Der Eröffnungsgipfel – jedes Jahr Höhepunkt der Münchner Medientage. Schon als junger Journalistenschüler amüsierte ich mich prächtig, wenn sich Private und Öffentlich-Rechtliche auf der Bühne gegenseitig abwatschten. Heute jedoch wurde mir zum ersten Mal bewusst, um was für eine traurige Veranstaltung es sich doch. in Wahrheit. handelt. Denn die meisten großen Tiere dieser sog. Elefantenrunde gehören zu einer aussterbenden Spezies.
Es ist wie so oft bei öffentlichen Schaukämpfen. Sobald das rote Licht angeht, fliegen die Fetzen – sind die Zuschauer aber weg, liegt man sich in den Armen. Politiker und Lobbyisten, die sich noch eben vor der Kamera heftig in der Wolle hatten, duzen sich hinter der Bühne. plötzlich. wieder und erkundigen sich gegenseitig nach der Familie (jeder, der schon mal bei einer politischen Talkshow gearbeitet hat, weiß, wovon ich rede).
Heute ist mir bewusst geworden: wir Medienmenschen sind da keinen Deut besser, im Gegenteil, wir sind Teil des Theaters. In einem Jahrzehnte lang einstudierten Ritual schlagen wir uns in der Öffentlichkeit die Köpfe ein, in Wahrheit aber gefallen wir uns in dieser selbst gewählten Inszenierung, unterstreicht sie doch die eigene Unersetzlichkeit. Liefe ja auch weiterhin gut, wäre da nicht plötzlich ein neuer Spieler auf den Plan getreten: das Internet (mir fällt es schwer, das allein auf den Namen Google zu reduzieren).
Das Internet entwickelt sich immer mehr zu einer neuen Instanz: plötzlich werden die alleinigen Kontrolleure der Demokratie (die “freie Presse”) selbst der Kontrolle unterworfen – und zwar durch den Zuschauer, den Gebührenzahler, den User. Dank iPhone und Internet werden (bequeme) Werbe- und Gebührenmodelle ad absurdum geführt. Was die Musikindustrie nie wahrhaben wollte: der Konsument will nicht mehr für ein ganzes Album zahlen müssen, wenn er nur einen oder zwei einzelne Songs (vorzugsweise legal) runterladen will.

Statt neue Wege zu gehen, zu experimentieren, neue Spielarten von Informations- und Unterhaltungsangeboten zu suchen, verharren die Medienlobbyisten lieber in ihren. Schützengräben. Das Bewährte verteidigen, statt neue Modelle auszuprobieren. “Im Seichten kann man nicht untergehen”, so Helmut Thoma einst auf dem Münchner Mediengipfel. Die Zeit scheint seither stehen geblieben zu sein. Ein paar Bildergalerien hier, ein bisschen YouTube da, das wird nicht reichen, um in der neuen Medien-Realität Fuß zu fassen.

Auf meinen Reisen in die USA (zuletzt der Web 2.0 Summit in San Francisco) traf ich Blogger, Web-Unternehmer, aber auch Zeitungsmacher, die aufgrund des Medienwandels gerade erst ihren Job verloren hatten. Auf meine Frage, wie man als traditionelles Medium (“legacy medium”) mit dem Internet am besten umgehen solle, hörte ich immer und immer wieder den gleichen Ratschlag: Experimentiert mehr! Spielt mehr! Traut Euch was, und schaut, was funktioniert.

Empfangen wie ein Rockstar: Twitter-Gründer Ev Williams



8 Gedanken zu “Münchner Medientage: Elefantenfriedhof”
Zitiert vonUnterhaltsames Video. Könnte man das von allen Panels haben, bliebe einem viel erspart.
Genialer Video-Zusammenschnitt! Besten Dank hierfür!
Im Seichten kann man nicht untergehen. Die meisten Menschen ertrinken aber in seichten Gewässern.
Sind wahrscheinlich immernoch die “Keine Experimente”-Generationen an den Schalthebeln. Schade. Steckt sicher Potential Web.
Danke für dieses Mitbringsel:
“Experimentiert mehr! Spielt mehr! Traut Euch was, und schaut, was funktioniert.”
Wahrlich ansteckend!
LG, Mathias
Toller Zusammenschnitt – besser kann man es kaum auf den Punkt bringen! Mein Kompliment, Herr Gutjahr, das hätte ich so nicht erwartet! “Kontrolleure der Demokratie”? “Qualität”? Wären sie es, brächten sie diese, hätten sie weiterhin Erfolg. Stattdessen: Die immergleichen ermatteten “Medienmacher”, die von längst überholten Erfolgen einer ach so gloriosen Vergangenheit leben, boulevardeske Schnöselei mit den immergleichen Konzepten der B&C-”Promi”-Dauerbeglückung, getrieben von der immergleichen Furcht vor dem – Igitt – Neuen und vor dem achsowildgefährlichen Internet, den immergleichen Sätzen auf den immergleichen Parties der eitlen Selbstbespiegelung: gääääääääääääääääähn – kein Wunder, daß Twitter, FACEBOOK, YOUTUBE, Blogs mehr und mehr an Zuspruch gewinnen – haha, das Publikum rächt sich durch Abstimmung per Mausklick und läßt die abgewrackten Zirkusgäule von gestern kalt verhungern – und das ist doch nun wirklich äußerst erfreulich ;-)
Lieben Dank für Eure Kommentare. @Detlef Korus: Ihr Kommentar hat mich total begeistert. Hab ihn einigen Freunden gleich vorgelesen, weil er mir direkt aus der Seele sprach. Danke dafür!
Interessanterweise gab es gleichzeitig zu den ergrauten Medientagen gleich nebenan im Novotel ein ausverkauftes Twitter Seminar für Unternehmen, (…) was sich kritisch, aber konstruktiv mit dem Medium auseinandergesetzt hat.
Um ein umfassenderes Bild von Twitter zu bekommen, hätte es wohl Sinn gemacht, alle Elefanten der Medientage für einen kurzen Ausflug 300 Meter Luftlinie weiter zu senden.