5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens

Warum scheuen Jugendliche klassisches Fernsehen? Und wie müsste sich das Medium weiterentwickeln, damit es junge Menschen wieder interessiert? Diese Fragen beschäftigen mich schon lange (und das nicht nur, weil ich beim TV arbeite). Eine mögliche Antwort kam mir über Nacht – auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

Der „Marsch der Millionen“, kurz vor Mitternacht. Präsident Mubarak hat gerade seine Fernsehansprache gehalten. Die Menge ist wütend. Richtig wütend. Ich will bei Twitter gerade eine Meldung absetzen, da lese ich von deutschen Medien, die vom „Jubel auf dem Tahrir-Platz“ berichten.

Rückblende – wenige Minuten zuvor im ZDF-heute journal:

Jubel? Hier die Reaktion, wie ich sie selbst auf dem Tahrir-Platz wahrgenommen habe: Schuhe fliegen (Man muss kein Nahost-Experte sein, um zu wissen, was das bedeutet).

Das Dilemma ist bekannt: der TV-Korrespondent kann seinen Posten auf dem Hoteldach, Kilometer entfernt, nicht verlassen, weil er laufend Schaltgespräche geben muss. Der kurze Eingangsdialog zwischen dem Moderator und dem Korrespondenten zeigt das sehr schön. In der Folge klammert er sich an die einzige Information, die er tatsächlich hat; das ist Mubaraks Rede, aus der er ausführlich zitiert. Und so kommt es, dass die meisten Fernsehzuschauer an diesem Abend mit einer Fehlinterpretation schlafen gehen.

Die Distanz des Korrespondenten zum Ort des Geschehens ist nicht das eigentliche Problem, es ist die Distanz zum Zuschauer. „Einordnen“ nennen wir Fernsehleute das, wenn ein Korrespondent von der hohen Kanzel seines Hoteldaches zu uns spricht. Das Problem: das meiste von dem, was wir von ihm in so einer Situation lernen, wissen wir schon. Denn der Zuschauer ist weit nicht mehr so „dumm“ und passiv wie einst, er hat Alternativen (aktuell z.B. Al Jazeera), Zugang zu denselben, wenn nicht sogar besseren Quellen, als es der Korrespondent in so einem Moment selbst hat.

Nichts ist so alt wie die Meldung von vor einer Stunde

In den letzten Jahren habe ich an mir selbst eine erstaunliche Entwicklung beobachtet: Nicht nur, dass ich seit Jahren kein Abo mehr für eine Tageszeitung besitze, ich schaue auch immer seltener fern. Wozu auch? Seitdem ich im Netz unterwegs bin, erscheint mir das, was mir Zeitungen oder Fernsehen zu bieten haben, wie aus einer anderen Welt. Kaum eine Meldung, die ich nicht schon kenne. Kaum ein Bild oder Video, das ich nicht schon gesehen habe.

Das bedeutet nicht, dass ich weniger lese oder keine Videos schaue. Im Gegenteil. Ich sehe und lese heute ein Vielfaches von dem, was ich früher konsumiert habe. Der Unterschied: die Sendungen, die mich interessieren, hole ich mir aus Mediatheken. Serien und Filme ziehe ich mir legal :-) aus dem Internet, und zwar wann und wo ich sie gerade sehen will. Wie es aussieht, bin ich nicht allein. Eine Forsa-Studie sagt: 49 Prozent der Web-User haben schon über das Internet ferngesehen.

Noch gibt es keinen intelligenten Bildschirm, kein SmartScreen (in Analogie zum SmartPhone – ich verzichte bewusst auf den Begriff Fernseher), welches Fernsehen und Internet sinnvoll und vor allem benutzerfreundlich miteinander vereint. Aber dieser Kasten wird kommen, wer weiß, vielleicht sogar einmal mehr von Apple. Der Kampf gegen Google um das Wohnzimmer der Zukunft hat schon längst begonnen. Steve Jobs’ letzte Schlacht.


Apple-CEO Steve Jobs über die Zukunft des Fernsehens (2010)

Klassisches Fernsehen verliert an Bedeutung

Ich kenne die Kritik aus dem Kollegenkreis nur zu gut:

- Kein Mensch wolle sein eigener Programmdirektor sein. - Wirklich? ….Wozu dann die Fernbedienung?

- Fernsehen sei ein Leanback-Medium. – Wirklich? ….Warum schauen Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend gezielt Videos über ihren Laptop?

- Es werde soviel ferngesehen wie nie zuvor. – Wirklich? …Medienforscher wissen bei den meisten „Zuschauern“ handelt es sich in Wirklichkeit um „Wegschauer“. Sie tun beim Fernsehen alles nur nicht fernsehen: Sie essen, bügeln, unterhalten sich am Telefon.

Wer Teenager zuhause hat, kennt das Phänomen: Fernsehen ohne Facebook, SMS oder MSN-Chat kommt in der Lebenswelt der digitalen Eingeborenen so gut wie nicht mehr vor. Das Smartphone in der Hand, das Laptop oder Tablet auf dem Schoß: eine Entwicklung, die nicht nur bei den „Kids“ zu beobachten ist. Laut einer neuen Deloitte-Studie gehen 42% der US-Amerikaner zwischen 14 und 75 Jahren parallel zum Fernsehen ins Internet. In den USA liegen Internet und TV mit knapp 300 Minuten am Tag nahezu gleich auf.

“We know people are multitasking while they’re watching TV“ sagt Albert Cheng von Disney/ABC Television (‚Lost’). Die Frage, die sich für TV-Macher stellt, lautet: wie darauf reagieren?

Eine “Facebook-Revolution” der Mediennutzer

Schon heute haben wir es mit einem Mix unterschiedlichster Medien zu tun. Dabei müssen die Inhalte nicht mehr ausschließlich von Profi-Journalisten stammen. So können Korrespondenten aus dem TV-Studio oder vom Hotel-Dach aus senden. Daneben könnten aber auch Augenzeugen oder Betroffene vom Ort des Geschehens twittern. Wenn es auf einem anderen Kanal eine bessere Quelle gibt, machen sich die Zuschauer darauf gegenseitig aufmerksam. Für Programmmacher wie auch Zuschauer gilt: wer nicht mitmacht, schaut in die Röhre. Eine “Facebook-Revolution” der people formerly known as audience.

Auch der Empfang dieser Content-Ströme ist nicht länger ortsgebunden: er kann zu Hause auf dem Fernsehschirm erfolgen, in der Arbeit über den Computer, oder über ein Smartphone von unterwegs. Folgende Skizzen habe ich auf dem Rückflug von Kairo nach Tel Aviv auf dem iPad entworfen:

Abb. 1 Der Fernsehschirm im Wohnzimmer ist groß und scharf genug, um Bild und Text sinnvoll zu kombinieren. Per Touch auf dem Control-Board (siehe Abb. 2) lassen sich die Inhalte aufrufen. Im Chatmodul unten beispielsweise können Agenturen, Facebook oder Twitterfeeds laufen. Grafiken und Schaubilder (unten rechts) könnten das Liveprogramm ergänzen.

Abb. 2 Das Control-Board ersetzt die Fernbedienung und steuert alle Inhalte auf dem großen TV-Bildschirm. Über die Tastatur kann gechattet oder im Web gesurft werden. Zugleich dient dieses Tablet auch als mobiler Fernsehschirm, den man beispielsweise auch mit in die Küche nehmen kann.

