In eigener Sache

Zum ersten mal in seiner Geschichte hat das Grimme-Institut einen Hashtag nominiert – Weitere Premiere: Die Würdigung einer bemerkenswerten persönlichen Leistung im Netz

big-grimme-institutStatement der Nominierungskommission des Grimme Online Award 2013 

Zum ersten Mal wurden für uns auch die Leistungen einer einzelnen Person für (R)Evolutionen im Internet auszeichnungswürdig. Die demokratische Gesellschaft sowohl in der Netz- als auch in der Kohlenstoffwelt profitiert von Richard Gutjahrs Analysen, Impulsen und den von ihm initiierten beispielhaften Projekten wie “lobbyplag.eu” oder der “Rundshow”.

“Je besser das Gute im Netz ist, umso schwerer ist es, herauszuragen. Und je mehr gute Angebote im Internet zu finden sind, umso mehr sind auszeichnungswürdig. Beides trifft auf den Jahrgang 2013 zu. Erstmals in der Geschichte des Grimme Online Award haben wir in der Nominierungskommission das gesamte Kontingent der 28 möglichen Nominierungen in Anspruch genommen. Es waren am Ende oft sehr knappe und schwere Entscheidungen.”

(…)

“Unser Fazit für den Jahrgang 2012/13: Die vernetzte Vielfalt hat in diesem Jahr vor allem beim publizistischen Niveau zugelegt, Innovationen entstanden hauptsächlich in der klugen Kombination bestehender Modelle, Techniken und im kreativen und ungewohnten Einsatz etablierter Werkzeuge und Plattformen.”

Hier die komplette Liste aller Nominierungen für den Grimme Online Award 2013. Hier könnt Ihr abstimmen über Euren Favoriten beim Publikumspreis.

Hausdurchsuchung bei Bloggerin wegen Jux-Doktortitel

Hausdurchsuchungen bei einer Journalistin. Anlass: ein satirischer Blogpost. Die Polizei-Aktion in NRW zeigt, wie leicht es Behörden gemacht wird, fundamentale Grundrechte auszuhebeln. Als Anfangsverdacht genügt dazu bereits, mögliche Straftaten zu ergoogeln.

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tl;dr: Die Sicherheitspolitiker hatten Recht – das Internet, ein rechtsfreier Raum. Kein Tag, an dem sie nicht daran arbeiten.

Die Geschichte von Eva Ihnenfeldt ist schnell erzählt: In einem satirischen Blogpost beschreibt die die 54jährige Journalistin, wie ihre Kinder ihr zum Geburtstag einen Scherz-Doktortitel gekauft haben. 39 Euro habe die Urkunde via Groupon gekostet. Kein akademischer Titel, sondern ein kirchlicher, verliehen von einer Freikirche in Miami, Florida. Augenzwinkernd verabschiedet sich die Bloggerin von ihren Lesern als „Dr. h.c. of Ministry Eva Ihnenfeldt, MLDC Miami“.

Art. 13 GG: Die Wohnung ist unverletzlich – oder die Frage: Was ist eine “besonders schwere Straftat”?

Fotos im Morgenmantel

Ein Jahr später steht die Polizei vor der Tür ihrer Privatwohnung in Witten (NRW). Drei Kriminalbeamte mit einem Durchsuchungsbefehl und einem Zeugen vom Ordnungsamt. Zeitgleich, so wird der Journalistin mitgeteilt, werden ihre Geschäftsräume in Dortmund von Beamten durchforstet. Ein Polizist macht ungefragt ein Foto von ihr. Im Bademantel. Für die Akte.

Begründung für diese Polizei-Aktion:

“Die Beschuldigte ist verdächtig, unbefugt eine am inländischen oder ausländischen Grad zum Verwechseln ähnliche Bezeichnung geführt zu haben, indem sie den käuflich erworbenen Titel “Dr. h.c. of Ministry MDLC Institute (USA)” im Internet, nämlich auf der Seite “www.Steadynews.de” verwendete, Vergehen, strafbar gemäß § 132a Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 STtGB.”

Und dann steht da noch folgendes: “Der Tatverdacht beruht auf einer Internetrecherche.”

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Haus-, Handy- und PC-Durchsuchung

In einem früheren Blogpost habe ich beschrieben, wie leicht es heute ist, unsere PCs und Mobiltelefone auszuspionieren. Laut Bundesnetzagentur haben inzwischen rund 250 unterschiedliche Behörden Zugriff auf unsere IP-Adressen und Handykoordinaten.

Diese Abfragen erfolgen größtenteils automatisiert, sprich: Ermittler haben direkten Zugang zu den Datenbanken von bislang rund 150 teilnehmenden Telekommunikationsunternehmen. Aus dem Jahresbericht der Netzagentur (PDF) geht hervor, dass in Deutschland im Schnitt alle 1,2 Sekunden eine solche Abfrage erfolgt.

polizeimarkeSo schnell kann’s gehen

Was mich an der scheinbar harmlosen Posse um Eva Ihnenfeldt so schockiert, ist die Tatsache, wie schnell man in unserem Rechtsstaat ins Visier einer Polizeifahndung geraten kann. Eingriffe in Grundrechte, die offenkundig auf Willkür, Unkenntnis und einer äußerst fragwürdigen Rechtsauslegung aller Beteiligten basieren.

„Durch den ‚Tatort’ hat man den Eindruck, wie unglaublich schwierig es ist, Durchsuchungsbeschlüsse zu bekommen – selbst bei Mord“, so Eva Ihnenfeldt im Gespräch. Die tatsächliche Polizeipraxis sieht offenbar anders aus.

Anfangsverdacht ergoogelt

Die Anforderungen, die der Gesetzgeber vorsieht, um in die Wohnung oder in einen Computer einer Privatperson einzudringen, scheinen mittlerweile ähnlich hoch wie ein Telefon-Gewinnspiel bei RTL:

Polizisten „recherchieren“ (= googeln) und stoßen dabei auf scheinbare Straftaten (hier: einen Bagatellfall). Durch einen solchen „Anfangsverdacht“ erhalten sie via Bestandsdatenauskunft direkten Zugriff auf unsere PC- und Handy-Koordinaten, und könnten – dank Telekommunikationsgesetz – jetzt sogar Telefonüberwachung bzw. das heimliche Mitlesen von E-Mails beantragen.

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Auch Mobiltelefon und PC sollten beschlagnahmt werden

Staatsanwälte, die jedes Augenmaß verlieren und mit Drohnengeschwadern Jagd auf Spatzen machen. Richter, die offensichtlich überfordert sind und alles unterschreiben, was man ihnen vorlegt (vgl. Richter-Signatur „Lübeck, 09. 01. 1201“).

Bei meinem Telefonat mit der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Lübeck wartet die nächste Überraschung: Offenbar hatte man dort nicht nur eine einfache Hausdurchsuchung beantragt, sondern plante, sämtliche PCs und Mobiltelefone von Eva Ihnenfeldt zu konfiszieren. Den Namen des Staatsanwaltes, der eine solche Maßnahme für erforderlich hielt, wollte man mir nicht nennen.

“Verliere langsam die Geduld mit Ihnen!”

„Jetzt verliere ich langsam die Geduld mit Ihnen“, so Behördensprecher Günter Möller, weil ich ihn wiederholt nach der Verhältnismäßigkeit frage. Erst als ich den Beamten daran erinnere, dass es immerhin um den Eingriff in die Grundrechte einer Bürgerin geht, lässt er sich dazu herab, mir die Begründung des Richters vorzulesen:

„Der Eingriff in die Grundrechte nach den Artikeln 2 und 13 Grundgesetz ist verhältnismäßig: Zwar ist die Intensität des Eingriffs trotz Abwendungsbefugnis und Beschränkung des Durchsuchungsziles auf bestimmte Beweismittel erheblich. Auch ist die Tat, bei der der Strafrahmen Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr ist, nicht schwer. Der Verdachtsgrad ist jedoch hoch, und auch die Bedeutung der zu erwartenden Beweismittel ist groß, insbesondere für das Verfahren gegen den gesondert verfolgten Verkäufer des Titels.“

“Erheblicher Eingriff in Grundrechte” …egal.

Auf deutsch: Polizei, Staatsanwalt und Richter sind sich durchaus darüber bewusst, was für einen krassen Eingriff sie in die Grundrechte der Bürgerin vornehmen. Zur Erinnerung – Artikel 13 des Grundgesetzes sieht vor: (1) Die Wohnung ist unverletzlich. Elektronische (nachtr. eingefügt) Durchsuchungen seien nur in Zusammenhang mit „besonders schweren Straftaten“ erlaubt.

Obwohl die Behörden zu diesem Zeitpunkt bereits erklären, dass es sich im Fall von Eva Ihnenfeldt um keine schwere Straftat handelt, dass Ihnenfeldts Blogtext nicht illegal ist, dass sie darin noch nicht einmal zu illegalem Handeln aufruft, haben sie offenbar null Probleme damit, eine Hausdurchsuchung mit allen damit verbundenen Konsequenzen für die Betroffene (Zeit, Anwalt, Reputation) anzuordnen.

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Wie ein Verfassungsrichter in der taz berichtet, sind viele Hausdurchsuchungen verfassungswidrig. Der Grund: Anlass und Ermittlungsziel stehen in keinem vertretbaren Verhältnis mehr zur Schwere des Grundrechteingriffs.

Willkür, Web und Wahnsinn

Willkür und Web-Dilletantismus gepaart mit unsichtbaren aber immer mächtigeren Instrumenten wie Bestandsdatenauskunft oder Telekommunikationsüberwachung – genau so gut könnte man in einem Kindergarten Schusswaffen austeilen. Früher oder später geht das schief.

Eva Ihnenfeldt ist froh, dass sie als Journalistin, anders als die vielen „stummen Bürger“, gut vernetzt ist:

Ihnenfeldt„Durch die gesamte Web 2.0-Gemeinde erfahre ich einen Schutz, der mich zu Tränen rührt. Man sieht an solchen Beispielen wie wichtig es ist, sich zu vernetzen, um sich zur Wehr zu setzen. Das ist die eigentliche Revolution, die gerade stattfindet.“

Eva Ihnenfeldt

Eure Meinung: Hat der Blogpost von Eva Ihnenfeldt eine solche Polizei-Aktion gerechtfertigt? Habt Ihr ähnliche Fälle erlebt?

Claus Kleber: Das können Sie alles bloggen!

Vor 5 Jahren hätte er SPIEGEL-Chefredakteur werden können. Er entschied sich dann aber anders. Ein Gespräch mit dem heute-journal-Anchor Claus Kleber über Breaking News, den Medienwandel und das Internet.

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Meine erste Begegnung mit Claus Kleber war 1999 in den USA. Er: Leiter des ARD-Studios in Washington. Ich: Journalistik-Student und Praktikant bei CNN. Penetrant wie ich bin, hatte ich ihn damals einfach angerufen und gefragt, ob ich nach einer Vorlesung nicht mal bei ihm im Büro vorbeischauen könnte.

Kleber nahm sich fast eine Stunde Zeit und ließ geduldig alle meine Fragen über sich ergehen: Wie man Korrespondent wird. Was am meisten Spaß macht an dem Job. Was eher lästig ist. Solche Dinge.

Heute, fast 15 Jahre später, habe ich Kleber in seinem aktuellen Büro besucht. Das befindet sich bekannterweise beim ZDF, für das der Journalist seit 2003 als Anchorman und Dokumentarfilmer vor der Kamera steht. Anlass meines Besuchs war eine Einladung des heute-journal-Teams als externer Sendungs-Kritiker.

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Absprachen mit dem Schlussredakteur Hanno Schneider zur Sendung am Abend

Improvisiertes Interview

Im Anschluss an die Redaktionskonferenz hat Claus Kleber spontan noch ein paar Fragen für mein Blog beantwortet (war nicht abgesprochen). Der 57jährige verrät, wie er als Nachrichtenmoderator Breaking News erlebt, ob er froh ist, den Posten beim SPIEGEL ausgeschlagen zu haben und weshalb er es manchmal bereut, sich nicht früher mit den Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke beschäftigt zu haben.

Ich hoffe, es gefällt Euch. Enjoy.

(sorry für miese Bild/Ton-Qualität bei meinen Fragen – Interview war nicht geplant – 2. Cam = iPhone)

Bestandsdaten außer Kontrolle

Richtervorbehalt und Benachrichtigungspflicht – mit diesem Kompromiss haben CDU, CSU, FDP und SPD die geplante Bestandsdatenauskunft durch den Bundestag gebracht. Wäre da nicht dieser eine, kleine Schönheitsfehler: Eine richterliche Prüfung sowie die gesetzlich vorgeschriebene Benachrichtigung finden in Deutschland schon lange nicht mehr statt.

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Was bisher geschah

Im Januar 2012 hat das Bundesverfassungsgericht die Pläne der Bundesregierung zur Vorratsdatenspeicherung kassiert (Das Urteil im Wortlaut). Bemängelt wurde nicht die Speicherung als solches, vielmehr die gesetzliche Grundlage dazu. Die Karlsruher Richter setzten der Regierung eine Frist bis Juni 2013, ein neues Gesetz musste her. Das ist auch geschehen, still und heimlich ausgehandelt, nahezu unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit.

Am Abend des 21. März hat der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU, FDP und SPD die Änderung des Telekommunikationsgesetzes sowie die Neuregelung der Bestandsdatenauskunft beschlossen. Herausgekommen ist nicht etwa eine Einschränkung der staatlichen Schnüffelei – sondern das genaue Gegenteil.

Der ganz große Lauschangriff

Sollte das Gesetzespaket wie geplant am 3. Mai den Bundesrat passieren (wovon aufgrund der Beteiligung von SPD auszugehen ist), haben künftig rund 250 registrierte Behörden, darunter Polizei, BKA, Zoll und Verfassungsschutz noch leichteren Zugang zu unseren Handy- und E-Mails, ggfs. sogar zu unseren Cloud-Speichern sowie zu unserer sonstigen elektronischen Kommunikation (z. B. Facebook, Twitter). “Einfache Bestandsdaten” wie Name, Anschrift oder Kontoverbindungen sollen für Ermittler ohne Prüfung, völlig automatisiert abrufbar sein.

Wie konnte das geschehen?

Eine Mehrheit für dieses beachtliche Gesetz kam zustande durch einen Kompromiss, der zwischen Regierungsparteien und Opposition im Innenausschuss ausgehandelt wurde. Durch die Aufnahme eines Richtervorbehaltes sowie der Benachrichtigungspflicht in besonderen Fällen haben FDP und SPD ihren Widerstand aufgegeben und dem Gesetzespaket zugestimmt (Beschlussempfehlung Innenausschuss, S. 19).

Richtervorbehalt und Benachrichtigungspflicht – und alles wird gut? Polizei, Staatsanwälte, Richter und Anwälte wissen es besser. Weder richterliche Prüfung, noch die Benachrichtigung der Betroffenen findet in der Praxis statt. Schuld sind nicht die faulen Beamten, vielmehr liegt es an der schieren Masse an Vorgängen und Eil-Anträgen, mit denen die Richter überflutet werden.

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Kontrollmechanismen nur auf dem Papier

Dass es sich beim Richtervorbehalt und der Benachrichtigungspflicht offenbar um eine Scheinkontrolle handelt, veranschaulichen zwei groß angelegte Studien, die im Zusammenhang mit der Telekommunikationsüberwachung (TKÜ) durchgeführt worden sind.

Vor über 10 Jahren, also noch bevor die staatlichen Überwachungsmaßnahmen im Zuge der Anti-Terror-Gesetze massiv ausgeweitet worden sind, haben die Universität Bielefeld und das Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht unabhängig voneinander die Abläufe im Zusammenspiel von Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern in Deutschland untersucht. Das Ergebnis beider Studien ist niederschmetternd:

In der Praxis fand schon damals weder eine Prüfung durch die Richter im Vorfeld, noch eine Benachrichtigung der Betroffenen durch die Behörden im Nachhinein statt.

“Unter dem Gesichtpunkt der Transparenz, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit bei TKÜ-Maßnahmen lässt sich ein Auseinanderklaffen von Gesetz und Wirklichkeit vor allem hinsichtlich der Benachrichtigungspflicht (…) und ihrer Umsetzung feststellen.”

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht

 

Richtervorbehalt: Polizisten schreiben ihre eigenen Genehmigungen

Sowohl die Studie der Universität Bielefeld, als auch die Untersuchungen des Max-Planck-Institiuts stellen dem Richtervorbehalt ein vernichtendes Urteil aus.

„In unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass von über 500 Anträgen nur einer von einem Richter abgelehnt worden ist”, so Christoph Gusy, Professor für Öffentliches Recht, Staatslehre und Verfassungsgeschichte an der Universität Bielefeld in einem ZDF-Interview am 6. Mai 2003. “Wenn die Polizei einen Antrag anregt und die Staatsanwaltschaft diesen Antrag stellt, so bekommt sie ihn mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit durch.“

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Die Max-Planck-Studie (PDF) kommt zu einem ähnlichen Fazit: Lediglich in 0,4% der Fälle haben Richter eine Überwachungsmaßnahme abgelehnt. Die Genehmigung erfolgte in den meisten Fällen noch am selben Tag. In 63% der TKÜ-Anordnungen lagen zwischen Anregung und Antrag maximal 24 Stunden.

Zumal viele Richter offenbar gar nicht wissen, was sie da unterschreiben: ”Wer jahrelang nur Miet- oder Familienrecht gemacht hat, der ist dann nicht mehr in der Lage, eine Telefonüberwachung auf ihre Rechtmäßigkeit hin zu prüfen”, so Professor Gusy von der Universität Bielefeld.

Noch deutlicher wird ein Polizeibeamter, der im Rahmen der Max-Planck-Studie über seinen Arbeitsalltag befragt wurde:

„Im Bereich der Email-Überwachung ist eine Aktualisierung und Klarstellung notwendig, da herrscht Chaos. Es gibt die irrsten Rechtsauffassungen und egal, welchen Antrag ich stelle, der Richter gibt dem in diesen Fällen statt.”

Polizeibeamter, anonym

“Die TKÜ kommt de facto von der Polizei”

Ein Rechtsanwalt wird in der Studie wie folgt zitiert: „Die TKÜ kommt de facto von der Polizei, die Staatsanwaltschaft übernimmt die Anordnung schon unkritisch, der Ermittlungsrichter noch unkritischer.“ In vielen Fällen werde nur abgeschrieben, was die Ermittlungsbehörden vortragen. Weiter heißt es: “Auf der Grundlage entscheidet dann ein Amtsrichter mit fehlender Kompetenz und fehlendem Überblick und gefilterten Informationen. Er müsste den Antrag ablehnen, unterliegt aber dem Druck des gesamten Ermittlungsapparates.”

Drei Viertel aller Lauschangriffe rechtswidrig

Mit weitreichenden Folgen: Die Max-Planck-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nur 24 Prozent der Richter-Beschlüsse durch Fakten untermauert seien. Die Studie der Universität Bielefeld geht noch weiter. Die meisten Abhörmaßnahmen beruhten auf Anordnungen, die vermuten lassen, dass die Richter ihre Entscheidung nicht “eigenständig” treffen, so wie es das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich vorschreibt. Anders ausgedrückt: Die Behörden verstoßen seit Jahren beim Anzapfen von Handys und Computern massiv gegen geltendes Recht.

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31 Millionen abgehörte Telefonate im Jahr

Aus der in die Jahre gekommenen Max-Planck-Studie (PDF) geht hervor, dass die Strafverfolger pro Überwachungsanordnung 1407 Gespräche abhören. Hochgerechnet folgen daraus bei knapp 22.000 Anordnungen rund 31 Millionen abgehörte Gespräche allein für das Jahr 2002. In Anbetracht der massiven Ausweitung der Überwachungsmaßnahmen in den zurückliegenden Jahren (die Anzahl der dokumentierten Anordnungen hat sich in letzten 20 Jahren mehr als verfünffacht), muss man davon ausgehen, dass die Zahl der abgehörten Telefonate heute deutlich höher liegt.

Eine Benachrichtigung der Betroffenen erfolgt in der Regel nicht

Laut Universität Bielefeld informierten die Ermittler lediglich 3 Prozent aller Betroffenen nach der Abhöraktion, obwohl das Gesetz das grundsätzlich für jeden Fall vorschreibe, so Rechtsprofessor Otto Backes, einer der beiden Autoren der Studie, gegenüber Spiegel Online.

Auch die Max-Planck-Studie stellt fest: “Eine Benachrichtigung aller Gesprächsteilnehmer erfolgte ausweislich der Akten ersichtlich nicht”. Die Auswertung habe ergeben, dass in gerade mal 15,3 Prozent aller Fälle eine Benachrichtigung der Betroffenen stattgefunden habe.

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Wer ist zu informieren?

Womit auch schon der nächste Schwachpunkt im Theorie-Konstrukt der Gesetzgeber deutlich wird:

Wenn Betroffene über die Abhörmaßnahmen im Nachhinein unterrichtet werden müssen, gilt das dann nur für die observierte Person selbst – oder auch für sämtliche Gesprächspartner, die meist völlig unbeteiligt und arglos mit abgehört werden?

Zitat eines Kriminalbeamten in der Max-Planck-Studie:

„Wenn wir Verfahren mit 400 bis 500 Anschlussinhabern haben … wer soll die denn alle unterrichten?“

Ein weiterer Ermittler gibt zu Protokoll:

“Diese Unterrichtung aller Teilnehmer ist praktisch ja gar nicht umsetzbar. Außerdem würde das zur Verunsicherung bei den Bürgern führen.”

Am deutlichsten wird der Richter eines Landgerichts:

“Was die Leute nicht wissen, macht sie nicht heiß. Warum soll man sie schockieren?“

Richter am Landgericht, anonym

 

Die Anti-Terror-Lüge (Update)

Auch ich habe mich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Politikern, Kriminalbeamten und Staatsanwälten unterhalten. Sehr schnell fallen da Begriffe wie “Terrorbekämpfung”, “Schwerstkriminalität” oder auch “Kinderpornographie”.

Wer sich dann aber mal die Mühe macht, die eher kryptischen Statistiken zu studieren, die man nach langer Suche auf den Seiten des Bundesamtes für Justiz in Bonn findet, gelangt zu einem anderen Bild: Terrrorbekämpfung und Kinderpornographie rangieren im Zusammenhang mit Abhörmaßnahmen unter ferner liefen.

Damit will ich nicht sagen, dass Überwachungsmaßnahmen in Bezug auf Steuerhinterziehung, Drogenbesitz oder Urkundenfälschung per se falsch sind. Mir geht es nur um den verzerrten Eindruck, den gerade jene Politiker, die diese Statistiken am besten kennen, der Öffentlichkeit vermitteln, um die Notwendigkeit immer neuer Überwachungsgesetze zu rechtfertigen.

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Persönliches Fazit

Nach der Lektüre der 480-Seiten-Studie des Max-Planck-Instituts war ich baff. Ich hatte ja mit vielem gerechnet. Das Ausmaß, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in unserem Rechtsstaat schon heute auseinander klaffen, ist unfassbar. Die Überwachungsmaßnahmen scheinen sich verselbständigt zu haben, sind sprichwörtlich außer Kontrolle geraten. Die Begründung für immer massivere Eingriffe in unsere Grundrechte – Terrorabwehr, Schwerstkriminalität – eine Farce.

Wenn selbst diejenigen, deren Job es ist, zu prüfen, dass Mittel und Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben, sagen: Wir können das gar nicht, wir haben weder Wissen noch Zeit dazu – dann sollten bei den Gesetzgebern die Alarmglocken schrillen. Stattdessen feiert man sich für einen faulen Kompromiss (Richtervorbehalt, Benachrichtigungspflicht), durch den man nach außen hin sein Gesicht wahrt und behaupten kann: Wir haben “wesentliche qualitative Verbesserungen” erreicht (Zitat SPD).

Mit dem jüngsten Beschluss zum Telekommunikationsgesetz (eingefügt) und zur Bestandsdatenauskunft haben Union und SPD einmal mehr (vgl. Grundgesetzänderung 2002 – Der große Spähangriff) den Weg in Richtung Überwachungsstaat geebnet. Noch mehr Befugnisse für Hunderte von Behörden, SMS und E-Mails ungeprüft mitzulesen, noch mehr angezapfte Handys und Computer. Die in den TKÜ-Studien durchklingende Praxis: “Wer viel abhört, findet früher oder später auch was” hat das Prinzip der Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt. Eine Ordnungswidrigkeit, das ist alles, um sich in Telefonverbindungen oder in den Mailverkehr einklinken zu können.

Brief- und Telekommunikationsgeheimnis? Informationelle Selbstbestimmung? Die Privatsphäre um uns herum schmilzt wie die Polarkappen. Ich frage mich, wie lange das Bundesverfassungsgericht diesen Entwicklungen noch standhalten wird.

Lasst uns diskutieren. Ihr seid dran. 

Zeitung ja, nur anders

Wie muss das Konzept „Zeitung“ weiterentwickelt werden, damit gedruckter Journalismus auch in Zukunft seinen Platz findet? Zeitungsleser, -Verweigerer & Macher haben sich im Kommentarteil des G! Blogs ihre Gedanken gemacht. Eine Zusammenfassung.

big-newscardsReaktionen der Blogleser

Vergangene Woche haben Sascha Lobo, Frank Schirrmacher, Amir Kassaei, Ulrike Langer, Mario Sixtus und Thomas Knüwer in diesem Blog geschildert, wie sie sich die Zukunft der Zeitung vorstellen. Ich bin sehr dankbar, dass sich diese klugen Köpfe Zeit für diese Frage und mein Blog genommen haben.

Fast noch dankbarer bin ich allen Bloglesern, die spontan in die Diskussion mit eingestiegen sind. Dutzende von Euch haben im Kommentarteil ihr persönliches Medien-Nutzungsverhalten beschrieben, dargelegt, weshalb sie Zeitung lesen – oder eben auch nicht mehr.

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Würden Sie hier etwas kaufen wollen?

Lob, Kritik & Ideen

Vom 18jährigen Digital Native Benedict bis hin zum Tageszeitungsredakteur Wolfgang erfahren wir, woran es liegt, dass die gedruckte Zeitung immer weiter an Relevanz verliert. Es hagelt Kritik, es gibt aber auch viel Zuspruch. Und nicht selten machen die Kommentar-Schreiber sogar richtig gute Vorschläge, was die Verlage tun müssen, damit die Zeitung auch in Zukunft noch einen Platz im persönlichen Medienmix behält.

Ich bin so einer – fast 50, gelernter Printer! Täglich bemüht, den allseits geforderten Wandel weg von der Print- hin zur Internetdenke hin zu vollziehen, glaube ich, den Zug abfahren zu fühlen. Mir wird angst und bange, wenn ich von Apps und E-Papers der Konkurrenten lese und erdulden muss, dass ich selber sowas nicht habe und nicht bedienen kann.
 Ich fürchte, von einer sich auftürmenden WWW-Woge weggespült zu werden, täglich in der Sorge, als Printdino dem Burnout näher zu sein als dem Surfbrett, das mich auf die richtige Seite der Welle bringt.

Dibo, 28. März

Diskussionen wie diese sind für mich der beste Beweis dafür, dass wir Journalisten noch aktiver Gebrauch von der Kommentarfunktion machen sollten. Dass es sich lohnt, von unseren (Elfenbein-) Sendetürmen und (Geld-) Drucker-Pressen herabzusteigen, um mit und von unserem Publikum zu lernen – bevor es irgendwann vielleicht zu spät ist.

Ich gehöre selbst zu der vom Aussterben bedrohten Art des Tageszeitungsredakteurs und stelle mir die o. g. Fragen seit Jahren. Das Schlimmste: Seit einiger Zeit ist es morgendliches Ritual geworden, das Weltgeschehen mal eben per Smartphone auf Spiegel Online durchzuklicken. Und es passiert genau der hier vielfach beschriebene Effekt: Man pickt sich die Rosinen heraus und liest nur den Beitrag in voller Länge, der wirklich interessiert. Ich säge also infizierterweise selbst an dem Ast, auf dem ich sitze – und kann mich, wie denn auch, der Aktualität nicht entziehen.

Wolfgang, 29. März

Natürlich weiß ich, dass die Menschen, die sich in einem Blog äußern, nicht repräsentativ für den Bevölkerungsdurchschnitt sind. Aber: Sind das nicht genau die Personen, die man bereits ans Web verloren hat, und die einem wertvolle Hinweise geben können, bevor auch der letzte Zeitungsleser sein Abo gekündigt hat?

Ich bin 25. Als SPON das erste mal veröffentlichte, war ich 6. Als ich mich für die Welt zu interessieren begann, so mit 15/16, waren Internet und Onlinemedien schon nichts ungewöhnliches mehr. Ich musste mich also nie daran gewöhnen, die News von heute erst morgen zu bekommen. Und ich habe es auch nie. (…) Wenn ich mir aktuell eine Zeitung kaufe, dann nur mal eine Wochenzeitung, falls mich das Titelthema besonders interessiert. Meine Informationen bekomme ich via Feedly, Flipboard, diversen Apps (ZDFheute, NZZ, NYT, Spiegel usw.) und über das Heute Journal. Bei Feedly bündeln sich die Meldungen von etwa 30 „Zeitungen“.

Dumaine, 30. März

Das Wichtigste in Kürze

Für alle diejenigen von Euch, die keine Zeit oder Lust haben, sich durch die bisher rund 80 Kommentare im Original zu kämpfen, hier eine Bündelung der wesentlichen Leser-Wünsche und Anregungen:

iTunes BILD

Warum ich keine Zeitung mehr lese:

  • Allerweltsnachrichten werden über den ganzen Tag verteilt via Twitter, Facebook, Tagesschau und Spiegel Online abgerufen
  • Die Tageszeitung wird als „alt“ und voller Nachrichten von gestern empfunden
  • Die Qualität überzeugt nicht – banaler Agentur-Copy-&-Paste-Journalismus
  • Zunehmende Vermischung von Meldung und Meinung
  • Besserwisser-Attitüde vieler Schreiber bei nicht vorhandenem Fachwissen
  • Das Kozept einer (Zwangs-) Bündelung von Ressorts, die nicht interessieren, ist überholt (Vergleich: Musikindustrie / Einzelverkauf von Songs bei iTunes)
  • Smartphone, Tablets und Reader sind handlicher

 

iTunes SZWarum ich Zeitung lese:

  • Informationen aus der Region, die es nirgendwo sonst gibt
  • Die Zeitung als „Wundertüte“, die auch Themen bereithält, die man nicht aktiv sucht
  • Ein „endliches“, abgeschlossenes Produkt, das nicht wie das Web in alle Richtungen ausfranst
  • Geschichten, die über die Tagesaktualität hinausgehen
  • Zur Entspannung, zum Eintauchen, zum Genuss

 

iTunes WELTWas die Zeitung der Zukunft bieten muss:

  • Mehr Tiefe und Analyse, statt Copy-&-Paste-Agenturjournalismus
  • Mehr Mut, gegen den Mainstream eigene Themen zu setzen
  • Mehr Lokales – aber kritischer, weniger Hofberichterstattung
  • Digitale Ausgaben von Montag bis Freitag, gedruckte Wochenendausgaben zum Schmökern
  • Die Möglichkeit, sich „seine“ Zeitung im Netz selbst zusammenstellen zu können – am besten gleich verlagsübergreifend
  • Ein einfach zu bedienendes Micro-Pay-System für hochwertige, gut recherchierte Artikel

Fazit

Generell wünschen sich die Leser hochwertige Inhalte, die man dann gerne auch gesondert bezahlen möchte. Voraussetzung hierfür wäre ein einfaches und verlagsübergreifendes Abrechnungssystem. Micropayment erfüllt 2 Zwecke: Zum einen die Möglichkeit, sich “seine” Zeitung aus unterschiedlichen Quellen selbst zusammenstellen zu können (Rosinenpicken, vgl. Musikindustrie und iTunes). Zum anderen wollen Leser durch gezieltes Bezahlen auch bewusst Qualität “belohnen” (vgl. flattr).

Für mich wären Online-Angebote interessant, bei denen ich mit einem individuell festlegbaren Filter meine Zeitung auf dem Bildschirm zusammenstellen könnte. Artikel möchte ich nur noch in ganz seltenen Fällen gedruckt in der Hand halten.

Jürgen M. Beith, 28. März

Was die Leser nicht mehr lesen wollen ist Copy-&-Paste-Journalismus, Hofberichterstattung und schlechte Recherche.

Was müsste also passieren, damit ich wieder die Zeitung kaufen würde?
 1. Sie sollte modular beziehbar und aktuell sein. 2. Die Zeitung muss mir wirklich einen Mehrwert gegenüber dem liefern was kostenlos im Netz verfügbar ist. 3. Die journalistische Qualität muss wieder stimmen. 4. Selbstverständlich sollte die Zeitung auch problemlos über verschiedene Geräte jeweils optimal angepasst lesbar sein.

Benjamin Wagener, am 28. März

Auch die Notwendigkeit einer tagtäglichen Ausgabe in gedruckter Form wird in Frage gestellt. Alternativ wird eine digitale Tageszeitung von Montag bis Freitag vorgeschlagen, in Kombination zu einer gedruckten Wochenendausgabe mit Analysen und längeren Hintergrundstücken zum Schmökern.

Klar ist: die Printausgaben müssen sich umstrukturieren, mehr aufs Eigene setzen, als auf die Agenturweltnachrichten – ohne aber eben ganz darauf verzichten zu können (weil: siehe oben). Und im Netz müssen Formate gefunden werden, die, und davon bin ich nun fest überzeugt, darauf hinauslaufen, dass sich die jeweiligen User ihre eigene Nachrichtenwelt zusammenbauen. Das wäre dann auch eine Zeitung. Eine moderne eben.

Barfau, 29. März

Der 18jährige (!) Benedict Schultheiß beschreibt in seinem Kommentar das gesamte Zeitungsdilemma sehr ausführlich und überaus anschaulich. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die was mit Medien machen.

Stör langsam – Dieter Hildebrandt goes Web-TV

Dieter Hildebrandt hat sich auf ein ungewöhnliches Experiment eingelassen: Mit 85 Jahren präsentiert er ein Web-TV-Format, finanziert durch Crowdfunding. 150.000 Euro kamen zusammen. Dieses Osterwochenende feierte stoersender.tv seine Premiere.

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Empört Euch!

„Empört Euch!“ hat der deutsch-französische Widerstandskämpfer Stéphane Hessel bis kurz vor seinem Tod im Februar dieses Jahres in die Welt hinaus gerufen. Empört Euch über die Banken, die Lobbyisten und die Politiker, die wie Marionetten an den Fäden der Großkonzerne hängen. Empört Euch! – unter diesem Motto gingen letztes Jahr hunderttausende Menschen in Madrid, in New York oder in Tel Aviv auf die Straße, um für mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu demonstrieren.

Stéphane Hessel in der Premieren-Sendung der Rundshow, Mai 2012

Empört und verstört

Einer, der sich schon empört hat, als ich noch gar nicht auf der Welt war, ist zurück auf dem Bildschirm; wenn auch nicht auf dem Bildschirm, der ihn einst landesweit bekannt gemacht hat. Dieter Hildebrandt, Vater des politischen Kabaretts, will es nochmal wissen. Zusammen mit Karikaturist Dieter Hanitzsch (79) und einigen Weggefährten (u.a. Konstantin Wecker, Georg Schramm, Urban Priol, Frank Markus Barwasser – aka Erwin Pelzig) hat der 85-Jährige das Webvideo-Format stoersender.tv gegründet.

