rauszujagen, ohne etwas über Details oder Hintergründe zu wissen, auch und gerade, wenn es um ein AKW geht, ist weder seriös noch nützlich noch informativ. Das kann nur im Twitter gehen oder per Agentur zur Information für die Kunden, aber nicht fürs breite Publikum.

  21. Übrigens, Richard, stellen Sie sich vor, es ist Fürstenhochzeit und Ihr Fernsehen ist nicht live dabei! Dann werden Sie von Ihren (klatschsüchtigen) Zuschauern gekreuzigt, mindestens aber gegeißelt und mit Dornen gekrönt.

  22. Hallo @Johannes, hallo @Bernd
    Niemand schreibt hier etwas davon, eine Meldung sofort ungeprüft zu twittern oder den Vorfall gar zum Aufmacher zu erklären. Aber die Nachricht ist nun mal “auf dem Markt” (->dpa). Mal zum Telefonhörer greifen, bei der Betreiberfirma oder Polizei vor Ort selbst anrufen. // Bei allem Verständnis für Ihre/Eure Kritik: Bitte übertreibt/en Sie nicht in die andere Richtung. Ein Feuer auf dem Gelände eines benachbarten Pannen-Reaktors, das hat sehr wohl Nachrichtenwert – und ja: ich behaupte sogar eine höhere Berechtigung als die x-te Wiederholung einer ohnehin schon omnipräsenten Fürstenhochzeit.

  23. @Daniel Bouhs:

    Das von Ihnen betriebene Gefeilsche um “im AKW” finde ich arg verlogen. Bei einer systemischen Betrachtung des Gesamtsystems AKW hat es sehr wohl im AKW gebrannt, nur nicht im radioaktiven Teil innerhalb des Containments.

    Und wie die eindrucksvolle Liste der als “Störfälle” ebenso verharmlosten Zwischenfälle belegt, hat die EDF ihr Kraftwerk eben nicht im Griff. Von einer guten Presse hätte ich erwartet, daß sie das herausarbeitet, ebenso wie die seit den achtziger Jahren herstellungsbedingten Risse der französischen Druckbehälter im stark beanspruchten Bereichen am Übergang der Flanschen der Ein- und Auslässe.
    Und das hätte in Relation gesetzt gehört zu einer Energiewirtschafts- und Wissenschaftskultur in Frankreich, die einerseits völlig verstaatlicht und andererseits im Inneren so extrem von der École nationale supérieure des mines und den Seilschaften von deren Alumni geprägt ist, daß es dort praktisch keine unabhängige Atomforschung gibt.

    Daß also die Abwiegelung auch besonders mißtrauisch betrachtet werden muß.

    Aber das sind offenbar zu hohe Anforderungen für “klassische Medien”…

  24. @Martin Emmerich: Sie haben völlig Recht. Die Frage, wie in Frankreich Atompolitik betrieben wird und wie sicher die AKWs dort sind, stellt sich. Und ich bin mir sicher, dass sich damit demnächst Print-Magazine und Politmagazine beschäftigen werden. Mit einem (nachrichtlichen) Schnellschuss aber wäre hier niemandem geholfen.

  25. Erst letzte Woche wieder hatte ich den ersten Hinweis über das Killerkommando im Interconti-Hotel von Kabul eine halbe Stunde vor unseren Nachrichtenredakteuren – eine halbe Stunde! – im Nachrichtengeschäft eine halbe Ewigkeit.

    Journalisten bauen keine Autos oder nähen Anzüge. Wir handeln mit Informationen.

    Sie und ich haben anscheinend eine grundverschiedene Auffassung von der Aufgabe von Journalisten. (Was nicht heißen soll, dass Adelshochzeiten etwas in den Nachrichten zu suchen hätten.) Es gibt für mich gar keinen Grund, warum Leitmedien (wenn sie es denn sein wollen) bei der Jagd nach Breaking News mitmachen sollten. Das können Sie doch wirklich den Agenturen und anderen überlassen.
    Die Pannenserie v0n 2008 scheint das letzte Mal gewesen zu sein, dass die Tagesschau mit Beitrag über Tricastin berichtete. Tricastin ist mit seinen 3,8 GW übrigens nicht halb so “groß” wie die Anlage in Kashiwazaki-Kariwa mit 8,2 GW und auch noch “kleiner” als z.B. die noch laufenden Kapazitäten in Fukushima oder einige andere Anlagen. Diese Informationen hatte ich auch schon in einem Achtel Ewigkeit zusammen.