Während das klassische Fernsehprogramm auf dem großen Bildschirm flimmert (alternativ Smartphone oder Tablet), kann sich der Zuschauer zusätzliche Streams (Twitter, Facebook etc.) oder auch Grafiken auf den (Split-) Screen holen, die das Geschehen begleiten. Auch könnten sich Facebook-Freunde, räumlich voneinander getrennt, Sendungen gemeinsam anschauen und kommentieren: Lagerfeuer zwo-punkt-eins.


Das Video stammt aus dem Jahr 2009 (!)

Lagerfeuer und Watercooler

Dieser Lagerfeuer-, in den USA auch Watercooler-Effekt genannt, ist bereits heute eine relevante Größe für die Werbeindustrie. Medienspektakel wie das Super Bowl Finale (2011: 111 Millionen TV-Zuschauer) oder demnächst die Oscar-Verleihung, werden durch zusätzliche Plattformen über Soziale Netzwerke auch im Netz „verlängert“ und erzeugen somit einen noch viel größeren Hype als ohnehin schon. Auch kleineren Formaten wie „Real Housewives“ gelingt es immer wieder, durch ihre Präsenz im Web für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen. „The water-cooler effect makes big shows even bigger (…) and gives small shows a new way to stand out.“, so das Fazit von Brian Stelter, New York Times.

Trotz zeitversetztem Fernsehen und Video-On-Demand (oder genau deshalb?) haben die Menschen offenbar eine große Sehnsucht, nicht nur isoliert voneinander fernzusehen. Ein Trend, der sich auch bei uns beobachten lässt. Der Erfolg von Public Viewing-Veranstaltungen zur Fußball-WM oder zum Eurovision Song Contest weist in dieselbe Richtung.

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Zu den ersten TV-Machern, die diesen sog. Watercooler-Effekt des Netzes für sich feststellen konnten, zählten Mitte der 90er Jahre die Produzenten der SciFi-Reihe „Akte X“. Wie kaum ein anderes TV-Format zuvor, hatten die „Unheimlichen Fälle des FBI“ vor allem junge, netzaffine Menschen dazu animiert, bereits während der Ausstrahlung einer neuen Folge, ins Netz zu gehen (Fundstück: Der Original 56K-Modem-Sound!), um dort die Handlung via AOL oder Compuserve „live“ zu kommentieren. X-Files-Erfinder Chris Carter und sein Team machten sich dieses „Echtzeit-Feedback“ zunutze, verfolgten die Bemerkungen im Netz, und ließen die dadurch gewonnen Erkenntnisse zumindest indirekt in ihre nächsten Bücher einfließen.

Auch wenn direkte TV-Quotenzuwächse aufgrund von gesteigerten Social-Media-Aktivitäten schwer nachweisbar sind: der Imagegewinn, durch eine engere Zuschauerbindung ist unbestritten. Und dieser gilt nicht nur für Unterhaltungsformate.

Beispiel Hamburg-Wahl im Ersten. Über den gesamten Wahlabend hinweg hatte tagesschau.de seinen automatisierten Twitter-Feed durch 2 twitternde Redakteure ersetzt. Das Ergebnis: ein spürbarer Anstieg der Followerzahlen.

Das Feedback macht Mut:

Auch in 20 Jahren werden wir noch fernsehen. Allerdings wird das mit dem heutigen Fernsehen nur noch wenig zu tun haben. Sendungen, auf die man warten muss, wird es nicht mehr geben. Das Fernsehen wird persönlicher, macht aufgrund früherer Abrufe eigenständig Vorschläge. Videoangebote können gegoogelt werden, sämtliche Inhalte werden ins Wohnzimmer oder auf das Handy gestreamt. Live-TV wird durch Chat- und andere interaktiven Services begleitet. Die Fernbedienung weicht einem Tablet mit Touchscreen, das zugleich auch als Tastatur dient (Nein: eine funktionierende Spracherkennung wird es auch 2030 noch nicht geben – diese Hoffnung habe ich genauso aufgegeben, wie die Hoffnung auf fliegende Autos ;-).


Interview mit Tim Weber (BBC) zum Fernsehen der Zukunft

5 Thesen zur Weiterentwicklung des Fernsehens:

1). . Die Zukunft des Fernsehens lautet Internet (und umgekehrt)

2). . Fernsehen wird durch Smartphones und Tablets ortsunabhängig

3). . Fernsehen wird durch Streaming und On-Demand zeitunabhängig

4). . Dort, wo Live-Ereignisse noch Sendezeiten vorgeben (Breaking News, Wahlen, Sport etc.), wird das Fernsehen interaktiv und sozial

5). . Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Neuen oder Alten Medien – nur noch Medien

Ihr seid dran! Ich freue mich auf Eure Ideen und Anmerkungen.

Dir hat dieser Text was gebracht?

Flattr this

flattr this!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

70 Gedanken zu “5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens

Zitiert von
  1. Tweets that mention 5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens | G! - gutjahr's blog -- Topsy.com

  2. 5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens

  3. Thesen zur Zukunft des Fernsehens « Medienpraxis

  4. Netzrückblick • 22.02.2011 « Henning Bulka

  5. 5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens | bloggingMAG

  6. Lesenswerte Artikel 23. Februar 2011

  7. Fernsehen am 23.02.2011 - Twitter-Aggregator

  8. Die Zukunft des Fernsehens « stohl.de

  9. Breitband - Schnell. Innovativ. Mittendrin.

  10. Journalismus & Recherche » Blog Archive » Das Recherche-Paradoxon

  11. Lynyus|blog » Medienlinktips KW8

  12. Sonntags Linksammlung (4)

  13. Joker-Film-Blog » 5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens | G! – gutjahr’s blog

  14. Lynyus|blog » Photojournalisten in Libyen getötet

  1. angenehm geschrieben….. es kann sich in diese Richtung entwickeln….. aber es geht um die Finanzierbarkeit für den “Empfänger”.
    TV in seiner jetzigen Form kostet außer GEZ nichts, und deswegen läuft es immer und überall “mit”….

    Ich freu mich auf die Next Generation des TV Bildes.

    V.G.

  2. Musste gerade an gestern Abend denken und ertappte mich mit Laptop und iPhone in der Hand während der Fernseher lief. Wenn das so weiter geht wird der Fernseher zum Radio… Obwohl meist konsumiere ich den “TV” jetzt auch nur noch passiv da einfach zu viel Schrott läuft der mich nicht interessiert!

    Ich denke aber das die Entwicklung zu dem Fernseher den du beschreibst noch sehr sehr lange dauern wird! Und das nicht weil die Technik dann nicht bereit ist, die ist dafür heutzutage schon bereit, sondern weil einfach zu viele Menschen Trash TV gerne gucken und die Sender so schon genug Kohle machen.

    René

  3. Klingt alles sehr schlüssig und begründet sich auch auf eine Wahrnehmung des ist-Zustands die ich teile. Trotzdem ist das was daraus resultieren soll nur linear in die Zukunft gedacht. Und das ist – hat uns die Vergangenheit gelehrt – noch fast nie eingetreten.
    Ich glaube das hat viel mit dem Effekt zu tun selbst an der Spitze dieser neuen Mediennutzung zu marschieren. Mittlerweile hat der Großteil meiner Freunde ein Smartphone und nutzt das auch intensiv, auch was den Nachrichtenkonsum angeht. Trotzdem sagten mir alle nach entsprechender Nachfrage, sie wären nie auf die Idee gekommen z.B. mal bei Al Jazeera nachzuschauen – Spon blieb die einzige Quelle.

    Eine Anregung: Einfach mal die Sache umdrehen: Was wäre, wenn nichts von deinen Thesen eintreten wird? Nachdenken, und mit einfließen lassen, hilft in ganz vielen Fällen der Zukunftsprognosen und verhindert einen Tunnelblick.