Jenseits der Quote

Mit stoersender.tv zeigt Dieter Hildebrandt den etablierten Sendeanstalten den ausgestreckten Mittelfinger. Senderchefs und Gremien werden links und rechts stehengelassen, vor allem rechts. Ausgerechnet ein 85-Jähriger tut das, was schon lange Aufgabe professioneller TV-Anbierter gewesen wäre; er entwickelt ein Kabarett-Format fürs Netz – vor allem aber fürs Hirn. Mit einem Finanzierungs-Modell, jenseits von Zwangsabgabe und Kommerz-Trash.

Mastermind hinter dem Projekt ist Stefan Hanitzsch, „stark verwandt“ (Hildebrandt) mit dessen Vater Dieter Hanitzsch. Der 36-Jährige kümmerte sich um die Webseiten der beiden Herren. Aus einem Gespräch heraus u.a. über die NSU-Morde und die Occupy-Bewegung war die Idee des Störsenders geboren. Stefan Hanitzsch ist Journalist und hat u.a. für die Süddeutsche Zeitung und den Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Später wechselte er die Seiten und war als Pressesprecher für die SPD in Bayern und Berlin tätig.

Der will doch nur stören

Der Störsender will, wie der Name schon sagt, in erster Linie stören. Gestört werden sollen „Menschen und Organisationen, die ihrerseits die Demokratie stören“. Alle 14 Tage gibt es dazu ein 30 Minuten-Magazin auf YouTube und Vimeo, mit exklusiv produzierten Clips von Dieter Hildebrandt und seinen Bühnen-Kollegen, mit animierten Musikeinlagen, Interviews, Berichten und sog. „Störaktionen“, die auch offline fortgeführt werden sollen. “Eine Mischung aus Kabarett, Journalismus und sozialem Engagement”, so Stefan Hanitzsch.

startnext

Los ging es mit der Crowdfunding-Aktion am 7. Dezember bei Startnext. 125.000 Euro wollte man sammeln, um damit die ersten 20 Episoden zu finanzieren. Nach gerade mal 6 Wochen war das Ziel erreicht. Bis März sind sogar 150.000 Euro zusammen gekommen. Jeder Spender (Liste der Unterstützer), egal ob mit einem 5 oder 500 Euro Beitrag, wird VIP – ein „Very Intelligent Pressefreiheitskämpfer“ und darf u.a. die aktuelle Folge 3 Tage vor der eigentlichen Premiere sehen. Wer ein Abo gekauft hat, kann dieses Recht auch für alle folgenden Episoden in Anspruch nehmen.

„Crowdfunding ist die Heiligsprechung von künstlerischer und redaktioneller Freiheit.“

stoersender.tv

Bruce Willis meets Free Rainer

Die Premierensendung mit dem Thema „Finanz-Casino-Kapitalismus“ steht seit heute bei YouTube online (Spender-VIPs konnten die Clips bereits seit Donnerstag Abend bei vimeo ansehen). Die Reaktionen des Premierenpublikums bislang durch und durch positiv: „vielen dank für eure idee und den arsch, den ihr in der hose habt!“ schreibt EMMAPBERLIN bei YouTube, oder auch „endlich mal wieder ungeschminkte Kritik und sinnvolle, unzensierte Satire.“ Auch Titelvorschläge werden gemacht. A. Günther schreibt bei Startnext: „Stör langsam – ein guter Tag zum Stören“. Ein bisschen wie „Free Rainer“, so TheMoenroe, jene Mediensatire aus dem Jahr 2007, die mit dem Slogan „Dein Fernseher lügt“ versucht hatte, die Verdummungsindustrie „Fernsehen“ zu enttarnen.

stoerlogo

Occupy Fernsehen

Störsender ist im besten Sinne anarchisch, handgemacht und alles, nur nicht Mainstream. Zugegeben, technisch nicht immer ganz ausgereift (Ton!) – dafür atmet stoersender.tv etwas, was den meisten verklumten und durchgelanzten Fernsehformaten in der Profiliga fehlt: Mut, Wahrhaftigkeit und eine spürbare Liebe der Macher zu dem, was man da tun.

hildebrandtWir Fernsehmacher wären gut beraten, das ernst zu nehmen, was die Truppe um Hildebrandt da tut. Ich vermute jedoch, dass in den Sendeanstalten kaum einer überhaupt Kenntnis davon nimmt, weil man zu sehr beschäftigt ist mit Dingen wie Primetime-Programmierung, Audience-Flow und Quotenoptimierung.

Einer wie Dieter Hildebrandt würde da nur stören.

Nicht geschenkt!? – Wie sich Zeitung neu erfinden muss

Ob im Abo, im Einzelverkauf am Kiosk oder als Gratisblatt am Flughafen; die gedruckte Zeitung verliert nicht nur Auflage sondern auch Relevanz. Klar ist: Die Printmedien müssen sich verändern. Nur wie? 6 Medienprofis über die Zukunft der Zeitung.

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San Francisco 2009. Kollege Marcus Schuler und ich drehen einen TV-Film zum Thema Zeitungssterben in den USA. Redaktionsbesuche, Interviews, alles im Kasten. Ein einziges Bild fehlt uns noch: Menschen, die Zeitung lesen. Den ganzen Tag cruisen wir durch die Straßen. Allein, wir finden niemanden! Wie soll man nur etwas bebildern, was nicht mehr da ist?

Wir sprechen mit Passanten über das Phänomen. Die Frage lautet: “Wieso lesen Sie keine Zeitung mehr?”. Und wir bekommen Antworten. Antworten, die man in Deutschland nicht hören möchte. “Das Internet hat die Zeitungen gekillt”, heißt es zum Beispiel. Eine Exil-Österreicherin bringt es auf den Punkt: Die Zeitung des 21. Jahrhunderts müsse sich ändern. Was und wie die Leute heute lesen wollen, sei anders als damals, als die Zeitung entstanden ist:

Menschen, die auf Bildschirme starren

Wer wie ich viel auf Reisen ist, kennt das Phänomen auch hierzulande: Im ICE weichen gedruckte Zeitungen und Zeitschriften immer häufiger dem Laptop, Tablet oder Smartphone. Selbst die Gratis-Exemplare, die am Flughafen ausliegen, werden mittlerweile liegen gelassen. Von wegen: Schuld ist die böse Gratiskultur im Netz. Das Problem ist nicht das Internet, nicht das Publikum – das Problem ist das Produkt.

Vor ein paar Tagen habe ich eine Hand von Netizens, Medienmacher, Werber und Blogger angeschrieben und sie gefragt, wie es jetzt weiter gehen muss. Die Frage lautete:

Warum sind (Tages-) Zeitungen in ihrer jetzigen Form nicht mehr zeitgemäß und was müssen die Macher bieten, um die Leser für ihre Dienste (on/offline) zu begeistern?

LoboSascha Lobo, Publizist

Die heutige Form der Zeitung – gedruckt wie digital – ist bis ins Detail das Resultat einer besonderen Welthaltung, die etwa so lautet: Ordnung, Erklärung und Bewertung der Geschehnisse. Die Zeitung war also immer eine, oder vielmehr DIE Kontextmaschine. Im Nachhinein fällt es natürlich leichter, das zu analysieren, aber es scheint, dass das Medium Papier und die zeitgenössischen Gesellschaftsbedürfnisse wesentlich prägender für die Welthaltung der Zeitung war als gedacht. Es ist kaum möglich, Nachrichten zu denken und nicht auch Zeitung zu meinen – selbst für die meisten Internet-Fans, die das oft gar nicht mehr bemerken. Aber schon so etwas vermeintlich medienneutrales, zeitloses wie eine Einteilung in “Ressorts” enthält die Zeitungs-DNA, mit massiven Konsequenzen für Unternehmen und Strukturen rund um Nachrichten.

Die Zeitung der Zukunft muss wieder eine Kontextmaschine sein – mit der großen Schwierigkeit, dass durch Social Media die Erwartung des Publikums verschoben wurde: eine Kontextmaschine muss heute auch eine soziale Kontextmaschine sein. Das geht sehr weit über Kommentarfunktion und Facebook-Einbindung hinaus. Denn die besondere Welthaltung der Zeitung muss neu entwickelt werden. Und erst anschließend in Form eines Produkts gegossen werden. Natürlich kenne ich für wirklich alle anderen Probleme der Neuzeit eine preiswerte, simple, garantiert funktionierende Universallösung – aber ausgerechnet hier nicht, deshalb bin ich gezwungen zu mutmaßen.

Auf eine Einschätzung zu Printzeitungen verzichte ich, das können andere besser. Für das Digitale wäre mein Tipp: die Zeitung der Zukunft ist eine Mischung aus Community und Plattform. Die Ordnungsfunktion liegt eher in den Händen des Publikums, während die Erklärfunktion durch den Nachfolger der Redaktion abgebildet wird. Die Bewertungsfunktion ist zwischen beiden aufgeteilt. Mir erscheint außerdem sinnvoll, die Trennung zwischen Inhalten und Nutzerkommentaren konzeptionell sinnvoller aufzuweichen als durch einen feigenblatthaften Lesersandkasten. Als Ordnungsform sehe ich eine auch gestalterisch deutlich nachvollziehbare Dreiteiligkeit:

  • eine schnelle, kurze, tickerhafte Aufbereitung der Schlagzeilen (ha! wieder Zeitungs-DNA)
  • eine mittellange, teils erklärende, teils meinungsbasierte Aufbereitung von Nachrichten, und zwar sehr bildlastig und durchsetzt mit datenjournalistischen sowie interaktiven Elementen
  • eine lange bis sehr lange Hintergrunderklärung, gern in Reportagen- und Geschichtenform, mit Anknüpfungspunkten für stark textbasierten Paid Content (an dessen Zukunft ich glaube, übrigens)

Jede dieser Säulen muss für sich genommen funktionieren. Die Darreichungsform wäre 100% Internet, nur browserbasiert und responsiv, um auf möglichst jedem Gerät stattfinden zu können. Bonusmeinung für kontroverse Diskussionen: eine solche Zeitung der Zukunft verzichtet auf Videoinhalte. Denn Video ist etwas anderes. Glaube ich.

Schirrmacher4Frank Schirrmacher, Herausgeber

Mehr Menschen als je zuvor lesen Zeitungen auf allen Plattformen. Und von denen, die ihr Ende prophezeien, wollen erstaunlich viele in ihnen schreiben. Kolumnen in Zeitungen und auf ihren Online Ablegern können in viel kürzerer Zeit als je zuvor Autoren zu Marken machen. Die ewige Debatte über das Ende traditioneller Medien ist selbst zu einem Markt geworden – ein Bruchteil dessen, was da für Konferenzen und Kongresse ausgegeben wird in die Honorierung neuer Autoren, und die Welt sähe etwas interessanter aus. Thesen über die Zukunft der Zeitung sind wie Thesen über den Reissverschluss. Man reproduziert ständig, was kein Mensch wirklich versteht, aber weil es so gut funktioniert – auf, zu, Zeitung lebt, Zeitung stirbt – geht es immer so weiter. „Kein Mensch kann sich erklären, warum, warum der Reißverschluß funktioniert.“, hat Kurt Tucholsky geschrieben. „Niemand weiß es. Die Fabrikanten können ihn herstellen, aber sie wissen eigentlich auch nicht ganz genau, was sie da fabrizieren. Ich weiß es nicht. Du weißt es nicht. Wir wissen es alle nicht. Und der einzige Mensch, der es weiß, sitzt, während du dies liest, in Paris an der Ecke des Boulevard des Italiens und der rue Helder und verkauft Zeitungen.“

Das geht jetzt so seit gefühlten hundert Jahren. Dabei liegt die Antwort nicht in der Technologie. In der Tat besteht enormer Nachholbedarf. Das Problem von Zeitungen und Zeitschriften besteht nicht darin, dass sie Anschluss an die Technologie verlieren, sondern in Zeiten des Kostendrucks Anschluss an die nächste Generation von Autoren. Für Zeitungen geht es ausschliesslich darum, die richtigen Gehirne zu engagieren. Menschen, die durch die neuen Technologien geimpft, also auch immunisiert worden sind: die einen intutiven Begriff davon haben, was in Zeiten digitialer Weltmärkte reiner Hype, Informationslawine und was eine wirkliche Geschichte oder Nachricht und was eine Frage ist. Wir können erst erkennen, wohin Zeitungen sich evolutionär entwickeln werden, wenn diese Verschmelzung stattgefunden hat. Sie ist heute leichter als je zuvor: Autoren, die man früher mühsam suchen musste, sind heute im Netz sofort zu finden. Eine gigantische Industrie baut synthetische Intelligenzen, die fast alles verändern. Verlage in diesem Sinne sind das Silicon Valley von der anderen Seite: sie müssen humane Intelligenzen entdecken, fördern und bezahlen (und damit das Gegenbild zur selbstausbeuterischen Mikro-Arbeit in der digitalen Ökonomie sein). Gute Verlage sind niemals wegen der Kapitalrendite alleine entstanden. Ihre emotionale und intellektuelle Rendite war immer das Versprechen in der Welt besser zurecht zu kommen. Alles hängt davon ab, solche Intelligenzen an sich zu binden. Die Prosa, die daraus entsteht, wird nicht nur „zeitgemäss“ sein, sondern interessieren – was vielleicht nachhaltiger ist als “begeistern”.

 

KassaeiAmir Kassaei, Kreativchef

Ich glaube das Problem liegt in der Definition des Leistungsangebots und des Businessmodells von Tageszeitungen. Moderne Medienmarken müssen Ihr Produkt inhaltlich auf drei Säulen aufbauen: Information, Service und Community. Plus: sie müssen technologisch die digitale Infrastruktur nutzen. Das bedeutet real time, an jedem Ort und vor allem: immer relevant. Beim Businessmodel schließlich müssen sie weg vom werbefinanzierten Modell und zurück zu der Uridee, dass es – wenn man relevantes produziert – Menschen geben wird, die dafür bezahlen wollen. Ich habe dazu mit der FH Salzburg ein Master Projekt entwickelt (s. Video), das in Österreich den Staatspreis Media gewonnen hat und mit dem wir genau beweisen, wie so eine Medienmarke inhaltlich, technologisch aber auch ökonomisch funktionieren kann.

LangerUlrike Langer, Medienjournalistin

Bei deutschen Zeitungen sind die Einnahmen aus Print derzeit noch um ein vielfaches höher als die Einnahmen aus dem Digitalgeschäft. Das verleitet dazu, auch die Kosten den Einnahmen jeweils anzupassen. Ein fataler Irrtum. Denn künftig wird es – mit Ausnahme von Marktlückenschließern wie “Landlust” und einigen Hochglanzmagazinen für den Couchtisch – Wachstum nur noch digital geben. Deshalb müssten Zeitungsverlage eigentlich alles daran setzen, ihre (potenziellen) Nutzer im Netz mit soviel Qualität und Innovation wie nur möglich zu überraschen. Und zwar jetzt, solange die Printeinnahmen dafür noch reichen. Vielleicht in fünf, spätestens aber in zehn Jahren, wird es in vielen Regionen nicht mehr genügend Leser geben, die mit einer Zeitung als gebündeltes Paket voller Nachrichten von gestern zufrieden sind.

Auf der anderen Seite wird es immer Nutzer geben, die ihre Nachrichten aus einem selbst zusammengestellten Informationsstrom mit vielen Quellen beziehen. Ihnen müssen Zeitungen in digitaler Form weit mehr bieten als heute: Das fängt an mit selbstverständlicher Verlinkung zu weiterführenden Quellen im Netz, geht weiter mit Kommentarfunktionen auf Augenhöhe und hört mit ansprechend aufbereiteten Datensätzen zu relevanten Themen inklusive Zugang zu Originaldaten noch lange nicht auf. Eines brauchen die mündigen Nachrichtennutzer allerdings ganz bestimmt nicht: Informationen, die es an jeder Ecke im Netz umsonst gibt, als Angebot hinter einer Paywall. Wer täglich zum Kauf von Nachrichten verleiten will, muss mehr bieten. Das können auch kleinere Lokalzeitungen schaffen, wenn sie ihre Ressourcen sinnvoller als heute einsetzen: Mit einem Verzicht auf überregionale Agenturmeldungen und mehr Tiefe und Relevanz im Lokalen.

SixtusMario Sixtus, Fernsehjournalist

Neben dem Papier-Problemkonglomerat, das tief im Modell-Design verwurzelt ist (nur bei Licht lesbar, Käufer muss sich selber um Entsorgung kümmern, Update nur durch Neukauf, Verschmutzung der Finger durch bleihaltige Substanzen, knapper Speicherplatz, keine animierten Katzen-GIFs, etc.), leidet das Konzept Zeitung vor allen Dingen an dem Umstand, dass sich die Menschen des 21. Jahrhunderts keine Gemischtwaren-Pakete mehr verkaufen lassen. Das mussten schon (unabhängig von der Schwarzkopie-Debatte) die Musiklabels lernen: Die Generation iTunes kauft genau die Songs, die ihr gefällt, aber keine Alben, mithin keine geschnürten Pakete mehr. Das Modell “zwei gute, neun mittelmäßige und drei vollkommen überflüssige Songs auf einer CD” funktioniert nicht mehr.

Und auch Zeitungen sind seit ihrer Erfindung gemischte Tüten, gepackte Pakete, die man entweder ganz oder gar nicht erwerben konnte: Wer sich für die Lage der Revolution in Syrien interessiert, kauft auch die Bundesliga-Berichterstattung und die bratwurstjournalistische Aufarbeitung der vorgestrigen Autohaus-Eröffnung mit. Wer sich für die Theaterpremiere interessiert, kauft auch die Syrische Revolution – und ebenfalls die Bundesliga, und auch noch die bratwurstjournalistische Aufarbeitung der vorgestrigen Autohaus-Eröffnung mit. Dass das so ist, dafür sorgt kein viertel-intelligenter, Amazon-esquer Empfehlungsalgorithmus, sondern die Idee, einen Karton zu packen, mit allen möglichen Informationen, die die Redaktion für relevant hält. Im Zeitalter der Informationsselbstbedienung im All-you-can-eat-Internet werden solche Info-Pakete allerdings immer unverkäuflicher.

Der Homo Webicus ist ein Rosinenpicker: Er stellt sich seine persönliche, individuelle Nachrichtenmahlzeit aus den unterschiedlichsten Fachquellen zusammen. Verglichen damit sieht das One-Size-fits-all-Konzept der Zeitungen nicht nur unfassbar altmodisch aus, sondern schmeckt im Vergleich mit dem persönlich abgestimmten, exotischen Web-Menü wie die ungewürzte Kantinenkost einer evangelischen Weiterbildungseinrichtung. Das größte Problem der Zeitungen ist also untrennbar mit ihrer grundlegenden Struktur verwachsen, und es lässt sich daher nicht nur schwer, sondern gar nicht lösen.

KnuewerThomas Knüwer, Unternehmensberater

Tageszeitungen sind eine Technologie, Technologien werden irgendwann von besseren Technologien abgelöst. Sprich: Tageszeitungen sterben und es gibt kein einziges Indiz, das in eine andere Richtung weisen würde. Das wäre überhaupt nicht schlimm, denn, um mit Clay Shirky zu sprechen: Wir brauchen keine Zeitungen, wir brauchen Journalismus.

Das Internet ist eine erheblich bessere Plattform für jede Form von Journalismus als Papier. Doch verweigern sich deutsche Verlage jeder Form von Innovation. Die jüngste iPad-App des Handelsblatts ist da der beste Beweis: Man will Zeitung machen, mit Redaktionsschluss und Längenbeschränkung.

Größtes Problem ist dabei das absurde Missmanagement in Verlagen. Die Entscheider sind wie Kreuzfahrttouristen des Internets: Ausflüge gibt es nur unter Führung (zum Beispiel durch die Verlegerverbände), ein paar Stunden geistert man dann betreut durch Palma um hinterher zu sagen “Hömma, Mallorca, kenn isch!” Tatsächlich aber wäre es nötig, einen Rucksack zu packen, Wanderstiefel zu schnüren und sich auf den beschwerlichen Weg ins Hinterland zu machen. Dort träfe man auf Einheimischen, würde mit ihnen am Tisch speisen und in ihren Scheunen und Gästezimmern übernachten. Das ist hart, kostet Zeit und brächte die Erkenntnis, sich ändern zu müssen. Nur ein deutscher Verlag hat dies erkannt: Die Silicon-Valley-WG von Axel Springer ist ein Schritt in die richtige Richtung.

An alle Autoren: vielen Dank für diesen Input! Ich bin gespannt, ob wir die Diskussion über die Ostertage gemeinsam mit interessierten Bloglesern noch ein wenig fortführen können.

Update: Hier eine Zusammenfassung der Diskussion.

 

social-eggsOster-Aktion: Ihr seid dran: Lest Ihr Zeitung? Wenn ja: warum – wenn nein: warum nicht? Wie müsste sich (Print-) Journalismus Eurer Meinung nach ändern, damit Ihr bereit seid, auch in Zukunft dafür zu zahlen? Unter allen Kommentaren verlose ich 3 DVD-Kurse von Web-Evangelist Thomas Pfeiffer zum Thema Facebook-App-Entwicklung, WordPress und Social Media. Eure E-Mail wird nicht veröffentlicht – bitte auch angeben, welcher Titel Euch interessiert. Einsendeschluss: Ostermontag, 1. April.

 

Die Leistungsschutzloser

Die Schlacht um das Leistungsschutzrecht ist geschlagen – am Ende gibt es nur Verlierer. Lasst uns noch einmal jammern und dann gemeinsam nach vorne blicken.

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Na Bravo. Das haben wir mal wieder fein hingekriegt: Das Leistungsschutz-Dingsda ist da und keiner kann am Ende so wirklich happy sein. Genau genommen gehen alle als Verlierer vom Platz:

Die “Netzgemeinde” (von Lobo jüngst rehabilitiert)

…die gemeinsam einsam bleibt und es nicht fertig bringt, ihre Kräfte zu bündeln. Auch hierzu hat Sascha im Grunde schon alles gesagt.

Die Verleger

…das Fazit von Leistungsschutzbefürworter Michael Hanfeld in der FAZ über das Image der Verlage: “tiefer in den Keller geht’s nimmer”.

Die Medienjournalisten

…die im Zuge der ganzen Auseinandersetzung ihr höchstes Gut verraten haben: ihre Glaubwürdigkeit.

Die Politiker

…die vor Springer & Co eingeknickt sind. Weder die parteiübergreifende Allianz der netzaffinen “Youngsters”, noch die altgedienten Machthaber sahen in dieser Auseinandersetzung gut aus.

Die Autoren

…die von dem angestrebten Leistungsschutzgeld keinen Cent noch einen sicheren Arbeitsplatz erwarten können.

Die Kreativen

…die aufgrund der schwammigen Formulierungen neues Ungemach von Abmahn-Kanzleien zu befürchten haben.

Die Leser

…die von allen oben Genannten neue, kreative Angebote erwarten – keine Grabenkämpfe.

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Streng wissenschaftlich ermittelt und grafisch umgesetzt von André Vatter

Was jetzt geschehen muss

Das Leistungsschutzrecht zeigt einmal mehr, dass gut gemeint in den seltensten Fällen gut gemacht ist. Es zeigt aber auch, dass die Digitale Revolution, in der wir alle stecken, nur gemeinsam gelöst werden kann – nicht, indem wir uns weiterhin gegenseitig bekämpfen.

Aus diesem Grund habe ich ein halbes Dutzend bekannte Netizens, darunter Journalisten, Werber und Verleger angeschrieben und diese gebeten, mit mir nach vorne zu blicken: Wie muss sie aussehen, die “Zeitung” der Zukunft (on- oder offline), was müssen Medienmacher bieten, um das Publikum von unseren Diensten zu überzeugen. Alle Antworten + Diskussion über Ostern hier im Blog.

Legacy Media – analoger Wein in digitalen Schläuchen

Die ersten Schritte sind gemacht, doch Facebook und Twitter waren nur der Anfang. Um in der Digitalen Welt langfristig bestehen zu können, müssen wir Medienmacher uns einer Glaubensprüfung unterziehen.

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Die Legende lebt… 

“Legacy Media” (legacy = Erbe, Vermächtnis) – allein der Begriff hat schon etwas verwunschenes, fatalistisches, fast wie eine Heldensage, die zumindest ansatzweise auf wahren Begebenheiten beruht, von Generation zu Generation immer weiter verklärt und ausgeschmückt wird, so dass man am Ende Dichtung und Wahrheit nicht mehr auseinander halten kann. Oder möchte.

Vor einigen Tagen hatte ich die Ehre, vom MedienHaus Wien in den Presseclub eingeladen zu werden, wo wir einen Tag lang über “Media in Transition” diskutierten. Zu den internationalen Rednern gehörten u.a. Lucy Küng von der Universität St. Gallen sowie Anthony Sullivan vom Guardian. Vor allem der Vortrag von Sullivan hatte es mir angetan, bei dem er erzählte, wie der Guardian es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Journalismus neu zu denken.

Zum Konzept des Open Journalism zählen offene Feedback- und Crowdsourcing-Plattformen, wie z.B. die regelmäßige Austragung eines Hack-Days, bei dem IT-Spezialisten und User eingeladen werden, Web-Tools für den Guardian zu entwickeln.

Die Bedeutung von Mobile

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In der Mittagspause habe ich mir mein iPhone geschnappt und mit Anthony über seine Arbeit als Produktentwickler gesprochen. Woher er seine Leute rekrutiert, wie sich Smartphone & Tablets auf die Abrufzahlen beim Guardian auswirken (s. Grafik). Und: Welche Rolle spielen Google, Facebook sowie Twitter für das Medienhaus.

Weil es in dem Saal sehr laut und hallig war, habe ich dazu das LiveAction-Richtmikrofon von Belkin (Afiliate-Link*) verwendet. Nicht perfekt, aber deutlich besser als mit dem eingebauten iPhone-Mikro.

* Afiliate-Links sind Partner-Programme von Amazon. Wenn Ihr über diesen Link bestellt, erhalte ich von Amazon ein paar Prozent Kommission. Am Preis ändert sich für Euch nichts.

guardian-chartEine Welt im Aufbruch

Wenn ich auf die deutsche Medienlandschaft blicke (der ich selbst angehöre), bin ich weit nicht mehr so pessimistisch, wie ich es vor kurzem noch war. Wo immer ich hinkomme, überall erlebe ich eine Welt im Aufbruch. Verlage wie auch die gebührenfinanzierten Sender sind aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und mit Feuereifer dabei, sich an die neuen Medienrealitäten – sprich – an ein neues, anspruchsvolleres Publikum heranzutasten.

Vor 5 Jahren noch habe ich Studenten prophezeit, dass es bald keinen spannenderen Job geben wird, als Journalismus. Ich habe den Eindruck, diese Zeit ist jetzt gekommen. Noch nie habe ich um mich herum soviel Experimentierfreude verspürt – die notwendige Einsicht, dass es richtig und wichtig ist, sich auszuprobieren, Fehler machen zu dürfen um daraus zu lernen.

Noch zuviel Sendungsbewusstsein

Noch nutzen wir die Möglichkeiten, die sich uns bieten, recht zaghaft. So versteifen sich die meisten Häuser aktuell zu sehr darauf, ihre neuen “Spielzeuge” Facebook & Twitter lediglich als zusätzliche Verbreitungswege ihrer eigenen Inhalte zu benutzen, statt deren Rückkanal-Potential voll auszuschöpfen.

In unserer alten Denke macht dieser Ansatz natürlich Sinn: In Social-Media-Workshops und SEO-Schulungen tauscht man sich darüber aus, wie man die eigenen Webseiten bei Google nach oben pusht, wie man den Social-Graph bei Facebook optimiert, um eine höhere Reichweite zu erzielen.

Diese Grundlagen sind wichtig und ein erster Schritt auf dem Weg in das neue Zeitalter. Jedoch sollten wir uns darüber klar sein: All diese Aktivitäten sind vor allem darauf ausgerichtet, das zu tun, was wir schon immer getan haben: zu senden. Doch was ist mit dem Empfangen?

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Ein Glaubensbekenntnis – auch für Vorgesetzte 

Um in der neuen Welt bestehen zu können – um zu begreifen, um was es in dieser neuen Medienrealität wirklich geht, ist eine Art “Glaubensbekenntnis” nötig. Ein “leap of faith”, ein Sprung ins Ungewisse. Eine Prüfung, der sich jeder Einzelne von uns unterziehen muss, auch unsere Vorgesetzten.

Kürzlich habe ich mich einer hochrangigen ARD-Managerin über die Frage gestritten, ob man selbst aktiv twittern müsse, um Twitter zu verstehen. Die Kollegin war der Meinung, man muss nicht alles selbst tun, es genüge vollkommen zu wissen, wen man mit einer solchen Aufgabe betraut.

Ich halte das für ignorant. Nur wer die Dynamik der sozialen Netzwerke über längere Zeit am eigenen Leibe erfährt, begreift, worum es bei dieser Many-to-Many-Kommunikation tatsächlich geht. Nur so kann man echte Trends ausmachen, jenseits des üblichen Netzrauschens (vgl. Holger Schmidt: Twitter als Nachrichtenistrument: Deutschland ist Schlusslicht). Und ja – so ein gelegentlicher Shitstorm kann auch eine unheimlich reinigende Erfahrung sein.

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Das Publikum verändert sich schneller als mancher Medienmacher

Analoger Wein in digitalen Schläuchen

Konkret: Wir optimieren die Verbreitungswege, kümmern uns aber nicht genug um die Inhalte. Vieles von dem, was wir (jetzt über Dutzende Kanäle) aussenden, ist lieblos aus irgendwelchen Agenturen zusammenkopiert und mit einem 0815-Schmuckbild versehen. Solche Inhalte versenden sich in der Regel – ob im Fernsehen oder bei Facebook, spielt am Ende keine Rolle. Analoger Wein in digitalen Schläuchen.

Um im Web reüssieren zu können, braucht man mehr Gespür für die User. Unser Publikum ist ein anderes, als noch vor 10 oder 20 Jahren, lässt sich nicht so leicht in werberelevante Altersgruppen oder Sinus-Milieus pressen, hat ganz andere Anforderungen an uns professionelle Medienleute.

Es ist ungeduldiger und kritischer, weil es über die gleichen Quellen und Vergleichsmöglichkeiten verfügt wie wir – nicht zuletzt aber auch deshalb, weil es jetzt eben auch selbst Sender sein kann. Mehr Kommunikations-Partner statt dummer weil stummer Empfänger.

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Ein neues Mindset

Dieser Wandel setzt bei uns Medienmachern ein ganz anderes Mindset voraus, als wir das aus dem Kommunikationszeitalter kannten, in dem wir selbst sozialisiert wurden. Die (= unsere) Wahrheit von der hohen Kanzel herab zu predigen, das macht der mündige Leser/Zuhörer/Zuschauer in dieser Form nicht länger mit.

Es ist wie Schwimmen lernen oder Fahrradfahren. Man stürzt und schluckt viel Wasser. Wer immer gleich nach Schwimmflügeln ruft (zusätzliche Rundfunkgebühren) oder nach Stützrädern (Leistungsschutzrecht), der wird ewig in der alten Welt verharren, zumindest aber wertvolle Zeit verlieren.

Am Ende folgt auch der Medienwandel der Dramaturgie der klassischen Heldensage: Nur wer bereit ist, loszulassen – ein Risiko einzugehen, gegebenenfalls zu scheitern und den Heldentod zu sterben, wird geläutert und als neuer Mensch das andere Ufer erreichen. Wer diesen inneren Glaubensschritt, diesen “leap of faith” nicht vollziehen will, sollte sich damit abfinden, schon bald zur “legacy” zu zählen.

Legacy hat im Englischen auch die Bedeutung “Altlast”.

Im Gespräch: Die drei ??? und die Filesharer

Sie sind 17 Jahre alt und haben seit 35 Jahren Sommerferien: Die Drei ???. Ein Gespräch mit Jens “2. Detektiv” Wawrczeck und Andreas “Recherche und Archiv” Fröhlich über einen Hörspielkult, dem selbst Urheberrechtsstreitigkeiten und MP3-Tauschbörsen nichts anhaben konnten.

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Ein neuer Auftrag

Als das Telefon klingelte und man mir anbot, ich solle beim Symposium Radio Zukunft in Berlin ein Gespräch mit den Drei ??? führen, ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Die Drei ??? gehören zu meiner Generation wie der C64, der Walkman und Michael Jackson. Mit einem Unterschied: Justus, Peter und Bob gibt es noch heute – und das in der Original-Besetzung. Die Drei ??? sind ein Phänomen in jeder Beziehung: Die erfolgreichste Hörspielreihe Deutschlands. 44 Millionen verkaufte Tonträger/MP3 (Stand 2011). Guinness-Buch-Rekordträger für das längste Live-Hörspiel. 2014 gehen Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich mit den drei ??? wieder auf Tour.

Das Bühnen-Gespräch

In dem 30-Minuten-Gespräch, das ich gestern in der Berliner Akademie der Künste mit Wawrczeck und Fröhlich führen durfte, geht es um die Frage, wie ausgerechnet etwas so antiquiertes wie ein Hörspiel über einen so langen Zeitraum bestehen konnte. Wir sprechen über das Vorsprechen für die Rollen, den Ruhm, der mit der Hörspiel-Reihe einherging sowie die Faszination “Hörspielkassette”. Spannend vor allem die Frage, wie es den Drei ??? gelang, Copyright-Kämpfe und die MP3-Tauschbörsen zu überleben. Aber auch sonst erfahren wir einiges über die Künstler hinter den Stimmen von Justus, Peter und Bob und wie damals, Ende der 70er Jahre, alles begann. (Dank für das Bühnen-Foto bei Soundcloud an Jürgen M. Edelmann)

Alle Mitschnitte der Reihe  Radio Zukunft – Tage der Audiokunst  findet Ihr hier.

Die Köpfe hinter den Drei ??? – 3 völlig unterschiedliche Charaktere:

Während Oliver Rohrbeck mit seiner Firma Lauscher Lounge das Drei ???-Universum mit Record-Release- und Rocky-Beach-Strandparties regelrecht zelebriert, konzentrieren sich Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich auf ihre künstlerischen Karrieren.

JensJens Wawrczeck ist mehrfach ausgezeichneter Bühnenschauspieler, Regisseur und Synchronsprecher. Bevor im Alter von 14 Jahren für die Drei ??? vorsprach, war er bereits als Sprecher für den NDR in Hamburg tätig. Nach dem Abitur folgte eine Schauspielausbildung in Hamburg, New York und Wien. In Zukunft möchte er sich verstärkt um das Thema Musik kümmern. In Paris, seiner zweiten Heimat, hat er kürzlich wieder einen Song aufgenommen.

AndreasAndreas Fröhlich sollte ursprünglich die Rolle des 2. Detektiven Peter Shaw sprechen. Beim Casting stellte sich aber schnell heraus, dass Fröhlich (damals 12) noch nicht so gut lesen konnte. Deshalb wurde er zu Bob, der, zumindest in den ersten Folgen, deutlich weniger Text hatte. Neben Bob Andrews ist die Synchronstimme von John Cusack, Edward Norton oder Ethan Hawke. Die deutsche Synchronfassung der “Herr der Ringe”-Trilogie hat er geschrieben und als Regisseur verantwortet. Und ja: Fröhlich ist auch die deutsche Stimme von Gollum (“Mein Schaaaaaaatzzzsss!).