    • @VonFernSeher Kann sein, dass wir aneinander vorbei reden. Wenn man Nachrichten macht, und sich nicht sicher ist, ob eine sog. EIL-Meldung aus den Agenturen stimmt, kann bereits ein Zeitvorteil von 10 Minuten dabei helfen, eine Meldung durch eigene Recherche zu verifizieren bzw. zu falsifizieren. Genau das kann auch dazu dienen, einer Panikmache aktiv entgegenzuwirken!

  26. @Richard Gutjahr
    Aber was macht Sie denn so sicher, dass die Redaktionen alle die Tweets nicht mitbekommen haben und dann nach der Agenturmeldung nicht selbst nachgearbeitet haben? Es kann doch zumindest noch sein, dass man das alles getan hat und sich trotzdem gegen die Meldung entschieden hat.

    Bei Spiegel online & Co. glaube ich das persönlich zwar nicht, da man wohl davon ausgehen muss, dass sie alles veröffentlichen, wo sie mind. 2 min Arbeit investiert haben. Aber bei Tagesschau & Co. kann ich mir so ein Szenario sehr gut vorstellen.

    • @VonFernSeher Aus pers. Erfahrung, vor allem aber aus unzähligen Gesprächen mit Kollegen (ich war jahrelang Mitglied im Dt. Journalistenverband, im Netzwerk Recherche, im Förderverein der Deutschen Journalistenschule) ich arbeite für div. Medienhäuser, habe aber auch viele Gespräche über dieses Thema geführt mit Unternehmenssprechern. Gerade die wundern sich häufig, wie leicht sie Journalisten heutzutage “beeinflussen” können, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Konkret in diesem Fall habe ich bei Tricastin und der Betreibergesellschaft EDF angerufen. Offenbar haben sich nur wenige Kollegen diese Arbeit gemacht. Sonst hätten sie nicht noch heute behauptet, der Vorfall sei noch überhaupt nicht bestätigt worden.

  27. Ich muss mal eine Bresche für die Medien schlagen, zumindest für’s Radio, Fernsehen gucke ich sehr selten. Das Erste, was ich gestern Morgen, als um 6:30 der Wecker klingelte, in den Nachrichten auf WDR2 hörte, war die Meldung über den Brand, und den ganzen Tag wurde jede volle Stunde wieder darauf hingewiesen und …berichtet, wenn es neue Informationen zur Ursache und zum Umfang gab. So wurde auch berichtet, dass im Laufe der letzten Jahre dort immer wieder Pannen auftraten und dass die Untersuchungskommission, die alle AKW nach Fokushima unter die Lupe genommen hat, dort mehr als 100 Sicherheitsmängel entdeckt hat, aber dass ein Atomausstieg für Frankreich dennoch nicht zur Debatte steht. Also ich kam mir durch die Medien durchaus nicht uninformiert vor.

    • @Judith Danke für diesen Hinweis. Habe selbst auch viel Radio gehört am Sonntag. Offensichtlich kein WDR2. :-) In einer frühen Tagesschau am Sonntag soll es auch gemeldet worden sein (hab’s nicht geprüft). Was mich wundert: Warum Sonntag? TV und Radio sind keine Zeitung, die erst am nächsten Tag erscheint, oder? Entweder war der Vorfall eine Meldung wert – dann hätte man ihn am Samstag bringen müssen – oder nicht. Sonntag waren ‘keine neuen Informationen auf dem Markt’ (Journalisten-Spreche) die es am Samstag nicht auch schon gab.

  28. Am 2.7. berichteten (bzw kopierten eine Meldung) u.A. Süddeutsche, Stern, oe24, RTL Online, Focus, Weser Kurier, SF Tagesschau, derStandard, Oberhessische Presse, Radio Basel, Saarländischer Rundfunk über ein außerhalb der atomaren Zone der Anlage ausgebrochenes Feuer in einem Transformator eines derzeit für Wartungsarbeiten abgeschalteten Atomreaktors.

