Die Piratenpartei – die neuen Grünen? Fiktiver Gastbeitrag eines grünen Abgeordneten aus der Monatszeitschrift “Parlament & Plebs”
Deutschland, ich weine um Dich! Der Homo digitalis degeneriert in Echtzeit, vom Primaten zum Piraten: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Weil Ihr mit Euren weißen Kabeln, die Euch aus den Ohren wachsen, durch die Welt rennt und dabei ständig nur auf das Display Eures iPhones starrt, habt Ihr zu nichts eine Meinung. Euro-Rettungsschirm? Steuersystem? Sozialabgaben? -„Dazu haben wir noch keine Position.“ Alles so schön bunt hier!

Völker hört die MP3-Signale! Es ist das letzte Gefecht zwischen On- und Offlinern, zwischen denjenigen, die Verantwortung tragen und denjenigen, die diese nur möglichst basisdemokratisch verteilen wollen. Transparenz, Mitbestimmung, Liquid Democracy, Buäh! Glaubt Ihr denn wirklich Politik ist so einfach? Meint Ihr, wir hatten keine Ideale, damals? Wir haben in Wackersdorf demonstiert. In Wackersdorf! Wisst doch nicht mal, wie man Protest buchstabiert, ohne Eure in die Wolke outgesourcten Hirne zu bemühen!
Noch kokettiert Ihr, die Piratenflagge schwenkend, in Talkshows mit Eurem Unwissen. Probiert das mal, wenn Ihr erst im Bundestag sitzt! Wenn Ihr Verantwortung habt, für Deutschland, die Wiederwahl, für gutdotierte Aufsichtsratsposten.
Gestern war Welttag des geistigen Eigentums. Eigentum – wisst Ihr überhaupt noch, was das ist, Ihr Community-Kommunisten? Statt zu kaufen, zu konsumieren und danach bitteschön die Klappe zu halten, wie es sich gehört, wollt Ihr alles für Mau. Und dann auch noch überall mitreden, teilen, liken, mixen. Facebook und Twitter, das sind keine sozialen Netzwerke, das ist Sozialismus!
Aber Ihr werdet Euch noch umsehen! Auch Ihr werdet eines Tages aus Eurer Cloud fallen und Euch in einem Spießer-Reihenhaus am Stadtrand wiederfinden. Mit C-Klasse und einer Hypothek an der Backe, die Ideale, längst im Rosenbeet vergraben. Wenn aus Eurer Virtual Reality fleischgewordene Realpolitik geworden ist, werden wir doch mal sehen, ob Ihr dann immer noch so dämlich grinst! Merkt Euch meine Worte: Erst wenn die letzte Zeitung gedruckt ist, und der letzte Datenstrom versiegt, werdet Ihr feststellen, dass man Facebook-Likes nicht essen kann.


8 Gedanken zu “Nieder mit dem Piraten-Pack!”
Zitiert vonDas kommt jetzt sicher auf den grünen Abgeordneten an, der hier fiktiv schreibt, aber nicht jeder benutzt den Begriff des “geistigen Eigentums”, wenn er von Immaterialgütern schreibt. Ansonsten glaube ich bei aller Satire persönlich wirklich, dass die Piratenpartei sich Stück für Stück mehr dem System anpasst, dass sie verändern wollten. Das mag mensch nach den letzten Monaten mit Häme kommentieren, ich sehe da aber auch eine positive Entwicklung drin.
…sagt der isar-Matrose ;-) nice.
Klingt wie ein heimliches eingeständnis der Bestechlichkeit. So wie hier Privatfinanzanliegen mit Politik vermischt wird. Also Zitat(Spießer-Reihenhaus am Stadtrand wiederfinden. Mit C-Klasse und einer Hypothek an der Backe, die Ideale, längst im Rosenbeet vergraben. ) finde ich schon sehr merkwürdig.
Nice!
… allein der Satz mit dem Rosenbeet… Herrlich!
Schöne Gratwanderung zwischen Satire und realer Warnung für die Piraten.
Ich glaub die beste Stellungnahme zur Piratenpartei, seit dem es sie gibt ;)
Interessant was die Medien aus den Piraten machen. Die haben jetzt schon ihr Image weg. Sonderlinge und Nerds? Vielleicht zum Teil, aber im Moment sind die Piraten in aller Munde und vor allem ständig im Fernsehen und Radio vertreten. Gut für sie. Ist es doch schließlich alles kostenlose Werbung für die nächste Wahl und sie funktioniert auch.
Das Bild der Piraten ist so dann doch sehr verzehrt. Als IT-Fachmann verdiehnt man gar nicht so schlecht und die älterne der Mitglieder Wohnen bestimmt bereits in ihren Reihenhäusern und Fahren C-Klasse. Es ist ein gewisser Idealismus der hinter den Piraten steckt. Ein Einfordern des politischen Mitspracherechts und ein Auffordern an alle zum Mitreden. Ein Blick in das Forum der Piratenpartei zeigt die Rege Beteiligung und jeder kann mitdiskutieren.
Das ist Demokratie. Müssen denn alle Mitgleider einer Partei die selbe Meinung vertreten nur um Geschlossenheit zu demonstrieren? Muss es einen Grünen in einer Identitätskrise stürzen wenn andere Parteien ihen Recht geben und sogar die CDU grüner wird?