 

Die Drei ??? und der rätselhafte US-Tod

Die Romanreihe Die Drei ??? (Original: “The Three Investigators”) stammte ursprünglich aus der Feder des US-Journalisten und Schriftstellers Robert Arthur. Arthur hatte bereits für Alfred Hitchcock gearbeitet, der anfangs mit seinem Namen für die Serie Pate stand, außer dem Namedropping aber sonst nichts mit den Geschichten zu tun hatte. Der erste Roman erschien 1964 bei Random House unter dem Titel “Alfred Hitchcock and the Three Investigators”. Als die Lizenz für die Namensrechte auslief, verschwand Hitchcock zunächst aus den US-Ausgaben (1980), später dann auch aus den deutschen Büchern (2004). Trotz mehrfacher Wiederbelebungsversuche wurde die Reihe mangels Erfolg in den USA Ende der 80er Jahre endgültig eingestellt.

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Die Drei ??? und der leidige Lizenzstreit

In Deutschland teilten sich der Kosmos-Verlag (Bücher) und die Sony-Tochter Europa (Hörspiele) die Rechte an den Drei ???. Die erste Hörspiel-Folge “Die drei ??? und der Super-Papagei”) kam 1979 auf den Markt. Seitdem werden jährlich bis zu 6 neue Episoden veröffentlicht, die an zwei Terminen im Jahr in Hamburg eingesprochen werden (pro Folge benötigen Rohrbach, Wawrczeck und Fröhlich etwa einen Tag). 2005 eskalierte der Streit um die Lizenz zwischen Kosmos, Europa, dem US-Verlag Random House sowie den Erben des Erfinders, so dass einige Titel aus den Buchhandlungen zurückgerufen und keine weiteren ???-Hörspiele mehr produziert wurden.

Die Drei ??? und das fantastische Comeback

Um den Titelschutz für die Marke “???” nicht zu verletzen, erschien die Hörspiel-Reihe 2 Jahre lang unter dem Titel “DiE DR3i” (in Anlehnung an das Serienkürzel T3I für “The Three Investigators”). Bei den neuen deutschen Namen für Justus Jonas (Jupiter Jones), Peter Shaw (Peter Crenshaw) und Bob Andrews (Bob Andrews) handelte es sich um die Original-Namen der US-Vorlage, für die der deutsche Buchverlag Kosmos kein Copyright besaß. 2008 einigten sich alle Beteiligten auf ein neues Vertragswerk, so dass die Hörspielreihe unter ihrem früheren Titel “Die Drei ???” fortgesetzt werden konnte.

Am 1. März ist mit “Geheimnisvolle Botschaften” die 160. Hörspiel-Folge der Drei ??? erschienen. Die Deutschland-Tournee für 2014 ist in einigen Städten bereits ausverkauft.

Die offiziellen Seiten: Die 3 Fragezeichen / Kosmos Bücher / Europa Hörspiele - Fan-Forum: rocky-beach.com

 

Hallo, Taxi!

Wenn Anbieter und Kunden in Zukunft direkt kommunizieren, bleiben die Mittelsmänner oft auf der Strecke. Was eine Taxi-App mit dem Zeitungssterben, mit dem Leistungsschutzrecht und mit der Zukunft des Journalismus zu tun hat.

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Auf meinem Smartphone befinden sich aktuell 243 Apps. 243 kleine Helferlein, die mein Leben mehr oder weniger bereichern. Web-Browser und RSS-Reader, um informiert zu sein. Spiele-Apps, um Wartezeiten zu überbrücken, Social-Media-Apps, um mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Und dann gibt es Apps, die wirklich Spaß machen und auf die ich nicht mehr verzichten will.

MyTaxi ist so eine App. Dieses kleine, unscheinbare Programm ist so simpel wie genial: Nur zweimal auf einen Knopf drücken, und das Taxi kommt. Das Smartphone ermittelt den aktuellen Standort, gleicht die Koordinaten mit verfügbaren Taxis in der Umgebung ab und informiert Fahrer über den neuen Auftrag. Seit Sommer kann man über die App sogar kinderleicht bezahlen.

Keine Diskussionen mehr über zu große Scheine oder dass der Kreditkartenleser (angeblich) mal wieder nicht funktioniert. Keine nervtötenden Warteschleifen mehr am Telefon, bis endlich jemand abhebt und meine Bestellung entgegennimmt. Kein Füße-in-den-Bauch-stehen und sich wundern, wo denn bloß das Taxi bleibt. In einem Wort: genial.

Genial für den Kunden – genial für die Taxifahrer. Weniger genial für die Mittelsmänner, die Telefonisten in den Taxizentralen, die in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Womit wir beim eigentlichen Thema sind.

Am Freitag ist im Deutschen Bundestag das Leistungsschutzrecht verabschiedet worden. Es ist schon viel über die Lobbyschlacht rund um dieses Gesetzesvorhaben geschrieben worden. Und noch ist das Machwerk nicht durch den Bundesrat. Man kann nur hoffen, dass das LSR ein ähnliches Schicksal ereilen wird wie einst die Netzsperre, ein Gesetz, das allen Beteiligten hinterher derart peinlich war, dass es vom Bundespräsidenten nie unterschrieben wurde  kein Jahr später von denjenigen, die es einst eingebracht hatten, selbst wieder aufgehoben wurde (vgl. http://gutjahr.biz/2013/03/hallo-taxi/#comment-34294)

Wenn neue Technologien ganze Berufszweige überflüssig machen, knirscht es im Getriebe. Dann ist 1 + 1 nicht länger 2, dann werden selbst banalste Realitäten wie das Gesetz der Schwerkraft mit einem Mal ausgeblendet. Und manchmal auch der Verstand.

Plötzlich fordern diejenigen, die sonst immer für weniger Regulierung eintreten, ein bedingungsloses Grundeinkommen, singen Union und FDP vereint mit Springer, Burda und dem BDZV die Internationale.

Natürlich wissen die Verlagsmanager, dass an ihrer Rechnung etwas nicht stimmen kann. Dass es keinen Sinn macht, dass derjenige, der den Verlagen Kunden bringt, plötzlich auch noch Geld dafür zahlen soll.

“Als würde ein Restaurantbesitzer Geld von den Taxifahrern verlangen, die ihnen Gäste bringen.”

Taxi-Gleichnis von Mario Sixtus

Nur haben die Verlage den Web-Diensten Google & Co momentan kaum etwas entgegenzusetzen. Geld fordern für Ideen, die sie selbst nicht hatten. Das ist es, worum es beim Leistungsschutzrecht geht. Und weil im Herbst gewählt wird, traut sich kaum ein Abgeordneter des Döpfners alte Leier zu hinterfragen.

Nicht der Journalismus ist tot, sondern die Geschäftsmodelle. Man hätte diese Entwicklung erkennen und sozialverträglich begleiten können. App-Programmierer ausbilden, statt Taxi-Telefonisten. Datenjournalisten statt Warteschleifen-Musik-Komponisten. Hier haben übrigens nicht nur die Verlage geschlafen, sondern auch die Journalistenverbände, die über Jahre hinweg damit beschäftigt waren, die Zukunft zu bekämpfen, statt den Übergang ins Digitalzeitalter zu begleiten.

Das Leistungsschutzrecht, ein unheilvolles Gemisch aus Saturiertheit, Ahnungslosigkeit, und mangelnder Kreativität. Wenn Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in diesem Zusammenhang davon spricht, dass Blogger die Verleger von morgen sind (bei 1:27:15), dann klingt das fast wie eine Drohung.

 

Bertelsmann: “Kindergärten angetestet”

Nach dem Blogpost zum Thema Datensammeln an Schulen haben sich Dutzende Betroffene, aber auch Mitarbeiter von Bertelsmann bei mir gemeldet. Sogar das von inmediaONE beauftragte Logistik-Unternehmen, das 10 Jahre zuständig war für die Beschaffung der Kinder-Adressen, gewährte mir ein paar neue Einblicke…

bertelsmann-update

“Wir haben gerade einen Anruf des Magazins ‘Eltern’ erhalten” schreibt Daniel in seinem Blog. “Der nette Herr am Telefon hat uns zur Geburt unserer Tochter Lene gratuliert und möchte uns ein Abo verkaufen.” Solche und ähnliche Erlebnisse erreichen mich Dutzende seit vorgestern, via Facebook, über Twitter, und per Mail.

Völlig Ahnungslos

In den meisten Fällen sind die Betroffenen völlig ahnungslos und können sich nicht erklären, woher Bertelsmann die Telefonnummer bzw. die Post-Adresse hat. Mehr noch: “Woher kennen die den Namen meiner Tochter?”

Die von Bertelsmann beauftragte WKV Direktvertriebs GmbH, die bis Ende 2012 für die Beschaffung der Kinder-Adressen zuständig war, weiß es genau. Allein in den vergangenen 4 Jahren habe man um die 4 Millionen Gutschein-Karten (siehe letzter Blogpost) gedruckt und verschickt, heißt es bei der Firma.

Kindergärten “angetestet”

Das Sammeln der Daten erfolge in Wellen, berichtet ein Mitarbeiter. Ein- bis zweimal im Jahr käme ein neuer Auftrag von der inmediaONE, dann heißt es, man brauche wieder 300.000 bis 400.000 Adressen.

32.000 Schulen in ganz Deutschland sowie in Österreich werden mit jeder Sammelaktion angeschrieben. Die Akzeptanz sei hoch, heißt es. Nur eine von 5 Bildungseinrichtungen lehne das Angebot für Gratisbücher ab.

In mindestens 2 Erhebungswellen habe man dabei auch Kindergärten “angetestet”. Das habe aber nicht sonderlich gut funktioniert. Bei den Schulen sei die Rücklaufquote mit 50-60 Prozent aller ausgegebenen Gutscheinkarten deutlich höher. Die Postkarten mit den Angaben zu den Schülerinnen und Schülern werden maschinell ausgelesen; jede Adresse mit einem Image-Scan hinterlegt, um den Eingang der Karte zu belegen.

Karte-Trick

“Wir wollen keine Familien abzocken”

Rund 30 Personen seien an einer solchen Sammelaktion 2-3 Monate beteiligt. Die daraus gewonnenen Adressen und Telefonnummern werden über ein spezielles Datenformat an die inmediaONE übergeben. “Was dann mit diesen Daten geschieht, entzieht sich unserer Kenntnis”, heißt es bei der WKV.

SchlagworteWeshalb die Logistikfirma den langjährigen Vertrag mit der inmediaONE gekündigt habe? Antwort: Man wolle in die “Machenschaften” der Bertelsmann-Tochter nicht hineingezogen werden. Auf die Nachfrage, was denn genau mit “Machenschaften” gemeint sei, bringt es der Mitarbeiter ziemlich deutlich auf den Punkt: “Wir wollen keine Familien abzocken.”

 

Alles unter einem Dach

Anstelle der WKV kümmert sich seit Anfang 2013 die Bertelsmann-Tochter AZ direct um das Sammeln der Kinder-Daten. Auf ihrer Web-Seite wirbt AZ direct u.a. damit, über Daten von über 40 Millionen Haushalten zu verfügen mit “mehr als 250 kombinierbaren Merkmalen, zum Beispiel zu Soziodemografie, Psychografie, Konsumeigenschaften und Lebensphasen”. Mit den Daten aus den Kindergärten und Schulen ist hierfür sicher ein guter Grundstein gelegt.

Bei der aktuell laufenden Datensammel-Aktion an Schulen in Deutschland/Österreich mit Produkten der Marke “Brockhaus” handelt es sich laut Angaben von Bertelsmann wieder um eine “niedrige siebenstellige Auflage”.

brockhaus-facebook

Damit die Kinder im Internet auch ein bisschen Medienkompetenz lernen, habe ich mir erlaubt, das Schaubild “Wie kommen Adressenhändler an Kinder-Daten” (JPG-Datei / Creative Commons) auf die Facebook-Seite des Kinder-Brockhaus  / inmediaONE zu stellen.

Wem die Bildung von Kindern am Herzen liegt, der kann da eigentlich nichts dagegen haben, oder?

Richard Gutjahr gefällt das

Weitere Blogposts zum Thema:

 

“Selbst erlebt auf Elternabend: Lehrer machen Druck, alle Eltern sollen diese Zettel ausfüllen, damit man einen Klassensatz an Duden hat.”

Claudia

 

“Wir mussten das ausfüllen, dass alle Schüler auf dem gleichen Stand sind…. krass…”

Gianna

 

“Meine Tochter (7. Klasse Gymnasium) hatte den Gutschein letzte Woche auch dabei. Der kam dann umgehend in den Papiermüll – nach einigen Diskussionen.”

Sebastian

“Meine Tochter schleppt auch immer mal was an. Das war schon so im Kindergarten. Jetzt in der Schule gibt es dann schon den Gruppenzwang. ‘Aber die anderen dürfen das auch’.”

Susanne

 

“Auch an den Schulen unserer Kinder werden die ‘Gutscheine’ verteilt. Glücklicherweise gab es schon zur Zeit der ersten Verteilaktion ausreichend Rückmeldungen im Internet …”

Michael

 

“Ich bin im weiteren Umfeld von Bertelsmann tätig und weiß, dass ziemlicher Aufwand betrieben wird, um Adressen rechtskonform einzuwerben.”

Anonym

 

“Die Verwendung des Begriffes “Bertelsmann” im Gespräch ist den Drückern übrigens in der Regel streng verboten.”

Steffen

 

LobbyPlag: Die Datenfänger von Gütersloh

Mit Millionen von Gutscheinen, die Bertelsmann an deutschen und österreichischen Schulen verteilt, geht der Medienkonzern gezielt auf Adressenjagd von Minderjährigen – und läuft Sturm gegen die geplante Datenschutzverordnung in Brüssel.

bertelsmann-datenschutz

G! Collage / Bildquelle: Bertelsmann, Shutterstock, iStock

tl;dr Deutsche Verlage bezeichnen Google und Facebook als Datenkrake. Recherchen von LobbyPlag haben ergeben: Zu den größten Datenkraken zählen die Verlage selbst, die in Berlin und Brüssel Druck ausüben, um auch weiterhin an die Daten – insbesondere von Kindern und Kleinkindern – zu gelangen.

Die zurückliegende Woche hatte es in sich: Zwei Ausschüsse in Brüssel, bei denen – so wird berichtet – sich die Unternehmen weitestgehend mit ihren Forderungen nach weniger Regulierung durchsetzen konnten (die Unterlagen dazu liegen uns noch nicht vor). Zeitgleich in Berlin: Auftritt der deutschen Verlagsbosse bei einem Fachgespräch im Deutschen Bundestag. Eigentlich geht es um das Leistungsschutzrecht. Doch auch diese Bühne wird von den Unternehmen genutzt, um Stimmung zu machen gegen zu viel Datenschutz in Deutschland und Europa.

Leistungsschutzrecht oder Nazis

Wenn es um die eigenen Pfründe geht, scheinen die Verleger um keinen Superlativ verlegen. Deutsche Verlage, die letzte Bastion gegen Datenkraken wie Google oder Facebook. Selbstlose Ritter im Kampf um Bildung und Demokratie. Den Vogel aber schießt der Geschäftsführer der Chemnitzer Verlag und Druck GmbH, Ulrich Lingnau mit folgender Kausalkette ab: NSU-Sympathisanten wüchsen ohne Zeitung auf – ergo: Ohne Leistungsschutzrecht überlasse man Deutschland den Nazis (zugegeben, er hatte es etwas eleganter formuliert).

“Seriös anschreiben”

Dann: Julia Jäkel aus dem Vorstand von Gruner & Jahr (Bertelsmann). Die Vorzeigemanagerin und Ehefrau von Ulrich Wickert hält ein flammendes Plädoyer für den „unabhängigen Journalismus“ – und – für das Datensammeln. “Sie müssen in der Lage sein, Abonnenten auf eine seriöse, intelligente Art und Weise wieder zu finden”, sagt sie und lenkt das Thema plötzlich auf die EU-Datenschutzverordnung in Brüssel (s. Video: ab Minute 29:15).

Wenn in der EU „eine solche Datenschutzverordnung lanciert“ werde, so die Verlagsmanagerin, werde es in Zukunft nicht mehr möglich sein, Kunden, die man noch nicht kenne, „seriös anzuschreiben“.

In Händen hält sie dabei eine „Eltern“-Zeitschrift (auf dem Cover: eine Mutter mit Baby). Eine solche Form von „unabhängigen Journalismus“ könne es dann nicht mehr geben, warnt sie. Das Internet sei zwar voll von guten Informationen, aber eben auch von „interessengesteuertem Journalismus.“

Also quasi das genaue Gegenteil von Gruner + Jahr, Europas größtem Zeitschriftenverlag.

Damit man sich bei Gruner + Jahr diese Unabhängkeit weiter leisten kann, wird nebenan bei der Bertelsmann-Tochter arvato die Drecksarbeit erledigt. Hier werden die Daten rangeschafft, um neue Kunden „seriös anzuschreiben“, anzurufen oder ganz gerne auch mal zuhause zu besuchen. Und dafür scheint jedes Mittel recht.

Tatort Schule

Mitte letzter Woche erreicht mich die E-Mail eines Bloglesers aus Bayern. Der Familienvater berichtet von Bücher-Gutscheinen, die an der Schule seiner Kinder von der Klassenleitung verteilt wurden. Die Karten sind gezielt an die Schule adressiert, sogar die jeweilige Klassenkennung (hier „8c“) ist bereits maschinell ausgefüllt. Absender: inmediaONE, eine hundertprozentige Bertelsmann-Tochter (einst beim Adresshändler arvato/Bertelsmann angesiedelt, heute bei der Bertelsmann Direktmarketing Gruppe). (nachträglich ergänzt)

gutschein-inmediaone

Bei diesen “Buchgeschenken” handelt es sich um Paperback-Hefte, nicht zu verwechseln mit vollwertigen “Duden”-Hardcover-Werken

Ich spreche mit einer Mutter aus Baden-Württemberg. Auch ihre 7-jährige Tochter (2. Klasse Grundschule) kam eines Tages mit einem Bertelsmann-Gutschein nach Hause. „Beim ersten mal habe ich die Karte gleich weggeworfen“, erzählt sie mir am Telefon. Beim zweiten Gutschein, ein Jahr später, habe sie dann nachgegeben. „Da war dieser Gruppendruck“, sagt sie fast entschuldigend. „Ich wollte nicht, dass meine Tochter die Einzige in ihrer Klasse ist, die kein Buch bekommt.“

Bertelsmann-Kinder-Datenschutz

Wenn der Bertelsmann zweimal klingelt

Es folgen Anrufe und Hausbesuche von Handelsvertretern im Auftrag von Bertelsmann. In Internet-Foren berichten betroffene Eltern von der immer gleichen Masche: Jetzt, wo das Kind doch das erste Buch habe, sei es ganz besonders wichtig, auch die anderen Bücher zu kaufen. „Sie möchten doch nicht, dass Ihr Sohn Probleme in der Schule bekommt?“

Akte-Bertelsmann

Drückermethoden im Auftrag von Bertelsmann (Quelle: Sat.1)

Mit welchen Methoden manche Vertriebspartner in Auftrag von Bertelsmann vorgehen, hat Sat.1 mit versteckter Kamera gefilmt (ab Minute 2:15).

Es kann auch vorkommen, dass die Adressen der Schulkinder bei politisch-fragwürdigen Handelsvertretern landen. Hier die Geschichte, die die Wochenzeitung Kontext dazu recherchiert hat.

Fragen an inmediaONE

Anruf bei Jürgen Hakenkamp von inmediaONE. Routiniert werde ich abgewimmelt. Der Kundendienstleiter sei „gerade in einem Meeting“. Auf den versprochenen Rückruf warte ich vergeblich.

Also E-Mail. Mein Fragenkatalog landet bei Matthias Wulff, der Wert darauf legt, dass man ihn als „einen Sprecher der Inmediaone“ bezeichnet, obwohl die Kennung seiner Geschäfts-E-Mail auf eine direkte Tätigkeit beim Mutterkonzern Bertelsmann deuten lässt.

Frage: Halten Sie es für angebracht, an Schulen Privatadressen von Minderjährigen einzusammeln um diese für Werbezwecke zu benutzen?

„Wir führen unsere Gutschein-Aktion nur mit Zustimmung der jeweiligen Schulleitung an den Schulen durch und bieten als Geschenk ausschließlich Produkte aus dem Bildungsbereich an. Wenn die Eltern nicht in die werbliche Ansprache einwilligen, nutzen wir die Daten nur für die Abwicklung der Gutscheinaktion. Die Einwilligung ist dabei übersichtlich gestaltet und informiert in transparenter Weise darüber, dass bei Erteilung der Einwilligung eine werbliche Ansprache durch unser Unternehmen möglich ist.“

Matthias Wulff, inmediaONE / Bertelsmann

Übersichtlich? Transparent?

Die mir vorliegende Gutschein-Karte (die Aktion lief über 10 Jahre – es gibt mehrere Versionen) gehört zu dem perfidesten, was mir jemals an Kleingedrucktem unter die Lupe gekommen ist: In einem ersten Feld (links unten) wird man darüber belehrt, dass die Daten des Kindes zu Werbezwecken gespeichert werden. So weit so schlecht. In einem zweiten 4-Punkt-Schrift großen Text rechts unterhalb des Adressfeldes heißt es, dass die Daten des Schülers in jedem Fall gespeichert und an Dritte weitergreicht werden können – auch ohne Einwilligung.

Karte-Trick

Auf die Frage, wieviele solcher “Gutschein-Karten” in Umlauf seien, schreibt der Bertelsmann-Sprecher:

„Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zur genauen Auflage keine Angaben machen. In etwa handelt es sich hier um eine niedrige siebenstellige Auflage.“

Eine Million? Zwei Millionen? Drei? Seit 2002 läuft die Erhebung von Kinder-Daten an Schulen in ganz Deutschland sowie in Österreich. Vereinzelt haben Kultusministerien reagiert und ihre Schulleiter angewiesen, solche Aktionen nicht länger zu unterstützen.

weichertWie kann so etwas legal sein?

Geregelt seien derartige Erhebungen im Schulrecht, das in Länderzuständigkeit liegt, erklärt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Es könne also bundesweit unterschiedliche Regelungen geben. Einer der Gründe, weshalb bislang nichts unternommen wurde.

Mit der bevorstehenden EU-Datenschutzverordnung könnten solche Sammelaktionen an Schulen europaweit gestoppt und mit hohen Strafen belegt werden – es könnte aber alles noch viel schlimmer kommen.

Einfallstor für Reklameanrufe und Haustürgeschäfte

Florian Glatzner vom Verbraucherzentrale Bundesverband warnt in diesem Zusammenhang vor Artikel 19 Absatz 2 des EU-Kommissionsentwurfs:

„Werden personenbezogene Daten verarbeitet, um Direktwerbung zu betreiben, hat die betroffene Person das Recht, dagegen unentgeltlich Widerspruch einzulegen.“

Klingt erstmal harmlos. Doch der Teufel steckt im Detail. Dieses Widerspruchsrecht lasse vermuten, so der Verbraucherschützer, dass Direktmarketing zukünftig auf Basis des Artikels 6 Absatz 1 Buchstabe f („berechtigtes Interesse“) möglich sein soll.

Die Verarbeitung personenbezogener Daten ist nur rechtmäßig, wenn mindestens eine der nachstehenden Bedingungen erfüllt ist: (…) Die Verarbeitung ist zur Wahrung der berechtigten Interessen des für die Verarbeitung Verantwortlichen erforderlich, sofern nicht die Interessen oder Grundrechte und Grundfreiheiten der betroffenen Person, die den Schutz personenbezogener Daten erfordern, überwiegen, insbesondere dann, wenn es sich bei der betroffenen Person um ein Kind handelt.“

Auf deutsch: Gelangt ein Unternehmen an eine Privatadresse, sollen Werbeanrufe, Reklamesendungen und Hausbesuche grundsätzlich erlaubt sein, auch ohne explizite Zustimmung des Betroffenen. Begründung: ein berechtigtes (hier: geschäfltliches) Interesse der Firma. Es kommt aber noch härter:

Kein Schutz für Kinder

Wie ein Lobbypapier (s. Grafik) zeigt, bemüht sich der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) derzeit in Brüssel, ausgerechnet die Schutzklausel für Kinder aus dem oben zitierten Gesetzestext streichen zu lassen:

VDZ-Kinderdaten

Mächtiges Mitglied des VDZ ist die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr. Wir erinnern uns: Jenes Unternehmen, das vergangenen Mittwoch im Deutschen Bundestag erklären ließ, wie wichtig es sei, neue Kunden auf “seriöse und intelligente Art und Weise” anzuschreiben.

VDZ-Kinderdaten-2

LobbyPlag: Neue Systematik

Nach einer ersten groben Durchsicht der rund 4000 Seiten Lobby-Papiere, die LobbyPlag aktuell vorliegen, wurde uns schnell klar, dass sich Beeinflussung von Abgeordneten nicht allein durch das Abgleichen von Copy & Paste-Textstellen nachweisen lässt. Das oben angeführte VDZ-Beispiel zeigt, dass entscheidende Lobby-Eingriffe auch durch Streichungen oder in Form von unscheinbaren Umformulierungen stattfinden können.

Wir haben uns daher eine neue, zusätzliche Systematik überlegt, wie wir die „Battlegrounds“, also die besonders umkämpften Gesetzespassagen in diesem Mammut-Reformwerk, kenntlich machen können.

Kartographie eines Gesetzes

Für die kommenden Wochen haben wir uns vorgenommen, einen Katalog aller Änderungswünsche der diversen Lobbyisten zu erstellen.  Aus dem Katalog soll eine Karte werden, die alle Kampfzonen im Gesetzestext visualisiert, und zeigt, wie und unter welchen Einflüssen welcher Teil der neuen Datenschutz-Regeln zustande kommt.

Wer uns dabei über die Schulter schauen möchte: hier sammeln wir die Fundstellen für den Katalog (nicht editierbar). Für diese Liste sind wir noch auf der Suche nach zuverlässigen Rechercheuren (möglichst mit juristischer Vorbildung). Bitte meldet Euch!

Außerdem freuen wir uns weiterhin über Spenden, da für LobbyPlag viel Zeit draufgeht und keiner aus unserem Team damit Geld verdient.

Fragen, Wünsche oder Anregungen bitte direkt an info@lobbyplag.eu oder öffentlich hier unten im Kommentarfeld.

UPDATE zu diesem Blogpost: Bertelsmann: “Kindergärten angetestet”

Zu diesem Thema auch…buttonneu

 

Neues von LobbyPlag

Eine Woche ist es her, dass wir mit LobbyPlag gestartet sind. Der Zuspruch war enorm. Ihr habt uns viele Fragen gestellt und auch einige Anregungen gegeben, wie wir die Plattform verbessern können. Parallel zur Weiterentwicklung von LobbyPlag haben wir uns wieder auf die Suche nach kopierten Textstellen zur EU-Datenschutzverordnung gemacht. Und wir sind fündig geworden – wenn auch anders als zunächst erwartet…

big-Canyon

Feinstes WiFi mitten in der Negev – auch das ist Israel

 

„Gesetze und Würste. Je weniger die Leute wissen, wie sie gemacht werden, desto besser schlafen sie.“

Otto von Bismarck

Die letzte Woche war anstrengend. Dutzende von Gesprächsanfragen, per E-Mail, Twitter und Facebook. Das Telefon klingelt in einer Tour. Das Feedback aus allen Teilen Europas zeigt, dass wir mit LobbyPlag offenbar einen Nerv getroffen haben. Sympathiebekundungen von Korrespondenten aber auch aus den Abgeordneten-Büros, die noch einmal darauf hinweisen, wie massiv der Einfluss der Lobbyisten in Berlin und Brüssel geworden ist.

tvscreenshot

Abendnachrichten Slowakisches TV

So sehr wir uns über dieses (überwiegend) positive Feedback auch gefreut haben, irgendwann mal ist es nicht mehr möglich, der eigentlichen Arbeit nachzugehen. Mitte der Woche packe ich mein Laptop und ziehe mich an einen Ort zurück, an dem ich ungestört arbeiten kann. Mizpe Ramon in der Wüste Negev. Größtmögliche Einsamkeit bei bester WiFi-Anbindung (Es kommt nicht von ungefähr, dass Israel als Startup-Nation bezeichnet wird).

Life is a beta

LobbyPlag lässt sich nur schwer vergleichen mit Crowsourcing-Plattformen wie GuttenPlag oder VroniPlag, denn im Grunde genommen ist LobbyPlag in seinem aktuellen Stadium noch überwiegend Handarbeit. Zum einen, weil es uns wichtig war, mit der Arbeit zu starten, solange die Datenschutzgesetze noch nicht in Stein gemeisselt sind. Die Oberfläche ist noch “beta” und wird kontinuierlich ausgebaut.

Zum anderen handelt es sich bei Gesetzestexten, anders als bei Doktorarbeiten, um eine sehr komplexe Materie, bei der es nicht allein damit getan ist, die Anzahl an Fundstellen zu dokumentieren. Oft sind es einzelne Begriffe, ja manchmal sogar nur Silben, die ein Gesetz in die eine oder andere Richtung drehen können.

Kleine Änderungen – große Wirkung

So hat beispielsweise die Änderung eines “Opt-In” zu einem “Opt-Out” millionenschwere Konsequenzen für die Geschäfte von Datenhändlern (siehe das Schmieren-Stück um das neue Meldegesetz im Deutschen Bundestag). Gleichzeitig sind es wenige Buchstaben, die für Jahre, vielleicht sogar für Jahrzehnte über die Privatsphäre von 500 Millionen EU-Bürger entscheiden können (die letzte EU-Datenschutznovelle liegt 17 Jahre zurück).

Both sides of the story

Haben wir uns in der ersten Woche überwiegend auf die Texte der Konzerne konzentriert, liegen uns seit vergangener Woche nun auch die Unterlagen einiger Datenschutzorganisationen vor. Auch hier sind wir – wenig überraschend – fündig geworden.

Während sich die allgemeine Durchdringung der Gesetzestexte durch die Corporate-Lobbyisten scheinbar auf mehrere Schultern verteilt, ist die Einflussnahme der Datenschützer eher auf die Initiative einzelner Abgeordneter zurückzuführen. Amelia Andersdotter, EU-Abgeordnete der Piraten, hat es tatsächlich fertig gebracht, den kompletten Katalog an Änderungswünschen der European Digital Rights Initiative (EDRi) für ihre Gesetzesanträge zu kopieren.

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Foto: Anders Jensen-Urstad. CC-BY

“Die Leute haben mich nicht gewählt, weil ich eine Expertin für Rechtswissenschaften bin, sondern weil sie mir vertrauen, dass ich mich für ihre Belange einsetze”, so Andersdotter. Als ich die junge Parlamentarierin Samstag Abend am Telefon erreiche, folgt eine längere Diskussion, bei der die 25jährige zeitweise regelrecht biestig wird: “We are not the problem”, versucht sie den Spieß herumzudrehen. “Actuallay YOU are!” LobbyPlag lenke die Diskussion auf ein Thema, das völlig irrelavant sei. Es gehe nicht um Copy & Paste, sondern um die Werte, die man repräsentiere.

Moment mal: Wir auf einmal die Bösen? Nur weil wir wissen wollen, wer bei der Gesetzgebung so alles seine Hand im Spiel hat? Und das ausgerechnet von Piraten, die sich wie keine andere Gruppierung Transparenz auf die Fahne geschrieben haben? Ist Transparenz etwa nur dann gut, solange sie der richtigen Sache dient? Und wenn ja, wer definiert das?

eva lichtenberger

Foto: eva-lichtenberger.eu

“Ich glaube schon, dass da ein gewisser Unterschied besteht, ob man Partikularinteressen von der Industrie übernimmt oder aber gemeinnützige Anträge von einer Datenschutzorganisation”, so die österreichische EU-Abgeordnete Dr. Eva Lichtenberger (Die Grünen), die sich bei ihren Änderungsanträgen ebenfalls großzügig aus einem NGO-Papier bedient hat.

Wenn also Copy & Paste gar nicht das Problem ist, warum nicht offensiv damit umgehen und die Quelle für die eigenen Gesetzesvorlagen gleich von Anfang an transparent machen? “Ich bin dafür, dass wir das genauso offenlegen, von wem wir Material erhalten”, so Lichtenberger.  “Das ist für mich überhaupt kein Problem!”.

“You are right”, räumt auch Amelia schließlich ein. “We could have done that.”

Die Moral…

Und so scheint mir, haben alle am Ende irgendwie etwas gelernt in dieser Woche:

Plattformen wie LobbyPlag bieten eine einzigartige Chance, Dinge sichtbar zu machen, die für uns bislang verborgen geblieben sind. Gleichzeitig verführen sie aber auch zu einer Art Betriebsblindheit in Bezug auf die Inhalte selbst. Nicht zuletzt wir Journalisten sind bekannt dafür, die billigste Story aufzublasen, das Wesentliche dabei aber oft außer acht zu lassen.

Am Ende geht es eben nicht ums Erbsenzählen sondern um die Erbsen selbst. Und die können, wie wir schon von den Gebrüdern Grimm wissen, selbst Prinzessinen um den Schlaf bringen.

mv_lobby_imco2Datenschützer unterrepräsentiert  

Wer nach unserem jüngsten Fund den Eindruck hat, es herrsche zwischen Datenhändlern und Datenschützern Waffengleichheit, dem sei an dieser Stelle noch einmal gesagt, dass wir uns diese Woche bewusst die Papiere der Datenschützer vorgenommen haben, um uns nicht dem Vorwurf auszusetzen, einseitig zu recherchieren. Betrachten wir unsere vorl. Zwischenbilanz des ersten Ausschusses IMCO, so müssen wir feststellen, dass die Datenschützer mit ihren Forderungen deutlich unterrepräsentiert sind.

Unsere erste Auswertung des IMCO-Ausschusses zeigt: Datenschützer kämpfen auf verlorenem Posten / CC LobbyPlag 

Spannend dürfte werden, wer sich in den kommenden beiden Ausschüssen mit seinen Vorschlägen durchsetzt. Insgesamt haben wir gerade mal 10 Prozent der uns vorliegenden 4000 Seiten an Lobby-Papieren angesehen. Sobald die Beschlüsse der beiden Ausschüsse bekannt sind, werden wir unser Material auf das Ergebnis hin überprüfen.

EU_GDPR-Commitee_Feb16_920Wie es weiter geht 

Diese Woche tagt in Brüssel der Industrie-, Forschungs-, und Energie-Ausschuss (ITRE), sowie der Ausschuss für Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten (EMPL) des EU-Parlaments zur neuen Datenschutzverordnung. Die Beschlüsse dieser Ausschüsse gehen als Empfehlung ein in den Hauptausschuss Mitte April. Dort wird die Basis für das spätere Gesetzespaket gelegt, über den Ministerrat und Parlament am Ende abstimmen.

Neue Recherche-Tools

Parallel zu der Auswertung der Lobbypapiere arbeitet LobbyPlag am Ausbau der Crowdsourcing-Funktionalität seiner Seite. Dazu hat Sebastian von OpenDataCity heute ein neues Analysetool für den öffentlichen Gebrauch freigeschaltet:

plagshot1Dabei handelt es sich um die Beta-Version unserer Research-Oberfläche, die es ermöglicht, einzelne Textpassagen mit den gesammelten Gesetzeseingaben der Parlamentarier abzugleichen. In einem nächsten Schritt wollen wir die Fundstellen über ein Verifizierungs-System überprüfen lassen. Das ist sogar noch komplizierter, als es klingt. Aber die Jungs von OpenDataCity sind guter Dinge!

Um die immer komplexer werdenden Programmierarbeiten von LobbyPlag zu unterstützen, haben wir in der vergangenen Woche ein Crowdfunding-Projekt ins Leben gerufen. Wer uns unterstützen will, die Webadresse lautet: krautreporter.de/lobbyplag .