  29. Die deutsche Presse fasst sich aus einer Horde armseeliger Ja-Sager
    zusammen,denen eigenständige Recherche fremd ist.Betrachtet man sie bei den gestellten Pressekonferenzen,so erblicken wir einen Haufen hechelnder Hunde,die nach jedem Knöchelchen hecheln.Kritischer Blick und nüchterne Distanz Fehlanzeige.Die Mehrheit dieser Berufsgruppe scheint ganz und gar ungeeignet für den Beruf des Journalisten.Geschweige denn,dass sie sich ihrem gesellschaftlichen Auftrag auch nur annähernd bewusst wären.Der Mangel an Charakter tritt hier mehr als deutlich zutage.Bleibt nur zu hoffen,dass deren Kinder nicht auch Journalisten werden wollen.

  30. Diese Kritik habe ich mit einigem Unverständnis gelesen.

    Kernkritik ist der Vorwurf, Journalistinnen und Journalisten hätten über ein Feuer, das am Samstag auf dem Gelände des französischen Atomkraftwerks Tricastin ausgebrochen ist, nicht berichtet. Die Kollegen hätten ihre Arbeit nicht gemacht und auf eigene Recherche verzichtet, heißt es.

    Dieser Darstellung muss ich widersprechen. Ich habe am Samstag ebenso wie viele Kollegen von dem Brand via Twitter erfahren. Ich habe daraufhin mit einer heute.de-Redaktuerin in Mainz telefoniert und angefangen, zu recherchieren. Vorgefunden habe ich eine schwierige Quellenlage, da sich alle Meldungen immer wieder auf eine einzige Quelle, die Internetseite einer französischen Lokalzeitung, bezogen.

    Die Echtheit eines Fotos, das auf Twitter kursierte und Rauchwolken über einem Atomkraftwerk zeigte, konnte ich auf Anhieb nicht eindeutig verifizieren. In einer solchen Situation ist Vorsicht geboten, wie ich finde.

    Der WDR-Journalist Robert Kindermann kritisiert in einem Gastbeitrag auf Gutjahrs Seite: “Keine mir bekannte Redaktion ließ ihre Leser Teil an den Recherchen haben. Ein Tweet wie ‘Wir haben das mitbekommen. Wir recherchieren hinterher. Es sieht derzeit danach aus, dass keine Gefahr für die Umwelt besteht #tricastin’ besteht aus 138 Zeichen. 138 Zeichen, die viele Menschen beruhigt hätten.”

    Einen solchen Tweet hatte ich am Samstag geschrieben.

    http://twitter.com/#!/dominikrzepka/status/87241699016974336

    Ebenso habe ich andere Twitternutzer um Hilfe gebeten.

    http://twitter.com/#!/dominikrzepka/status/87268705205092352

    Ich habe Robert bereits gesagt, dass ich es nicht schlimm finde, dass ihm meine Tweets entgangen sind. Kollegial darauf hinweisen möchte ich aber doch.

    Mich beunruhigt etwas anderes: Nach einiger Recherche bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Es scheint sich nicht um einen schwerwiegenden Zwischenfall zu handeln – zum Glück. Der Brand ereignete sich in einem Trafo, der den Strom, den das AKW produziert, speichert beziehungsweise weiterleitet, worauf der dapd-Journalist Daniel Bouhs aufmerksam machte.

    http://twitter.com/#!/daniel_bouhs/status/87488428815564800

    Gefahr für die Stromversorgung des Kraftwerks hat also nicht bestanden.

    Laut einem Google-Bild hat sich der Brand offenbar 1,3 Kilometer entfernt von Reaktor 1 des AKW ereignet. “Nah am Reaktor”, twitterte Anti-Atom-Pirat @JottEs. “Außerhalb der Nuklearzone”, meldet dpa unter Berufung auf den Betreiber, der den Brand inzwischen in einer französischsprachigen Pressemitteilung bestätigte. Wieder eine schwierige Quellenlage. Was ist “nah am Reaktor”? Besteht Gefahr für das Kraftwerk oder die Menschen in seiner Umgebung?