    • @Kraeuterzucker Gute Anregung (das mit den Gegenthesen) und klar, natürlich kann alles ganz anders kommen. Interessant: Als ich in Kairo war und die deutschen Medien noch nicht so umfassend berichteten, hatte ich meine Twitter-Follower gefragt, wie sie sich denn über Ägypten informieren: jeder 3. gab Al Jazeera als eine wichtige Quelle an. Warum: weil der Sender unter jenen Menschen, die vernetzt sind, extrem gepusht wurde (zurecht). Meine Ableitung: mit steigender Vernetzung wächst der Konkurrenzdruck jenseits der etablierten Medien.

  4. Dieser Beitrag analysiert sehr gut und richtig die derzeitige Situation des Fernsehens. Aus meiner Sicht sind allerdings die Schlussfolgerungen etwas zu vereinfacht und damit zu optimistisch. Einige Punkte möchte ich zu bedenken geben:

    1. Das Informationsinteresse von Jugendlichen tendiert in aller Regel gegen Null. Sie sind zwar im Netz unterwegs, aber nicht auf der Such nach Info, sondern vor allem für Spass und Fun. Vielen Kids ist Twitter fremd, ebenso der Blogjournalismus. D.h die Möglichkeiten der differenzierten Informationsbeschaffung des Netzes eröffnet sich bislang nur einer Minderheit. In Sachen Informationskompetenz gelten noch sehr stark die Referenzen von Eltern und Lehrern – und bei denen gilt noch der “Qualitätsjournalismus” als beste Quelle. Wir laufen derzeit Gefahr, eine zweiteilige Gesellschaft zu etablieren: Den aktiv Informationsorientierten als Nachfolger des Bildungsbürgers mit hoher Medienkompetenz und den passiven Tv- und Fernsehkonsumenten mit deutlich schwächerem Zugang zu Informationen.
    2. Fernsehen “verbrennt” derzeit in seinem Profitdruck oftmals seine Formate. Sei es durch Verlängerung, sei es durch Zerstückelung. Dies zwingt den Zuschauer zum einen zu Nebenbeinutzung ( wer kann schon 4 Std. Raab schauen), zum anderen wertet es den Content ab. Vor diesem Hintergrund sinkt aber auch die Motivation, michbaktiv um Fernsehinhalte zu bemühen. Frei nach dem Motto: Das,was ich mitkriege, guck ich, den Rest verpass ich eben. Echte Bindung an Sendungen ist selten geworden, ist aber für ein aktives Aufsuchen Bedingung.
    3. Die derzeitige Rechtesituation ist eine Katstrophe und zerstört jede schöne Idee der Zweit- und Weiterverwertung im Keim.
    4. Es fehlt das Finanzierungsmodell. Werbung erreicht uns in Massen nirgendwo so sicher wie im linearen TV. Dazu gibt es immer noch keine Alternative.

    So. Das wäre mein zugegeben langer Beitrag zur Diskussion. Mehr zu diesen Gedanken findet sich auch unter der Kategorie TV auf dem http://www.result-blog.de.

    • @Sabine Leider zu wenig Zeit, um dir gerade umfassend auf Deine wichtigen und richtigen Punkte zu antworten. Einen Teil davon berührt ja auch Steve Jobs im Video oben (darum habe ich das auch eingefügt). Nein, natürlich stehen wir noch vor jeder Menge Hürden. Was die Frage einer Digitalen Spaltung betrifft (o.a. Information Gap), bin ich weniger pessimistisch. Der Zugang zur Information ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Noch nie hatten auch ärmere Menschen Zugang zu soviel Information wie heute. Das Problem sind meiner Meinung nach nicht die Kids, sondern die Eltern und Lehrer, die nicht genug Vorbild sind, wie man von diesem Wissensschatz Gebrauch machen kann. Meine Hoffnung: das regelt sich von selbst. Denn auch der Politik traue ich aktuell auf diesem Gebiet keine Lösung zu (kennst Du meinen Blogpost: Bloggen ist das neue Blond? http://gutjahr.biz/blog/2011/02/bloggen-ist-das-neue-blond/)

  5. ich teile deine Euphorie und wünsche mir ebenfalls eine Veränderung in diese Richtung.
    Etwas “Feeling” in der Art habe ich mir schon selbst fabriziert: MacMini an Fernseher, Touchpad-App für iPad.
    Über iTunes Filme ausleihen und im Internet surfen geht so ganz gut.
    Bedenken habe ich bezgl. der grauen alten Männer die uns an vielen Stellen regieren – Hoffnung wenn ich sehe wie sogar Merkel und Brüderle im Bundestag mit dem iPad unterwegs sind!

  6. Das war aber auch ne ganz schwache Sendung des Heute-Journal an dem Tag. Erst stellen sie zu Sendungs-Beginn während des Beitrags aus Ägypten fest, dass Mubarak gerade seine mit Spannung erwartete Rede begonnen hat. Doch man schaltet da nur kurz hinein und geht dann zu den restlichen Themen über. Man war sogar sogar vorher schon informiert, das Mubarak sagen wird, er wolle noch bis zu den Wahlen im September weiter machen. Trotzdem wird nicht besprochen, ob den Demonstranten auf dem Platz diese Aussage reichen wird, denn die forderten ja den sofortigen Rücktritt. Ich hatte den Eindruck, dass weder Herrn Ossenberg noch Herrn Kleber diese Diskrepanz bewusst war.
    Gegen Ende der Sendung ist auch die Rede Mubaraks zu Ende und man schaltet noch einmal nach Kairo – aber nur kurz, zu kurz. Es kommt zu der fatalen Fehleinschätzung der Lage. Herr Kleber sagt noch, dass ja keine Zeit gewesen sei, die Demonstranten nach ihrer Meinung zur Rede zu befragen. Er zieht aber nicht die Konsequenzen und Verlängert die Sendung, sondern erlaubt sich und seinem Gesprächspartner trotzdem ein Urteil. Seine Redaktion hält ihn nicht davon ab.
    In diesem Moment und auch schon während der Rede hätte ein kurzer Blick rüber auf den englischen Stream von Al Jazeera gereicht, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Oder ein Blick auf die twitter Nachrichten der Al-Jazeera-Korrespondenten. Oder ein Telefonat mit jemandem, den man vor der Sendung zum Tahrir-Platz schickt.
    Man könnte meinen, das sei in der Heute-Journal-Sendung nicht erfolgt, aber: Der “kurze Blick auf die Bilder vom Tahrir-Platz”, das ist eindeutig Bildmaterial von Al Jazeera Englisch. Man hat allerdings das Laufband und das Sender-Logo auf dem unteren Teil des Bildschirms abgeschnitten (und die Quellenangabe bleibt natürlich aus). Im Laufband hätte man lesen können, wie die Demonstranten reagieren.

    Das Sendungs-Konzept scheint mir, zumindest beim ZDF, viel zu starr zu sein, als das man es um einen sinnvoll eingebetteten Rück-Kanal erweitern könnte. Es steht auch sonst höchstens jemand “nach der Sendung für Ihre Fragen im Chat zur Verfügung”. Nicht einmal die ausreichende Verlängerung einer Nachrichtensendung, um noch ein kurz bevor stehendes und mit Spannung erwartetes Ereignis zu betrachten, ist möglich.

  7. guter Artikel, vielen Dank!
    ich würde noch ergänzen:
    6) klassische Werbeformate im Fernsehen sind obsolet. Werbeindustrie und Fernsehsender müssen in Sachen Erlösmodelle umdenken…

    viele Grüße aus Hamburg,
    Agnieszka

  8. @gutjahr Ja. Den Post kenne ich. Finde ich wunderbar! So war es auch gemeint: Der technische Zugang ist da, aber die Chancen werden von Eltern und Lehrern nicht vermittelt, weil sie sie nicht kennen. Dank für die Ausdifferenzierung!