(siehe auch Teil 1: LobbyPlag – Die Copy & Paste-Gesetzgeber von Brüssel)

LobbyPlag: Die Copy & Paste-Gesetzgeber aus Brüssel

Guttenberg, Koch-Mehrin, Schavan… Doch was sind schon zusammenkopierte Dissertationen verglichen mit ganzen Gesetzestexten, die nicht etwa aus der Feder von gewählten Volksvertretern stammen, sondern zu großen Teilen von Multi-Milliarden-Dollar-Konzernen formuliert werden. Gesetze, die als Geschäftsgrundlage für das Digitalzeitalter gelten und die das Leben von über 500 Millionen EU-Bürgern betreffen. Um Lobby-Gesetzen auf die Spur zu kommen haben wir die Crowdsourcing-Plattform LobbyPlag ins Leben gerufen. 

big-lobby

Größte Reform seit Jahrzehnten

Zielgerade. Die entscheidenden Wochen vor der Abstimmung. Es geht um eine der umfangreichsten Gesetzesreformen, die es in der Geschichte der Europäischen Union je gegeben hat. Der Datenschutz soll EU-weit vereinheitlicht und an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Ein Mammut-Projekt, wie es vielleicht alle 10 oder 20 Jahre vorkommt.

Die Spielregeln im Internet

Ein Unterfangen, das weitreichende Konsequenzen hat für fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Es sind die “Spielregeln” für die Datenverarbeitung im Internet, die Geschäftsgrundlage für “Big Data”. Banken, Versicherungen, Krankenkassen sind davon betroffen, an vorderster Front Web-Giganten wie Google, Facebook, Microsoft, Apple, Amazon oder Ebay.

buttonneu

 

Ein erstaunlicher Fund

Als mich letzte Woche der Wiener Student Max Schrems darauf hinwies, er sei da auf Lobbytexte in EU-Gesetzesvorlagen gestoßen, war ich zunächst mäßig überrascht. Lobbyisten üben Einfluss auf Abgeordnete aus – ja und? Doch dann kam Schrems mit immer mehr Text-Passagen in EU-Beschlüssen, die Wort für Wort aus Lobby-Papieren abgeschrieben waren (Hier geht es zum Dossier von europe-v-facebook.org).

Ich kontaktierte Marco Maas von OpenDataCity. Noch in der selben Nacht entwickelten wir gemeinsam die Idee zu LobbyPlag. Als der Prototyp stand, wurde sehr schnell deutlich: Allein der Abschluss-Bericht zur ersten Datenschutz-Ausschuss-Sitzung im vergangenen Dezember ist geradezu durchsetzt von Lobby-Texten. Das Ausmaß: mehr Guttenberg als Schavan.

Guttenberg

Wunschliste der Konzerne

Obwohl die Bundesregierung stets betont, wie sehr ihr der Datenschutz ihrer Bürger am Herzen liegt, aus den eigenen Anträgen geht das genaue Gegenteil hervor. “Der ganze Bericht enthält nicht einen ernsthaften Vorschlag im Sinne des Verbraucherschutzes”, so der Grüne EU-Parlamentarier Jan Philipp Albrecht, der einen der wichtigsten Datenschutz-Ausschüsse (LIBE) als sog. “Berichterstatter” leitet (s. Video unten). “Es ist eine Wunschliste der Konzerne, die keine Harmonisierung des Datenschutzes in der EU verfolgen, sondern komplette Deregulierung.”

Power-Lobbying

Das ganze letzte Jahr über hatten mich Bundestags-Abgeordnete schon darauf hingewiesen, dass sie zunehmend aggressiver von US-Lobbyisten bearbeitet würden. “Ich habe ja schon viel mitgemacht in meiner Karriere”, so erst neulich wieder ein CDU-Mann zu mir. “Aber das, was hier gerade in Berlin abgeht, das habe ich so noch nicht erlebt.” EU-Parlamentarier aus Brüssel beklagen sich in der Financial Times, wie sie von den Mitarbeitern amerikanischer Anwaltskanzleien Tag für Tag in die Mangel genommen werden. “Wir stehen vor einem der größten Lobbying-Kriege aller Zeiten”, so die österreichische EU-Abgerordnete Eva Lichtenberger (Grüne).

Sie schießen aus vollen Rohren, dazu haben die Big Player sog. “Coalitions” gebildet, um gemeinsam Druck aufzubauen (Visualisierung: OpenDataCity)

Lobbypapiere

In ihrem Gepäck haben die Interessensvertreter Papiere, die den Volksvertretern dabei helfen sollen, ihre Arbeit schneller und auf Grundlage “besserer” Informationen bewältigen zu können.

Viele dieser Unterlagen gehen regelmäßig als Informationspapiere per Massen-E-Mail raus. Wirklich wichtige Vorlagen dagegen werden persönlich adressiert und oft so verfasst, dass sie von den Abgeordneten direkt für die eigenen Anträge 1:1 übernommen werden können. Praktischerweise, so wird mir aus Brüssel berichtet, kommen solche Formulierungshilfen nicht – wie sonst üblich – als PDF-Datei, sondern gleich in Form eines Word-Dokuments.

backtothelobby

Textbaustein-Tetris

Natürlich ist es nicht verwerflich, wenn Gesetze gelegentlich Textbausteine aus zweiter oder dritter Hand enthalten. Problematisch wird es, wenn das Texte-Tetris Dimensionen annimmt, dass man sich irgendwann dann doch die Frage stellt:

Wer macht eigentlich die Gesetze? Und wem nutzen die am Ende?

Alles ganz harmlos – oder handelt es sich bei diesem Outsourcing nicht bereits um unerlaubte Beihilfen in Form von Büroarbeit, für die ein Abgeordneter ja neben seinem Grundgehalt in Höhe von 7.957 Euro (ohne Spesen) einen zusätzlichen Etat zur Verfügung hat: 19.709 Euro monatlich für Mitarbeiter sowie externe Gutachter. Sollte das etwa nicht reichen?

Koch-Mehrin

Ungleicher Kampf

Problematisch wird die Copy-&-Paste-Gesetzgebung vor allem dann, wenn die externen Eingaben einseitig zu Lasten der schwächeren Seite gehen (hier: der Bürger). Im aktuellen Streit um die Datenschutzverordnung wird dieses David-gegen-Goliath-Ungleichgewicht ganz besonders deutlich:

Kein Artikel, kein Änderungsantrag eines Ausschussmitglieds, in der sich nicht Spuren, oft sogar die Übernahme ganzer Absätze aus den Lobbypapieren von Amazon, Ebay & Co nachweisen lassen. Dagegen fallen die Passagen, die aus den Blättern der vergleichsweise primitiv augestatteten Datenschützer stammen, kaum ins Gewicht.

Der Weg eines Lobbypapiers ins Gesetz

Doch wie gelangen nun seitenweise Lobby-Formulierungen in einen Gesetzestext?

Greifen wir dazu exemplarisch die Änderungsanträge des Europaabgeordneten Dr. Andreas Schwab (CDU) heraus. Als Träger eines akademischen Titels kennt er sich mit Zitieren von Fremd-Quellen ja aus.

Der von Schwab im Binnenmarkt- und Verbraucher-Ausschuss (IMCO) zur Datenschutzverordnung namentlich eingebrachte Änderungsvorschlag zum Artikel 4 Ziffer 13 stammt Wort für Wort, Zeile für Zeile aus einem Lobby-Papier von Amazon:

amazon-lobby

Darauf angesprochen, gibt sich Dr. Schwab in einem Telefonat am vergangenen Freitag unwissend:

„Wir kriegen natürlich tausende von Papierne zugeschickt. Es mag im Einzelfall durchaus mal sein, dass man am Ende, bis man die Änderungsanträge für die Abstimmung dann mal eingereicht hat, dann nicht mehr überprüft, wo kommt jetzt dieser Text zu diesem Antrag überhaupt her. Weil man in der Regel nicht damit rechnet, dass einem ein Journalist anruft und sagt: Ich hab’ diesen Text auch woanders gefunden.“

Nachfrage, wie es denn sein kann, dass solche Formulierungen überhaupt da rein geraten?

„Das ist für Sie jetzt vielleicht ein gefundenes Fressen. Aber es ist nichts anrüchiges, wenn man gute Ideen, die es irgendwo gibt, wenn man sie inhaltlich für richtig befindet, auch in modifizierter Form übernimmt. Es wird nicht möglich sein bei so vielen Dossiers, die da gleichzeitig gerade laufen, immer nur ausschließlich selbst generierte Gedanken in den Gesetzgebungsprozess einzubringen.“

Schwab weist mehrfach darauf hin, dass seine Anträge insgesamt zu mehr Datenschutz führen. Tatsächlich? Ein Blick in die auch von ihm eingebrachten Änderungswünsche sprechen eine andere Sprache:

  • Ersatzlose Streichung der Teile von Artikel 79, der Firmen bei einem Verstoß empfindlichen Geldstrafen auferlegt
  • Ersatzlose Streichung der Artikel 73 Abs. 2 sowie von Artikel 76 Abs.1, welche Bürgern die Möglichkeit einräumen, ihre Rechte durch Datenschutzorganisation durchsetzen zu lassen
  • Ermöglichung des „Forum Shoppings“, wonach Unternehmen beliebige Orte zu ihrer Firmenzentrale erklären können, um strengeren Kontrollen oder Rechtsstreitigkeiten zu entgehen.

Insgesamt haben Schwab und seine Kollegen über 50 Änderungsanträge gestellt. Herkunft? Unbekannt.

(Fun Fact: In der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg finden sich Zitate aus einem Aufsatz Schwabs – natürlich ohne Quellenangabe!)

Keine Transparenz

Ich habe Timo Lange vom deutschen Watchblog lobbycontrol.de einige Fundstücke gezeigt und ihn um seine Einschätzung gebeten:

“Die Dokumente zeigen eindrücklich, wie stark sich der IMCO-Ausschuss von Industrieinteressen hat beeinflussen lassen. Es ist im EU-Parlament nichts Ungewöhnliches, dass Änderungsanträge von Lobbygruppen vorformuliert werden.      Dabei fehlt es meist an Transparenz darüber, wer hinter welchen Vorschlägen steckt.”

Kopierfabrik Brüssel

Andreas Schwab ist nur ein kleines Rad in der Kopierfabrik Brüssel – und doch exemplarisch für das ganze System. Wo immer Abgeordnete überfordert sind, sei es zeitlich, oder auch sonst, sind Lobbyisten zur Stelle, um das jeweilige Vakuum mit ihren Formulierungen zu füllen. “Willkommen zu einer neuen Ausgabe der Lobbythek. Wir ham’ da mal eben was für Sie vorbereitet…”

Ein Machtkampf mit ungleichen Mitteln. Anders als ihre Gegenspieler von den Verbraucherschutz- oder Bürgerrechtsorganisationen verfügen gerade die großen Tech-Konzerne über Zeit, Mitarbeiter und schier unendliche Ressourcen.

Wie geht’s jetzt weiter?

Die nächsten parlamentarischen Ausschüsse verabschieden ihre Positionen nächste Woche, am 20./21. Februar und am 18./19. März. Der Hauptausschuss trifft sich am 24./25. April. Wenn es gut läuft, könnte über die neue Verordnung noch vor der Sommerpause im Juni/Juli im EU-Parlament abgestimmt werden. Es kann aber auch sein, dass sich die Verhandlungen hinauszögern. Sollte es bis Anfang 2014 zu keiner Einigung kommen, ist es unwahrscheinlich, dass die Reform überhaupt zur Abstimmung kommt. Im Sommer 2014 finden die nächsten Wahlen zum Europaparlament statt.

Gespräch mit Jan Philipp Albrecht, MdEP (Die Grünen), der den wichtigsten Ausschuss zur neuen Datenschutz-Verordnung leitet 

Was kann man tun?

Zunächst einmal: Helfen Sie, Informationen zu dieser Verordnung in Ihrem Freundeskeis zu verbreiten. „Liken“, „Plussen“ und „Twittern“ Sie, was das Zeug hält.

abgeordnetenwatch

Zweitens: Finden Sie die EU-Abgeordneten in ihrem Wahlkreis und nehmen Sie Kontakt auf. Einfach Ihre Postleitzahl im Suchfeld (Mitte) bei abgeordnetenwatch.de eingeben. Bitten Sie ihn/sie, Stellung zu beziehen zu der Frage „Wie verteidigen Sie mein Grundrecht auf Datenschutz?“

Wenn Sie noch Zeit haben, schicken Sie das ganze in CC auch an alle Bundestagsabgeordneten Ihres Wahlkreises (wollen ja schließlich wiedergewählt werden im Herbst). Namen und E-Mail-Adressen gibt es hier.

Neu: LobbyPlag

Für alle Jäger und Sammler haben meine Kollegen von OpenDataCity – Marco Maas, Sebastian Vollnhals und ich gemeinsam die Crowdsourcing-Plattform lobbyplag.eu ins Leben gerufen.

Hier möchten wir kurz vor den bevorstehenden Ausschüssen und der eigentlichen Abstimmung im Parlament alle eingebrachten Gesetzesvorlagen durchleuchten und auf ihre Urheberschaft hin überprüfen.

Wenn Sie so wollen, ist Lobbyplag ein Gratis-Service für alle Parlamentarier, die, wie zum Beispiel der Herr Schwab von der CDU, gerne wüssten, woher ihre eigenen Anträge stammen, die sie in das Gesetzgebungsverfahren eingebracht haben.

LobbyPlag, Sie verabschieden die Gesetze – wir liefern die Fußnoten!

You’re welcome.

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Neulich, in der Leistungsschutz-Zone

Zum Leistungsschutzrecht ist viel geschrieben worden. Aber noch wenig gezeichnet. Meine Vision einer Welt, in der die Gesetze der Marktwirtschaft ad absurdum geführt werden.

(entstanden gestern auf dem Flug von München nach Berlin - gezeichnet auf iPad und der App "Paper")

(entstanden gestern auf dem Flug von München nach Berlin – gezeichnet auf iPad und der App “Paper”)

Das “Lex Google” könnte bereits am 22. Februar vom Bundestag verabschiedet werden. Der Bundesrat könnte dann das Gesetz über die Legislaturperiode hinaus verzögern und damit stoppen. Der Wiener FALTER hat mich zu der aktuellen Debatte befragt und wollte wissen, was ich von einer Zwangsabgabe für Suchmaschinenbetreiber halte.

Brauchen wir das Leistungsschutzrecht? Ich hab mich mal umgehört auf der Feier zur Wahl des Journalisten des Jahres gestern Abend in Berlin:

Deutschland, ein Land wie Brüderle

Die #aufschrei-Debatte hat gezeigt, unsere Gesellschaft hat ein Problem. Sexismus ist eines davon. Ein anderes: Deutschland wird von geistigen Dinosauriern regiert. Willkommen im Jurassic Park.

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Zu Sexismus ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Allein dafür, dass dieses Thema endlich offen (mit Twitter als Katalysator) diskutiert wird, gebührt Laura Himmelreich und Anne Wizorek größter Respekt.

Schlimm genug, wenn sabbernde Greise in Hotelbars Journalistinnen hinterhersteigen. Das eigentliche Problem, das wir als Gesellschaft haben, ist eine Frage des Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern, letzten Endes ist es eine Frage der Macht.

Altherrenwitze sind Zoten, die nicht wirklich lustig sind, bei denen sich aber alle Anwesenden gezwungen sehen, mitlachen zu müssen, weil derjenige, der den Witz reißt, die Rechnung zahlt.

Gerade jetzt, im Superwahljahr 2013, macht es Sinn sich einmal – über die (längst überfällige) Geschlechterdebatte hinaus – die Frage zu stellen, wer denn die Schatten-Männer unseres Landes sind, die regelmäßig zum “Austausch” in die Hotelbars dieser Republik einladen.

Wenn Gewerkschaftler, Rechteverwerter und Abgeordnete mit den Verleger-Bossen ins Bett steigen, um diese Woche gemeinsam Besitzstandswahrer-Gesetze wie das Leistungsschutzrecht auf den Weg zu bringen, dann wird allein an diesem Beispiel deutlich, wie die Abhängigkeiten in der Medienrepublik tatsächlich verlaufen (siehe dazu auch die New York Times über die “Printmedien-Bastion” Germany).

Kein Politiker, der im Herbst wiedergewählt werden möchte, kann es sich leisten, sich offen gegen die Interessen der Verleger zu stellen. Zu groß die Angst, kurz vor der Wahl durch gezielte Indiskretionen aus dem Rennen geschossen zu werden. “Gegen jeden von Euch gibt es was”, soll Monika Hohlmeier einst ihren CSU-Kollegen gedroht haben. Methoden, die auch den Verlegern nicht völlig fremd sind.

Dass der Stern (Bertelsmann) die Brüderle-Anekdote, die sich vor über einem Jahr zugetragen hatte, ausgerechnet jetzt aus dem Giftschrank holt, sollte zu denken geben. In München ist gerade der Prozess um Ottfried Fischer zu Ende gegangen, der sich von einem Bild-Reporter mit einem Sex-Video erpresst fühlte. Erinnert sei an die scheinheilige Allianz zwischen Springer und SPIEGEL in Sachen Wulff (…die Anderen haben den Wortlaut des Telefonats veröffentlicht, wir haben ja nur zitiert!).

Ungeachtet davon: Wir brauchen mehr Laura Himmelreichs und Anne Wizoreks, auch in der Politik. Abgeordnete, die den Mut haben,  tradierte Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, auch jene durch die Meinungs-Macher selbst, offen zu hinterfragen und transparent zu machen.

Es ist ein Jammer, dass der aktuelle Polit-Nachwuchs, die Röslers und die Schröders mit ihren Ämtern völlig überfordert zu sein scheinen. Dass die Guttenbergs und Koch-Mehrins über ihre Eitelkeit stolpern, die Wulffs und die Steinbrücks über ihre Raffgier.

Die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Erneuerung, wie sie letztes Jahr kurz mit den Piraten aufkeimte, erstickte schon im Ansatz. Dabei lechzt nicht nur die FDP, sondern das ganze Land nach einem Neustart – und kriegt: Brüderle.

Ein Land, in dem die geistigen Dinosaurier regieren, weil die Jüngeren unfähig sind oder einfach keinen Bock haben auf Macht, hat die Elite, die es verdient. Und deshalb alle jetzt bitte mit einstimmen:


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Scheinheiligkeit und Macht und Geilheit

für das deutsche Vaterland.

Danach lasst uns alle streben,

Brüderle mit Stern und Handkuss.

Travel-Tools für Blogger & Journalisten 2013

Letztes Jahr habe ich Euch gezeigt, was ich so dabei habe, wenn ich auf Reisen bin. Seitdem habe ich qualitativ aufgerüstet und zugleich den Ballast, den ich mit mir herumschleppe, deutlich reduziert. Ein Blick in mein aktuelles Blogger-Handtäschchen.

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Wer mich kennt, weiß, dass ich viel unterwegs bin. Man sieht es meinem Blog nicht an, aber die meisten Einträge entstehen nicht in Deutschland, sondern von unterwegs (Die Zeilen, die Ihr gerade lest, schreibe ich im Boya, meiner Lieblingskneipe an der Hafenpromenade von Tel Aviv).

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Damit ich (orts-) unabhängig arbeiten kann, wenn nötig sogar ohne Strom oder WLAN, habe ich ein Reise-Set zusammengestellt, das mich fast überall hin begleitet. Damit kann ich in mein Blog nicht nur hochwertige Fotos einbinden, sondern auch an Ort und Stelle recht brauchbare Videos oder Audio-Slideshows produzieren. Das Motto: schneller, kleiner, leichter – ohne dabei an der Qualität sparen zu müssen.

War ich 2012 noch mit einem recht klobigen Kulturbeutel unterwegs, habe ich jetzt ein günstiges Travel-Case von Amazon Basics* gefunden, das gerade genug Stauraum bietet, dabei jedoch deutlich kompakter und auch robuster ist. Zudem habe ich einige Utensilien aus meiner alten Tasche durch neue, zum Teil bessere ersetzt.

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Die Neuzugänge im Einzelnen:

Das X-Shot-Stativ*

Ein solide verarbeitetes Teleskop-Stativ, mit dem es möglich ist, sich selbst zu filmen/fotografieren bzw. Aufnahmen aus ungewöhnlichen Perspektiven zu machen (etwa die “Dackel-Perspektive” vom Boden oder die “Dirk-Nowitzki-Perspektive” hoch über dem Kopf). Kamera/iPhone angeschraubt und ab dafür. Passt in jede Jackentasche.

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Neben dem Glif* gibt es inzwischen viele Adapter. Diese Hama-Halterung hier ist anpassbar und taugt für mehrere Modelle.

 

Die Canon-Ixus*

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Ich weiß was Ihr jetzt sagt: Wozu eine Kompaktkamera, wenn doch Smartphones mittlerweile fast das gleiche können? Ihr habt Recht. Mit 2 Ausnahmen: Aufnahmen in Dunkelheit sowie Objekte, die sich bewegen.

Ich bleibe dabei: Die beste Kamera ist immer die, die man gerade bei sich hat. Die IXUS ist extrem kompakt und bietet, gemessen an Preis und Gewicht, akzeptable Fotos in allen Situationen (Bsp. siehe Blogpost-Titelbild ganz oben).


Das Apogee MiC*

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Besser ist der Feind des Guten: Das Apogee MiC schlägt alles, was ich bisher an Reisemikrofonen getestet habe. Kristallklare Sprachaufnahmen direkt über USB. Kein Rauschen, kein Netzbrummen, kein blecherner Klang, stattdessen tiefe, reichhaltige Aufnahmen, die ohne Gain-Effekte oder Filter für Podcasts, Audio-Slideshows oder zur Nachvertonung von Videos benutzt werden können. Teuer? -Ja. Aber Gold wert. Hier eine improvisierte Hörprobe.

elgatoDer Elgato-Turbo-HD-Stick*

Es heißt ja Zeit ist Geld und so gesehen ist dieser Stick für alle diejenigen, die das Thema Video verstärkt in Angriff nehmen wollen, Geld wert. Langwierige Konvertierungen von HD-Videos (z.B. für YouTube) werden durch den Turbo.264 HD extrem beschleunigt. Bringt selbst lahme MacBooks auf Zack.

Die Bose-Kopfhörer*

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Lange habe ich gezögert: Kopfhörer von Bose für über 300 Euro? Letztes Jahr habe ich dann doch zugeschlagen und was soll ich sagen: der beste Kauf seit langem! Ich möchte nicht wissen wieviel Geld ich bis zum heutigen Tag an 50 Euro-Kompromissen vergeudet habe; immer hat irgendwas nicht gepasst. Vorbei. Diese Kopfhörer sind perfekt! Bequem, guter Klang, die Rauschunterdrückung einschalten und die Umwelt “ausknipsen”. Oft trage ich sie ganz ohne Musik, einfach nur, um mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ein Traum und jeden verdammten Euro wert!

evernoteDas Evernote-Notizbuch

Da könnt Ihr maulen was Ihr wollt, aber ich liebe mein Papier-Notizbuch! Meine besten Ideen entstehen hier (Beispiel “Die Macht”, die SocialTV-App zur Rundshow). Beispiel: Konzept-Skizzen. Handy-Foto machen, über Evernote abspeichern und bei Bedarf überall in der Welt darauf zugreifen! Zweites Einsatzgebiet:  Interviews. Oft hacke ich die Fragen in mein iPhone, mit dem ich dann aber dummerweise oft das Interview filme. Daher: der Trend geht ganz klar zum Second Screen – in diesem Fall, eine gute alte Moleskine-Kladde. Im Evernote-Look. Zwinker, Zwinker.

Hier geht’s zum Tamrac Zip-Shot-Stativ* und dem iPhone/iPad iRig Mikrofon* aus dem Video.

*Amazon-Partner-Link = wenn Ihr was über diesen Link bestellt, erhalte ich von Amazon ein paar Euro in Form eines Gutscheins für die Empfehlung. Für Euch ändert sich nichts – d.h. Eure Bestellung wird dadurch NICHT teurer. Alle hier vorgestellten Produkte habe ich selbst gekauft – ohne irgendwelche Vergünstigungen oder Presserabatte. Qualität? Gut, denn: Was mich “im Einsatz” nicht überzeugt, fliegt sofort raus. 

Ihr seid dran – welche Ausrüstung habt Ihr dabei auf Euren Trips? Freue mich immer über Tipps und Kommentare.

Neuer Sponsor: Auf zu neuen Abenteuern

Das neue Jahr beginnt mit einem neuen G!friend – Wie ich mein Blog finanziere und warum Koenigsfilm der passende Partner für das G!blog ist.

Koenigsfilm-Vorhang
sullivansketchNeue Wege

Mit großer Aufmerksamkeit (Neugier? Hoffnung?? Verzweiflung???) blicken Medienmacher aus der ganzen Welt auf einen Mann: Andrew Sullivan. Der 49jährige gebürtige Brite hat das gewagt, wovon viele träumen: Er hat das Seil gekappt zur klassischen Medienwelt und versucht sein publizistisches Glück nun allein, mit Netz aber ohne doppelten Boden.

The only completely clear and transparent way to do this, we concluded, was to become totally independent of other media entities and rely entirely on you for our salaries, health insurance, and legal, technological and accounting expenses.

Blog

Sein Blog, das Beiboot, wird zum Mutterschiff. “The Dish” soll ihn künftig ernähren, ihn und seine siebenköpfige Crew. Anders als die klassischen Medien hat Sullivan erklärt, gänzlich auf Werbung zu verzichten, sich direkt von seinen Lesern bezahlen zu lassen.

Auch in Deutschland gibt es Blogger, die von ihren Texten und Videos im Netz ganz gut leben – direkt oder indirekt. Sascha Pallenberg ist so ein Mensch, der es mit seinen werbefinanzierten Netbooknews (heute: MobileGeeks) geschafft hat, sich früh von der Masse abzuheben, der am konsequentesten das umsetzt, was andere nur predigen.

Neue Partner

Ich habe einen Job, der mir Spaß macht, habe kein Bedürfnis, mit meinem Blog Geld zu verdienen. Umgekehrt soll mich mein Hobby auch nicht arm machen (Hosting, Lizenz-Bilder, Ausrüstung). Deshalb freue ich mich, dass sich in den vergangenen Jahren immer wieder Medien-Partner (G!friends) gefunden haben, die mein Blog unterstützen.

Koenigsfilm-LogoFür dieses Jahr hat sich der Produzent und Filmemacher Holger Koenig bei mir gemeldet. Koenig kannte mein Blog und findet vor allem den Themenmix spannend: “Bei Ihnen stolpere ich immer über etwas, was mich interessiert”, erklärt er mir am Telefon. “Sie sind integer”, so Koenig, “das gefällt mir”.

Holger-Koenig

2013 ein Koenig

Holger Koenig ist gelernter Journalist aus Hamburg. Der Großvater Drucker, der Vater Verlagskaufmann. Die Liebe zum Medium Film erwacht früh. “Psychogramm eines Schülers” eines seiner ersten Werke, ein Schulprojekt, gedreht auf Super 8. Vom Hamburger Abendblatt zu Rias Berlin, über Sat.1 zu den Öffentlich-Rechtlichen (Holger Koenig war Regisseur der Makeover-Show “Tapetenwechsel” und hat für den BR auch die Lifestyle-Sendung “Chili und Couch” produziert).

Was Holger Koenig und mich noch verbindet: der Glaube an eine große Zukunft des Bewegtbilds. Die Zukunft zappelt und ist mobil – mein Credo schon seit Jahren. Ein Satz, den Koenigsfilm mit Sitz in Kassel und in München nicht nur lebt, sondern auf dem auch die gesamte Firma aufbaut: Die Präsentation von Unternehmen, Projekten und Ideen in High Definition.

Die Philosophie

Zu den Kunden von Koenigsfilm gehören die Deutsche Bahn (Video), der schweizer Verkehrstechniker Kummler+Matter (Video siehe unten) aber auch Bürgerinitiativen wie der Förderverein Schwimmbad Bad Wilhelmshöhe (Video).

Was ein guter Imagefilm kostet? – Holger Koenig: “Alles zwischen 5 Tausend und 5 Millionen.”

Ob Multimillionen-Dollar-Konzern oder der kleine Mittelständler um die Ecke; Bewegtbild wird das Netz übernehmen, da ist sich Holger Koenig sicher. Video wird den Text weiter verdrängen. Firmen werden eigene Bewegtbild-Abspielstationen installieren, Marken werden zu Broadcastern. “Branded Entertainment” nennt Koenig das.

Das Engagement

Ich freue mich, in Koenigsfilm einen Sponsor für mein Blog gefunden zu haben, der mir größtmögliche Unabhängigkeit bietet und der Euch, liebe Blogleser, ein ganzes Jahr lang blinkende Bannerwerbung oder sonstige lästigen Werbe-Einblendungen erspart.

Ich bin mir sicher das ist nicht nur in meinem Sinne – damit auf zu neuen Abenteuern!

Über Gebühr

Ab dem 1. Januar gibt es keine Ausreden mehr – die Haushaltsabgabe ist da. Jeder Deutsche wird zur Kasse gebeten – egal, ob man einen Fernseher/Radiogerät besitzt oder nicht. Ist das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem noch zeitgemäß?

Als freier Mitarbeiter einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt komme ich mit vielen spannenden Menschen in Kontakt: mit Ministern und Ministerpräsidenten, mit Bischöfen und Kardinälen, mit Gewerkschaftsführern und Arbeitgeberpräsidenten. Aber nichts ist spannender, als sich mit “normalen” Menschen zu unterhalten, mit Menschen, die nicht im Scheinwerferlicht arbeiten, Menschen wie Du – aber eben nicht wie ich.

Dabei stellt man schnell fest, dass nicht nur die Tageszeitung in den vergangenen Jahren als Informationsmedium an Bedeutung verloren hat. Auch das “Leitmedium” Fernsehen steht an der Schwelle einer gewaltigen Umwälzung: “Ich schau eigentlich kaum noch fern” sagen vor allem jüngere Menschen, oder auch: “Ich habe gar keinen Fernseher mehr”. Die oft strapazierte Redewendung “Wenn etwas wichtig ist, wird es mich schon finden” ist bereits Realität.

Gewaltige Umwälzungen

Wer immer noch glaubt, der Medienwandel macht vor dem Fernsehen halt, der wird schon bald sein lachsrosa Wunder erleben. Die steigende TV-Nutzung in Deutschland ist heute überwiegend der Demographie geschuldet. Betrachtet man das Medienverhalten der jüngeren Generationen (mit “jünger” sind Zuschauer unterhalb des öffentlich-rechtlichen Senderdurchschnitts von 60 gemeint), so erleben wir seit Jahren eine gravierende Verschiebung weg vom linearen Fernsehen, hin zum Ort-, Zeit- und Mediengefäß-unabhängigen Internet.

Quelle: economist.com

Nicht nur, dass das Medium Fernsehen an Reiz verliert, die Jungen wenden sich in Scharen von den Öffentlich-Rechtlichen ab (siehe dazu: Wie das Fernsehen die Jungen diskriminiert). Weil man dieses Problem durchaus erkannt hat, reagieren die Senderverantwortlichen, in dem sie nach zeitgemäßen Formaten Ausschau halten. Auf den Erfolg der ZDF-heute-show antwortet die ARD kommende Woche mit dem Comedy-Format “Das Ernste”. Nach dem respektablen Start von ZDFneo diskutieren ARD und ZDF aktuell über die Neugründung eines gemeinsamen Jugendkanals.

Das alles kostet Geld. Geld, das bei den Öffentlich-Rechtlichen reichlich vorhanden ist. Rund 7,5 Milliarden Euro fließen Jahr für Jahr in die Sendeanstalten. Mit der Einführung der Haushaltsabgabe ist es ARD und ZDF gelungen, sicherzustellen, dass die Gebührengelder auch dann noch kommen, wenn das Internet den Fernseher und das Radiogerät als primäres Empfangsgerät abgelöst hat.

*Amazon Affiliate-Link

Gebühren-Schwarzbuch

Pünktlich zur Umstellung von der Rundfunkgebühr auf die Haushaltsabgabe (Raider heisst jetzt Twix und die GEZ künftig “Beitragsservice”) hat der Handelsblatt-Journalist Hans-Peter Siebenhaar das Buch “Die Nimmersatten” (Amazon-Affiliate Link) veröffentlicht, eine Abrechnung mit dem “System ARD und ZDF”. Auf 215 Seiten (netto) geht er mit den Öffentlich-Rechtlichen hart ins Gericht, listet Fälle der Korruption und der Verschwendung von Gebührengeldern auf, nennt Beispiele für Vetternwirtschaft und mangelnde Transparenz.

Ich habe mich mit Siebenhaar getroffen, um mit ihm über sein Buch und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diskutieren. Zu dem Zeitpunkt hatte ich es leider noch nicht komplett zu Ende gelesen, was schade war, weil einige Fragen, die der Medienjournalist aufwirft, in vielerlei Hinsicht diskussionswürdig sind.

  • Brauchen die Öffentlich-Rechtlichen immer neue Digitalkanäle?
  • Wie viel Druck üben Politiker auf die Sender aus?
  • Was gehört eigentlich noch zur Grundversorgung?

Alles schlecht

Das Buch prangert Missstände an, verstrickt sich dabei aber auch in Widersprüche. So werden reihenweise Misserfolge von ARD und ZDF aufgeführt (z.B. ineffektive Studiobetriebe, erfolglose Sendungen), die als Beleg dafür herhalten sollen, wie bei den Öffentlich-Rechtlichen Geld verbrannt wird. Umgekehrt werden Erfolge vermeldet (z.B. kostengünstiges Outsourcing, lukrative Lizenzgeschäfte), die dem Autor dann aber auch wieder nicht recht sind. Man solle gefälligst nicht nach der Quote schielen und schon gar keine Gewinne erwirtschaften. Das sei Aufgabe der Privaten. Quote = schlecht. Keine Quote = auch schlecht. Mittelmaß = ganz schlecht. Ja was denn nun?

Lang und breit wird das Schunkelfernsehen und der fehlende Innovationsmut der Sender kritisiert. Vielversprechende Formate wie “Roche und Böhmermann” auf ZDFneo kultur werden als primitiv und schlüpfrig dargestellt. Völlig außer acht gelassen dabei wird, dass das Programm von ARD und ZDF zwar vielleicht nicht immer das frischeste und originellste ist, im internationalen Vergleich aber durchaus als hochwertig und zuverlässig bezeichnet werden muss. Wer wie ich viel in der Welt herumkommt, wird mir hier sicher rechtgeben.

Fazit

In einem Satz lässt sich das gesamte Buch wie folgt zusammenfassen:

(tl;dr) “ARD und ZDF könnten mit weniger Geld besseres Programm machen.”

Persönlich würde ich diese Aussage gerne wie folgt ergänzen: …es könnte aber auch um einiges schlechter sein!

Als freier Mitarbeiter eines öffentlich-rechtlichen Senders bin ich natürlich befangen. Deshalb die Frage an Euch: Sind ARD und ZDF ihr Geld wert? Haltet Ihr das System der öffentlich-rechtlichen Programme für gerechtfertigt?

Max vs. Facebook: Showdown vor Gericht

Max Schrems geht aufs Ganze: Weil er sich von Facebook nicht länger für dumm verkaufen lassen will, will der Jura-Student jetzt gegen das Freunde-Netzwerk vor Gericht ziehen*. Auf einer eigens programmierten Internet-Plattform bittet er seit heute Facebook-Nutzer weltweit um Spenden. Sollte der 25jährige mit seiner Klage durchkommen, droht Facebook ein Musterverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof wie einst Microsoft.

* Ergänzung: Der Rechtsweg sieht vor, dass nicht Facebook direkt verklagt werden kann, sondern zunächst die für Facebook zuständige Aufsichtsbehörde. Das ist aber nur der erste Schritt in einem Prozess, der, wenn es hart-auf-hart kommt, bis zum Europäischen Gerichtshof führen könnte.