    Die Antwort ist meiner Interpration nach: Offenbar nein. Der Betreiber teilt mit, es sei niemand verletzt worden und es sei kein radioaktives Material ausgetreten. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bestätigt am Montag diese Einordnung – und widerspricht damit Twitterer JottEs.

    Bei Twitter gab es auch Meldungen, die von einer “Explosion in französischem Atomkraftwerk” sprachen. Robert Kindermann retweetete diese Meldung und hatte “kein gutes Gefühl dabei – es waren einfach kaum Quellen zu finden.”

    Die Frage muss erlaubt sein, wie man eine solche Meldung ungeprüft retweeten kann. Kann es sein, dass die Versuchung zu groß war, als Erster eine Topstory weiterzugeben?

    Zurück zu Gutjahrs Kritik: “Es gibt nun mal das Telefon. Warum freiwillig darauf verzichten?”, schreibt er. Und etwas später: Sollten wir (…) nicht alle Werkzeuge und Quellen nutzen, die uns zur Verfügung stehen?”

    Stimmt. Ein Anruf bei der IAEA bringt weitere Klarheit: “Normalerweise müssen wir von Zwischenfällen informiert werden”, heißt es dort. Und weiter: “Wir haben von dem Vorfall bisher nichts mitbekommen. Wir hören gerade zum ersten Mal davon.”

    Ich finde, Daniel Bouhs hat Recht, wenn er über den Fall Tricastin twittert: “Hier haben Medien funktioniert – Selektion statt Panikmache. Das war gut so!”

    • @Dominik Rzpeka Zunächst einmal ganz, ganz großes Kompliment dafür, dass Du Dich hier zu diesem Thema äußerst. Ich interpretiere das als Zeichen dafür, dass die Nachrichtenredaktionen sich öffnen und erklären wie sie tun, was sie tun.

      Ich finde dass Robert hervorragend reagiert hat, diese knappe DPA-Meldung verunsicherte doch sehr. Auch ich muss zugeben, dass ich Deine/n Tweet/s übersehen habe. Eine deutlichere Kennung ‘ZDF’ hätte evtl. geholfen. Wie Du weisst, habe ich beim AKW in Tricastin und beim Betreiber EDF angerufen, um meinen Blogpost gegenzuchecken. Das ist mehr, als Ihr zu diesem Zeitpunkt getan habt.

      Dass Du mich noch am Sonntag mit Verweis auf #Qualitätsjournalismus (herrjeh!) belehren musstest, dass noch gar nicht sicher sei, ob sich der Vorfall tatsächlich so zugetragen hat, werte ich als deutliches Zeichen dafür, dass keiner von Euch zu diesem Zeitpunkt selbst diese eingeforderte “Recherche” (= Anruf in Tricastin/Betreiber EDF) geleistet hat. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon angerufen und mir wenigstens die Bestätigung durch den Betreiber abgeholt. Soviel zu Sorgfalt und Recherche. Die entsprechende Presseerklärung lag – entgegen Deiner öffentlichen Behauptung – also schon lange vor, habe ich Dir ja auch per Twitter geschickt.

      Noch was (Nachtrag): Über einen wichtigen Punkt haben wir noch gar nicht gesprochen: Zwar ist es mir gelungen, die Betreiberfirma EDF persönlich zu erreichen und mich mit dem Pressezentrum dort (französisch) zu unterhalten. Ob das aber alles so stimmt, was die behaupten, kann ich deshalb auch nicht sagen. Eine zweite, unabhängige Quelle (Polizei, Feuerwehr) habe ich NICHT gesprochen. Du? Denn auch die Agenturen beziehen sich alle auf die Angaben der Firma. Soviel zum “Qualitätsjournalismus”.