Es bleibt spannend auf der politischen Spielwiese und vielleicht bewegt sich ja mal was.
Die Satire enthält wie die meisten dieser Art eine Menge Wahrheit…inklusive des Geständnisses, dass der politische Idealismus nicht wirklich im realen Kampf um gute oder weniger gute politische Ziele eine Überlebenschance hat.
Immerhin – mal so ergänzt von mir – sind nur wenige Politiker nach ihrem Engagement ärmer zurückgeblieben als sie vorher waren…
Was die Piraten angeht, muss ich den Kritikern in mancher Weise beipflichten – leider.
Schon altersgemäß gehöre ich nicht zu der Sorte, die auf jeden Hype gleich anspringt, wohl wissend, dass sich alles schneller verändern wird, als einem lieb ist.
Wenngleich die Piraten ganz wesentlich vernachlässigte Grundrechte zu Recht reklamieren und teilweise Modelle anbieten, die von der Polit-Gesellschaft mit mehr Ernsthaftigkeit akzeptiert werden sollten (auch diese hätten dann Chancen, wieder mehr Bürgernähe zu praktizieren, die es heute nicht mehr gibt!).
Insofern “lohnt” es sich gerade hier, das anzusprechen wie Informationsfreiheit für alle und das kostenlos und vernetzt – finde ich sinnvoller als FB- oder Google-Werbung…oder auch neue Formen politisch relevanter Abstimmungsverfahren, um damit dem Ur-Gedanken von Demokratie wenigstens wieder etwas näher zu kommen – schließlich haben wir heute nur noch eine Lobbyisten-Demokratie, die im Grunde nur noch Teile des ganzen Volkes repräsentiert!
Diese Gedanken so stark öffentlich zu vertreten, war kein neuer Versuch, aber der erste, der wirklich Bewegung ins Volk gebracht hat und mithin ein Verdienst alleine dieser Partei sein wird – auch historisch.
Ansonsten vermeiden die Piraten wohlweislich gesellschaftlich schwierige Themen, wo ihnen ein gesichertes Profil fehlt – wie unsere soziale Schieflage in Deutschland, das jurisitische System-Chaos und unsere desaströse Wirtschafts- und Finanzpolitik – die allerdings von allen Gesellschaften fehlgeleitet ist und damit auch von allen politischen Strömungen falsch vertreten / praktiziert wird – dazu gibt es übrigens seit Jahren sehr vernünftige Bücher, die keiner wahrnehmen möchte…
Dass nun die konkurrierenden Parteien geifern und die Newcomer in den Sumpf ziehen wollen, in dem sie selbst schon ganz tief drin stecken, ist verständlich, wenn auch ziemlich rüde – aber, das ist der neue Umgang von Menschen in Funktionen miteinander – es begann vor Jahren in den Betrieben, wanderte dann Stück für Stück in die Politik und ist schon längst bei uns im Privatleben angelangt.
Die Piraten haben das Problem, sich zu stellen – öffentlich wie auch im eigenen Kern und das schwächt natürlich ihre Präsenz auf Dauer – wie z. B. nicht auf meine Post zu reagieren – haha…
Das ist bedauerlich, weil es zeigt, dass der Idealismus bei jenen möglicherweise nur ein scheinbarer ist, möglicherweise schon dem rasanten Emporkommen in Teilen geopfert werden musste!
Besonders betroffen war ich von der Tatsache, dass in unauffälligen Zwischenbemerkungen – z. B. im DLF – plötzlich Grüne Politiker als neue Sprachrohre vorgestellt worden sind.
Eine erstaunliche Wandlung in einem solch kurzfristig entstandenen öffentlichen Verlauf – also, seit der Hype so richtig an Fahrt aufgenommen hatte.
Emotional bin ich enttäuscht, dass die “Profis” sofort an die “Front” gestellt worden sind, um das Problem “Politische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit” besser kompensieren zu können. Wahrscheinlich hat es nicht nur diese eine Person gegeben, die mal schnell die Partei gewechselt hat, nachdem absehbar war, dass dort mehr Rahm abzuschöpfen ist – immerhin müssen Politiker irgendwo auch erfolgsorientiert sein, nicht wahr?
Diese Art der Vor-Selektion im Personalkarussell lässt Böses ahnen und Zweifel wach werden an der inneren Sauberkeit einer neuen Partei, weshalb ich diesmal nicht mehr gewählt habe – politisch gibt es in unserem Land keine wirkliche Alternative, warum wir auch eine so geringe Wahlbeteiligung haben…
So wird es kommen wie es kommen muss, Profilierung hier, Profilierung dort und der Parteialltag wird noch viele Opfer fordern und die Macht der “Kollegen” wird diese Partei zwingen, sich schneller anpassen zu müssen, als alle anderen zuvor, die längerfristig erfolgreich die politische Bühne betreten haben oder wollten.
Da bleibt für das Spiel “Zünglein an der Waage” nicht mehr viel Raum und ob eine innere Erneuerung noch einmal möglich ist, mag bezweifelt werden, wenn man sich den Verlauf der linksorientierten Parteigruppen anschaut – viel Gedöhne seit Jahren und sehr wenig wirksame Substanz, gemessen an deren zum Teil auch weltfremden Zielen.
2012-05-18 E. A.