Weihnachtszeit – Spendenzeit. Auch Max Schrems ruft seit heute zu einer Spendenaktion auf. Nicht für Afrika, nicht für den Bau von Schulen – sondern für mehr Datenschutz im Internet. Der Wiener Student rüstet sich für das, was bislang noch kein Datenschützer vor ihm gewagt hatte: Er will gegen Facebook vor Gericht ziehen.

 Max Schrems über seine Crowd-”Sammel”-Klage gegen Facebook

Wie alles begann

Nichts wird gelöscht: 1200 Seiten in 3 Jahren Mitgliedschaft

Vor eineinhalb Jahren hatte Schrems den Multi-Milliarden-Dollar-Konzern dazu gezwungen, ihm eine Daten-CD mit sämtlichen Informationen auszuhändigen, die der Internet-Riese über ihn gespeichert hatte. Das Ergebnis: Über 1200 Schreibmaschinen-Seiten, die sich in gerade mal drei Jahren Mitgliedschaft angehäuft hatten. Darunter auch Fotos und Nachrichten, die Schrems schon lange gelöscht hatte.

Gravierende Datenschutzverstöße

Anhand der Rohdaten (kommentierter Auszug – PDF-File) gelang es dem Studenten, Facebook teils gravierende Datenschutzverstöße nachzuweisen. Der 25jährige erstattete Anzeige in 22 Fällen (hier die Liste aller Verstöße). Das ist möglich, weil das Freunde-Netzwerk seine internationale Zentrale in Irland hat. Damit spart der US-Konzern jede Menge Steuern, fällt dafür aber unter EU-Recht. „Entscheidend ist der Firmensitz, nicht der Wohnort der Nutzer“, so Schrems.

Fragwürdiger Kuhhandel

Doch anstatt die Vorwürfe des Österreichers juristisch zu verfolgen, ließ sich die für Facebook zuständige irische Datenschutzbehörde auf einen Deal ein. In zwei sogenannten „Audits“ wurde Facebook die Möglichkeit eingeräumt, seinen Datenschutz freiwillig nachzubessern. Im September legte die Behörde ihren Abschlussbericht (PDF-File) vor. Das Urteil: Facebook habe die „Empfehlungen“ der Kommission zur „vollsten Zufriedenheit“ erfüllt.

Facebook biete seinen Nutzern jetzt die Möglichkeit, seine Daten selbst herunterzuladen. „Eine Farce“, sagt Schrems. Die Dateien, die man auf diesem Wege erhält, seien nur ein Bruchteil dessen, was der Konzern tatsächlich über einen gespeichert habe. Hinzu kommt, dass auch nach wie vor Daten über Personen gesammelt werden, die gar nicht bei Facebook angemeldet sind. Auch die Aussage, dass Facebook die automatische Gesichtserkennung für die EU vorübergehend abgeschaltet habe, hält Max Schrems für eine Nebelkerze. „Wie soll denn das technisch bitteschön funktionieren, wenn beispielsweise ein Schweizer Staatsbürger das Foto eines EU-Bürgers hochlädt?“

Steuer-Paradies Irland

Schrems vermutet wirtschaftliche Interessen hinter diesem wachsweichen Kompromiss. Nicht nur Facebook hat auf der grünen Insel seinen internationalen Firmensitz, sondern auch Google, Apple oder Dell. Irland sei abhängig von diesem IT-Sektor, so Schrems, es gehe um Tausende von Jobs. „Kein Politiker hat Interesse, in dieses Wespennest hinein zu stechen“.

Hinzu kommt, dass die für Facebook zuständige Datenschutzbehörde, die mitten in der irischen Pampa im Gebäude eines Supermarktes untergebracht ist, hoffnungslos überfordert zu sein scheint. 21 Mitarbeiter müssen sich mit den Beschwerden über Facebook aus der ganzen Welt herumschlagen. Unter ihnen kein einziger Jurist (dazu mein Blogpost vom 30. Juli).

Crowdfunding für mehr Datenschutz

Max Schrems, der vergangene Woche seine letzte Jura-Prüfung abgelegt hat, will es jetzt wissen: Für den Fall, dass die irische Datenschutzbehörde seine Anzeigen endgültig fallen lässt, will er mit seinen Mitstreitern von der Organisation Europe versus Facebook in Irland vor Gericht ziehen. Mindestens 100.000 Euro werde das kosten, haben seine Anwälte ihm vorgerechnet. Viel Geld für einen Studenten, der für den Fall, dass die Sache schiefgeht, mit seinem Privatvermögen haftet.

Deshalb haben Schrems und seine Mitstreiter im Internet eine Crowdfunding-Plattform eingerichtet, über die er weltweit um Spenden bittet.

Unter www.crowd4privacy.org können Facebook-Nutzer, oder z.B. auch besorgte Eltern Geldbeträge ab einem Euro beisteuern. „Wenn nur 5000 Leute je 20 Euro spenden, haben wir eine echte Chance.“ Sollte die Klage aus irgendwelchen Gründen nicht zustande kommen, bekomme jeder Spender sein Geld zurück (mit Abzug einer geringen Buchungsgebühr).

Musterprozess à la Microsoft?

Die Klage des Wiener Studenten könnte weitreichende Konsequenzen für die Datenschutzbestimmungen weltweit, nicht nur in Bezug auf Facebook haben. Irland übernimmt 2013 den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die inzwischen 17 Jahre alte EU-Datenschutzverordnung reformiert werden soll.

Das Verfahren, auf das sich Schrems jetzt vorbereitet, könnte aber noch ganz andere Folgen haben. Vorstellbar wäre in letzter Konsequenz ein Musterprozess vor dem Europäischen Gerichtshof wie einst gegen Microsoft. Im Zuge mehrerer Kartellverfahren wurde der Software-Gigant von Brüssel zu Zahlungen von insgesamt 1,6 Milliarden Euro verdonnert.

Schrems' Antwort auf den Audit-Bericht der Iren (PDF-File)

Alles auf eine Karte

Max Schrems hofft, dass bis zum Frühjahr genug Geld für seine Klage gegen Facebook zusammen kommt. „Wenn’s nicht klappt, will ich zumindest sagen können, ich hab’ alles probiert.“ Das Schicksal scheint es gut zu meinen mit dem smarten Wiener. Unmittelbar nach unserem Gespräch erfährt Schrems das Ergebnis seines Jura-Examens: bestanden.

 

Würdet Ihr spenden für mehr Transparenz und echten Datenschutz bei Facebook?

Stolz, ein Blogger zu sein

Lange habe ich mich zurück gehalten. Es geht nicht mehr. Warum mich die Debatte um das Leistungsschutzrecht wahnsinnig macht und weshalb ich in Tagen wie diesen stolz bin, Blogger zu sein.

Man kann zu den Geschäfts (modellen) -praktiken mancher US-Konzerne stehen wie man will. Der Umgang der deutschen Qualitätsmedien in der Causa Google beschämt mich. Gekaufte Experten, das Ausblenden unliebsamer Stimmen und Studien, die gezielte Desinformation des Publikums.

Nicht nur die eigenen Leser werden verraten; verraten wird das, was man sich selbst vollmundig auf die Fahnen schreibt: den sogenannten „Qualitätsjournalismus“.

Und wozu? Um noch ein paar Jahre länger an veralteten Geschäftsmodellen festhalten zu können?

Es ist schon viel über dieses Thema geschrieben worden. Was ich mich langsam frage: Wer hat noch nicht geschrieben – und warum nicht?

Wo bleibt der Aufschrei aus den eigenen Reihen unserer Zunft? Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht? Wo sind die Stiftungen, die unzähligen Medien-Organisationen, die Vorsitzenden der Journalistenverbände?

Schlimm genug, dass die eigene journalistische Integrität auf dem Altar der Druckmaschinen geopfert wird. Was mich am meisten befremdet: Egal, welchem Lager man angehört, durch diesen Kampagnenjournalismus wird der gesamte Berufsstand in Misskredit gezogen.

Journalismus. War das nicht genau das, was uns von Google unterscheidet?

In Tagen wie diesen bin ich stolz, ein Blogger* zu sein.

 

* Disclaimer: Ich verdiene mein Geld als freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, schreibe für Tageszeitungen, gebe Workshops und halte Vorträge bei Verlagen und Web-Unternehmen. 

Meine 19:41 Minuten mit Julian Assange

Er ist einer der streitbarsten Aktivisten in der Geschichte des Internet – Julian Assange. Gestern hatte ich Gelegenheit, Face-to-Skype mit dem WikiLeaks-Gründer zu sprechen.

Zwischenfrage: "So is it dangerous for me to talk to you?" - Assange: "That is an interesting question."

Breaking Request

Die Mail kam Sonntag um 16:38 Uhr und sie trug den Titel “Breaking Request”. Keine 38 Stunden später fand ich mich auf einem Podest des Convention Centers der Messe Hannover wieder, eingekreist von rund 1000 Konferenzteilnehmern und sprach mit Julian Assange.

Persönlichkeit der Zeitgeschichte

Beliebte Frage bei Einstellungstests für Journalisten: Wen würden Sie gerne mal interviewen? Bis vor kurzem lautete meine Standard-Antwort Steve Jobs. Nach dessen Tod war es der WikiLeaks-Gründer. Kein Mann polarisiert mehr wie als Julian Assange. Niemand ist so schwer zu greifen, physisch wie geistig. Ein Mann mit einer großen Vision und einem noch größeren Ego.

Allüren eines Rockstars

Narzist? Provokateur? Visionär? So sehr ich mich auch anstrenge, Assange passt in keine der vielen Schubladen, die ich mir im Laufe meines Lebens angelegt habe. Gerne hätte ich ein paar Hintergründe dazu ausgebreitet, wie dieses Gespräch zu Stande kam. Doch die vielbeschworene Transparenz, die Assange stets von anderen einfordert, für ihn selbst gilt sie nicht.

So wurde den Veranstaltern des Convention Camps rund um Ingo Stoll von der Kommunikationsagentur neuwaerts genau diktiert, über welche Kanäle der Auftritt Assanges verbreitet und verwertet werden durfte.

Dystopie statt Utopie

“Das Internet kann uns befreien aber auch versklaven”, so der Australier. Für Regierungen stelle das Netz aber auch einen noch nie da gewesenen Kontrollverlust dar, ein Umstand, den die Staatsgewalt mit allen Mitteln zu bekämpfen versuche.

Wofür Handys WIRKLICH abgehört und geortet werden

Laut Assange steuern wir auf eine Dystopie zu, deren Anfänge wir bereits heute erleben können: Vorratsdatenspeicherung unter dem Vorwand der Terroristenjagd. Facebook als “CIA-Spionage-Maschine”, bei der die Teilnehmer praktischerweise ihre eigenen Akten gleich gegenseitig anlegen. Assange vergleicht das Freunde-Netzwerk gar mit dem Spitzelsystem der STASI in der DDR. Weil Facebook die Anfragen der Behörden nicht mehr bewältigen könne, habe man eine Art Backdoor eingerichtet, über welche die Ermittler Zugriff auf alle Nutzerdaten hätten.

Die Motivation, sein Leben freiwillig bei Facebook auszubreiten, sei ganz einfach, sagt Assange: Sie basiert auf der Hoffnung, flachgelegt zu werden (ich musste an dieser Stelle noch einmal nachfragen, weil ich zunächst dachte, mich verhört zu haben). Die Geheimdienste nützten diese menschliche Schwäche schamlos aus.

“…you have to take control o[f| him. Control means financial, sexual or psychological control..."

Aus dem Stratfor-Leak The Global Intelligence Files

Das Web, ein totalitäres Überwachungssystem

10 Millionen Dollar koste es, die Kommunikation eines mittleren Landes ein Jahr lang abzufangen und zu speichern, behaupten Assange und seine Mitstreiter in Cypherpunks. Es sei viel günstiger, gleich alle zu überwachen, als einzelne Telefone anzuzapfen und sich im Zweifel immer wieder neue Genehmigungen beim Richter holen zu müssen. Sascha Pallenberg später in einer Nachbetrachtung: "Wär ich Geheimdienst, ich würd's genauso machen!"

Mein Lieblings-Tweet nach dem Assange-Auftritt in Hannover

Hoffnung aus dem Universum 

Es gebe Hoffnung, sagt Assange, wenn auch nur eine vage. Kryptographie – Verschlüsselungstechnologie. Wenn wir es uns zur Gewohnheit machen würden, unsere gesamte Kommunikation über verschlüsselte Wege zu führen, könne der Traum eines freien Internet doch noch wahr werden. “Das Universum glaubt an die Kryptographie” sagt Assange in dem Skype-Schaltgespräch.

Literarisches Verschwörungs-Quartett: Auf diesem Gespräch basiert das Buch “Cypherpunks”

WikiLeaks nicht funktionstüchtig

Bezeichnenderweise scheitert Assange selbst genau an diesem Punkt: WikiLeaks ist es seit dem Bruch mit seinen früheren Weggefährten nicht gelungen, die “Submit”-Plattform, also das Herzstück des Whistleblower-Systems so sicher zu kriegen, dass für die Anonymität eines Tippgebers garantiert werden kann.

Drakonische Strafen

Und die US-Regierung tut ihrerseits alles, um potentielle Verräter vor ähnlichen Taten abzuschrecken: Bradley Manning, der im Verdacht steht, die US-Depeschen weitergegeben zu haben, sitzt seit 2010 in Haft, ihm droht die Todesstrafe. Der Hacker Jeremy Hammond, der den privaten Geheimdienst-Ableger “Stratfor” geknackt haben soll, befindet sich seit 8 Monaten in Haft – ohne Anklage.

Demnächst im Kino

Auf diesem Buch basiert der Film (Affiliate Link)

Im Januar beginnen die Dreharbeiten zum ersten Hollywood-Streifen, der auf den Aufzeichnungen von Assanges früheren Freund Daniel Dominik Domscheit-Berg beruht. Das Drehbuch stammt von Josh Singer (“West Wing”). Julian Assange soll von Benedict Cumberbatch verkörpert werden, den wir aus der Neuauflage der BBC-Serie “Sherlock Holmes” kennen. Daniel Brühl soll angeblich die Rolle von Domscheit-Berg übernehmen.

Es mag abgedroschen klingen, war aber in der Tat einer der Gründe, weshalb ich Journalist geworden bin: Keine TV-Serie, kein Kinofilm ist so aufregend wie die Wirklichkeit. Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten. Und das letzte Kapitel von Julian Assange in seiner Rolle als Julian Assange ist noch lange nicht geschrieben.

Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent

Warum ich glaube, dass die Journalismuskrise hausgemacht ist und weshalb Paywalls und Leistungsschutzrecht nicht die Antwort auf sterbende Zeitungen sind.

 Gratiskultur …ob die Menschen hier auch alle brav bezahlen?

Vorbemerkung

Es ist schon viel geschrieben worden zur Insolvenz der Frankfurter Rundschau, zum möglichen Aus der gedruckten Financial Times Deutschland und zum Zeitungssterben allgemein. So bitter diese Prozesse auch immer für die Betroffenen sind, vielleicht hilft es, die Dinge mal ganz nüchtern zu betrachten. Das beginnt damit, dass man sich ein paar (oft vergessene oder verdrängte?) Tatsachen vor Augen führt :

  • Die Lizenz, im Nachkriegs-Deutschland eine Zeitung zu vertreiben, galt lange Zeit als eine Lizenz zum Geld drucken
  • Wie keine andere Branche sind die großen Verlage ein halbes Jahrhundert (!) ungebremst gewachsen, unbeschadet von Öl- oder sonstigen Krisen
  • Die Anzahl an Zeitungs- und Zeitschriften-Titeln in Deutschland ist nach wie vor beachtlich
  • Viele Verlage machen auch heute noch hohe, zweistellige Millionen-Gewinne
  • Dessen ungeachtet: Ja, die Welt verändert sich!

 

Die betrogene Freundin

Noch immer klammern sich viele Blattmacher an das Allheilmittel Papier. Mantra-artig verteidigen sie das Modell Tageszeitung, selbst dann noch, wenn sie selbst bereits dem Untergang geweiht sind:

Wir werden Ihnen weiterhin jeden Tag eine Zeitung nach Hause oder an den Kiosk liefern, die lohnt, gelesen zu werden. (Belegschaft der Frankfurter Rundschau)

Worte wie diese – einen Tag nach der Insolvenz – verdeutlichen, wie irrational das Verhältnis vieler Blattmacher zu ihrem eigenen Medium ist. “Die Verantwortlichen verpassten, das Blatt zu modernisieren”, besser-weiß-es Ines Pohl von der taz – ausgerechnet. Auf die Idee, dass es evtl. damit zu tun haben könnte, dass das Geschäftsmodell Tageszeitung per se – sagen wir es vorsichtig – “schwierig” geworden ist, kommt natürlich keiner.

Fast erinnert das an die gute Freundin, die es als Letzte wahrhaben will, dass ihr Lebenspartner sie schon seit Ewigkeiten nach Strich und Faden betrügt, und dass er jetzt, nach Jahren der erfolglosen Paartherapie, die Koffer gepackt hat, um mit einem 20jährigen Fotomodell zusammenzuziehen. – “…Er wird schon erkennen, was er an mir hatte… und dann wird er zurück kommen …und dann tut ihm alles leid!” – Ähm… ja. (räusper) Genau.

Bildbeweis: Es gibt auch heute noch Pferdekutschen

Keine Verdrängung?

Es heißt: Kein Medium ist durch ein neues Medium jemals verdrängt worden. Blödsinn. Wann haben Sie das letzte Mal ein Telegramm bekommen? Ein Fax? Natürlich wird es in Zukunft noch gedruckte Zeitungen geben, genauso wie es im Central Park von Manhattan heute auch noch Pferdekutschen gibt. Fakt ist: Für die inhaltliche wie auch gestalterische Weiterentwicklung des Journalismus spielen Printmedien schon lange keine Rolle mehr. Peter Hogenkamp von NZZ digital bringt es meiner Meinung nach am besten auf den Punkt, in dem er seinen Bekanntenkreis einem Reality-Check unterwirft und nüchtern feststellt: Die Zeitung erledigt ihren «Job» nicht mehr so gut wie früher.

Quelle: WikiMedia

Kostenloskultur?

Die Menschen wollen im Internet alles kostenlos. – Ach ja? Allein Apple hat in den vergangenen Jahren nicht nur einmal, sondern gleich 7 mal bewiesen, dass User sehr wohl bereit sind, für digitale Inhalte im Netz gutes Geld zu bezahlen: Musik (iTunes Store 2002), Filme/Serien (iTunes/Apple TV 2005), Apps (AppStore 2008), Bücher (iBooks Store 2010), Zeitungen/Zeitschriften (Apple Newsstand 2011) sowie professionelle Computer-Software (Mac AppStore 2011).

Über dieses Horror-Jahrzehnt fabuliert sich die Frankfurter Rundschau die Wahrheit wie folgt zu recht:

“Die neue Technik war über die Verlage hereingebrochen, ohne dass sie rechtzeitig Modelle entwickeln konnten, wie man neben den Geräteherstellern und Netzprovidern auch mit journalistischen Inhalten Geld verdient.”

Hereingebrochen? Konnten? Wenn jemand A) die Inhalte (“Content is King”?) und B) das nötige Kleingeld dazu gehabt hätte, diese digitale Welt zu erschließen, wären es ja wohl an allererster Stelle die Verlage gewesen! Weder Automobilindustrie, noch Chemie- oder Stromkonzerne verfügten über eine bessere Ausgangsbasis: Kein Produkt lässt sich leichter, zu nahezu Null Kosten unter die Leute bringen, wie Texte und Fotos. Und was genau hat man getan? Das hier:

Video: Das Herunterladen eines ePapers im Jahr 2010 

“Das Wachstum unserer Digitalgeschäfte ist im Wesentlichen nur durch Zukäufe erreicht worden. Wirkliche Neuerungen, das muss man ganz nüchtern feststellen, hatten wir bisher nicht zu bieten” (Mathias Döpfner, Axel Springer AG)

Statt zeitgemäße Angebote zu machen, ist man lieber dazu übergegangen, die Leser zu beschimpfen: Gratiskultur! Die Leute wollen im Netz alles umsonst haben! Die Frankfurter Rundschau – Opfer einer ”Gratismasche der digitalen Welt gewöhnten Gesellschaft”. Nun bin ich kein Betriebswirtschaftler, aber die eigenen Kunden als Schmarotzer zu bezeichnen, soviel Chuzpe muss man erst einmal besitzen.

Der Leser ist schuld

Vor einigen Monaten durfte ich einem Kamingespräch in Berlin beiwohnen, bei dem zwei der größten Medienmacher dieser Republik sich bei teurem Wein über die böse Gratiskultur im Netz ausließen: “Sie gehen doch auch nicht aus dem Supermarkt, ohne zu zahlen” – “Doch!”, platzte es aus mir heraus “Wenn Sie vergessen, eine Kasse aufzustellen, bediene ich mich natürlich irgendwann selbst.” Es ging noch hoch her an diesem Abend.

Das Supermarkt-Gleichnis

Bleiben wir ruhig mal bei diesem schiefen Supermarkt-Bild: Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer großen Stadt und haben plötzlich Durst. Orientierungslos laufen Sie durch die Straßen und suchen nach einem Supermarkt. Blöderweise hat der Supermarktbesitzer vergessen, Schilder an seinen Laden zu machen, weil er der Meinung ist, ohne ihn geht es sowieso nicht. Sie zücken Ihr Smartphone und finden den Supermarkt irgendwie doch noch – Google Maps sei dank (für diesen Hinweis will der Supermarktbesitzer selbstverständlich eine Gebühr von Google).

Sie betreten also den Laden und möchten eine Dose Cola kaufen. Können Sie aber nicht. Stattdessen heißt es: Cola gibt es nur im ganzen Kasten. Entnervt schleppen Sie die Monats-Ration Cola zum Ausgang. An der einzigen besetzten Kasse stauen sich die Kunden. Als Sie endlich dran sind und das Geld auf den Tresen legen, fragt Sie die Kassiererin nach Ihrem Namen. Nach dem Mädchennamen Ihrer Mutter. Nach Ihrer Kontonummer. Nach einem Kundenkennwort, das mindestens aus einem Großbuchstaben, einem Kleinbuchstaben, einer Ziffer und einem Sonderzeichen besteht.

Wenn Sie jetzt noch nicht aufgegeben haben, tun Sie es spätestens in dem Moment, als Sie die Kassiererin auffordert, nochmal nach Hause zu gehen. Dort wartet nämlich die Kundenkarte auf Sie, mit der Sie dann “schnell und bequem” bezahlen können. Und zwar ausschließlich in diesem einen Supermarkt.

Jammern – ein Geschäftsmodell?

Man muss sich die vielen Ausreden und Klagen, mit denen die großen Verlagsleute auch heute noch um die Ecke kommen, mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Geisteshaltung (um nicht zu sagen Arroganz) mit der viele noch immer meinen, dass etablierte Marktgesetze in der digitalen Welt (-> schnell, einfach, fairer Preis) für sie nicht gelten, ist wirklich beachtlich.

Out of the box

Wenn wir heute an “Qualitätsjournalismus” denken, denken wir gerne an Formate, wie wir sie schon von der analogen Welt her kennen. Wo steht geschrieben, dass eine TV-Talkshow, egal wie langweilig, stets exakt 45 Minuten lang sein muss? Wieso orientiert sich Journalismus im Netz in Form und Umfang oft noch immer an Gesetzmäßigkeiten aus dem Print-Zeitalter? Denken Sie an die Zeitungspapier-Immitate diverser iPad-Apps. Weshalb müssen Zeitungsangebote dort stets 1:1 als Gesamtheft, oft sogar verbunden mit einem Zwangs-Wochen- oder gar Monatsabo verkauft werden?

Viele Zeitungsmacher schaffen es nicht, out of the box zu denken. Stattdessen denkt man noch immer in Kästen – in Zeitungskästen.

Der Springer-Verlag hat angekündigt, für seine digitalen Ableger der “Welt” und “Bild” demnächst Bezahlschranken einführen zu wollen. Vorbild ist das sog. “Metered Model” (die ersten Texte sind gratis, danach muss gezahlt werden), ähnlich wie es die New York Times vor geraumer Zeit eingeführt hat.

Was für einen internationalen Titel noch ansatzweise funktionieren mag, betrachte ich für deutschsprachige Tageszeitungen eher als problematisch. Anders als die Times, ist die Reichweite deutscher Tageszeitungen allein schon durch die Sprache stark begrenzt. Zusätzliche Hürden mögen vielleicht in hochpreisigen Nischenmärkten funktionieren (Wall Street Journal). Bei Alltagsblättern wie der “Welt” sehe ich gerade hier Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass die Springer-Presse nicht über die Klasse einer New York Times verfügt.

Meine 5 Cent…

Nun ist es immer furchtbar einfach, mit dem Finger auf Andere zu zeigen, ohne selbst mit einem eigenen Vorschlag konstruktiv zur Diskussion beizutragen. Deshalb hier nun mein Ansatz, den Kunden Schritt für Schritt wieder für guten Journalismus zu begeistern und ans Kassenhäuschen zu führen:

Nicht Content ist King – sondern der Kunde!

Zunächst einmal würde ich damit beginnen, den Kunden wieder als Kunden zu behandeln und nicht als Klickvieh. Das klingt banal, wird aber noch immer nicht getan. Hand aufs Herz: Interessiert es die Verleger denn wirklich, was der Leser online will und wofür er bereit wäre, Geld auszugeben? Geht es ihnen wirklich um den Qualitätsjournalismus, oder nicht vielmehr um die Bewahrung alter Geschäftsmodelle?

Zwei Kritikpunkte, die mir immer wieder begegnen:

1. Wieso kostet die digitale Ausgabe einer Zeitung/Zeitschrift im Netz oft genauso viel (machmal sogar mehr) als gedruckt & gebunden am Kiosk?

2. Wieso muss ich die gesamte Ausgabe kaufen, wenn mich doch höchstens 2-3 Artikel interessieren? Bei einer gedruckten Zeitung lässt sich das logisch/logistisch schnell erklären. Wie aber rechtfertigt man diese Zwangsbündelung im Digitalzeitalter (vgl. Musikmarkt und LP)?

Wo bleibt das Micro-Payment?

Machen Sie doch mal den folgenden Test: Klicken Sie sich einen Tag lang durch das Internet und beantworten Sie sich dabei selbst immer wieder die Frage “War mir dieser Text / diese Karikatur / dieses Video etwas wert?” Was hätte ich spontan dafür – ohne lange nachzudenken – gezahlt: 10¢? 20¢? Wieviel war es Ihnen wert, mit einem informativen oder auch unterhaltsamen Text, die Wartezeit am Bahnsteig zu überbrücken?

Zum Vergleich: Vor noch gar nicht allzu langer Zeit haben wir Deutsche SMS-Botschaften (“Hallo Schatz. Bin gelandet.”) für 50 Pfennig verschickt – pro Stück wohlgemerkt – und gezahlt! Auch heute geben die Menschen viel Geld für Apps aus, die sie sofort haben wollen, ein paar Wochen lang nutzen, und dann durch neue ersetzen. Was heute schon für Musik, Filme, eBooks – sogar für Schlumpfbeeren* gilt, soll aus irgendwelchen obskuren Gründen für journalistische Produkte nicht gelten?

*als In-App-Purchases bei Online-Spielen - danke an Manolo Klein für diesen Hinweis!

Einzel-Artikel zum fairen Preis

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber seit Einführung der Flatrate für Festnetz und für unterwegs, konsumiere ich mehr Zeitungs- und Zeitschriftenangebote als je zuvor. Nicht via App – nein – bei den meisten Texten, die ich lese, handelt es sich um Fundstücke, Spontan-Abrufe, aufgrund von Empfehlungen per Mail, bei Twitter oder Facebook. Schon oft hätte ich gerne ein paar Cent gezahlt, wohlgemerkt, nicht für ein ganzes Heft. Für einen speziellen Text. Singular.

So wie sich eine App oft nur auf eine einzige Funktion beschränkt und eben nicht die gesamte Office-Suite bietet, möchte ich im Netz gerne meinen Medien-Mix aus einzelnen Artikeln zusammenbauen und bezahlen dürfen. Und genauso wie die App nur einen Bruchteil eines ausgewachsenen PC-Programmes kostet, muss auch der Preis für einzelne Artikel im Netz fair sein (hinter dem Begriff “fair” steckt für mich folgende Überlegung: eine komplette Zeitung am Kiosk kostet 3 € – minus Druck, minus LKW, abzgl. meiner eigenen Kosten durch Internetflat = etwa 10 bis 30 ¢). Ein Monats-Abo für 10 Euro? …und tschüss!

Wer die lousy Pennies nicht ehrt…

Noch heute beklagt Hubert Burda die sog. “lousy Pennies” im Netz. Und genau das ist das Problem: Es sind keine lausigen Pennies!

Micropayment durch einen simplen 1-Click-Buy-Button wären der ideale Lackmustest über die angeblich nicht vorhandene Zahlungsmoral, die Nichtwertschätzung von gutem Journalismus. Warum eine kaufkräftige Minderheit dazu zwingen, ganze LPs zu kaufen, wenn man an einer Kombination aus größtmöglicher Reichweite plus Einnahmen durch Singles evtl. sogar mehr verdienen könnte? Das iPad und die geschlossenen Apps haben den Weg bereitet –  das kann aber doch nur der Anfang gewesen sein.

Pay-per-read? Ich höre schon die Kritiker rufen: Dann werden in Zukunft nur noch Inhalte angeboten, die sich gut verkaufen lassen. Schwere journalistische Kost (“Graubrot”) fiele dann durch das Raster. – Oh irony! Als ob das bei der gedruckten Zeitung jemals anders gewesen wäre. Natürlich muss ein Medienhaus seine Einnahmen umverteilen, so dass man mit der richtigen Mischung aus Nachricht und Boulevard auch gesellschaftlich relevanten Journalismus gegenfinanzieren kann. Wo ein Wille ist…

Man spricht deutsch

Dass man mit deutschen Texten kein weltweites Publikum ansprechen kann, ist in einem globalen Markt tatsächlich ein gewaltiger Nachteil. Man kann aber auch einen Vorteil darin sehen: Dadurch, dass journalistische Angebote bei uns an die deutsche Sprache gebunden sind, besitzen Verlage einen einzigartigen Schutzraum, der nicht so leicht von ausländischen Billigarbeitern übernommen werden kann.

Familienbanden

Zumindest in einer Übergangsphase ist es wichtig, dass sich die deutschsprachigen Verlage zusammentun, und eine verlagsübergreifende Allianz eingehen. Gemeint sind nicht etwa Preisabsprachen, sondern ein gemeinsames Abrechnungssystem, das es den Kunden ermöglicht, schnell und unkompliziert zwischen einzelnen Angeboten hin- und herspringen zu können – und vor allem – über eine einzige, einheitliche Rechnung (nur ein Passwort!) bezahlen zu dürfen.

All you can read

In einem zweiten Schritt, wenn sich die Leser ans Bezahlen gewöhnt und ein Gefühl dafür entwickelt haben, was sie monatlich im Schnitt für Medien im Netz ausgeben, dann – und wirklich erst dann – macht es Sinn, über verlagsübergreifende “All-you-can-read”-Pauschalangebote nachzudenken. Zum Vergleich: Musik-Abos à la Spotify hätten vor 10 Jahren keine Chance gehabt. Der damalige Versuch der Musikindustrie, die Gratis-Tauschbörse Napster in eine kostenpflichtiges Musik-Abo-Plattform zu verwandeln, ist grandios gescheitert.

Fazit:

  • nicht der Content ist König, sondern der Kunde
  • Angebote machen (z.B. Micropayment) – keine Verbote
  • in spontanen Impulskäufen (“lousy Pennies”) schlummert ein gigantischer Markt
  • ein verlagsübergreifendes 1-Click-Abrechnungssystem mit nur einem Passwort
  • erst nach einer ausgedehnten Pay-Per-Read-Gewöhnungsphase machen Abo-Modelle (“Flatrates”) Sinn

Umsetzung

Nicht machbar? Wenn es einer Branche, die sich fest in der Hand von nur wenigen Verlegerfamilien befindet, nicht gelingt, sich auf einheitliche Standards zu einigen, kann es dafür eigentlich nur zwei Gründe geben:

Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.

 

Debatte: Eines meiner Journalisten-Idole, Wolfgang Blau, zum selben Thema bei Facebook

Blogschau: Übersicht über weitere Blogposts zum Thema bei Meedia

Zeitungsland Deutschland - eine Analyse des Zeitungsmarktes auf Meedia

 

Data Mining – Obama und der Datenbergbau

Die Operation “Four More Years” ist geglückt. Parteistrategen in Deutschland blicken neidisch nach Washington und fragen sich: Wie hat Obama das wieder hingekriegt? 

In den letzten Tagen hatte ich Gelegenheit, einigen Online-Wahlkämpfern über die Schultern zu schauen. Was ich gesehen habe, hinterließ mich teilweise ratlos. Dass Daten der Rohstoff der Zukunft sind, ist bekannt. Das Ausmaß, mit dem Behörden, Konzerne aber eben auch Parteien heute schon sog. “Datamining” (Datenbergbau) betreiben, verschlägt mir die Sprache. So war es den Obama-Strategen für diese Wahl offenbar gelungen, Informationen aus mehreren, 2008 noch getrennten Datenbanken zu einer Gesamtdatenbank zusammenzuführen.

Die Megadatenbank

So erfährt man beispielsweise aus dem amtlichen Wählerregister, welcher Bürger wann und wie oft bisher gewählt hat. Diese Liste beinhaltet, neben Geburtsdatum und Wohnadresse, auch Telefonnummer sowie in manchen Staaten auch die Parteimitgliedschaft eines Bürgers. Eine zweite Datenbank besteht aus Daten, die ein Wähler selbst von sich preisgegeben hat, beispielsweise wenn er die Partei-Homepage oder die Facebook-Seite eines Kandidaten besucht/liked. E-Mail-Adressen, Kreditkartennummern (sofern Geld gespendet wurde), häufig angesteuerte Webseiten, sowie Informationen über Freunde oder Hobbys lassen sich von den Datenbergarbeitern leicht abtragen. Die eigenen Botschaften werden dann gezielt durch sogenanntes “reverse engineering” in die Timelines der “gekaperten” Freundeskreise platziert.

Eine weitere Quelle für personenbezogene Daten sind Informationen, die von Dritten beigesteuert werden. Obama-Unterstützer konnten sich beispielsweise eine App herunterladen, die Wähleradressen aus der Region bereitstellt. Damit konnten Freiwillige Wahlhelfer gezielt Hausbesuche bei noch unerforschten Haushalten machen und die dadurch neu gewonnenen Informationen aus der Nachbarschaft zurück ans Hauptquartier berichten. Damit nicht genug: Bei diesem Präsidentschaftswahlkampf haben beide Lager auch Verbraucherinformationen von Kreditkartenunternehmen und Adresshändlern hinzugekauft.

Zweck dieser Datensammelwut ist es, ein lückenloses Profil über potentielle Wähler zu erhalten. Dadurch lassen sich sog. Streuverluste minimieren und jedes Zielobjekt vermeintlich individuell ansprechen, -rufen, -schreiben.

Farewell, Datenschutz 

Und der Datenschutz? Alec Ross, Social-Media-Berater von Hillary Clinton, appelliert an uns Deutsche, endlich unsere Datenschutz-Paranoia abzulegen: “Wenn Sie nicht wollen, dass Suchmaschinen Ihre Suchanfragen speichern; benutzen Sie die Suchmaschine nicht! Meiden Sie entsprechende Soziale Netzwerke!” Genauso gut hätte er natürlich auch sagen können: Hören Sie auf zu atmen. – Wenn Ihr mich fragt, Recht hat er. Sauerstoff wird ohnehin überbewertet.