      Sei’s drum. Ich finde wir haben alle von diesem Samstag gelernt (ich habe das jedenfalls). Eine Art ‘Probelauf für den Ernstfall’ wenn man so will – zum Glück mit einem guten Ausgang. Vielleicht möchtest auch Du mir ja bei Twitter folgen (ich folge Dir) dann können wir uns in Zukunft schneller und direkter abstimmen (Berlin-Bayern). Im Übrigen: Auch ich teile die Einschätzungen von Daniel Bouhs, bin aber dennoch der Meinung, der Vorfall hätte als NIF oder zumindest Wortmeldung in einer Samstagsausgabe durchaus Platz gehabt. Zur Not auch nur zur Entwarnung online und/oder als Tweet, so wie Robert das ja auch angeregt hatte, auch das müsste bei uns bezahlten Journalisten (die ja nicht müde werden von sich zu behaupten, gerade in der wirren Welt des World Wide Web, aufklären zu wollen) “drin” sein.

      Und noch was will ich an dieser Stelle betonen: Wir Nachrichtenleute bei den ÖR machen einen tollen Job, wie auch bei den Agenturen. Die neue Medienrealität zwingt uns jedoch, uns anzupassen, Twitter und Blogs nicht länger zu belächeln. Es gibt noch viel zu lernen.

      Kollegiale Grüße, Richard

  31. Erst mal pauschal alle verdammen und dann schön langsam zugeben: Das hab ich nicht gehört, das hab ich übersehen, das muss mir entgangen sein. Ich finde, das kanns nicht sein. Selbst wenn jedes “das-hab-ich-übersehen” noch mit einem “war-aber-auch-ziemlich-später” o.ä. versehen ist. Ich finde ja, ix hat nicht recht.
    http://wirres.net/article/articleview/5812/1/6/
    Denn diesesmal haben Sie lieber Herr Gutjahr nicht einmal im Kern recht…

    Gruß!

  32. Lieber Dominik,

    da sind ein paar Fragen und Behauptungen an meine Richtung drin.

    1. Die Nachricht habe ich nicht ungeprüft retweeted. Es handelt sich um einen Link auf eine DPA-Meldung. Diesen Punkt kann man mir nicht vorwerfen. Da ich selbst nur retweeted habe, ist der Vorwurf der “ich will die Top Story haben” ebenfalls nicht haltbar.

    2. “Die Medien” haben vielleicht – und selbst das nicht konsequent – in ihrer Welt funktioniert. Aber nicht in der “neuen”. Das ist genau mein Kritikpunkt. Sie haben nicht informiert und nicht aufgeklärt. Es stand eine Meldung im Raum, dass es eine Explosion in einem AKW gegeben haben soll. Von der DPA. Wie schrecklich ist das?

    3. Es tut mir Leid, dass ich deine Tweets übersehen habe. Ich denke aus Sicht der Kunden, denn ich bin einer. Als Kunde gehe ich bei einer solchen Meldung auf die Internetseiten und Twitterfeeds der Nachrichtenmarken. Dort war nichts zu finden.

    Das sind alles Fakten. Auf diesen Fakten basierend habe ich mir Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen: für mich haben die Medien in diesem Fall nicht funktioniert. Darauf aufbauend habe ich mir Gedanken gemacht: wie könnte es funktionieren.

    Und: Ich bin kein WDR Journalist. Ich arbeite für 1LIVE.

    Liebe Grüße
    Robert

  33. Ich finde die Auseinandersetzung sehr interessant.

    Da Dominik Rzepka auf mich verweist, möchte ich ein, zwei Punkte korrigieren.
    Die Vollversion im Blog.

    Hier nur kurz:

    Ich stimme mit Dominik Rzepka völlig überein, dass der Grat zur Panikmache schmal ist, aber ich halte es gerade bei derart sensiblen Anlagen für wichtig, zu informieren. 15 oder 30 Sekunden hätten durchaus gereicht.

    Ich muss der Behauptung von Dominik Rzepka widersprechen, ich hätte von Verletzen und der Freisetzung von Radioaktivität gesprochen. Das habe ich nicht. Damit kann mir auch die IAEA in diesen Punkten nicht widersprechen.

    Zu dem Foto, mit dem alles Begann, und der Lage des Transformators, siehe auch im Blog.

    Grüße,
    Jürgen Stemke.