  9. Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zu dem vierten Punkt von Sabine:

    Ich glaube, dass das nicht mehr lange der Fall ist. Und das liegt meiner Meinung nach nicht nur an On-Demand zur Verfügung stehenden Internet-Videos, sondern vor allem an Festplattenrekordern. Ich habe keine aktuellen Studien zur Hand, aber einige Zahlen im Kopf, die Fernsehsendern große Bauchschmerzen machen sollten. Die sagen nämlich, dass Menschen, die PVRs nutzen, die Werbung fast immer spulen. Das bedeutet, dass der Wert des klassischen 30-Sekünders in Zukunft drastisch abnimmt. Klassische TV-Werbung wird meiner Meinung nach nicht mehr lange funktionieren (Live-Ereignisse vielleicht ausgenommen.)

    Übrigens will auch Springer ins Wohnzimmer und hat noch vor Google ein Produkt namens Watchmi (http://www.watchmi.tv/) gelauncht. Das Ziel: Über eine TV-Karte im PC ein individuelles Fernsehprogramm anhand der Nutzerinteressen zu generieren.

  10. “Seitdem ich im Netz unterwegs bin, erscheint mir das, was mir Zeitungen oder Fernsehen zu bieten haben, wie aus einer anderen Welt. Kaum eine Meldung, die ich nicht schon kenne. Kaum ein Bild oder Video, das ich nicht schon gesehen habe.”

    Genau das trifft es eigentlich ganz gut. Wenn ich abends mal mit meiner Mutter spreche, heißt es “Ach, der Guttenberg soll übrigens abgeschrieben haben, weißt du das schon?”, während ich mir denke: Klar, weiß ich das schon. Das lief den ganzen Tag über den Feed, ich habe ungefähr 6 Artikel dazu gelesen, kenne Für und Wider, habe sogar einige der mutmaßlichen Plagiatstellen selbst begutachtet und warte eigentlich nur drauf, dass er demnächst mal beschwichtigt und für die Öffentlichkeit damit abschließt, weil zurücktreten wird er wohl nicht, obwohl er’s eventuell “anbieten” wird.

    Ich habe lange gebraucht, bis ich meinen Informationshaushalt so hatte, wie ich ihn haben wollte. Nun kann ich aber den ganzen Tag über, je nachdem, wie ich Zeit habe, immer mal wieder in meinen RSS-Reader schauen und mich zumindest über die Headlines informieren. Ganz wichtiger Punkt: Themen, die mich interessieren, kann ich weitergehend betrachten, Sachen, die mich nicht interessieren, direkt überspringen (aber kenne dennoch die Headlines, also weiß, dass in Ägypten grade was passiert, auch ohne direkteres Reinlesen in die Materie, alleine durch die vielen Headlines, die da überflogen werden).

    Ich muss mich eben nicht mehr um 20 Uhr hinsetzen, um auf eine redaktionelle Auswahl der Nachrichten zu warten, von denen mich ein Teil dann nicht mal interessiert. Ich habe keine Möglichkeit, den 1,5-Minüter über das eröffnete französische Museum abzubrechen. Ich muss ihn mitsamt der Anmoderation über mich ergehen lassen.

    Solche Faktoren lassen das Fernsehen tatsächlich wie “von gestern” wirken, quasi im doppelten Wortsinne. Es gibt festgelegte Informationen zu festgelegten Zeiten aus festgelegten Perspektiven – und das vollkommen unpersonalisiert.

  11. Dem kann ich nur komplett zustimmen!
    Ich habe meinen Fernseher vor 4 Jahren entsorgt. Wozu sollte ich auch noch Verwendung für die Propagandamaschine Nummer eins haben, die zudem auch noch mehr als langsam ist mit “aktuellen” Nachrichten. Gerade der Aufruhr in Nahost momentan hat mir mehr als deutlich gezeigt, wie viel schneller und besser man durch Facebook auf dem laufenden ist. Außerdem entspinnen sich dabei noch viele, sehr interessante Diskussionen, wobei man nebenbei auch noch mitbekommt, dass man mit seinen Ansichten/seinem Interesse nicht alleine ist, obwohl sich scheinbar 99% der Welt einen dreck drum schert. (Bestes aktuelles Beispiel: Das Massaker in Lybien, man muss nur den Fernseher einschalten, oder sich mal nach Offiziellen Statements der Staatschefs umschauen. Genau! Es gibt kaum welche!)

    Hier noch ein sehr guter Beitrag zum Thema:

    http://english.aljazeera.net/programmes/empire/2011/02/201121614532116986.html

    Vor 2 tagen auf Al Jazeera gesendeter Rückblick auf die Rolle sozialer Medien (Facebook, Twitter und co) mit anschließender, sehr guter Diskussion!

  12. Die Sendeanstalten sind schon (mehr oder weniger) seit Längerem dabei, sich auf diesen Trend einzustellen. Wenn ich mich richtig erinnere, hat SWR-Intendant Boudgoust bereits zu Beginn intern sinngemäß erklärt: “Wenn es zum Ende meiner Amtszeit noch getrennte Direktionen für Hörfunk und Fernsehen gibt, dann habe ich was falsch gemacht”.

    Das gilt natürlich auch eine Etage tiefer für die jeweiligen Internet-Angebote, die schon jetzt crossmedial von Hörfunk- und TV-Kollegen bestückt werden (die jeweils sowohl Video-, als auch Audio-Material produzieren; die jungen Reporter wurden ohnehin in allen Disziplinen geschult und mit entsprechendem Material ausgestattet).

  13. Bei aller Internet-Euphorie wird das Fernsehen länger das Lagerfeuer im Wohnzimmer bleiben als manche denken. Es wird ein wenig den Weg des Radios gehen, ein Nebenbeimedium zu werden. Aber ich bin skeptisch, ob der Film- oder Showgenuss “gefühlt” an einem Fernseher nicht immer noch besser und größer ist, als wenn ein Rechner der Empfänger ist.

  14. Danke für diesen Post. Viel Wahres drin. Ein Problem ist aber auch, dass das deutsche TV im Nachrichtenbereich so schlecht ist. Gestern waren N24 und N-TV wieder nicht existent. Heute Spezial und tagesschau hatten nichts zu den Kampfjets, die auf Malta gelandet waren, obwohl die Story auf Al Jazeera schon lange lief. Korrigiere: Tagesschau hatte es kurz im Bild, als sie auf ihren Live-Ticker im Netz verwiesen. Mit anderen Worten: Ja, es war ihnen bekannt, aber sie haben es nicht mehr in die Sendung gebracht. Dadurch entsteht Frust, wenn der informierte Zuschauer das Gefühl nicht los wird, alles ist uralt.
    Damit sind wir aber auch schon bei einem wichtigen Punkt: Informierter Zuschauer. Gerade was du beschreibst würde die Schere noch weiter auseinander bringen. Auch ich fände es interessant, alle Formate mischen zu können, hab aber durchaus lieber meinen TV dudeln während ich die Tweets und co auf dem Laptop habe, zumal es dann nicht so Apple-lig sein muss (Gott bewahre uns vor Apple in dieser Hinsicht, dann kostet jedes deiner skizzierten Fenster als kontrollierte App extra).
    Will heißen: Je mehr ich zusammen fasse, desdo größer wird die Schere zwischen den Netz- und Informationsaffinen Menschen und denen, di es eher nicht sind (und das ist weniger nach Alter zu trennen, weiter oben steht ja schon, viele Jugendliche würden nur Fun suchen, ich kenne viele die es nicht tun. Zweifelsohne existieren beide Gruppen).