Meine gesammelten Texte zur US-Wahl findet Ihr hier im Blog von tagesschau.de

Für Euch unterwegs im Netzwerk der Macht

Seit meinem Studium habe ich davon geträumt, mal von einer Präsidentenwahl aus den USA zu berichten. Dieser persönliche “amerikanische Traum” geht jetzt in Erfüllung.

Spätestens seit dem Online-Wahlkampf von Barack Obama im Jahr 2008 heißt es immer wieder: “In Zukunft werden Wahlen im Netz entschieden“. Aber ist das tatsächlich so? Fakt ist: Die Haupt-Informationsquelle der US-Amerikaner ist nach wie vor das Fernsehen. Wahr ist aber auch, dass vor allem das mobile Internet in den letzten Jahren rasant an Bedeutung gewonnen hat, vor allem bei den jungen Wählern.

Wie vernetzt sind die Amerikaner? Welche Rolle spielt das Web bei dieser Präsidentschaftswahl tatsächlich? Und: Wer hat 2012 den besseren Online-Wahlkampf geführt?

Euer Web-Reporter in Washington

In den kommenden Tagen werde ich für Euch und Das Erste durch Washington, Virginia und Maryland reisen, werde mich mit Wählern, Wahlkämpfern und Web-Experten treffen und kontinuierlich in diesem Blog über meine Begegnungen berichten.

So bin ich beispielsweise mit Online-Strategen beider Lager verabredet, besuche eine Wahlkampf-Zentrale der Republikaner im heißumkämpften Swing-State Virginia, mische mich unter die Webgemeinde der Mormonen.

Damit Ihr möglichst viel von diesem Trip quer durch das Machtzentrum der Vereinigten Staaten habt, möchte ich Euch einladen, mich auf meiner Tour zu begleiten. Auf dieser Seite habt Ihr Einblick auf meinen stets aktualisierten Terminkalender. Ihr könnt einsehen, mit wem ich mich als nächstes treffe, könnt Fragen oder Schwerpunkte äußern, zu Themen oder Personen, die Euch interessieren. Darüberhinaus könnt Ihr anhand der Landkarte mitverfolgen, wo ich mich im Augenblick gerade aufhalte. Start ist heute Nacht deutscher Zeit mit meiner Ankunft am Flughafen Washington Dulles.

Natürlich kann ich unmöglich jeden Wunsch erfüllen, denn auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Ich verspreche aber, alle Kommentare zu lesen und Eure Ideen bei meiner Tagesplanung und bei meinen Gesprächen so gut es geht zu berücksichtigen. Ihr könnt mir auch gerne bei Twitter folgen und somit auch zwischen den Blogeinträgen aktuelle Statusmeldungen von mir erhalten. Das ganze ist ein Experiment in Echtzeit. Start ist diesen Sonntag. Bis dahin: Schöne Grüße – Euer rasender Web-Reporter in Washington!

Die Wahlnacht im Ersten

Rund um die US-Wahlen twittern dieses Jahr folgende ARD-Korrespondenten direkt aus Washington: @ARDWashington @SNiemannARD @TinaHassel @KarinDohrARD @MichaelStrempel @MaSchmickler sowie der Chefredakteur NDR Fernsehen und zugleich Moderator der US-Wahlnacht im Ersten @ACichowicz.

Die Wahlnacht im Ersten beginnt am Dienstag um 22:45 Uhr und geht durch bis Mittwoch 9 Uhr Vormittags. Dazu wird es eine SocialTV-Plattform geben, wir werden Teletwittern (Eure Tweets via Teletext) sowie die aktuelle Lage im Netz beobachten. Wenn Ihr mit uns twittern wollt, benutzt bitte den Hashtag #USWahl

Alle meine aktuellen Blogposts aus den USA findet Ihr hier bei tagesschau.de

Qualitätslobbyismus

Vor knapp 4 Jahren hat die Operation „Leistungsschutzrecht“ begonnen. In 2 Wochen soll das umstrittene Gesetz in erster Lesung vor den Deutschen Bundestag kommen. Verleger und Internet-Konzerne fahren schwere Geschütze auf. 

Crowdsourcing-Aktion: Helft mit bei der Suche nach verdächtigen Berichten (siehe ganz unten)

Qualitätsjournalismus?

Wer wissen will, wie es um den Journalismus in Deutschland bestellt ist, der sollte dieser Tage die Berichterstattung in der Presse genau verfolgen. Was dort seit Wochen an einseitiger Stimmungsmache gegen Google verbreitet wird, hat mit Zufall nichts zu tun, mit Qualitätsjournalismus schon gar nicht. In gut 2 Wochen soll im Deutschen Bundestag zum ersten Mal über das Leistungsschutzrecht diskutiert werden. Die Spin-Doktoren auf beiden Seiten haben lange auf diesen Moment hingearbeitet.

Wenn es um die eigenen Interessen geht, belassen es die Medienhäuser nicht bei der hehren Berichterstattung. Verlage und Sender selbst agieren als Player in diesem Milliarden-Spiel. Ob Datenschutzrecht oder die Einführung des Leistungsschutzrechtes; es geht um Standortpolitik, um knallharte Geschäftsinteressen, von journalistischer Neutralität und Ausgewogenheit bei den deutschen Qualitätsmedien keine Spur.

Wenn der SPIEGEL in seinem aktuellen Aufmacher schreibt: „Wie neutral ist das Unternehmen wirklich bei der Vermessung der Netzwelt?“ muss die Frage erlaubt sein:

Wie neutral ist die deutsche Verlagswelt, wenn es um ihre eigenen Interessen geht?

Natürlich besitzen Springer, Burda oder FAZ getrennt, jeder für sich, nicht einmal annähernd soviel Macht wie Google. Doch was, wenn sich die Häuser organiseren? Der Druck, den die Verlage gemeinsam mit ihren Beteiligungen an TV- und Radiosendern ein Jahr vor den großen Landtags- und Bundestagswahlen auf Abgeordnete und Parteien ausüben können – dagegen sind die Möglichkeiten der Internetkonzerne im fernen Amerika doch eher begrenzt. Zur Erinnerung: Google produziert keine Inhalte.

„Der Konzern verheißt Transparenz, die er in eigener Sache kaum bietet“ schreibt der SPIEGEL über Google. Blicken wir mal auf die Transparenz der Print-Industrie in eigener Sache:

Im Jahr 2009 begann die Axel-Springer-AG damit, die Kampagne für das Leistungsschutzrecht zu organisieren. Dazu beschäftigte sie u.a. Prof. Dr. Jan Hegemann , der im Auftrag von Springer ein geheimes Memorandum verfasste, das an namhafte Bundestagsabgeordnete verschickt wurde. Die FAZ veröffentlichte daraufhin einen Essay, in dem sich Hegemann für die Notwendigkeit eines Leistungsschutzrechtes aussprach. Wie es der Zufall will, gab Hegemann der Springer-Zeitung WELT ein entsprechendes Interview.

Eine Große Koalition von Politik und Medien

In keinem dieser Qualitätsblätter wurde auf die Verbindung des Professors mit dem Springer-Konzern hingewiesen. Stattdessen erklärt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) 4 Wochen später per Pressemitteilung, sein oberstes Gremium, die Delegiertenversammlung, fordere ein Leistungsschutzrecht für die Presse (Lese-Empfehlung: Mehr Details zur Operation Leistungsschutzrecht erfahrt Ihr auch hier bei Stefan Niggemeier).

Gesagt – getan: Im Herbst 2009 beeilte sich die schwarz-gelbe Koalition, das Leistungsschutzrecht in ihrem Koalitionsvertrag festzuschreiben. Heute, im letzten Jahr der Legislaturperiode, drängt der BDZV auf eine Umsetzung dieses Versprechens. Über die Folgen für einzelne Politiker oder gar ganze Parteien für den Fall, dass die Koalitionspartner nicht Wort halten, ließe sich spekulieren.

lobbying-google

Man darf nichts beschönigen. Auch Google, Facebook & Co beschäftigen ganze Heerscharen an PR-Strategen und Lobbyisten, die meist aus Abgeordneten und Beratern ehemaliger Regierungen bestehen. Doch anders als in den USA, wo es gesetzlich geregelte Lobbyregister gibt, werden Verflechtungen zwischen Politik und Medien bei uns nicht bekannt. Angaben über Lobbyausgaben, wie sie in den USA üblich sind (siehe Grafik) sind aber dringend notwendig, um Lobbystreitigkeiten, wie die über das Leistungsschutzrecht zwischen Google und den deutschen Verlagen besser beurteilen zu können. Ähnlich wie beim Streit um die Offenlegung von Nebeneinkünften gibt es für ein gesetzlich vorgeschriebenes Lobby-Register keine Mehrheit (siehe Zitat Felix Kamella).

Während sich die Öffentlichkeit in den USA und teilweise auch in Brüssel ausführlich über die Lobbyarbeit einzelner Unternehmen und PR-Agenturen informieren kann, bleiben diese Informationen in Deutschland verborgen. Angaben über Lobby-Ausgaben nach Themenfeld, Budgets pro Kunde und Namen der Lobbyisten sind jedoch notwendig um Verflechtungen oder Interessenkonflikte besser zu erkennen. Nur mit diesen Angaben können Gesetzgebungsprozesse gesellschaftliche kontrolliert werden. Entsprechende gesetzliche Regelungen wurden jedoch von der Bundespolitik bisher blockiert.  

Felix Kamella, LobbyControl e.V.

Wer mein Blog kennt, weiß, dass auch ich immer wieder Probleme mit der mangelnden Transparenz großer Internet-Konzerne wie Google, Facebook und Apple habe. Die Fragen, die von SPIEGEL & Co gestellt werden, sind berechtigt. Jedoch – nach unzähligen Cover-Storys über amerikanische Internet-Konzerne – meine Frage an die deutschen Verlage (die ja selbst nie müde werden, sich als Garanten für Qualitätsjournalismus darzustellen):

Wann gibt es zur Abwechslung mal eine Titelstory über die „undurchsichtigen Methoden“ der deutschen Verlage?

Disclaimer: Ich selbst beziehe Honorare für Moderationen und Kurse von privater und öffentlich-rechtlicher Seite. Eine Auflistung meiner z.T. bezahlten Engagements, u.a. auch bei Google und Springer, gibt es hier.

Crowdsourcing-Aktion: Wenn Ihr über Artikel oder Berichte stolpert, die verdächtig einseitig zugunsten des Leistungsschutzrechts ausfallen – bitte postet unten im Kommentarfeld den entsprechenden Link inkl. einer kurzen Beschreibung der betreffenden Stellen. Vielen Dank!

Facebook: Man hat keine 1 Milliarde Freunde…

…ohne sich ein paar Feinde zu machen. Aus Anlass von einer Milliarde Facebook-Nutzer ein Live-Gespräch mit den beiden Datenschützern Thilo Weichert und Max Schrems.

Mark Zuckerberg ließ es sich nicht nehmen, die frohe Nachricht höchst persönlich in seiner Timeline zu verkünden: Facebook hat die Schallmauer durchbrochen und feiert seit Mitte September eine Milliarde aktive Nutzer. Aus diesem Anlass möchte ich mit Euch diskutieren – über Facebook, über die chronische Angst der Deutschen, ausspioniert zu werden, und über den Untersuchungsbericht, den die für Facebook zuständige EU-Datenschutzbehörde in Irland vor ein paar Wochen vorgelegt hat.

Dazu werde ich heute (Freitag, 5. Oktober) Punkt 14 Uhr auf dieser Seite live via Hangout On Air diskutieren mit

Angefragt auch Tina Kulow (Pressesprecherin Facebook Deutschland, Hamburg ) sowie Dr. Gunnar Bender (Director Public Policy Facebook Deutschland, Berlin) – leider sehen beide aktuell keinerlei Diskussionsbedarf. Deshalb an dieser Stelle lediglich der Verweis auf das letzte Interview des Chef-Lobbyisten Bender: ”Der Dialog mit Kritikern ist mir sehr wichtig“.

Die für die EU zuständige Datenschutzbehörde in Irland

Also: Heute, Freitag, 14 Uhr an dieser Stelle der Livestream zum Thema “Facebook: 1 Milliarde Freunde”. Wenn Ihr Fragen an die beiden Datenschützer habt – einfach unten einen Kommentar hinterlassen. Ihr könnt auch via Twitter Fragen stellen – der Hashtag lautet #Gblog.

 

Dueck vs. Spitzer: Digitale Potenz gegen Demenz

Zwei Professoren. Zwei Philosophien. Ein Thema. Hinter der Bühne zum Münchner Futureday 2012 von Censhare sind sich die beiden Bestseller-Autoren zum ersten mal begegnet.

Es geschieht nicht oft, dass ich über einen Vortrag hinweg vergesse, dass ich ja eigentlich der Moderator der Veranstaltung bin, nicht nur Zuschauer. Noch seltener geschieht es, dass ich meine Vorurteile zähneknirschend korrigiere, lieber verliere ich einen guten Freund. Ich halte fest: Manfred Spitzer ist ein wirklich fantastischer Redner, der mich mit seiner Freestyle-Vorlesung über das menschliche Gehirn schnell in seinen Bann gezogen hat.

Erfrischend: Er bleibt sehr sachlich, das reißerische Thema „Demenz durch Internet“ spielt über die gesamten 70 Minuten hinweg so gut wie keine Rolle. Anhand von zahlreichen Experimenten erklärt er, wie unser Gehirn aufgebaut ist, wie neuronale Verbindungen entstehen und wie sich das Gehirn eines Menschen entwickelt. „Wie lernt ein Kleinkind das Laufen?“ fragt er das Publikum, um die Frage gleich selbst zu beantworten: „Von Fall zu Fall.“

Reiseleiter Spitzer führt die rund 400 Zuschauer im Münchner Kesselhaus durch die menschlichen Gehirnwindungen. „Der Mensch kann gar nicht anders, als zu lernen”. Der Wissenschaftler erklärt durchaus plausibel, wieso das so ist und wie die Forschung auf diese oder jene Erkenntnis gekommen ist. Zum Beispiel dass ein Kind, so es mit dem vollständig ausgeprägten Gehirn eines Erwachsenen auf die Welt kommen würde, gar nicht in der Lage sei, sprechen zu lernen. „Unser Gehirn ist wie ein Schuhkarton, in den, je mehr wir hinein füllen, immer mehr reinpasst.“

Dann, ganz zum Schluss, kommt er auf das Thema seines Buches zu sprechen. Demenz sei wie der Abstieg von einem Berg: „Je höher Sie starten, desto länger dauert es, bis Sie unten ankommen“. Wer sein Gehirn nicht in jungen Jahren so vielschichtig wie möglich trainiert, der beginnt seinen Abstieg später von entsprechend weiter unten. Spitzer unterscheidet zwischen sinnlichen Lernerfahrungen (wertvoll) und unsinnlichen Lernerfahrungen über das Internet (gefährlich). Ich habe sein Buch nicht gelesen, aber ab hier klingt Spitzer so, wie man ihn aus den Talkshows kennt. Zornig, wenn man die von ihm postulierte direkte Kausalität („viel Internet -> blöd“) in Frage stellt. Die Studien, mit denen er versucht diese Schlussfolgerung zu untermauern, überzeugen mich nicht.

Digitale Potenz

Wie gut, dass es da noch diesen anderen Professor gibt. Gunter Dueck. Mathemathiker, Philosoph, ein Omnisoph, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Seit seinem Gastspiel auf der re:publica gilt Dueck in Bloggerkreisen als Über-Geek (Man behauptet gar, Sascha Lobo soll noch immer darüber schluchzen, dass Duecks re:publica-Vortrag bei YouTube bislang dreimal so häufig geschaut wurde, wie der von Lobo, Update: was bei näherer Betrachtung so nicht ganz stimmt, wenn man die 52K Views bei vimeo in die Rechnung mit einbezieht). „Jäger, Bauer, E-Man“, so der Titel von Gunter Duecks Keynote beim Futureday – das exakte Gegenteil von dem, was Manfred Spitzer zuvor so eindrücklich erklärte (den gesamten Vortrag als Video gibt es hier).

Das Problem mit Spitzers Thesen, so Dueck, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren könne. Wissenschaftler neigen oft dazu, Schnittmengen zu bilden. Das mag auf dem Papier dann alles ganz schön und richtig sein, im wahren Leben gäbe es diese Schnittmengen-Menschen gar nicht. Auch den Zusammenhang zwischen Verwahrlosung und Online-Sucht sieht Dueck genau umgekehrt. Könnte es nicht sein, dass Menschen, die keine Perspektive haben, verstärkt zu Gewalt, Alkohol-, oder Online-Sucht neigen?

Das Internet sei keine Gefahr sondern eine Bereicherung. „Ich wünschte mir, dass noch viel mehr Menschen ins Internet gehen würden“, so der Mathematiker. Das müssten sie nämlich auch, wenn sie morgen noch einen Job haben wollen. Jedes Zeitalter habe uns Menschen spezielle Fähigkeiten abverlangt. So haben sich unsere Vorfahren vom Jäger zum Bauern entwickelt, um sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Nur: Das, was einst die Jäger und später dann die Bauern erledigt hätten, übernehmen heute (weitestgehend) Computer. In Anspielung auf Spitzers Bestseller warnt Dueck: „Das Internet macht Sie nicht dement, es macht Sie überflüssig!“

Diejenigen, die im Internet eine Bedrohung sehen, hätten einfach nur keine Lust, sich zu verändern. Das Publikum nickt zustimmend. „Recht hat er“, denke ich. Paradox: Genau das dachte ich eine Stunde zuvor auch schon bei Spitzer. Schwindelgefühle, was soll ich nur glauben! Ich versuche den inneren Konflikt zu lösen, indem ich mir einrede: Es könnten ja beide recht haben. Bloß: wer von beiden in welchen Punkten?

Dueck ist jetzt derart in Fahrt, dass er den hinteren Bühnenrand übersieht und mitten im Satz knapp 1 Meter tief vom Podium stürzt. Als der erste Schreck vorüber ist und der Professor unverletzt seinen Vortrag fortsetzt, höre ich in meinem Inneren Manfred Spitzer voller Genutuung glucksen: „Wie, lieber Kollege, lernt ein Kind nochmal das Laufen?“

Backstage

Leider gab es im Anschluss keine Zeit mehr für einen Battle zwischen den beiden Rednern vor Publikum, Spitzer muss nämlich gleich nach seinem Vortrag wieder abreisen (ein Preis, der in Weimar auf ihn wartet). Dafür hatte ich bereits hinter der Bühne Gelegenheit, die beiden Professoren bei ihrem ersten Aufeinandertreffen zu belauschen. Und klar, Ihr kennt mich, habe ich das ganze natürlich für Euch mitgeschnitten:

Deine Meinung – wer hat recht?

Dazu auch: Daily Dueck - Digitale Potenz – ein Überspitzer gegen den Über-Spitzer

Neue Hoffnung für Journalisten: 7 Tipps für die Zukunft

Kaum eine Nation hat die Zeitungskrise härter getroffen als die USA. Doch an den Journalistenschmieden in New York macht sich neue Hoffnung breit.

“Macht es überhaupt noch Sinn, Journalist werden zu wollen?” – die Frage höre ich nicht zum ersten Mal. Meine Standard-Antwort an verunsicherte Journalisten-Schüler oder -Studenten lautet: “Ja! Gerade jetzt. Die Zeiten waren nie besser.” Naiv? Zynisch? Kommt immer auf den Betrachtungswinkel an. Wer wie ich Anfang der 90er Jahre auf den Medien-Arbeitsmarkt losgelassen wurde, hat eine harte Schule hinter sich. Die Werbeeinnahmen der Zeitungshäuser waren damals auf ihrem Allzeit-Hoch. Private Radio- und Fernsehstationen hatten sich etabliert und fingen gerade damit an, Geld zu drucken. Die Musikindustrie erlebte mit Einführung der Compact Disc einen wahren Gold- und Platinrausch. Von hier an konnte es nur noch in eine Richtung gehen: bergab.

Neue Hoffnung

Auf meinen letzten Reisen nach London und New York, sowie am Rande diverser Medien-Events in Deutschland, habe ich mit einigen Programmchefs, Blattmachern und Leitern von Journalistenschulen sprechen können. Auch wenn die Stimmung gerade bei den Printkollegen noch immer im Keller ist, gab es doch erste Anzeichen dafür, dass das Schlimmste offenbar hinter uns liegt. Während der Verschmelzungsprozess von Print und elektronischen Medien spürbar voranschreitet, lassen sich inzwischen klare Qualifikationen und Berufsbilder der Zukunft erkennen. Eine Rückkehr zu früheren Journalisten-Tugenden einerseits (Zuhören), die Fähigkeit, Geschichten auf neuen Wegen erzählen zu können (Mischformen aus Text, Audio, Bewegt-/Bild) andererseits. Der Nebel lichtet sich – und zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich bei meinen Gesprächspartnern etwas, was mir in dieser Form lange nicht begegnet ist: Zuversicht.

Aus Anlass meines Besuchs bei der Graduate School of Journalism der City University of New York, die zu den Vorreitern auf dem Gebiet des Digitalen Journalismus zählt, habe ich einige Erkenntnisse zusammengestellt, die ich in ähnlicher Form auch schon in Deutschland gehört habe, etwa bei Springer, Bertelsmann oder Burda. Zum besseren Verständnis empfehle ich das Video mit Jere Hester, Ausbildungsleiter der CUNY-Journalistenschule, das ich letzte Woche in New York aufgenommen habe.

1. Zuhören (Teil 1)

Wie kaum eine andere Branche neigen wir Journalisten zum Clusterfuck. Sprich: Etwas wird zum Thema, weil andere Blätter es zum Thema erklären. Vogelgrippe, Killergurken, Wulff… you name it. Viel zu oft orientieren wir uns dabei an Medien-Kollegen, an Agentur-Berichten oder PR-Inszenierungen, statt uns auf unser Gespür zu verlassen und eigene Themen zu setzen. Das setzt natürlich voraus, dass man seine Sinne schärft für die Welt außerhalb der eigenen Redaktionswirklichkeit, dass man wieder lernt, zu beobachten, zuzuhören. Wieder selbst zum Telefonhörer zu greifen; respektive auf die Straße zu gehen, anstatt nur Copy-und-Paste-Journalismus aus zweiter oder gar dritter Hand zu betreiben.

2. Zuhören (Teil 2)

Allein wieder auf die Straße zu gehen, um zu hören, was sich in der Welt tut, reicht nicht mehr. Ein Journalist muss heute auch im Netz aktiv unterwegs sein und sich dort auskennen. “Manchmal erfährst Du Dinge face-to-face, manchmal aus Sozialen Netzwerken”, so Jere Hester. Das ‘Hineinhorchen ins Netz’ geht jedoch weit über Facebook und Google hinaus. Googeln ist keine Recherche – das kann heutzutage jeder. Relevante Blogs zu kennen, Stimmungen und Strömungen frühzeitig zu erkennen und ihnen nachzugehen, das ist entscheidend. Twitter und Co nicht länger zu belächeln sondern zu benutzen. “…und dann rausgehen, um die Geschichte durch klassische Recherche zu untermauern”, so Hester. Die Kombination aus dem Digitalen mit dem Traditionellen – das sei der Trick, sagt auch Sree Sreenivasan von der Columbia Journalism School (siehe Video: “The Tra-digital Journalist”).

3. Community Management

Was bei uns in Deutschland noch immer als Praktikanten-Job gilt, erfährt in den USA bereits eine weitaus größere Wertschätzung: Die Position des Community-Managers. Hier liegen große Job-Chancen gerade für junge Journalisten. Jere Hester: “In letzter Zeit werden bei uns immer häufiger Studenten angefragt, die sich gut mit Sozialen Netzwerken auskennen.” Zu dieser Tätigkeit gehöre nicht nur das Posten auf Twitter oder Facebook, sondern auch das Kuratieren von Informationen, Fotos oder Videos, die aus dem Netz stammen. “Gewöhnliche Menschen machen heute Fotos oder Videos, stellen Informationen online – mit oder ohne uns”, so Hester.  Journalistenschüler, die Erfahrung im Umgang mit Communities haben, würden in den meisten Fällen sofort übernommen. “Sie genießen in den Redaktionen eine respektable Stellung – auch was die Bezahlung betrifft.”

Gelungenes Community-Management: Sprengung der Fliegerbombe / Schwabing, München / 28.8.2012 Süddeutsche.de prüft und verlinkt auf das Privat-Video von Simon Aschenbrenner

4. Multitasking

Niemand muss alles können… Doch! Muss man. Man hört immer wieder auf Podiumsdiskussionen die einlullenden Worte, dass niemand alles können muss, allenfalls ein gewisses “Grundverständnis” für neue Technologien aufbringen sollte. Bullshit. Reden Sie mal mit Chefredakteuren und Redaktionsleitern im Arbeitsalltag: Schreiben, Filmen, Fotografieren, Photoshop, Video-Editing, Coden, das Erstellen von Info-Grafiken, plus Erfahrung mit Sozialen Netzwerken, das ist es, was sich moderne Blatt- und Programmmacher wirklich von ihren Reportern und Redakteuren wünschen. In Großbritannien und USA sind derlei Skills Einstellungskriterium. Je mehr ein Kandidat/in davon vorweisen kann, desto größer die Job-Chancen. Die unangenehme Wahrheit: “You have to be a master of all trades!” (Jere Hester). (Ergänzung: Auch Arbeitsteilung ist nur dann möglich, wenn Teams flexibel zusammengesetzt werden können, sprich: wenn jeder den Job des anderen kennt – besser noch – beherrscht.)

5. Schnelligkeit

“Sieh zu, dass Du Deine Geschichte so früh wie möglich rauskriegst”, sagt Hester. Twitter, YouTube, Storify…  ”Kenne Deine Tools und verstehe, wie Du sie am besten einsetzt.” Als Beispiel führt er die Schießerei vor dem Empire State Building an. Viele Passanten haben Fotos mit ihren Handy-Kameras gemacht und sofort ins Netz gestellt. “Manche Medienhäuser veröffentlichten die Bilder nahezu in Echtzeit”. Dass die Bilder echt und die zugrundeliegenden Informationen natürlich richtig sein müssen, das sei dabei die besondere Herausforderung. Jere Hester zitiert aus einem Spiderman-Film: “Aus großer Macht erwächst große Verantwortung.” Genau dafür brauche es Journalisten, Ordnung in ein solches Chaos zu bringen – und das so schnell wie nur irgend möglich.

6. Marketing

Dieser Punkt mag viele von uns wahrscheinlich am meisten befremden: Offensives Marketing. Wie einst die Zeitungsjungen in den Straßen laut und mit reißerischen Schlagzeilen ihre Zeitungen verkaufen mussten, müssen journalistische Werke im Netz nicht nur gut sondern auch gut zu finden sein, kurz: hervorstechen. Dazu zählt auch die journalistische Fähigkeit, für Twitter, Smartphones oder Suchmaschinen zu texten. Das Publikum und die Wege, wie es zu uns findet, haben sich verändert. Sich anzupassen sei keine Frage des nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. “Ich erlebe es immer häufiger, dass bei uns Studenten angefragt werden, die bereits über eigene Social-Media-Networks (= Fans und Follower) verfügen oder zumindest wissen, wie man neue Netzwerke erschließt”.

7. Gute Geschichten

Binsenweisheit: Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte. Soziale Netzwerke können gute Geschichten größer machen, helfen aber Null, wenn die Story alt, nicht relevant oder einfach nur langweilig ist. “Konzentriere Dich auf ein Gebiet und versuche dort, durch exzellente Arbeit auf Dich aufmerksam zu machen”, empfiehlt Jere Hester. Als Beispiel nennt er die große Nachfrage nach Wirtschafts-Journalisten. “Wenn Du dann noch die Fähigkeit besitzt, gute Geschichten auf unterschiedlichen Wegen erzählen zu können, kann eigentlich nichts schiefgehen.”

Eure Erfahrung als Berufsanfänger oder Profi? Kennt Ihr weitere Kriterien für den Journalismus der Zukunft/Gegenwart?

Linktipp: 9 top tips for the journalists of tomorrow (Guardian)

 

rundshow: mit Lobo und Tadel

Die rundshow startet in die zweite Halbzeit. Nach Daniel Fiene nimmt diese Woche Sascha Lobo Platz am Moderatoren-Tisch.

Auf die Shows mit Sascha Lobo freue ich mich aus professionellen wie aus persönlichen Gründen. Sascha ist ein Visionär, streitbar, klug und mutig. Wer ihn auf seine Frisur reduziert, manövriert sich selbst ins Aus. Mit seinen Vorträgen und Essays beweist Lobo mehr Sachverstand und Tiefgang als die meisten seiner Kritiker jemals vorweisen könnten, nicht einmal dann, wenn sie zusammenlegten.

Ich bin Sascha aber auch aus ganz persönlichen Gründen verbunden. In jenen Tagen, als ich auf dem Tahrir-Platz stand, mit den Telefongesellschaften, mit Kritikern, vor allem aber mit meinem Arbeitgeber kämpfte (man zeigte sich „irritiert“ darüber, dass ich ohne Auftrag reiste) – da erreichte mich aus Deutschland völlig überraschend eine Botschaft: „lieber richard, wir kennen uns nicht (…)“ Es folgten Zeilen des Zuspruchs und der Unterstützung, Tipps im Umgang mit Kritikern und sogar ganz konkrete Hilfe. Der Absender: Sascha Lobo.

Wein predigen und auch trinken

Vielen Menschen ist Sascha suspekt, weil er ein Mann ist, der Wein predigt und gerne auch trinkt. Mir ist das ungleich sympathischer als jene falschen Prediger, Bedenkenträger und Wendehälse, mit denen ich es oft in meinem Job tun habe. Gerade mit einem Projekt wie der „rundshow“ erlebe ich neben jeder Menge Unterstützung aktuell auch wieder die unterschiedlichsten Formen von Missgunst, Ahnungslosigkeit und Niedertracht, wie sie bestimmt nicht nur in öffentlich-rechtlichen Anstalten vorkommen. Eine immer belangloser werdende Minderheit, zum Glück.

Sicherlich, unsere kleine Show am späten Abend ist nicht perfekt. Aber sie ist echt. Sie ist authentisch. Vom Sendetechniker/in bis zum Volontär/in, jeder bei uns im Team bringt sich ein, so gut es in einem – zugegeben improvisierten – Rahmen wie diesem eben geht. Und ob Ihr es glaubt oder nicht: Wir lesen jeden Tweet, jeden Facebook-Kommentar, jede Botschaft, die uns über unsere App „Die Macht“ erreicht – und das sind nicht wenige. Es geht uns nicht darum, mit dem neuen Killer-Konzept um die Ecke zu kommen. Wir wollen Dinge ausprobieren. Wir wollen besser werden. Wir wollen lernen.

Die Show vom Dienstag zum Thema “Arbeitswelt der Zukunft”

Wir freuen uns über Eure Kritik. Wir freuen uns über Euer Lob. Jetzt aber freuen wir uns erst einmal auf Lobo. Seid mit dabei: morgen wieder  ab 23.30 Uhr im Netz und im TV.

rundshow: Warum wir schon gewonnen haben

Von der Idee bis ins TV-Studio: nächste Woche beginnt die rundshow, ein Social-TV-Experiment im Web und im Bayerischen Fernsehen

Fast auf den Tag genau 11 Monate ist es her, da kamen meine Chefs beim Bayerischen Rundfunk auf mich zu. Ich solle mir doch mal Gedanken machen, wie man unsere klassischen Rundfunk-Angebote sinnvoll mit dem Web verbinden könne. Ein neues Format? Nicht zwingend. Viel mehr eine Art „On-Air-Experiment“, um neue Kommunikationsformen auszutesten. Ich fing sofort Feuer.

Montag gilt es. 4 Wochen rundshow live im Web und im TV. Ich gestehe: Ich habe Schiss. Oder sollte ich sagen: Respekt? Respekt vor dem Publikum, das, soviel habe ich als Blogger gelernt, gleichermaßen bereichernd wie auch gnadenlos sein kann. Respekt vor dem Team, das in den zurückliegenden Wochen immer wieder über sich hinausgewachsen ist. Respekt vor meinen Vorgesetzten, die Eier geung hatten, uns Leine zu geben, damit wir Dinge, die wir noch nie zuvor getan haben, ausprobieren können.

Wir haben Themen im Auge, die im klassischen Programm selten eine Chance haben. Wir haben Technologien und Workflows am Start, die im herkömmlichen TV-Sendebetrieb bislang nicht zum Einsatz kommen. Wir haben unsere Köpfe geöffnet, Dinge völlig neu zu entwickeln – oder aber auch beizubehalten, sofern uns dies als sinnvoll erschien. Bei diesem Projekt ging es nicht darum, das Fernsehen zu revolutionieren, vielmehr das Medium und seine Möglichkeiten in Kombination mit dem Web spielerisch weiterzudenken.

Jetzt heißt es Daumen drücken, dass die Technik funktioniert, dass genug Menschen mitgehen, dass sich das, was wir über Wochen und Monate in unseren Köpfen mit uns herum getragen haben, jetzt auch auf den Bildschirmen erschließt, egal, ob an der Wohnzimmerwand, auf dem Schoß oder in der Hand.

Wie schon erwähnt, wenn ich an Montag denke, geht mir die Muffe. Und doch kann ich es kaum erwarten, dass es endlich losgeht! Denn egal, was in den kommenden 4 Wochen passieren wird: In einer Welt, die einem solch rasanten Wandel unterliegt, werden Diejenigen bestehen, die sich trauen, Neues auszuprobieren. Was wir zu gewinnen haben, ist soviel mehr als das, was wir durch Nichtstun verlieren könnten. Und mögen die Skeptiker und Bedenkenträger noch so sehr die Nase rümpfen. Anders als sie habe ich keine Angst vor dem Scheitern – vielleicht weil ich weiß, dass wir schon gewonnen haben.

Die Show im TV: Montag – Donnerstag ab 23:00 Uhr (wechselnde Anfangszeiten) im Bayerischen Fernsehen sowie im Web über rundshow.de und unsere Facebook-Seite, betreut von Annik Rubens (Schlaflos in München)

Touch me!

Touch, pinch, swipe – über die Sinnhaftigkeit von Touchscreens und Computeranimationen in TV-Magazinen und Nachrichtensendungen.

Am Wochenende habe ich ferngesehen. Ich weiß was Ihr jetzt denkt: “Hättste mal besser nicht!”. Was soll ich machen. Nach der 3. Episode meines “Game of Thrones”-Marathons brauchte ich eine Pause. Zufällig bin ich bei den ARD-Tagesthemen hängengeblieben, wo die Moderatorin gerade neben einem großen Touchscreen stand. Darauf: eine an die späten 90er Jahre anmutende Computeranimation, die den Untergang der Titanic veranschaulichen sollte (noch nie gesehen!).

Einer meiner Twitter-Follower schickte mir dazu den Link zu diesem Ausschnitt aus der ZDF-heute-show.

Der Einsatz von Touchscreens im Fernsehen – Eure Meinung?

 

 

Occupy Rundfunk

Viel ist geredet worden über das Fernsehen der Zukunft, über Social TV und den Second Screen. Doch was bedeutet das alles in der Praxis? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Web und TV – das Beste aus beiden Welten

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine grosse Klappe habe. Wer mich wirklich gut kennt, weiß aber auch, dass ich es selten dabei belasse. Der Bayerische Rundfunk hat mir ein ungewöhnliches Angebot gemacht und ich habe zugegriffen. Der Auftrag lautet: Entwickeln Sie ein Format, das die Vorzüge des Webs mit denen des Fernsehens verbindet.