  34. @Christoph: richtig. Nur arbeiten hier auch Menschen, die keine Journalisten sind. Techniker, Pförtner, Assistenten, Producer usw. :-) Und beim WDR bin ich auch nicht angestellt. Aber das führt alles viel zu weit. Es ist mir wichtig nicht als WDR-Journalist dargestellt zu werden.

    Liebe Grüße
    Robert

  35. Das tatsächlich einmal reflektiert und gut recherchiert über einen “Störfall” in einem AKW zu berichtet wird… das ich das noch erleben darf in unserer deutschen Medienlandschaft. Wo sonst nur aufgebauscht und unsachlich berichtet wird. Das verdient Anerkennung!

  36. Ein Anruf bei der IAEA bringt weitere Klarheit: “Normalerweise müssen wir von Zwischenfällen informiert werden”, heißt es dort. Und weiter: “Wir haben von dem Vorfall bisher nichts mitbekommen. Wir hören gerade zum ersten Mal davon.”

    das lässt aber doch an der IAEA zweifeln…

  37. Ich finde die differenzierte Diskussion über Journalismus vs. Twitter bemerkenswert und gut.
    Ich verstehe die Neutralität und Sachlichkeit der ÖR.
    Bei aller Aufklärung und sachlicher Zurückhaltung als Begründung lieber gar nicht zu berichten muss ich kritisch dagegenhalten:
    Wenn weiterhin allzu differenziert abgewogen und nicht oder zu wenig nachhaltig über die Risiken, Probleme und Kosten von Atomenergie – v.A. Entsorgungsfrage, siehe Grundwassser in Tricastin – berichtet   wird , wird langfristig wieder die Atomlobby/IAEA die Meinungsführung übernehmen. Gerade bei Zwischenfällen in NachbarLändern wie Frankreich muss nachhaltig, transparent und ohne Zurückhaltung berichtet werden. Den Nachbarn muss klar werden, dass sie sich mit ihrer Haltung zu Atomkraft zusehends unbeliebt machen. Sonst bleibt Deutschland wegen deutscher Sachlichkeit und zurückhaltung beim Atomausstieg lange allein oder schlimmer, nimmt ihn wieder zurück. Das Thema muss über unsere Grenzen hinaus getragen werden. Radioaktivität aus Tricastin, Fessenheim etc. macht auch keinen Halt vor Grenzen.
    Mehr Mut! Bleibt man nachhaltig dran können alte wie neue Medien etwas bewegen.

  38. Ich weiss ja nicht, ob das hier ob der hochkarätigen Diskussion über Recherchemethoden per Telefonanruf und Mitgliedschaften in elitären Journalistenverbänden so recht reinpasst, aber ab und zu tut auch ein bisschen gesunder Menschenverstand ganz gut. Wenn man z.B. sich noch ganz grob an den Physikunterricht in der Schule erinnert, fällt einem z.B. ein, dass ein Transformator immer in beide Richtungen funktioniert.
    Und wenn man sich weiter mal überlegt, dass es sicher ganz fein wäre, wenn sich das Kraftwerk im Falle einer Netzstörung mit dem eigenen Generator mit Energie versorgen kann, dann kommt man auch drauf dass es da wohl eine Abzweigung für den Eigenbedarf gibt. Die kann dann natürlich im Stillstand auch dazu genutzt werden sich über das Netz zu versorgen.
    Ohne Last gibts keine Zündung. Und richtg zuverlässig vorhersagen wann ein Trafo den Geist aufgibt, kann man eben nicht. Man kann Ölproben ziehn, Teilentladung, FR-Spektren und alle möglichen elektrischen Kenngrößen. Zuverlässig ist das nicht. Hat man ja 2009 in Krümmel gesehen, denn der Trafo war wirklich gründlich geprüft.
    Ist aber auch nicht so schlimm, denn:
    1. Ölgekühlte Trafos stehen nie im nuklearen Bereich
    2. Wenn ein Trafo brennt und sonst nix passiert, ist das auch nie wirklich gefährlich. Stichwort Einzelfehlerkonzept.
    Speziell was die Stromversorgung angeht, muss es da mindest noch eine, eventuell auch mehrere Netzanbindungen, die Notstromdiesel und bei solchen Mehrblockanlagen sicher auch ein gegenseitige Blockstützung geben.