    Noch eine andere Sache: TV-Serien sterben schon jetzt regelmäßig aus, weil die Zuschauer im TV-Bereich weg bleiben. On-demand wird zwar viel geschaut, aber damit lässt sich die Werbung nicht schalten, das läuft ggf sogar auf anderen Abnehmern. Finanziert werden Serien aber von den großen TV-Sendern. Da gibt es schon jetzt ein enormes Problem. Was läuft an guter SciFi noch mehr als 2 Staffeln…

  15. Sehr gut geschrieben, klasse Artikel! Die Frage, warum manche Fernsehnachrichten schon im Moment der Ausstrahlung kaum was neues bieten, ist wohl auch eine Frage der redaktionellen Konzepte: In welcher Funktion sehen sich die abendliche “Tagesschau” oder das “heute journal”? Etliche TV-Nachrichtenredaktionen gehen – so mein Eindruck – immer noch davon aus, dass der Durchschnittszuschauer den ganzen Tag über nix hören/lesen konnte (da auf Arbeit) und dann einen Überblick über die Ereignisse möchte. Man sieht sich als Massen-Medium, das auch die an Politik nur mäßig Interessierten erreichen will, die sich nur einmal am Tag informieren. Übrigens haben Ossenberg und Kleber gegen Ende der erwähnten Schalte noch “die Kurve gekriegt”, Ossenberg verwies auf die Schuhe und was dies im arabischen Raum bedeutet.

    • @Heiko Danke für das Feedback. Natürlich müssen Tagesschau und “heute” in ihren Hauptabend-Sendungen alle Zuschauer bedienen und können nicht davon ausgehen, dass jeder Zuschauer bis dahin stündlich Spiegel Online gelesen hat. Das ist hier und jetzt auch der richtige Ansatz. In meinem Blogpost mache ich mir ja Gedanken darüber, was mal in Zukunft sein könnte. ARD und ZDF gehen mit ihren Mediatheken ja auch schon ganz klar in diese Richtung. // Was das “heute journal” angeht muss ich Dir widersprechen: Ossenberg hat eben NICHT die Kurve gekriegt. Er verbrachte noch 1 Minute damit, aus der Mubarak-Rede zu zitieren – weil das die einzige Info war, die er hatte. Fliegende Schuhe erwähnte er tatsächlich dann erst am nächsten Tag. Vielleicht hat er in der Zwischenzeit ja meinen Blog gelesen ;-)

  16. @Richard, Danke für die Antwort! Was Deine Gedanken zur künftigen Mediennutzung und zur Zukunft des Fernsehens (auch der technologischen) angeht, stimme ich weitestgehend zu. Dennoch wird es auch dann Zuschauer geben, für die der abendliche Blick auf die “Tagesschau” oder das “heute-journal” die erste Gelegenheit sein wird, sich zu informieren. Es gibt auch ne Menge Menschen, denen dieses Info-Input vollkommen ausreicht. Vielleicht sollte Fernsehen dann eine Funktion übernehmen, die viele sich heute – angesichts des Nachrichtenvorsprungs, den das Internet bietet – für die alte Tante Tageszeitung wünschen: Einordnen und Überblick geben statt den letzten Drehungen einer neuen Geschichte hinterherzuhecheln.
    Was Ossenberg angeht: mea culpa, Du hast Recht – es war nach der zweiten Mubarakansprache, als Ossenberg noch in der Schalte auf die erhobenen Schuhe einging :-).

  17. Es lohnt sich doch nicht, sich so ein altmodisches nicht-netzfähiges HDTV-3D-Flachbildteil hinzustellen, um es nach einem Jahr endlich durch ein Gerät, auf dem ich auch twittern kann, zu ersetzen …
    Weil ich von Jahr zu Jahr auf den von dir beschriebenen Hybrid-Fernseher warte, sitze ich auf dem Sofa noch immer vor meinem 16 Jahre alten Kathodenstrahler. Mit dem Smartphone in der Hand. Ich denke, Jobs irrt: Ein Markt ist da. Nur die Rechtesituation, siehe Beitrag von Sabine und die Sperre für Google, muss dringend liberalisiert werden. Ich will endlich dieses Kombidings!

  18. @Stov Vielen Dank für Deine Schilderungen. Finde mich in jeder Deiner Zeilen wieder und freue mich, offensichtlich nicht alleine zu sein! Ich denke nicht, dass dieser Wandel über Nacht geschieht. Es werden noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte vergehen, bis dieser veränderte Nachrichtenkonsum auch für den Rest der Gesellschaft in Fleisch und Blut übergegangen sein wird. Dass es passieren wird, davon bin ich überzeugt.

  19. Es wäre so schön, wenn es ansatzweise so kommen würde, wie du es dir vorstellst. Außer den Breaking News aus Deutschland und Europa würde ich dann beispielsweise nichts mehr auf deutsch gucken wollen, sondern alles auf Englisch. (Serien, Filme)
    Meiner Meinung nach könnte das heutige Fernsehen das auch schon leisten (Zweikanalton) nur ist das scheinbar nicht gewollt nur um die 3 Zuschauer nicht auszuschließen die noch mit ihrem Fernseh”Apparat” von vor 30 Jahren zusehen.

  20. Als “Chatter” der ersten Stunde – IRC und jedwede Art von IM – sind mir als authentische Quellen am wichtigsten meine Netzfreunde vor Ort. Ich kann sie ebenso einscätzen wie den Nachbarn auf der anderen Strassenseite. Sie sind es auch, die in der aktuellen Situation auf lokale Kanäle verweisen – Al Jazeerea ist sicher immer einen Blick wert, aber bedarf ebenso wie CNN, TV5, Spiegel online, eines Korrektivs.

  21. Moin Moin,

    Deine Thesen möchte ich gerne aufgreifen und ein paar Gedanken ergänzen. Grundlegend können wir uns sicher sein, dass die Trennung der Medien Fernsehen und Internet genauso wenig Bestand haben wird wie die frühere Trennung von Radio und Internet. Was entstehen wird ist nicht Web on TV oder TV on web, sondern die Verschmelzung zweier Kanäle zu einem neuen Medienformat. Lineare Fernsehprogramme, Video on demand und semantische Internetressourcen kommen zusammen und übernehmen obendrein die Funktion der Spielkonsole und (ganz oder in Teilen?) des Computers. Was entsteht ist ein echter “Hub in Home”, wie es letztens auf dem W3C workshop zu Web and TV diskutiert wurde: http://www.ikosom.de/2011/02/18/w3c-workshop-zu-internet-und-fernsehen/

    Zu dem von Dir beschriebenen neuen Produktionsverhalten und dem damit verbundenen Kulturwandel kommt selbiger auf der Konsumentenseite daher. Die Erwartung alle kommunikationsfähigen Geräte im Heimnetzwerk miteinander interagieren zu lassen, geht weit über die Fernsehbedienung auf dem Smartphone hinaus. Realisierbar ist auch die Einflussnahme der Crowd auf den aktuellen Verlauf einer Sendung, die parallele Beantwortung von Quiz-Sendungen mit Rankings etc. und die grundlegende soziale Anreicherung der Inhalte in der linearen Produktion. Wenn wir zu nicht-linearen Formaten kommen, dann erhält der Freundeskreis, deren Empfehlungen sowie die Interaktion mehrerer angeschlossener Heimgeräte völlig neue Möglichkeitsräuem entstehen.

    Treiber der Entwicklung kann nur der Konsument sein. So lange Sendungen wie “Bauer sucht Frau” beliebt genug sind um Sender und Werbekunden glücklich zu machen, so lange wird es schwierig bleiben den notwendigen Businessdruck aufzubauen.