Seit Juli 2011 habe ich unzählige Formate gesichtet, mich mit Experten aus der Netz- und der TV-Gemeinde (ha!) unterhalten. Hunderte Ideen haben wir im Team zusammengetragen und wieder verworfen. Was übrig geblieben ist, fließt in die rundshow, ein Late-Night-Format, das wir ab dem 14. Mai 4 Wochen lang im Web und im linearen Fernsehen testen wollen.

Julian und das Team entwerfen den Schaltplan für das Regiepult

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Neue Kommunikationswege

Bei der rundshow geht es weniger um eine neue „Sendung“ (Das Wort gilt bei uns im Team als verpönt), als vielmehr darum, unserem härtesten Kritiker gegenüber zu treten: dem Zuschauer. Gerade das Fernsehen mit seinem Perfektionswahn lässt wenig Raum für Spontanität und echte Nähe. Ich verrate hier sicher nichts neues, wenn ich sage, dass vieles von dem, was auf dem Schirm so beiläufig daherkommt, in Wirklichkeit bis ins kleinste Detail inszeniert und geplant ist.

Professionell betrachtet geht es bei diesem Projekt für uns Fernsehleute darum, Erfahrung mit neuen Kommunikationswegen zu sammeln. Gerade im Hinblick auf das Superwahljahr 2013 kann es nicht schaden, neue Kanäle und Formen von Zuschauerbeteiligung zu erproben. Von Transparenz und mehr Mitbestimmung zu reden, ist das eine, diese umzusetzen und in die eigenen Programme zu integrieren, das andere. Hier können wir Fernsehschaffende sicherlich noch nachbessern.

Waffengleichheit

Das bedeutet aber auch: Wenn nicht mehr wir, die Fernsehprofis (dazu zähle ich übrigens auch die Politiker, Funktionäre und Experten), zwingend das letzte Wort haben, wenn wir akzeptieren, dass das Publikum ein ernst zu nehmender Teil des Programms ist und nicht mehr länger nur „Klatschvieh“, dann müssen wir für mehr „Waffengleichheit“ sorgen und darauf achten, dass die Zuschauer auch wirklich ausgiebig zu Wort kommen.

Dazu haben wir viele Möglichkeiten geschaffen: eine App („Die Macht“ – der Name ist Programm), eine ganztägige Bespielung zahlreicher Diskussionsplattformen (Facebook, Twitter, Google+), die Teilnahme an der täglichen Redaktionskonferenz sowie an der TV-Show (per Google-Hangout) sowie die Fortführung der Liveshow auch NACH Ende der Übertragung im TV.

Mein Arbeitsplatz für die nächsten Wochen im Container

Worum es in der täglichen Live-Show gehen wird und auf wen Ihr Euch in diesen 4 Wochen freuen könnt, dazu mehr in unserem rundshow Blog, wo wir Euch von nun an täglich über den aktuellen Stand der Vorbereitungen informieren werden. Es kann nicht schaden, uns auch bei Facebook und Twitter zu folgen. Hier werden wir Gäste, Hangouts und alle kurzfristigen Infos bekannt geben. Und natürlich könnt Ihr uns auf allen Wegen Löcher in den Blog fragen. Ich freue mich auf Euch. Und um ehrlich zu sein: Ein bisschen Schiss habe ich auch. Aber das gehört wohl dazu.

 

 

Die rundshow im TV:
14. Mai – 7. Juni, Montag bis Donnerstag, ab 23:15 Uhr
rundshow das Blog
rundshow bei Facebook
rundshow bei Twitter

Eure Ideen, Wünsche und Gedanken zum Fernsehen und zu unserem Projekt?

Webvideopreis: Eat this, Bambi!

Ob Y-titty oder Gronkh – beim Webvideopreis 2012 in Düsseldorf feierte die Generation YouTube ihre Stars. Doch der ganz große Abräumer kam aus Österreich und war die Überraschung des Abends.

Es gibt Momente im Leben, die sind magisch. Gestern Abend war für mich so ein Moment, ein Moment, der sich trotz aller Widersprüche “richtig” anfühlte – oder vielleicht gerade deswegen? Die Jury (ich bin kurzfristig als Laudator für “Rahmschnitzel” eingesprungen, hatte aber von den übrigen Preisträgern keine Ahnung) hatte eine mutige wie auch symbolhafte Wahl getroffen, die vielleicht mehr beiträgt zur deutschen Medienkultur als die vielen Lobby- und Selbstbeweihräucherungsgalas der großen Verlage, Musiklabels, Film- und Fernsehhäuser.

In der Kategorie IMHO (In My Humple Opinion) ging sowohl der Jury- als auch der Publikumspreis an die Mitarbeiter des ORF, die sich in einem privat gedrehten YouTube-Video gegen die unerträgliche Einflussnahme der Politik bei der Stellenbesetzung ihres unabhängigen (!) öffentlich-rechtlichen Rundfunkhauses aussprachen.

Beeindruckend: Die Tatsache, dass die jungen Wilden aus dem Netz (desinteressiert?, unpolitisch?) aus dem schier unendlichen Angebot an Webvideos ausgerechnet den Film einer Gruppe “Dinosaurier” vom vermeintlich toten Medium “Fernsehen” gewählt haben, ist bemerkenswert. Wohlgemerkt: Ausgezeichnet wurde nicht der ORF, sondern die Mitarbeiter der ZiB-Redaktion, die durch ihre Mitwirkung an diesem Protestvideo Mut bewiesen, vielleicht sogar ihren Job riskiert haben. Ein Signal, das von Deutschland nach Österreich und hoffentlich auch wieder zurück in die deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten strahlt*.

... von rechts: Milena Bonse, Mario Sixtus, Katrin Bauerfeind, Kathrin Fricke, Florian Hager

Das große Finale: Dieter Bornemann und Fritz Wendl (stellvertretend für die ZiB-Mannschaft) und die Jungs von Y-TITTY bei der Übergabe der best-of-the-best Preise in der Kategorie “EPIC”. Alt und jung, Neue und Alte Medien vereint, Seite an Seite, Schulter an Schulter. Die Tyrannei der Masse hat gesprochen.

Herzlichen Dank an Markus “Videopunk” Hündgen, Mario Sixtus, Julius Endert, Christoph Krachten und das ganze Team. Toller Abend, wirklich.

* Disclaimer: Ich bin freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk / ARD

Die Ostblogger

Ist die Weiße Revolution schon zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat? Mein Treffen mit 2 Bloggern aus Russland und Weißrussland.

Prolog

Heute melde ich mich aus Sankt Petersburg, dem einstigen Leningrad oder auch „Heldenstadt“ genannt. Ich war noch nie in Russland und wenn mich nicht das Goethe-Institut hierher zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hätte, wer weiß, ob ich diese Reise jemals unternommen hätte. Als Kind des Kalten Krieges bin ich mit allmöglichen Schauergeschichten über die Russen aufgewachsen. Nicht alle davon stammen aus James-Bond-Filmen.

Am Abend vor der Reise habe ich meine rudimentären Geschichtskenntnisse kurz bei Wikipedia aufgefrischt: 871 Tage hatte die Wehrmacht die Stadt belagert. Hitler plante Leningrad auszuhungern. Laut geheimer Weisung des Oberkommandos bestand „keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Großsiedelung“. Sprich: Der geplante Genozid an 3 Millionen Russen.

Rote Haare, weißes Band - Nuria Fathykova

Ich treffe Nuria Fathykova aus Moskau und Viktar Malishevsky aus Minsk. Gemeinsam sollen wir an der Journalistischen Fakultät  von Sankt Petersburg vor russischen Studenten sprechen – über das Bloggen, den Journalismus und das Digitale Leben. Moderiert hat das Panel übrigens Pauline Tillmann, freie Korrespondentin, Russland-Kennerin und, ganz nebenbei, eine gute Bekannte von mir. Pauline bloggt über ihr Leben in Russland unter http://www.pauline-tillmann.de/. Wer Kontakte nach Sankt Petersburg benötigt, sollte sich unbedingt mit ihr in Verbindung setzen.

Nuria Fathykova, Journalistin, 29 Jahre alt, spricht fließend deutsch. Sie hat u.a. in Berlin und Tübingen studiert, liegt in den letzten Zügen ihrer Dissertation. Thema: „Politisches Bewusstsein in der Transformations-gesellschaft“, eine Bestandsaufnahme der post-kommunistischen Generation hier in Russland.

Seit Dezember beteiligt sich Nuria an den Moskauer Protesten. Ihre Stofftasche, in der sie eine Canon EOS 5D (gebraucht gekauft) und ein MacBook mit sich herumträgt, ziert ein weißes Stoffband – Symbol der russischen Protestbewegung. Kein Zeichen des Widerstandes sondern des Mutes, wie sie sagt.

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Russische Realität

Im Dezember hatten 100.000 Russen diese Bänder getragen. Anders als in Ägypten sind es nicht die jungen Menschen, die hier gegen die Machthaber aufbegehren. Es sind Gutsituierte, Ärzte, Anwälte und Unternehmer, Menschen, die sich ihren Weg hinauf in die Mittelschicht hart erkämpft haben. Weshalb sie protestieren? Es geht ihnen doch gut.

„Das wirkt nur so“, sagt Fathykova. Die russische Realität lasse sie immer wieder gegen unsichtbare Mauern rennen.

Thema Pressefreiheit. Medien, die zu regierungskritisch berichten, können nach der zweiten Verwarnung geschlossen werden. So weit kommt es tatsächlich nur selten. Zeitungen und Sender seien derart auf Linie, dass Medienhäuser die Regierungs-Auflagen im vorauseilenden Gehorsam übererfüllen. Auch Nuria Fathykova kann viele Geschichten dazu erzählen (siehe Video).

Thema freie Wahlen. Im Internet und auch sonst kursieren unzählige Geschichten von Wahlfälschungen. Hatte die Regierung die Wahllokale nicht extra mit Web-Kameras ausstatten lassen, damit sich jeder vom ordnungsgemäßen Ablauf überzeugen konnte? „Alles nur Show“, so Fathykova. Wer Zugriff auf den Livestream haben wollte, musste sich zuvor bei einer Behörde namentlich registrieren. In vielen Wahllokalen seien die Kameras über mehrere Stunden ausgeschaltet worden.

Foto: Nuria Fathykova

Die Protestbewegung

Seit der Wiederwahl Putins ist es still geworden um die Protestbewegung. Nur wenige Tausend Menschen hatten sich an den Tagen nach der Wahl auf den Straßen zusammengefunden. Kleinere Ansammlungen wurden sofort von der Polizei aufgelöst. Ist die Revolution zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat? Fathykova gibt sich zuversichtlich. „Über Facebook und vKontakte (dem russischen Facebook) sammeln wir weiter Ideen, wie wir unsere Aktionen ausweiten können – mit legalen Mitteln. Die 29jährige hatte im Frühjahr ihren ersten Flashmob organisiert. „Die Proteste werden weitergehen!“

Der Anti-Journalist – Viktar Malishevsky 

Viktar Malishevsky nimmt seinen Platz auf dem Podium ein. Der Weissrusse ist erleichtert, dass er nicht schon wieder neben einem dieser Blogger aus Ägyptern sitzen muss. „Die Ägypter nerven mich“, ätzt er „nicht die Blogger haben die Revolution gemacht, die Revolution hat sie gemacht.“ Blogger bewirken wenig, so Malishevsky. Im Gegenteil. Sie schaden sogar der Sache. Durch sie stünden Blogger wie er heute unter noch größerer Beobachtung (siehe Video).

Der 37Jährige gilt als Weissrusslands bekanntester Blogger. Zeitungen zitieren ihn gern, denn er spricht Wahrheiten aus, die sich sonst keiner zu sagen traut. Wie er sich seinen Erfolg erklärt, frage ich ihn. „Ganz einfach“, grinst er schelmisch, „ich habe keine Konkurrenz“. Er reicht mir seine Visitenkarte. Als Berufsbezeichnung steht dort unter seinem Namen „Anti-Journalist“.

Blogs als Stimmungsbarometer

10 Jahre hat Malishevsky in Minsk bei der Tageszeitung Komsomolskaja Prawda gearbeitet. Heute verdient er sein Geld mit Vorträgen und Seminaren für Journalisten. Sein Blog betreibt er in seiner Freizeit. Wenn Blogger nichts bewirkten, warum bloggt er dann überhaupt, will ich wissen. „Weil viele Journalisten ihren Job nicht machen“, so Malishevsky. Die Stimme sanft, der Blick verbindlich, doch seine Worte schneiden scharf wie die Klinge bei Fruit Ninja. Das Internet sei dazu da, den Journalismus zu ändern. Aber dieser ändere sich kaum.

Beim Bloggen ginge es nicht nur um die Artikel, sondern vor allem um die Kommentare darunter. Eine wunderbare Fläche, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Gesellschaft so ticke. „Neulich zum Beispiel habe ich gebloggt, ich sei für die Todesstrafe. Das stimmt zwar gar nicht, aber ich wollte möglichst viele Kommentare provozieren, um herauszufinden, ob es nicht doch gute Gründe dafür gibt.“

Europas letzte Diktatur

In Weissrussland, Europas letzter Diktatur, stehen Querdenker wie Malishevsky unter Beobachtung. Am 6. Januar 2012 ist mit dem Gesetz 317-3 die Internet-Überwachung nochmal verschärft worden. Die Liste der blockierten Seiten wird länger und länger. Besucher von Internet-Cafés müssen ihren Pass vorzeigen. Die Daten werden ein Jahr lang gespeichert. Hausbesuche und Verhöre potentieller „Unruhestifter“ sind an der Tagesordnung. Reporter ohne Grenzen erklären Weissrussland zum „Enemy of the internet“.

„Mich lassen sie in Ruhe“, so Malishevsky. Woran das liegt? „Weil ich gegen alle bin – Regierung wie Opposition.“ Was er gegen die Opposition habe, möchte ich wissen. Die Opposition sei wie die Regierung seit 17 Jahren im Amt. „Selbstgefällig und letthargisch, im Grunde genauso wie die Regierung, nur eben mit anderem Vorzeichen.“

Bloggen sei für ihn eine elegante Form von Anarchie „Du bist für niemand, und zugleich gegen alles“. Vielleicht bewirkten Blogger ja doch etwas“, korrigiert Malishevsky seine Aussage von zuvor. Aber dazu müssten alle mitmachen. „Wenn alle Menschen bloggen würden, könnte sich tatsächlich etwas verändern!“.

Viktar Malishevsky, Pauline Tillmann, Richard Gutjahr, Nuria Fathykova (Foto: Tatjana Kokorina)

 

Adressenhandel in Deutschland: Die Privilegierten

Deutsche Datenschützer laufen Sturm gegen die neuen Geschäftsbedingungen von Google. Dabei sitzt die größte Daten-Mafia im eigenen Land – und wird von Wirtschaft, Politik und Medien auch noch hofiert. UPDATE: Mit dem neuen Meldegesetz macht die Bundesregierung den Weg frei für legalen Verkauf von Privatadressen durch Einwohnermeldeämter (siehe Blogpost vom 9. Juli).

Moderner Menschenhandel

Wenn Daten das Erdöl des 21. Jahrhunderts sind, dann sind Adressenhändler die Öl-Kartelle des Informationszeitalters. Mit ihren Bohrungen dringen die Datenschürfer immer tiefer in unser Privatleben ein, um an den begehrten Rohstoff zu kommen: detailierte Kundeprofile. Dazu scheint jedes (legale) Mittel recht. Und was nicht legal ist, wird durch knallhartes Lobbying legal gemacht.

Die Rede ist ausnahmsweise mal nicht von Google, Facebook und Co. Dieser Blogpost spielt auch nicht abstrakt auf irgendwelchen Servern im fernen Amerika. Die Geschichte dieses Blogposts spielt direkt vor unserer eigenen Haustür in Deutschland, in gewaltigen Datenbanken, in den Hinterzimmern von Berlin und Brüssel.

„Targeting“ lautet der Branchenbegriff, der soviel hübscher und harmloser klingt, als das, wofür er eigentlich steht: für das Austricksen, Aushorchen und Ausspionieren nichts ahnender Bundesbürger, um an sog. „leads“ – sprich – potenzielle Kundendaten zu kommen. Direkt- oder auch Dialog-Marketing, eine Milliardenindustrie, die sich in einem unheilvollen Zusammenspiel von Wirtschaft, Medien und Politik immer weiter auch im Web ausbreitet.

 

OTTO? …find ich schlimm!

Aber der Reihe nach. Vor einem Jahr lieferte ich mir in meinem Blog einen offenen Schlagabtausch mit Thomas Voigt, Kommunikationschef im Vorstand der OTTO Group. Es ging um meinen Kampf, aus der Werbe-Datenbank von OTTO gelöscht zu werden, in die ich auf obskure Wege hineingeraten war. Eines Tages erhielt ich Werbemails, Newsletter, Versandhaus-Kataloge und Briefpost von OTTO, ohne eigenes Zutun. Einen Nachweis darüber, dass ich der Nutzung meiner Daten zu Werbezwecken irgendwann einmal zugestimmt hatte, konnte OTTO bis zum heutigen Tag, auch auf mehrfache Anfrage, nicht erbringen.

 

Randnotiz: Thomas Voigt und ich sind uns übrigens neulich in Berlin persönlich begegnet und zwar anlässlich der Preisverleihung zum „Journalisten des Jahres“, die der OTTO Konzern großzügig sponserte. Aber das ist eine andere Geschichte (…ist es das?).

 

 

 

Verraten und verkauft

Wann immer man etwas bei OTTO Versand Hamburg bestellt, sei es online, schriftlich oder telefonisch, ist OTTO dazu ermächtigt, ohne Zustimmung des Kunden (!) diese Daten an Adresshändler weiterzugeben.

Auf meine Nachfrage teilte mir OTTO gestern schriftlich mit:

„OTTO vermietet Adressen in der Regel für die einmalige Nutzung in der Neukundengewinnung für schriftliche, per Post zugestellte Werbesendungen (Direct Mail). Diese Vermietung erfolgt listenmäßig nach Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes.“

Erst auf wiederholte Nachfrage und unter Androhung einer Veröffentlichung dieses klaren Rechtsverstoßes hat sich OTTO bereiterklärt, mir zu verraten, an wen u.a. meine (unrechtmäßig erhobenen) Daten weiterverkauft/vermietet wurden:

“Sehr geehrter Herr Gutjahr, Sie haben vollkommen Recht. Natürlich haben Sie einen Anspruch nach § 34 Absatz 1a BDSG auf Nennung, an wen Ihre Adresse weitergegeben wurden. (…) Zu postalischen Werbezwecken wurden Ihr Vor- und Nachname, Straße und Hausnummer sowie Postleitzahl und Ort an die Schwab Versand GmbH, Kinzigheimer Weg 6, 63450 Hanau übermittelt. Die Übermittelung war datenschutzrechtlich nach dem so genannten Listenprivileg aus § 28 Absatz 3 BDSG zulässig.”

OTTO darf Dritten sogar mitteilen, WAS man bei OTTO gekauft hat. Möglich ist das durch das oben angeführte „Listenprivileg“, eine Ausnahmeregelung, die das von der Bundesregierung gerne im Zusammenhang mit Facebook und Google zitierte Recht auf Informationelle Selbstbestimmung de facto aushebelt und ad absurdum führt.

Dieses Listenprivileg sieht vor, dass Versandhäuser, Zeitungsverlage oder auch Direktmarketing-Firmen Kundenlisten erheben dürfen, wobei einer Person neben Name, Anschrift und Telefonnummer auch jeweils ein Zusatzkriterium zugeordnet werden darf. Beispiel: Schulbildung, oder Beziehungsstatus, Einkommensklasse, Raucher/Nichtraucher etc.

Menschen à la Carte: Wen die Datenhändler in ihren Adresslisten anbieten

Auszug aus dem Schober Werbekatalog: Privatadressen A-Z

Durch die gesetzliche Beschränkung auf jeweils eine einzige Zusatzinformation soll der Datenschutz des Individuums gewahrt bleiben. So kann sich auch OTTO wie oben zitiert „listenmäßig“ auf die „Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetz“ berufen, wenn das Versandhaus die Daten seiner Kunden verkauft oder vermietet, ohne die Kunden selbst darüber in Kenntnis zu setzen, geschweige denn um Erlaubnis zu fragen.

Doch was geschieht nun mit diesen „harmlosen“ Einzel-Daten? Hier kommen Datensammler wie die Schober Information Group ins Spiel. Die OTTO Gruppe unterhält seit 2003 mit Schober ein gemeinsames Joint Venture, die Schober Direct Media.

OTTO teilt auf Nachfrage hierzu mit:

„Schober und OTTO (EOS) sind Gesellschafter des gemeinsamen Unternehmens Schober Direct Media, das als Auftragsdatenverarbeiter mit Daten der beiden Gesellschafter Affinitätsmodelle und Prognosemodelle über künftige Kaufverhalten entwickelt. OTTO liefert dabei aggregierte und anonymisierte Strukturdaten (keine Produktdaten) aus dem Versandhandel, während Schober eine Personen-Adressliste, mikrogeoprahische Daten sowie Marketingtypologien zur Verfügung stellt.“

 

Daten-Mining made in Germany

Wie in einem Güter-Bahnhof werden bei Dienstleistern wie Schober Personendaten (die u.a. durch Umfragen, Gewinnspiele oder eben das Listenprivileg legal erworben wurden) zu umfangreichen Kunden-DNA-Ketten zusammengesetzt. Aus harmlosen Einzel-Informationen werden auf diesem Weg völlig legal detaillierte Kundenprofile erstellt. Auch Social Media Quellen wie z.B. Facebook werden dazu neuerdings ausgewertet. Schober wirbt ganz unverhohlen damit, über 50 Millionen Privatadressen mit über 300 Zusatzkriterien sowie mehr als 27 Millionen private E-Mailadressen zu besitzen.

 

Onlineshopping bei Schober – Menschen à la carte

 

Damit nicht genug. Auch OTTO unterhält mit seiner Tochter EOS ein ganzes Firmennetzwerk (1974 als Deutscher Inkasso Dienst DID gegründet), das sich u.a. auf Dienstleistungen wie „Daten-Mining“ und „Datenanreicherung“ spezialisiert. Wörtlich heißt es dazu bei EOS:

„Nachdem wir die Qualität Ihrer Kundeninformationen begutachtet, bereinigt und/oder aktualisiert haben, erfolgt die Datenanreicherung durch EOS – etwa mit Altersklasse, Kaufkraft, sozialer Schicht oder speziellen Konsumneigungen.“

Das Hamburger Versandhaus-Imperium ist nicht allein mit seinen Schnüffeleien. So wie OTTO betreiben unzählige deutsche Unternehmen regen Handel mit Kundendaten, darunter die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, die Deutsche Bahn. Zigtausende Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, führen die Lobbyisten ins Feld, sollte das Listenprivileg abgeschafft werden. Abgeordnete werden dazu regelmäßig mit Argumenten, mit Statistiken und wer weiß mit was sonst noch versorgt.

Das Antwortschreiben der Deutschen Post auf meine Bitte um Datenauskunft

Listenprivileg bleibt – entgegen eigener Ankündigungen – bestehen

Die Bundesregierung ist sich über die Methoden der Datensammler durchaus bewusst. 2008 hatte man im Bundeskabinett beschlossen, das Listenprivileg abzuschaffen. Als das Datenschutzgesetz 2010 novelliert wurde, blieb das Listenprivileg dann aber aus unbekannten Gründen bestehen.

Enges Beziehungsgeflecht: Munterer Austausch zwischen Schober, Bertelsmann, Deutsche Post

Neue Gesetzesvorlage: Einwohnermeldeämter dürfen Privatadressen verkaufen

UPDATE 4. Juli 2012: Entgegen der Versprechen für einen “besseren”, “umfassenden” Datenschutz erlaubt die Bundesregierung neuerdings ausdrücklich, dass Einwohnermeldeämter die Privatadressen der Bundesbürger verkaufen dürfen. Der Bürger kann dieser Praxis nachträglich schriftlich widersprechen (opt-out), das gilt jedoch nur für die Neuerhebung von Adressen. Adressenhändler und Inkassofirmen haben das Recht, ihre Daten-Altbestände mit den jew. aktuellen Adressen abgleichen zu lassen – und das auch GEGEN den Wiederspruch des Bürgers (siehe Auszug unten). Damit ist gewährleistet, dass Adressenlisten nicht mehr “schelcht” werden und auch nach Umzügen stets die korrekte Anschrift bekannt ist. Ein unglaubliches Zugeständnis an die Wirtschaft. Das geplante Gesetz muss noch vom Bundesrat bestätigt werden. Das Original-Dokument gibt es hier (PDF).

Die verschwiegenste Branche der Welt

Neben käuflicher Liebe und Waffenexporten dürfte das Geschäft mit Kundendaten zu den verschwiegensten Branchen überhaupt gehören. Mindestens einmal im Jahr klärt uns der SPIEGEL über das Böse im Netz auf. Wann aber haben wir zum letzten mal eine SPIEGEL-Titelstory zum Thema Adresshandel Deutscher Firmen gelesen? Warum bringen deutsche Medien Artikel zu diesem Thema – wenn überhaupt – unter ferner liefen?

Die Antwort ist so primitiv wie einfach: Weil die deutschen Medienhäuser selbst Teil dieses Systems sind. Das Kundenregister des größten Datenhändlers des Landes liest sich wie das Who-is-Who der deutschen Medienszene: Axel Springer, Frankfurter Allgemeine, Financial Times, Gruner und Jahr, Gong Verlag, Handelsblatt, Manager Magazin, Readers Digest, Ringier Verlag, Süddeutsche Zeitung, sky, Der Spiegel, Weltbild. Als (freier) Mitarbeiter des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks möchte ich hierbei ausdrücklich betonen: Auch die GEZ arbeitet mit gehandelten Adressdateien.

Datenhandel in Deutschland – alle hängen mit drin (Auszug aus der Kundenliste von Schober)

Anstatt vor der eigenen Haustür zu kehren, führen Bundesminister wie Ilse Aigner oder Hans-Peter Friedrich lieber virtuelle Showkämpfe mit Google und Facebook, verlieren sich wie jüngst bei Spiegel Online in blumigen Essays zum Thema „Recht auf Vergessen“, verweisen auf die Versäumnisse in Brüssel und in den USA. Welcher Politiker, der wiedergewählt werden will, legt sich schon freiwillig mit der gesammelten Macht der deutschen Medienhäuser an?

“Made in Germany kann weltweit als Markenzeichen auch für höchsten Datenschutz im Internet stehen.”

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner 

 

Illegale Geschäftspraktiken

Nach §34 des Bundesdatenschutzgesetzes sind Firmen einmal im Jahr dazu verpflichtet, auf Nachfrage Art, Umfang sowie Herkunft persönlicher Daten zu nennen. Außerdem müssen sie offenlegen, an wen sie die Daten in den letzten 12 Monaten weitergeleitet haben. Die Realität sieht anders aus: Die Firmen tun es einfach nicht. Und sie müssen es scheinbar auch nicht. Denn keiner kontrolliert es. Verstöße werden so gut wie nie geahndet.

„Sie können der Weitergabe Ihrer Daten jederzeit widersprechen“, heißt es immer wieder auf Nachfrage. Das Problem: Die Daten-Mafia operiert größtenteils im Verborgenen. Woher soll man als Betroffener wissen, welche Firma welche Informationen aktuell über einen „listet“?

Das Recht auf Vergessen gilt nicht für PayBack – Die Daten über mein Kaufverhalten gehen zurück bis ins Jahr 2001 (Auszug aus dem von mir angeforderten Datensatz)

„Ich habe immer und immer wieder verlangt, mir mitzuteilen, woher die meine Adresse haben und an wen sie diese weitergegeben haben“, berichtet die Nürnbergerin Tatjana Halm, die auf einmal ins Werbe-Visier von Kabel Deutschland geriet. Sie habe Briefe über Briefe geschrieben – keine Auskunft. „Ein glatter Verstoß gegen geltendes Recht“, sagt Frau Halm. Sie muss es wissen, Tatjana Halm ist Rechtsanwältin und Referentin bei der Verbraucherzentrale Bayern.

Das Gesetz über die Auskunftspflicht ist aber noch aus einem ganz anderen Grund eine Farce: Kein Mensch hat Zeit und Lust dazu, auf Verdacht Briefe zu schreiben und bei Dutzenden Firmen anzufragen, welche Daten das Unternehmen evtl. über einen vorhalten könnte.

Selbstauskunft per Knopfdruck

Hier kommt Julian Kornberger ins Spiel. Der Internet-Unternehmer aus Bremen hat eine Software geschrieben, die automatisiert Anträge zur Selbstauskunft an Dutzende von Firmen verschickt. Für die Nutzer ist der Service von selbstauskunft.net kostenlos, Kornberger versichert, die Seite aus rein idealistischen Gründen zu betreiben. Die Kosten, die für ihn dabei anfallen, würden über andere Seiten querfinanziert. Nutzerdaten werden allein zum Zweck der Anfrageübermittlung erhoben und nicht an Dritte weitergegeben.

Julian Kornberger nimmt das Thema Datenschutz offenbar sehr ernst. Die wichtigsten Fragen dazu beantwortet er hier. Ich selbst habe über Kornbergers Seite meine gespeicherten Daten bei diversen Firmen angefragt. Seitdem flattern fast täglich Briefe mit mal mehr mal weniger aussagekräftigen (Standard-) Antworten in meinen Briefkasten. Alternativ könnt Ihr die Firmen auch einzeln anschreiben. Einen Musterbrief hat der VZBV hier zum Download bereit gestellt.

 

Welche Erfahrung habt Ihr mit Datensammlern gemacht? Was haltet Ihr von der aktuellen Datenschutzdiskussion in Berlin? Sollten die Gesetze verschärft werden – oder sollten diese nur für Google und Facebook gelten?

Von einem, der auszog, das Bloggen zu lernen

Weshalb ich blogge und warum es mir nicht mehr genügt, “klassischer” Journalist zu sein. Mein Essay für das t3n-Magazin von November 2011.

Manchmal wird mir alles zuviel. Dann klappe ich mein Laptop zu, ziehe mir die Laufschuhe an und jogge durch den Englischen Garten. Auf dem Rückweg hole ich mir einen Becher Kaffee und sortiere meine Gedanken. Es ist anstrengend, ständig mit der ganzen Welt verbunden zu sein, und doch möchte ich mein neues, vernetztes Leben nicht mehr missen.

Ich komme gerade mit der letzten Maschine aus London zurück, wo ich ein Interview mit einem Kollegen von The Economist gemacht habe. Das Video dazu habe ich noch auf dem Flug geschnitten, denn morgen früh gebe ich bereits einen Workshop an der Deutschen Journalistenschule in München, bevor ich wieder zum Flughafen fahre und nach Hamburg fliege. Alles Jobs, die ich meinem Blog zu verdanken habe.

Mein Leben war nicht immer so aufregend. Um genau zu sein: noch nie. Seit zehn Jahren arbeite ich als Reporter und Nachrichten-Moderator beim Bayerischen Fernsehen. Zuvor jobbte ich als freier Autor bei der Süddeutschen Zeitung und beim Radio. Schlussendlich bin ich beim Fernsehen hängen geblieben, wohl auch deshalb, weil dort am besten gezahlt wurde. Ich habe für den ARD-Weltspiegel über die Tage nach dem 11. September aus New York berichtet, aus Israel habe ich Tagesschau und Tagesthemen mit Beiträgen über den Gaza-Krieg beliefert. Es mag zynisch klingen, aber für einen Reporter sind solche Momente eine echte Herausforderung, das Salz in der Suppe.

Ich will aber auch nicht den anderen Teil meines öffentlich-rechtlichen Lebens verschweigen, etwa den Streit mit Redaktionsleitern über abgelehnte Themenvorschläge, Maßregelung über Formulierungen in meinen Moderationen, Beschwerde-Anrufe oder gar Briefe von Politikern aus der Staatskanzlei. Das wäre ja alles halb so schlimm, wenn ich nicht der festen Überzeugung gewesen wäre, dass das Publikum, für das wir ja eigentlich arbeiten, überwiegend auf meiner Seite gewesen wäre.

 

 

Wann genau ich mit dem Bloggen begonnen habe, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass es eine Zeit lang dauerte, bis mich die Leute im Web wahrgenommen haben. Etwa durch den iPad-Stunt in New York, wo ich als weltweit erster Käufer eines iPads Schlagzeilen gemacht hatte. Eigentlich wollte ich ja ganz klassisch für die ARD eine Reportage über die so genannten „Line-Sitters“ machen, also jene Menschen, die schon Tage vor dem Verkaufsstart eines neuen Apple-Produktes Schlange stehen. „iPad? – Das interessiert doch keinen!“, hieß es damals bei mir im Haus und das gleich aus mehreren Redaktionen.

Den gesamten Text findet Ihr seit dieser Woche online bei t3n.

Selbstvertriebigung

ACTA, SOPA, PIPA – Papperlapapp. Noch nie war es so einfach, sein Ding zu machen. Man muss es nur tun.

Foto: Marcus Schuler

Menschen tun Dinge!

In Gesprächen werde ich immer wieder gefragt, warum ich mache, was ich mache. „Warum bloggst Du?“ – „Wer bezahlt das?“ – Wenn ich mit meinen Texten kein Geld verdiene, heißt es (vor allem von Journalisten-Kollegen), es ginge mir um Selbstdarstellung. Wenn mir dann aber Leser wie vor einem Jahr in Ägypten Geld für meine Berichte spenden, wird mir Profitstreben vorgeworfen. Dazu nur zwei Gedanken: Zum einen habe ich kein Problem damit, bezahlt zu werden. Zum anderen: Ja, ich möchte gelesen werden. Deshalb bin ich Journalist geworden.

Einen Punkt, vielleicht den wichtigsten von allen, lassen viele Kritiker gänzlich außeracht: Wir Menschen tun Dinge. Wir können gar nicht anders. Die digitalen Werkzeuge und Verbreitungswege über das Netz eröffnen uns völlig neue Möglichkeiten dazu. Seth Godin, der seinen Bestseller „The Idea Virus“ als eBook kostenlos ins Netz stellte, erklärt diesen Schritt im Dokumentarfilm “Press Pause Play” mit den Worten: „I wasn’t trying to make money. I was trying to make a point“.

Bei der Entstehung neuer Werke spielt Technik seit jeher eine große Rolle. Ohne Buchdruck keine Reformation. Ohne (wohltemperiertes) Klavier kein Bach und später auch kein Mozart. Selbst Steve Jobs wurde Zeit seines Lebens nicht müde zu betonen, worum es ihm bei Apple wirklich ging: Eine Brücke zu schlagen zwischen Technologie und den schaffenden Künsten.

Profit als Mittel zum Zweck?

Profit nur als Mittel zum Zweck? Zumindest in manchen Fällen bin ich nicht abgeneigt, das zu glauben. Für einen meiner ersten Artikel in der Süddeutschen Zeitung habe ich Shigeru Miyamoto von Nintendo getroffen, den Erfinder von Donkey Kong und Super Mario. Der Japaner gab sich bescheiden, sagte, er fahre jeden morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ich hatte ihn gefragt, was für ihn Reichtum ist. „Reich zu sein bedeutet für mich, in der Lage zu sein, meine Ideen umzusetzen“.

