Wer zuletzt LOL-t

Treffen sich zwei Jugendliche im Chat. Meint der Eine: „Ey, kennste real life?“ Der Andere: „Nö, schick ma link. LOL!“ Wie jetzt, das finden Sie nicht komisch? Willkommen im Club der „DAU“ – der „Dümmsten Anzunehmenden User“.

Es ist noch gar nicht lange her, da dachte ich, computermäßig sei ich voll auf der Höhe. Bis mich das real life, das echte Leben einholte.

Neulich, als ich meine Tochter mal wieder beim Chatten störte, erhaschte ich einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Die letzte Nachricht an ihre Freunde lautete: „POS“. P-O-S – was hatte das zu bedeuten? Eine neue Castingshow bei ProSieben? Der Name einer hippen Boygroup? Als liberaler Vater, der die Privatsphäre seiner Tochter achtet, tat ich das, was jeder vertrauensvolle Vater tun würde: ich setzte mich an meinen Computer und begann zu schnüffeln.

Google ist heute in der Lage, 57 Sprachen (darunter Suaheli oder Urdu) ins Deutsche zu übersetzen. Viel wichtiger: Google spricht auch die Sprache der Digital Natives, der Internet-Eingeborenen. Einem Wörterbuch für Computer-Slang entnehme ich. „POS“. stehe für „Parent Over Shoulder“, eine Warnung an alle Chat-Teilnehmer, dass ein Erwachsener mitliest.

Anfang der 90er Jahre nahm der Abkürzungs-Wahn seinen Lauf: In den Chat-Rooms bei CompuServe begegnete mir immer häufiger das Akronym „LOL“. Nächtelang rätselte ich, wofür das wohl steht. Zu fragen traute ich mich nicht, wer will sich schon freiwillig als DAU outen? Googeln ging auch nicht, was auch daran lag, dass es Google noch gar nicht gab.

So begann ich einfach, den Begriff, ohne ihn zu verstehen, in meinen Wortschatz zu übernehmen: „Matheprüfung vergeigt. LOL!“ – „Freundin hat Schluss gemacht. LOL!“ – „Wellensittich gestorben. LOL!“ Eines Tages klärte mich ein Mitmensch auf: „LOL“ stünde für „Laughing Out Loud“ – ein Ausdruck dafür, dass etwas ganz besonders lustig ist.

Ja, die Wahrheit kann wehtun. Zum Beispiel wenn man über Jahre hinweg davon ausgeht, dass die eigene Tochter einen für „DWB“ – „Der Welt Besten“ Papa hält. Erst kürzlich erfuhr ich, wofür „DWB“ tatsächlich steht: „Mein Vater? DWB“ = „Dumm Wie Brot“. LOL.


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6 Gedanken zu “Wer zuletzt LOL-t

Zitiert von
  1. warum ist gutjahr nicht lustig? « Hirschfresse

  1. Als ich ca. 2001 meine Internetreise begann trieb ich mich meistens in den damals noch großen Chats (z.B. ProSieben) herum. Der Inhalt zählte, das Profilbild war interessant aber zweitrangig. Attraktivität wurde zu diesem Zeitpunkt mitunter schlicht durch die Farbe des eigenen Nicks definiert, Kompetenz über die Art wie man sich artikulierte und einma im Jahr traf man sich bei CTs (Chat Treffen) zum gemeinsamen Austausch (mitunter nicht nur von Worten).

    Die Chatsprache ist ein Überbleibsel dieser eigentlich irgendwie magischen Zeit. Man mag es kaum glauben doch es gab sogar während dieser kurzen Ära Trends. War es am Anfang noch das simple *g* (grins) oder lol, dass du ja schon erwähnt hast, so kamen später nach und nach Abwandlungen aus dem japanischen Raum hinzu, z. B. das ^^ welches heute noch Anwendung findet und das man am besten aus Mangas kennt. Das hat sich dann noch weiter entwickelt, sodass man inzwischen fast alle Emotionen in dieser bildhaften Zeichensprache darstellen kann: Wut Ã’_Ó, Verwirrung: O_o, Niedergeschlagenheit: Ó_Ã’ etc. So entwickelte sich die Chatsprache also über die Jahre weiter und anscheinend tut sie das noch heute, denn einige deiner genannten Abkürzungen kannte auch ich noch nicht.

    Mit Twitter kommen wir langsam wieder da hin. Heute sind es die #ff’s und hash-tags und ich bin sicher, auch hier entwickelt sich nach und nach eine einzigartige Sprachkultur. Es füllt zumindest in meinem Empfinden die Lücke, die zwischen dem Tod der letzten großen Chats und dieser neuen Plattform im Bezug auf die Kommunikation zwischen Fremden entstand.

    Vorschlag an dich lieber Richard: Lass uns eine neue Sprache kreieren und vielleicht schaut deine Tochter dich irgendwann fragend an und du sagst: “Kennst du nicht? Das ist dol – dads own language”

    Viele Grüße
    Daniel