    @Kraeuterzucker
    Technisch mag das alles schon mehr oder weniger möglich sein (gerade an der inter-device-communication hapert es noch…), allerdings ist die notwendige Infrastruktur für die notwendigen sehr hohen Übertragungsraten bei weitem nicht flächendecken gegeben.
    Auch spannend: Wie kann dieses sich abzeichnende “neue” Medium auch bei geringer Bandbreite attraktiven Mehrwert bieten?

    @sabinehass
    Zudem entstehen ja auch neue Werbepotentiale. Wissen die Anbieter mehr über das kombinierte Internet/TV-Verhalten der Konsumenten, so ist das Segmentierungs- und Personlisierungspotential immens. Kann man gut oder schlecht finden, aber ein Geschäftsmodell ist es. Was für Möglichkeiten bieten sich aus einer Verschmelzung von Amazon und Teleshopping, hyperlokaler Werbeschaltung und kostenpflichtigen Streamingangeboten wie OnLive?

    • @Jörg Eisfeld-Reschke Deinen Ansatz mit dem Hub gefällt mir. Die Nachfrage der Konsumenten wird kommen, sobald diese die Vorteile erkennen. Der PC, das Handy, SMS, E-Mail – das hat alles einige Jahre gebraucht, bis das massentauglich wurde. Vermutlich wird auch die Marktdurchdringung eines “SmartTV” länger brauchen, als wir alle denken respektive hoffen. Aber es wird kommen. Weil alles andere keinen Sinn macht.

  22. Klasse Beitrag von Dir, aber auch spannende Kommentare, die mein Mediennutzungsverhalten und auch meine Meinung wiederspiegeln.

    Ich gebe Heiko und Richard recht, dass “heute” oder “Tagesschau” Sendungen sind, die sicher bleiben werde.
    Meine Ansicht ist folgende: Wir haben aktuell viele Medien die über viele verschiedene Techniken laufen. Wenn ich allein an das Fernsehen denke, dass ich über Antenne, Kabel (analob oder digital), DVB-T, Satellit oder IP-TV empfangen kann, da wird mir schwindelig.

    Früher oder später wird sich das Internet als Verbreitungsweg/Kanal für alle Medien durchsetzten. Denken wir allein an die Messbarkeit, wie Einschaltquoten, oder den wichtigen Rückkanal (Stichwort Social Media).
    Bald wird für alle das Internet genauso zum Alltag gehören, wie Wasser oder Strom. WENN dies soweit ist, wird es auch das heutige Fernsehen in dieser Art nicht mehr geben. Ich denke, dass sich alles in Richtung “Mediethek” bzw. on demand-TV entwicklen wird. Hier können die User je nach dem wann sie möchten/wollen “fernsehen” und ihre Sendung oder Film sehen. Egal ob das jetzt eine Live-Event ist, eine Spielfilm oder eine Talkshow (die heute oder auch 2 Wochen zuvor aufgenommen wurde). Google-TV geht hier definitiv in die richtige Richtung, kommt aber einfach ein paar Jahre zu früh. Denn die Fernsehindustrie ist einfach noch nicht so weit für solch massive Veränderung –> Stichwort: Erlösmodelle

    • @Stefan Clever beobachtet. Vor allem Deine abschließende These teile ich voll und ganz. Noch klingelt die Kasse. Doch allzu sicher sollten sich auch die TV-Verantwortlichen nicht fühlen. Was aus der Überheblichkeit der Plattenbosse und der Verleger wurde, wissen wir – Erst Schnappatmung. Dann Panik. Am Ende: Resignation.

  23. also dass was im nahen Osten passiert gibts doch auf diversen Newssendern per Satellit oder Livestream live ins Haus.
    Al Jazeera und Co sind 24h drauf.
    Das die ÖRs “live” berichten dass in Ägypten die Stimmung anders ist als das, was ich auf Al Jazerra gerade im Split-Screen sehe ist mir auch aufgefallen und ich frage mich: Guckt die Redaktion der ÖR nur eigenes TV? Ist es für ARD/ZDF im Büro schwerer Al Jazeera zu gucken als für mich? Kein Webstream? Kein Twitter?

    Ich denke es liegt auch am Old-School-Journalismus. Man muss nicht glauben was Twitter schreibt aber man sollte auch nicht der Meinung sein: wir sind ARD/ZDF und was Al Jazeera und Co zeigen ist Käse.
    Sogar PressTV – Der Nachrichtenkanal des Irans ist schneller und objektiver (klingt komisch aber dafür ist er auch im Iran selbst nicht zu empfangen)

    Also nicht nur aktuell sein sondern auch glaubwürdig / schnell / modern.

  24. Wenn wir wirklich auf TV via Internet umsteigen ist etwas anderes viel wichtiger:
    Flächendeckendes schnelles DSL. Mit einem DSL 2000 Anschluss kann man keinen vernünftigen stream sehen, sofern man nicht eine Taschenrechnerauflösung benutzt.
    Klar haben die meisten Städte schnellstes DSL, aber man kann doch Menschen nicht vom Fernsehen ausschließen nur weil die Telekom zu dämlich ist günstige Technik zu verlegen und aus den Städten heraus die Knotenpunkte zu nutzen. Oder einfach Wi-Max ausbauen, auf Dauer wird das jetzige Netz nicht ausreichen.

  25. Ich denke, dass “Fernsehen der Zukunft” wird auf Nachrichten wie “tagesschau”, “heute” und so weiter verzichten können und müssen, ähnliches gilt übrigens für die Zeitungen.
    Der Wert der Nachricht an sich verliert nämlich stetig an Wert; weil die Online-Zeitungen das noch nicht verstehen, haben sie so große Probleme.

    Was hingegen seine Bedeutung behalten, vielleicht sogar steigern wird, ist die Recherche: Derjenige, der die Nachricht macht, wird ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Nachplapperern haben. In der Breite wird es darum gehen, eine wirklich gelungene Analyse zu präsentieren und Meinungen auszubilden, die ein Alleinstellungsmerkmal bedeuten und dem Leser erlauben, sich zu diesen Meinungen zu positionieren.
    Schon heute erleben wir, dass es oft polarisierende Beiträge sind, die bei flattr belohnt werden – dieser Trend wird sich verstärken. Die Medien werden sich also diskursiv und erstmals, dank des Internets, auf Augenhöhe mit den Lesern, auseinandersetzen müssen – ich glaube, in den derzeitigen Kommentarfunktionen gibt es erst Anfänge: In Zukunft wird vielleicht, ganz trivial gesagt, ein Fernsehsender oder eine Zeitung im Wesentlichen Administrator, Moderator und Threadstarter sein. Eine Verflechtung mit Social Media bedeutet das auch, aber ich sehe darin eine basal andere Ausrichtung. Zudem wird gerade hierdurch der qualitativ hochwertige Journalismus gewinnen, weil der Rezipient durch direkte Rückmeldung schnell herausfindet, ob der sich verantwortlich zeichnende Journalis tatsächlich Ahnung hat.

    Die Unterhaltungsschiene wird sich, von Live-Events abgesehen, wohl notwendigerweise in eine Art “Videothek” verwandeln, die Mediatheken sind auch hier der Anfang einer richtungsweisenden Entwicklung. Ob es überhaupt noch zusätzlich zu diesen starre 24-Stunden-Programmschienen gibt, wage ich zu bezweifeln.