Schöne Worte von Menschen, die vor Geld kaum noch laufen können? Vielleicht. Vielleicht sind diese Leute aber überhaupt erst in diese Position gekommen, weil sie in erster Linie an eine Idee glaubten und nicht an das Geld. Wenn an dieser Theorie etwas dran ist, vielleicht hilft es, sich einfach wieder mehr Gedanken zu machen über das, was uns motiviert, was uns antreibt, und nicht primär darüber, wie wir es vermarkten können.

Die Dokumentation “Press Pause Play” in HD-Qualität gratis herunterladen

Kunst und Menschenrechte

Mit Kunst Geld zu verdienen sei kein Menschenrecht, zitiert Dirk von Gehlen („Mashup“) den Musiker Jonathan Coulton in einem hervorragenden Essay zur Urheberrecht-Debatte. Wenn die Plattenverkäufe zurück gehen, muss man sich eben etwas neues ausdenken, um seine Kunst zu finanzieren. Oder Investment-Banker werden.

Dass ein offenes Netz und Urheberschutz kein Widerspruch darstellt, beschreibt Christoph Keese in einem aktuellen Blogbeitrag sehr gut. Voraussetzung sei ein Umdenken der Verlage und Filmstudios. Weg von der künstlichen Verknappung von Musik und Filmen („Dieses Video ist in Ihrem Land aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt“), hin zur einer zeit- und ortsunabhängigen Verbreitung durch faire und leicht bedienbare Bezahlmodelle.

Neue Wege

Beispiel: Musiker, wie der Isländer Ólafur Arnald, der seine Songs über die eigene Webseite zum Download anbietet. Beispiel: Filmemacher, die wie die Produzenten von „Press Pause Play“ ihr Werk gratis bzw. gegen freiwillige Spenden im Netz vertreiben. Der Independant-Überraschungshit „Margin Call“ mit Kevin Spacey, Demi Moore und Jeremy Irons wurde zeitgleich mit dem Kinostart als Video On Demand bei iTunes veröffentlicht. Die Schauspieler verzichteten auf ihre üblichen Gagen und ließen sich stattdessen am Umsatz beteiligen. Eine kluge Entscheidung. Wie das Branchenblatt Hollywood Reporter berichtet, kam es durch die simultane Veröffentlichung im Kino und Web nicht etwa zum befürchteten Kanibalisierungseffekt – im Gegenteil, der Low-Budget-Film erfuhr dadurch mehr Aufmerksamkeit und spülte über beide Vertriebswege gleichermaßen Millionen in die Kassen.

Je länger ich mich mit Urheberrecht, Vermarktung und Vertriebskanälen befasse, komme ich zu dem Schluss, dass weder die alten (Zwangs-) Verknappungs-Modelle, noch die reinen Gratis-Angebote den Königsweg darstellen. Die Idee eines Copyrights ist mit der digitalen Revolution nicht gänzlich gestorben. Konrad Lischka argumentiert gar, dass es Errungenschaften wie das Urheberrecht waren, die Autoren, Filmemacher und Künstler überhaupt erst in die Lage versetzten, von ihrer Kunst zu leben. Klar ist: Wir werden neue Kombinationen brauchen, so dass Kreative, Händler und Kunden am Ende auf ihre Kosten kommen. Technik kann uns dabei helfen. Wenn wir das wollen.

 

1 Buch – viele Erlösmodelle

Um diesen Worten auch Taten folgen zu lassen, will ich etwas ausprobieren: Ein Buch mit 50 ausgewählten Blogposts zum Thema Digitales Leben, die ich in den letzten beiden Jahren geschrieben habe. Ich habe mir Nächte um die Ohren geschlagen, um das alles in eine iPad- bzw. eReader-taugliche Form zu bringen. Der Clou: Wer will, kann sich die Text-Sammlung auch als gebundenes Taschenbuch drucken lassen, 136 Seiten für 9,99€.

Weil es Euch bestimmt interessiert, wie sich der Preis für das Buch, je nach Vertriebsweg, zusammensetzt, habe ich Produktionskosten und Gewinn für Euch grafisch aufgeschlüsselt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Ihr das Buch haben wollt, wählt das Modell, das Euch am besten gefällt:

eBook für iPad/iPhone 1,99 € (davon geht 1 € an mich)

iBook ext. Version inkl. Videos etc. (iPad + iBooks 2 only) 0,99 € (davon gehen 69 Cent an mich)

eBook für Kindle (ePub-Format) 1,99 € (davon geht 1 € an mich)

Taschenbuch (Print – über Amazon) 9,99 € (davon gehen 25 Cent an mich)

Taschenbuch (Print – über ePubli) 9,99 € (davon gehen 1,56 € an mich)

Über das Ergebnis werde ich selbstverständlich in einem meiner nächsten Blogposts berichten.

 

Occupy Wallstreet Livestreams

Die Situation auf den Straßen im Finance District. ist unübersichtlich. Die Räumungsaktion des Zuccotti-Parks vorgestern könnte sich als Bumerang erweisen. Offenbar versuchen die Demonstranten jetzt, die Wallstreet selbst zu besetzen. Hier einige Videostreams, die seit heute Morgen kontinuierlich Live-Bilder senden.

Alle Live-Streams nach dem Break:. Weiterlesen

Das Erfolgsgeheimnis von ‘The Economist’

Crossmedia, Social Media, DVD-Beilage und Augmented Reality. Der ‘Economist’ kommt gänzlich ohne jeden Klimbim aus und findet am Zeitungskiosk wie auf dem iPad reissenden Absatz. Ein Besuch in den schmucklosen Redaktionsräumen des vielleicht besten Nachrichten-Magazins der Welt.

Es ist ein grauer Oktober-Morgen. Grau der Himmel und grau das Gebäude, vor dem ich stehe. Ein hässlicher Zweckbau umgeben von herausgeputzten Hausfassaden, Kaffeehäusern und Bücherläden, unweit des Piccadilly Circus. Hier also entsteht ‘The Economist’, vielleicht das beste Nachrichten-Magazin der Welt.

Ich treffe Oliver August, gebürtiger Deutscher aus Bremerhaven. Oliver hat Philosophie und Politik in Oxford und an der City University von London studiert. Seine journalistische Karriere begann bei der London Times, die ihn zum Bureau-Chief der Times in Peking machte. Dort verfasste er ein Buch über den chinesischen Wirtschaftsverbrecher Lia Changxing ‘Inside the Red Mansion‘ (Amazon Partner Link), das in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde. Seit einigen Jahren ist Oliver beim Economist, wo er für Afrika und den Nahen Osten zuständig ist.

Die Redaktion des Economist sei so etwas wie eine Zeitkapsel, sagt Oliver. Schmucklose Räume und Korridore, kein Großraumbüro, wie sonst üblich in der Branche – hier gibt es noch Einzelbüros, die in der Regel von zwei Redakteuren geteilt werden. Viele Büros stehen an diesem Morgen leer, auch Oliver verbringt im Schnitt rund eine Woche im Monat mit Reisen. “Bei uns herrscht keine Anwesenheitspflicht”, sagt er. “Wenn du nicht im Büro bist, geht jeder davon aus, dass du gerade an einer Geschichte arbeitest. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.”

Zweistellige Gewinnzuwächse, bei steigender Auflage und einem Anstieg der Werbeeinnahmen von 15 Prozent in diesem Jahr. Während andere Verlage Stellen streichen und Redaktionen zusammenlegen, feiert die Economist-Group einen Auflagenrekord nach dem nächsten. Und das auch im Netz: Die schnörkellose iPhone/iPad-App wurde über 2 Millionen mal heruntergeladen mit rund 40 Prozent Zuwachs beim Webauftritt.

“Wir leisten uns noch den guten alten, klassischen Journalismus”, sagt Oliver August “und für den nehmen wir uns viel Zeit”. Der Chefredakteur sei ein großer Internet-Fan, der Großteil der Belegschaft jedoch eher noch zurückhaltend, was technische Gadgets angeht. Oliver August deutet auf das iPhone, mit dem ich das Video zu diesem Blogpost mache, grinst: “Zeig ihm das bloß nicht, sonst kommt der noch auf dumme Gedanken und verlangt, dass ich von meinen Reisen auch noch ein Video mitbringe!”

“Es ist gut, manchmal nicht erreichbar zu sein. Ich brauche auch diese Stunden, Eindrücke einfach mal auf mich wirken zu lassen. Es macht die Geschichte besser.”

‘The Economist’ wurde 1843 gegründet und gehört heute zu 50 Prozent der Financial Times, die andere Hälfte teilen sich Mitglieder der Rothschild-Familie, die Erben von Fiat-Gründer Giovanni Agnelli, sowie einige Redaktionsmitglieder.

Lese-Empfehlung: ‘The biggest reason we’re successful is that we are lucky’ (The Guardian)

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7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben

Manuskript zu meinem Impulsreferat, das ich anlässlich der Fachtagung “24 Stunden Zukunft” für junge Journalistinnen und Journalisten des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) in Hamburg gehalten habe.

Wer mich kennt, weiß, ich bin ein Hybridmodell. Ich moderiere die Spätnachrichten im Fernsehen, ich blogge, ich schreibe aber auch für dieses Dingsda… dieses… Ja. Richtig: Zeitung.. Ich bin also in der alten wie in der neuen Welt zuhause …und ich kenne alle Tricks:

  • Wie man Straßenumfragen so schneidet, damit die Passanten auf der Straße zufällig am Ende genau die gleiche Meinung vertreten, wie der Redaktionsleiter, der einen mit dieser wichtigen Aufgabe betraut hat.
  • Wann ich meine Blogposts live schalte, damit die Presseabteilung der betroffenen Firma, über die ich blogge, möglichst nicht mehr am selben Tag reagieren kann.
  • Wie man mit dem Presseausweis des DJV ordentlich Journalistenrabatte abstaubt.

Ich weiß das alles.

Und weil ich das alles weiß, fällt es mir umso leichter, heute nicht nur ein Nest zu beschmutzen, sondern gleich zwei!. Sollte ich also jemanden von Ihnen verletzen, seien Sie versichert, ich meine jedes Wort genau so wie ich es sage.

“Mit Synergien in den Untergang” lautet laut Programmheft der Titel meines Impulsvortrages. Ich möchte diesen Titel um eine eigene Unterzeile ergänzen:. “7 ultimative Tipps, damit Sie auch morgen noch einen Job haben”

Tipp Nummer 1: Streichen Sie das Wort “Synergien” bitte noch heute aus Ihrem Wortschatz!

Vergessen Sie, dass dieses Wort jemals existiert hat und verwenden Sie es möglichst niemals wieder. “Synergien nutzen”,”crossmedial” oder auch “trimedial arbeiten” – Buäh! Was soll das?! Erstens: Wer das Internet im Jahr 2011 immer noch als Medium bezeichnet, der soll jetzt bitte nach Hause gehen und sich lieber wieder um seine MySpace-Seite kümmern. Zweitens: Wie alt ist dieses Internet-Dingens doch gleich? 20 Jahre? Wer heute noch zwischen alten und neuen Medien unterscheidet, hat auch wirklich gar nix kapiert.

Tipp Nummer 2: Verbrennen Sie Ihre Social Media Guidelines!

Bei der ARD haben wir jetzt Social Media Guidelines. Hat auch nur 3 Jahre gedauert, bis sich alle angeschlossenen Anstalten auf ein gemeinsames Papier einigen konnten, das so lang ist und sich ungefähr so spannend liest, wie die Nutzungsbedingungen des Apple iTunes-Stores. Mal ehrlich: Wer hat sich diesen Müll ausgedacht? Ich weiß nicht, wie viele Juristen, Hauptabteilungsleiter und Social Media-Beauftragte an diesem Machwerk gesessen haben.

Wenn man solche Social Media Guidelines liest, hat man hinterher soviel Lust auf Facebook, Twitter oder Blogs wie auf Hämorrhoiden. So notwendig wie die Packungsbeilage zu einer Glasflasche auf der die Worte stehen: Vorsicht Gift!

Verbrennen Sie Ihre Social Media Guidelines und verteilen Sie, wenn schon, lieber bunte Buttons oder Sticker auf denen mit freundlichen Buchstaben steht: “Sei kein Idiot”.

Tipp Nummer 3: Lesen Sie keine Zeitung mehr!

Eine Beobachtung, die ich immer wieder gemacht habe – und zwar egal für welches Medium ich bisher gearbeitet habe: Medienmacher gehören zu den ideenlosesten, bequemsten und mutlosesten Menschen, die ich kenne. Schreit einer “Killergurken!”, schreiben es alle anderen ab. Wir Journalisten sind die personifizierte Copy & Paste-Funktion, dafür benötigt es noch nicht einmal das Internet.

In den meisten Redaktionen, für die ich bisher gearbeitet habe, besteht eine Redaktionssitzung darin, dass wir die Schlagzeilen der Morgenzeitungen ausschlachten und für die Abendnachrichten und Magazine verfilmen. “Laaaaaangweilig!” sage nicht nur ich, sondern sagen auch unsere Zuschauer. Aber dann die Nase rümpfen, wenn die lieber das Dschungelcamp gucken. Liebe Kollegen: Lesen Sie keine Zeitung mehr!

Tipp Nummer 4: Zerschnippeln Sie Ihren Presseausweis!

Ich bin vor Jahren aus dem DJV ausgetreten. Aus Gründen. Das erste Jahr habe ich meinen Presseausweis vermisst. Dann nicht mehr. Im Gegenteil. Seitdem ich nicht mehr so oft mit den offiziellen Presseabteilungen zu tun habe, weil die ja mit Bloggern sowieso nicht reden und auf einen Presseausweis bestehen, kann ich viel freier, viel journalistischer arbeiten:

Pressesprecher: “Moment mal! Haben Sie eine Drehgenehmigung?”

Ich so: “Nee, is nur für mein Blog.”

Pressesprecher: “Achso.”

Plötzlich kann man wieder Dinge ohne Aufsicht tun, mit Leuten reden, Fotos machen, wo man mit dieser Plastikkarte und einer ordentlichen Akkreditierung nie, nie, niemals hin dürfte! Während die Verlage und Sender ihre Redaktionen so ausgedünnt haben, haben Firmen und Regierungen ihre Wellenbrecher an Pressesprechern und PR-Firmen so hoch gefahren, dass wir nur noch selten bis zum Kern einer Geschichte vordringen.

Unterlaufen Sie diese! Lernen Sie wieder, unter dem Radar zu fliegen! Rufen Sie nicht in der Presseabteilung an! Und tun Sie sich selbst den Gefallen:. Zerschnippeln Sie Ihren Presseausweis!

Tipp Nummer 5: Zertrümmern Sie Ihr iPad!

Dieses Ding hier (iPad) wird weder die Zeitung, noch Ihren Job retten. Das können nur Sie selbst. Eine dünne, unmotivierte Geschichte wird auch auf einem schicken Gerät nicht besser. Das gilt übrigens auch für diesen ganzen Multimedia-Nonsens. Wenn Sie nichts zu sagen haben, wird Ihre Geschichte auch nicht besser, wenn Sie neben Ihren Text eine lustige Flash-Animation einfügen. Läuft auf dem iPad eh nicht. Daher:. Zertrümmern Sie Ihr iPad!

Tipp Nummer 6: Meiden Sie Bedenkenträger

Ich arbeite seit über 10 Jahren beim Bayerischen Rundfunk, habe dort viel gelernt und bin mit Herzblut Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Systems. Was ich viel zu spät kapiert habe: Unsere Neigung, jede Form von Fortschritt zu bekämpfen, überall vor allem die Gefahren zu sehen und so Dinge wie Twitter, Facebook oder Google niederzumachen, bevor wir es überhaupt auch nur mal ausprobiert haben – diese Attitüde kotzt mich an.

Seitdem ich mich ein bisschen freigeschwommen und den experimentierfreudigen offenen Journalisten in mir wiederentdeckt habe, habe ich mir folgendes vorgenommen: Egal an welchen Projekten ich in Zukunft arbeite, ob ich blogge, Workshops besuche oder auch mal ein Impulsreferat wie heute hier halte: Umgib Dich mit positiven Menschen! Stinkstiefel, Miesepeter und Langweiler, die immer nur jammern, habe ich bis hier! Meine Zeit ist zu kostbar, um mich von Bremsern und Blockierern runterziehen zu lassen. Dafür ist die Epoche, in die wir da hineingeboren worden sind, viel zu aufregend. – Meiden Sie Bedenkenträger!

Und damit bin ich auch schon beim letzten Punkt meines kleinen Offline-Rants angekommen. Einem Punkt, von dem ich weiß, dass er Ihnen sehr wichtig ist, deshalb habe ich ihn mir zum Schluss aufgehoben:

Tipp Nummer 7: Denken Sie nicht an Geld!

Ich weiß, dass Sie jetzt sagen: “Ach, der Gutjahr hat leicht reden, bei all den Millionen die der mit seinem Blog verdient!” Zur Info: Auch ich habe schon mehrfach durch Einsparungen und Umstrukturierungen meinen Job verloren. Das letzte mal 2010 im Juli. Am Ende habe ich zum Glück immer irgendetwas anderes gefunden. Auch die Öffentlich-Rechtlichen sind keine sichere Bank.

Deshalb: Tun Sie das, woran Sie glauben, wovon Sie überzeugt sind. Klar müssen Sie dabei auch zusehen, dass genug Geld reinkommt. Arbeiten Sie 4 Tage die Woche in einer soliden, klassischen Umgebung. Aber dieser eine, dieser 5. Tag, der gehört Ihnen! Beginnen Sie ein Blog, eröffnen Sie einen YouTube-Channel, allein oder in der Gruppe, suchen Sie nicht nach Synergien sondern nach Gleichgesinnten und machen Sie Ihr Ding!

Wenn Sie für das Brennen, was Sie machen und Sie Ihr Handwerkszeug einigermaßen beherrschen, gebe ich Ihnen Brief und Siegel: Das Geld wird irgendwann kommen.

Sie leben in einer geilen Zeit. Machen Sie was draus!

Vielen Dank.

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Blogger als Brandstifter

Wie entstehen Medien-Hypes? Welchen Einfluss haben Blogger auf das Agendasetting klassischer Medien? Und: Brauchen wir überhaupt noch Gatekeeper in einer Welt, in der es scheinbar keine Gates mehr gibt?

Schatz, lass uns Schlagzeilen abfilmen

Seitdem ich blogge, lerne ich jeden Tag dazu – nicht etwa nur über die neuen Medien, sondern gerade über die alten. So kommt es mir heute etwas seltsam vor, dass wir Fernsehmacher dazu neigen, die Schlagzeilen, die morgens in der Zeitung stehen, tagsüber für die Abendnachrichten zu “verfilmen”. Haben wir nicht genug eigene Ideen, oder trauen wir uns und unserem eigenen Urteilsvermögen nicht?

Sonntag, 25. September

Agendasetting im Clusterfuck

Themen werden von der Redaktion oft erst als solche wahrgenommen, wenn auch die Konkurrenzhäuser darüber berichten. Andere Geschichten fallen dafür hinten runter oder finden nur mehr unter ferner liefen statt. Redakteure, die sich an Redakteuren orientieren, sind die Regel geworden – eine selbstreferentielle Themenauslese – oder anders ausgedrückt: Agendasetting im Clusterfuck.

So kann es passieren, dass geschichtsträchtige Ereignisse, wie zum Beispiel der arabische Frühling über Tage hinweg nur auf Al Jazeera stattfinden. Meldungen von spanischen Killer-Gurken hingegen werden von Bild bis Tagesschau ins Groteske überzogen.

Dienstag, 27. September (Foto:. Dorin Popa)

Blogger als Trend- oder Agenda-Setter?

Auch in der Blogosphäre kommt es regelmäßig zu Erregungswellen über Themen oder auch Personen. Oft gehen diese von sog. „Influencern“ aus, also von Web-Personalities, die über eine große Stammleserschaft oder Followerzahl verfügen. Diese Alpha-Blogger übernehmen in der Web-Welt quasi die Rolle der klassischen Gatekeeper; Chefredakteure, nur in cooleren Klamotten und mit hipperen Frisuren. Trend- und Agenda-Setter in einer Person.

Meine Beobachtung: Das Internet hat den Aufmerksamkeitsverlauf der alten Medienwelt nicht grundsätzlich auf den Kopf gestellt, sehr wohl aber beschleunigt und um ein paar neue Themen und Blickwinkel bereichert.

Mittwoch, 28. September

We didn’t start the fire – or: …did we?!

Woran liegt es nun aber, dass manche Themen im Web wie in der analogen Welt zum Hype werden, sich wie ein Lauffeuer verbreiten – andere hingegen nicht?

Mit meiner Facebook-Geschichte vergangene Woche habe ich einmal mehr erlebt, wie sich ein Blogpost verselbständigt. Erstaunlich: Das Thema war ganz und gar nicht neu – mit dem Hauptakteur Max Schrems stehe ich schon seit Monaten in Kontakt, über dessen Initiative Europe vs. Facebook wurde schon des Öfteren berichtet.

Donnerstag, 29. September

Eine ähnlichen Verlauf nahmen frühere Blogposts von mir, beispielsweise die Geschichte über den vermeintlich sicheren ePost-Brief der Deutschen Post oder auch die Story über den WeTab-Chef, der Kundenberichte bei Amazon fälschte. Erstaunlich: Nicht immer war ich der Erste mit meinen “Enthüllungen”. Und doch waren es meine Texte, die eine mediale Kettenreaktion auslösten. Beim WeTab endete diese mit dem Rücktritt des Firmenchefs. In der Konzernzentrale der Deutschen Post spricht man intern (wie mir aus zuverlässiger Quelle berichtet wurde). vom „Gutjahr-Gate“.

Donnerstag, 29. September

5 Zutaten für einen Medien-Hype

Was muss also zusammenkommen, damit eine Geschichte im Netz einen derartigen Hype erzeugt, dass diese ihren Weg auch in die traditionellen Medien findet und dort, wie eingangs erwähnt, zig-fach von den unterschiedlichsten Redaktionen reproduziert wird?

Folgende 5 Kriterien habe ich ausgemacht:

1) Das Thema muss für einen Großteil der Leser relevant sein

2) Das Thema muss pointiert und schlüssig aufbereitet sein

3) Die Quelle der Information muss glaubhaft sein

4) Das Timing muss stimmen

5) Der Urheber muss über eine gewisse Bekanntheit verfügen

Das heißt nicht, dass alle diese Kriterien immer erfüllt sein müssen. Jedoch: Je mehr dieser Punkte auf eine Nachricht zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie on- wie offline verbreitet wird.

Donnerstag, 29. September

Eure Meinung – Habe ich etwas vergessen?

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California Diaries (1): Borderline

Rückkehr ins Silicon Valley. Ein Jahr ist es her, dass Marcus Schuler und ich im Herzen der Tech- und Webwelt unterwegs waren. Seitdem ist eine Menge passiert… (Diese Serie jetzt täglich direkt aus Kalifornien)

Trotz Hurricane- und Erdbeben-Warnungen, unsere Reise von München-San Francisco nach Sunnyvale verlief gänzlich unspektakulär. Für einen echten Journalisten fast schon enttäuschend ;-). Im US-TV wetteifern Fox News und CNN, die Apokalypse heraufzubeschwören; Glenn Beck (ehem. CNN, dann Fox), den ich vor 3 Wochen noch in Jerusalem getroffen habe, bezeichnet Irene konsequenterweise als ‘Gods Blessing’. Anderson Cooper steht am Battery Park von Manhattan in der einzigen Pfütze weit und breit und sagt: “I’m standing here right in the water.” (Eine gute Diskussion zu dem Thema gibt es übrigens bei Poynter: “Public Service or Weather Porn?”).

Marcus und ich – wie Ihr wisst stets auf der Suche nach der Wahrheit – . …und einem HP Touchpad für 99 Dollar. Doch unsere Hoffnung wird schon an der Eingangstür zum nächstbesten Best Buy begraben (siehe Bild). Wer uns vor nur einem Jahr erzählt hätte, dass Hewlett Packard Mitte 2011 bekannt geben wird, seine einst so erfolgreiche PC-Sparte einzustellen und dass der großmäulig angekündigte iPad-Killer von HP nur kurze Zeit nach dem Release auf dem Grabbeltisch landet, den hätte ich für nicht zurechnungsfähig gehalten (okay, letzteres hätte ich ihm geglaubt).

Nur einen Block von Best Buy entfernt werden Marcus und ich auf eine Menschen-Ansammlung aufmerksam. Vor dem Borders-Buchladen wartet ein gutes Dutzend Personen auf Einlass. “GOING OUT OF BUSINESS” steht in großen gelben und roten Lettern auf den Plakaten. Alles muss raus, mit Rabatten von bis zu 70%. Mit ‘alles’ ist wahrhaftig alles gemeint: Bücherregale, Verkaufstresen, Stühle – das gesamte verdammte Inventar. Betroffen ist nicht nur diese eine Filiale im Silicon Valley (Wer liest hier schon!), die ganze Kette wird aufgelöst.

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Kill Switch – Mein Boykott von Amazon & eBay

Die US-Homeland Security will einen ‘Kill Switch’, eine Vorrichtung, um Teile des Internets auf Knopfdruck lahmzulegen. Dass man keine Bedenken hat, davon auch Gebrauch zu machen, demonstriert Washington jetzt eindrucksvoll beim Feldzug gegen WikiLeaks. Konzerne wie Amazon und eBay erweisen sich dabei als nützliche Erfüllungsgehilfen.

Wie viele von Euch habe ich die Entwicklungen rund um WikiLeaks mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ich habe Gespräche geführt, mit Kollegen, mit Freunden, mit Vertretern der US-Regierung. Es gibt gute Gründe, die Veröffentlichung von Diplomatenpost zu verurteilen: Da wird die Gefährdung von Informanten ins Feld geführt, oder auf das sensible Gleichgewicht in der arabischen Welt hingewiesen.

Was an diesen Argumenten dran ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was mich jedoch in der Tat wundert, ist die Tatsache, dass sich alle WikiLeaks-Veröffentlichungen bislang allein auf die USA konzentrieren. Wo bleiben die entsprechenden Berichte aus dem Iran, aus Russland oder aus China? Warum ausgerechnet einen Staat bloßstellen, der nach wie vor zu den offensten Nationen der Welt zählt?

Mein Interview mit Conrad Tribble, US-Generalkonsul in München

Angriff auf die Pressefreiheit

Es ist nachvollziehbar, dass die US-Regierung alles daran setzt, die undichte Stelle in den eigenen Reihen zu überführen und Vorkehrungen zu treffen, dass sich so ein Vorfall nicht all zu schnell wiederholt. Mit Sorge hingegen sehe ich den Umgang mit WikiLeaks. Gegen eine Plattform vorzugehen, deren Verbrechen darin besteht, nicht etwa Lügen zu verbreiten, sondern die Wahrheit, da stimmt irgendetwas nicht.

Die USA üben Druck aus auf Amazon, auf PayPal (seit 2002 Tochter von eBay) und auf andere „Kollaborateure“, verlangen, WikiLeaks von ihren Servern zu verbannen. Müssten sie nicht mit gleicher Vehemenz auch gegen die New York Times, eigentlich gegen die gesamte freie Presse ins Feld ziehen (siehe dazu auch die Erklärung von ‘Reporter ohne Grenzen’)? Denn genau genommen hat WikiLeaks nichts getan, was investigative Journalisten nicht auch tun: gesellschaftlich relevante Informationen sichten, diese zu verifizieren und zu veröffentlichen.

Rap mit Überraschungsgast: ‘The War On Journalism’ . feat. Julian Assange

Ein Kill Switch für das Internet

Washington beruft sich darauf, dass der Informant von WikiLeaks die Depeschen auf illegale Art und Weise erlangt hat. Aber das liegt nun mal in der Natur solcher Papiere! Manch Pulitzer-Preis basiert auf der Verwendung von illegal zugespielten Tonbändern oder Dokumenten.. Was Cablegate von früheren Enthüllungen durch die Presse unterscheidet, ist die schiere Masse an Unterlagen, die WikiLeaks publiziert. Doch das ist weniger der Organisation geschuldet, sondern viel mehr dem technischen Fortschritt.

Eben diesen technischen Fortschritt beklagen viele Machthaber seit geraumer Zeit.. Senator Joseph Lieberman, Vorsitzender des US-Homeland-Security-Ausschusses im Senat, hat diesen Sommer seinen Protecting Cyberspace as a National Asset Act vorgestellt. Ein Gesetz, dass u.a. den US-Präsidenten dazu ermächtigt, Teile des Internets per Knopfdruck lahmzulegen. Wie schnell eine Regierung dazu verleitet sein kann, von einem solchen ‘kill switch’ Gebrauch zu machen, erleben wir aktuell in der WikiLeaks-Debatte.

Joseph Lieberman, Homeland Security Ausschuss, rechtfertigt den Druck auf Amazon

Auch New York Times und Twitter auf Amazon Servern

PayPal und Amazon waschen ihre Hände in Unschuld, berufen sich auf ihre Geschäftsbedingungen. (die offiziellen. Statements von Amazon und von PaypPal zu WikiLeaks). Doch galten diese AGB nicht schon vor Cablegate? Amazon Web Services rühmen sich damit, auch Twitter und die New York Times über ihre Server zu verbreiten. Warum sollte es nach wie vor erlaubt sein, die New York Times über Amazon zu beziehen, nicht aber die zugrundeliegenden Originaldokumente? Warum haben Amazon und eBay im vorauseilenden Gehorsam gehandelt, gibt es doch noch nicht einmal einen ordentlichen Gerichtsbeschluss?. Wenn es sich jemand leisten könnte, einer Regierung die Stirn zu bieten, dann doch wohl zwei global aufgestellte Internet-Konzerne wie Amazon oder eBay.

“Those who would. give up essential. liberty to purchase a little temporary safety deserve neither. liberty nor safety.”

Benjamin Franklin

Weil Amazon keine Kritik auf seiner Facebook-Seite zulässt . und jegliche Kommentare zu Wikileaks sofort löscht, sehe ich nur eine Möglichkeit, Amazon, eBay, aber auch allen Mitbewerbern ein Zeichen zu senden. Ich tue das, indem ich Gebrauch mache von eben diesem freien Internet, das es zu verteidigen gilt – sei es vor Eingriffen durch den Staat oder durch Konzerne. Ich hoffe, Ihr tut es mir gleich und bloggt ebenfalls zu dem Thema – und/oder hinterlasst mir einen Kommentar auf dieser Seite.

Darüberhinaus werde auch ich meine Weihnachtsgeschenke – entgegen meiner Gewohnheit – dieses Jahr nicht bei Amazon kaufen. Genauso, wie ich meinen PayPal-Button von meinen Seiten entfernt habe.

Kindisch? Vielleicht. Aber irgendwo muss man ja ansetzen.

Das ist Dir was wert?

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WikiLeaks? – Das Internet ist nicht das Problem

Der US-Generalkonsul hat seine Facebook-Fans in ein Münchener Café zum Townhall-Meeting eingeladen. Ursprünglich lautete das Thema “2 Jahre Barack Obama” – aber natürlich dauerte es nicht lange, bis der Chefdiplomat auf WikiLeaks zu sprechen kam…

Die San Francisco Coffee Company, Odeonsplatz München. Der Generalkonsul hat zur Political Lounge geladen. Nicht über den üblichen Presseverteiler, sondern über die Facebook-Seite des Konsulats. Die Hütte ist gerammelt voll – und das liegt nicht nur am Gratis-Kaffee für die Early-Birds. Ob Schüler oder Rentner, Deutscher oder Amerikaner – alle wollen hören, was der Chefdiplomat zu sagen hat; über Obama, über die Midterm-Elections, über WikiLeaks.

Conrad Tribble, seit Sommer 2009 Generalkonsul in München, war zuvor u.a. in Bagdad und in Haiti stationiert. Er habe schon schlimmere Tage erlebt, sagt er, wobei der WikiLeaks-Vorfall natürlich alles andere als angenehm sei. Tribble ist viel unterwegs, im realen Bayern, aber auch in virtuellen Räumen, vor allem bei Facebook und bei Twitter.

Angriff nach vorn

Das Münchner Kaffeebar-Townhall-Meeting verläuft ruhig und ohne besonderen Zwischenfälle. Der Consul General referiert über die innenpolitische Lage in den USA, er beantwortet Fragen zur Umweltpolitik, zur Gesundheitsreform und zur Finanzkrise. Weil sich niemand zu fragen traut, kommt Tribble schließlich selbst auf “Cablegate” zu sprechen.

Er sei sauer gewesen, als er seine eigenen, zum Teil als ‘confidential’ eingestuften Depeschen bei WikiLeaks finden musste. “Depeschen”, rümpft der Konsul die Nase, “was für ein altmodisches Wort”. Conrad Tribble spricht perfekt deutsch, als Austauschschüler und Student verbrachte er einige Zeit in Niedersachsen und in Bonn.

Transparenz und Offenheit zwischen Regierung und den Bürgern sei sehr wichtig, sagt Tribble. Aber vertrauliche Gespräche zwischen den Regierungen seien es nun mal auch. Was WikiLeaks da getan habe, sei verantwortungslos. “Das Problem ist nicht das Internet.”

Ein spontanes Interview

Mehr zum Thema WikiLeaks erzählt der Generalkonsul im Anschluss an die Veranstaltung. Das improvisierte Interview übrigens aufgenommen mit meinem iPhone4. Die schlechte Tonqualität bitte ich zu entschuldigen.


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First look: iPad-Magazin “PROJECT”

Phase 2 der Web-Re-Kolonialisierung hat begonnen: die Schlacht um das iPad. Mit nicht unerheblichen Aufwand hat Virgin-Boss Richard Branson jetzt das Tablet-Magazin “PROJECT” gelauncht – und ist damit Rupert Murdoch und seinem “The Daily” zuvor gekommen.

Auf den ersten Blick erinnert PROJECT an die iPad-Umsetzung von WIRED. Genau genommen. IST es WIRED – nur mit einem anderen Titel. Ganz schön dreist: Sowohl das Layout, die Usability, vor allem aber die Inhalte sind deckungsgleich: Pop-Science, Lifestyle und natürlich jede Menge Tech-Gizmos. Das alles aufgehübscht mit vielen Infografiken und (sprichwörtlich). Zappelbildern – ein 1:1-WIRED-Klon.

Look and Feel

Beim Durchblättern (Swipen) fühlt man sich wie in der Technik-Abteilung des Deutschen Museums. Überall auf den Seiten gibt es Knöpfe zum Draufdrücken und dann bewegt sich oft auch was: mal eine Slideshow, mal ein Video oder ein Kasten poppt heraus mit mehr oder weniger Erkenntnis erweiternden Info-Häppchen.

Was drin steht?

Keine Ahnung. Obwohl ich eine halbe Stunde “geschmökert” habe, kann ich es nicht sagen. Die ganze Lektüre hindurch wird man genötigt, irgendwo draufdrücken zu müssen. Und das tut man dann auch, allein schon, weil man Angst hat, ein verstecktes Killerfeature, eine wichtige Information zu verpassen. Das stört aber tierisch den Lesefluss. Weshalb ich am Ende auch keinen einzigen Artikel gelesen habe.

Fazit

Mein erster Eindruck: durchaus positiv (mir gefällt übrigens auch das WIRED-Magazin auf dem iPad). Der Preis (2,99 US$) in Ordnung. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der Einsatz von mehr oder weniger nichtssagenden Info-Kästen, Finger-Wisch-Spielchen und ähnlichen Gimmicks wirklich die Zukunft ist. Mein Tipp wäre hier: Weniger ist mehr. Das Wenige dann aber “Wow”.

Virgin’s PROJECT – eine Wundertüte für Techies. Die nächste Ausgabe gibt’s am 23. Dezember.

Links:

Financial Times Deutschland:. Virgin kontert Murdoch’s iPad-Vorstoß

LA Times: Rupert Murdoch to launch iPad-only newspaper


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