    Also, kurz zusammengefasst:
    1. Verlust der Bedeutung traditioneller Nachrichtenformate und der nachgeplapperten Nachricht an sich
    2. Kontextualisierung und Kommentierung als wesentliche Aufgabe des Journalismus (in direkter Auseinandersetzung mit den anderen Kommentatoren, seien es andere klassische Medien, Blogs oder Leser); daraus folgt:
    3. Notwendigkeit eines bi-(oder mehr)direktionalen Diskurses mit den Rezipienten

    und 4. Ihre 5 Punkte klingen schlüssig und realistisch.

  26. Der Artikel ist in der Tat interessant und, wie bereits angedeutet, denkt er die Entwicklungen linear und letztlich auch sehr ‘deutsch’ weiter. 5 Thesen fuer die Zukunfts des Fernsehens unterscheiden sich teilweise sehr deutlich potentiell von 5 Thesen fuer UK oder 5 Thesen fuer Nordamerika, Regionen in denen ich mehrere Jahre gelebt habe. Ich moechte hier nicht zu sehr ins Detail gehen, aber selbst wenn die 5 Thesen so eintreten, dann muss sich in Deutschland das Gebuehren- und Fernsehverwaltungsmodell stark aendern. ARD und ZDF werden in den kommenden Jahren massiv an Zuschauern verlieren-und ausser ein bisschen Schulterzucken und Internet-Bashing wird da wenig passieren. Gut, auf ZDF Sonder-Spezial-Nano-Neo wird irgendwas interessantes laufen, aber es wird kaum Zuseher erreichen. Das Problem ist, dass es kaum Anreize in Deutschland fuer Fernseh-Innovationen gibt. Das heisst jetzt nicht, dass es ueberall auf der Welt anders/besser ist. Ich bin schon ueberrascht, wie sehr das US-Fernsehen in seinem ‘season’/Sendezeit/Emmy-Korsett drin steckt. Innovation geht hier ueber gezieltes Kabel-Abo-aber warum sollte HBO in 10-15 Jahren nicht weiterhin top innovatives und werbefreies Entertainment liefern? Mag sein, das es etwas fluider wird, aber trotzdem werden die Leute am Freitag- oder Sonntagabend fernsehen. Und wenn man sich die Popularitaet von ‘East Enders’ in UK vor Augen fuehrt, dann bin ich immer wieder ueberrascht, wie tief verwurzelt Fernsehkonsum zu einer festen Sendezeit immer noch ist und wie langsam sich der Kulturwandel vollzieht (z.B. Fussball-WM, wo ITV alles live im Internet mit Chat, Twitter etc gezeigt hat).

    • @teekay Stimme zu, was den Kulturwandel angeht. Es wird sicher länger dauern, als wir denken. Aber er wird kommen (Wenn man genau hinschaut, sind wir ja schon mitten drin). Klar wird es auch in Zukunft regionale Unterschiede bei der Mediennutzung geben. Eine Entwicklung jedoch ist global und wird auch nicht mehr aufzuhalten sein: die Tatsache, dass die Menschen mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit miteinander reden werden; und das direkt und ohne den Umweg über Journalisten oder Massenmedien. Die Ereignisse im arabischen Raum machen das mehr als deutlich.

  27. Was ich mich eher frage: Wenn das alles so kommt, womit verdient das “Fernsehen der Zukunft” überhaupt noch Geld? ARD und ZDF haben damit natürlich kein Problem, aber in einem Privatsender”Programm” was nur noch mediathekähnlich ist, akzeptiert keiner einen 5 Minuten Werbeblock.
    Die Folge: Keine Werbekunden, keine Finanzierung… und damit kein Unterhaltungssegment mehr, abgesehen von Youtube und Co; keinen Journalismus mehr, abgesehen von Facebook-Kommentaren…
    Irgendwie klingt das nicht wünschenswert.

  28. Es mag sein, das langfristig das TV mit dem Internet verschmilzt, aber bei der Prognose der Nachrichtenbeschaffung bzw der Analyse der Probleme dort habe ich kaum das Gefühl, dass sich viel ändert.

    Ich fürchte, die meisten Menschen wollen mehr konsumieren, dort ist das TV jetzt schon das Radio (Weggucker). An pluralistischen Meinungen und oft an Nachrichten sind sie kaum interessiert. Da muss man sich nur die eben für dieses Publikum (die breite Mehrheit) optimierten Nachrichten der Privatsender anschauen. Wenn eben diese auch noch aussuchen können, was sie sehen wollen fallen die Nachrichten vielleicht ganz weg.

    Ich habe das Gefühl, eine breite Beteiligung der Gesellschaft an vielen politischen Themen könnte ein Wunschdenken oder einfach, wie heutzutage, ein Randphänomen bleiben. Hamburg hatte gerade mal 57% Wahlbeteiligung… von denen sich vermutlich nur ein kleiner Bruchteil auch meiner Generation (22) entsprechend umfangreich (verschiedene Quellen, Twitter etc) informiert hat.

    Ich denke, die meisten Leute, die sich im Internet dazu äußern haben ein stark verzerrtes Bild von den Informationsbeschaffung auch meiner Generation; wenn man sich gerade in Ägypten befindet und dann seine Follower fragt, ob sie auch Al Jezeera gucken ist doch klar, dass es genau jene sind, die sich aus verschiedensten Quellen bedienen. Man ist eben von Seinesgleichen umgeben. Ich nenne es mal internetaffine Bildungselite, sie scheint mir kaum repräsentativ.

    Viele meiner (zum allergrößten teil studierenden) Freunde haben zwar teilweise keinen TV mehr oder nutzen vorwiegen den Rechner zum Medienkonsum, aber das ändert kaum etwas daran, dass sie sich fast nur über die etablierten Medien informieren: SPON, Zeit, SZ, auch bild.de, viele sind aber auch schlicht apolitisch und dementsprechend überhaupt nicht auf dem Laufenden. Gibt es schon handfeste Studien zum Medieninteresse und -konsum meiner Generation im Internet? Für wie viel Prozent käme eine solche Prognose in Frage?

    Dass viele auf Facebook mit ihren Freunden DSDS, Jungelcamp oder den neuesten Blockbuster anschauen diskutieren sehe ich ein, aber ob das etwas an der politischen Beteiligung oder Interesse ändert wage ich zu bezweifeln. Ich sehe nicht, dass da mehr passiert als in vergangenen Generationen. Erschreckend viele wissen weniger über Ägypten und co als überhaupt in der Tagesschau erwähnt wird.

    • @nobody Vielen Dank für Deine (skeptische) Einschätzung, vor allem was die Idee von mehr Mitbestimmung betrifft. Natürlich werden immer mehr Leute für DSDS anrufen als für eine politische Talkshow. Auch Deine Einschätzung zur verzerrten Wahrnehmung durch uns Bildungsbürger halte ich für zutreffend. Deshalb aber die Hände in den Schoß zu legen und zu sagen: interessiert ja eh keinen, senden wir halt Dschungelcamp (das im Übrigen hervorragend gemacht ist!), darf uns nicht genug sein. Sendungen wie Hart aber Fair (WDR), Zapp (NDR) oder quer (BR) halte ich für hervorragende Belege dafür, dass man mit Qualität auch Quote machen kann – und das quer durch alle Generationen. Das kostet nur sehr, sehr viel Kraft, Kreativität und Rückgrat. Das gleiche gilt für die Neuen Medien. Natürlich gibt es hier keine Erfolgsgarantie. Dennoch bin ich der Meinung, muss man es versuchen, die Menschen dafür zu begeistern.

  29. wenn man das fernsehen mal als gesamtheit sieht, kann man gut und gerne darauf verzichten. in meinen augen ist es aus heutiger sicht ein nicht zukunftsfähiges medium und jetzt schon obsolet. daran ändern hdr oder hd auch nichts mehr. vorbei die zeit, als die erstausstrahlung von “die glorreichen sieben” oder “das boot” die straßen leer fegte. es wird früher oder später verschwinden und nur noch einige nostalgiker werden sich dafür interessieren, so wie ich vinyl sammle. ab diesem zeitpunkt wird es wieder interessant. =)

  30. Das Fernsehen ist grundsätzlich schlecht. Einerseits weil es nicht die Realität darstellt, und warum sollte sich jemand ausserhalb der Realität bewegen wollen? Da sollten wir doch lieber die Realität so ändern damit wir drin leben wollen. Und zweitens liegt die Kontrolle der Medien ausschliesslich in den Händen weniger. Auch wenn hier so gerne von “alternative” Medien gesprochen wird, so sind die Technik, die Infrastruktur und die macht über alles Monopolisiert. Im Internet werden derzeit zwar “freie” Informationen zugelassen, aber nur soweit wie es die Monopolisten es zulassen. Wenn es ihnen irgendwann über wird, stellen Sie es einfach ab, oder begrenzen den Beutzerkreis und die Inhalte. Das passiert grade. Solange das Internet oder das Fernsehen nicht basisdemokratisch organisiert ist, auf allen Ebenen wird es niemals frei sein oder frei machen.

  31. Um nochmals auf das Thema Erlösmodelle/Werbung zurückzukommen:
    Ich denke “paid content” wird in der nächsten Zeit als Erlösmodell immer beliebter werden und daran wird auch nur schwer ein Weg vorbei gehen. Sicherlich wird Werbung auch eine Rolle spielen, aber keine so große wie heute.
    Beispiel: Wer hätte früher mal gedacht, dass man für ein Onlinenetzwerk Monat für Monat Geld zahlt? Heute ist das bei Xing fast selbstverständlich.

    Ich denke, wenn das Angebot stimmt und sich der Preis im Rahmen hält, kann damit auch die breite Masse attraktiv angesprochen werden. Ich denke hier an Beispiele wie Xing, iTunes (nur Musik und Apps) oder um in Richtung TV zu kommen hulu.com.

  32. Klare Antwort: In einem Restaurant bestelle ich was ich will, wann ich will und wie…Man stelle sich vor, der Kellner bringt dem Gast die Karte mit dem Hinweis: “Heute gibt es nur Fisch/Fleisch” – der Vegetarier wird entzückt sein. Welcher …Gast kommt wieder? Am liebsten ist uns allen doch das Buffet, von dem ich mir zielgerichtet nehme, was mir schmeckt. Und noch was: am meisten Spaß macht es ja mitzukochen und nicht zum passiven Konsument zu werden. “The younger ones” haben das schon längst umgesetzt. Und – sie bewegen die Welt mit ihrer Internet-, Twitter- und Facebook Affinität, mehr als alle Regierungen der Welt, wie Libyen, Ägypten usw. zeigt.

  33. Ich sehe seit 47 Jahren fern. Zu Beginn konnte ich wählen zwischen ARD und DFF. Das ZDF gab es schon, aber der schwarz/weiß-Fernseher hatte nur VHF. Ich sah ziemlich alles, was die Kiste hergab. Es ging ja erst wirklich am frühen Nachmittag los. Nach dem Abendbrot war Schluss. Für die Rudi-Carrell-Show musste ich vorschlafen. Der Kanalwechsel war nur möglich, indem man einen Knopf drehte. Kanal 5 oder 7.

    Heute habe ich im Kabel rund 30 Programme und per Satellit mehrere Hunderte, die Fernbedienung erspart das Aufstehen. Meine Söhne (21/17) sehen manchmal parallel mit Laptop, manchmal zurück gelehnt mit der Pizzaschachtel assimäßig, manchmal live oder zeitversetzt. Vor dem Einzelgerät und mit Freunden. So wie ich.

    Die Technik bietet mir heute die Möglichkeit, dann es zu tun, wann ich es will, wo ich es will, zu springen oder anzuhalten. Ich sehe heute weniger fern.

    1. Mich zu überraschen fällt zunehmend schwerer. Das meiste war schon einmal da und wird zur Variation der Variation.

    2. Mit der ablaufenden Lebensuhr wird das secondhand Leben der Feind des real Life.

    3. Bestimmte Inhalte erledigen andere Content-Produzenten eleganter (News/Wetter/Musik …)

    4. Das Fernsehen als gesellschaftliche Klammer löst sich stetig weiter auf. Glücklicherweise,

    Meine Erfahrung allerdings ist, Totgeglaubte leben länger. Ich höre seit rund 20 Jahren vom interaktiven Fernsehen, bei dem man mit der Fernbedienung des Ende eines Krimis bestimmen kann o. ä. Man kann sich jedoch nicht selbst erschrecken oder zum Lachen bringen.

    Ich habe nichts dagegen, dass Fernsehen als das verschwindet, was es lange Zeit war, als Glotze. Das Monopol audiovisuelle Inhalte anzubieten ist halt gebrochen. Um das ganze Bild zu bekommen sind Blogger genauso wichtig wie Korrespondenten. Machmal ist mittendrin nicht wirklich dabei. Weil ein Teil nicht immer fürs Ganze steht. Ebenso kann die Balkonperspektive trügerisch sein.

    Es ist eher wie bei den Wetterdaten. Je engmaschiger die Sensoren, um so realistischer ist die Abbildung. Die Auswahl kann zum Glück jetzt der mündige User vornehmen.

  34. Man sollte dabei nicht vergessen, dass die Art und Weise der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die alten Verhältnisse konserviert, anstatt die neuen zu befördern. Wie mehrere Autoren betonten, fehlt der Aspekt der Refinanzierung in dem Beitrag. Ein begrenzter Bereich hat Milliardeneinnahmen auch gegen den erklärten Willen der Nutzer garantiert. Und die Akteure dieses Bereiches lassen sich in die Programmentscheidungen nicht hineinreden, die letztlich Kostenentscheidungen sind. Auch sonst findet sich ein Wirrwarr von Verpflichtungen und Verflechtungen, Einnahmen und Ausgaben, die ja offenbar selbst innerhalb des Systems nicht mehr durchschaut werden, gezweige denn von den zur Zahlung Verpflichteten.
    Das ist die erste Erklärung für desinformierende Sendungen, alles andere folgt daraus.
    Da das Finanzierungsproblem für alle steht, haben wir folgende Tendenz: Werbe-Trash bis zum Erbrechen auf der einen Seite und Gleichschaltung des unabhängigen Journalismus auf der anderen Seite. Das gilt tatsächlich unabhängig vom Trägermedium. Und wie bitte sollen sich die zur Zwangs-Zahlung Verpflichteten sozial-media-maessig dagegen wehren? Mit kritischen Kommentaren? Da sehe ich Herrn Boudgoust und Frau Piel schon zittern.

  35. @Jörg #45 So wahr. Und das Vorschlafen für Rudi Carrell kannte ich auch noch (“Am laufenden Band”) oder Wim Toelke (“Der große Preis”). Außer “Wetten dass ..?” hat sich da bis heute nicht viel getan. Der einzige, der mich (auch im vorangeschrittenen Alter) nochmal bis tief in die Nacht vor der (Live-) Glotze fesseln konnte, war “Schlag den Raab” und Fußball WM. Der Rest kommt bei mir von der Festplatte bzw. Apple TV. Erstaunliche Beobachtung: ich gebe pro Jahr rund 500 Dollar für Serien und Filme auf Apple TV aus – und hab noch nicht einmal ein schlechtes Gefühl dabei. Der Luxus genau das sehen zu können, wonach mir ist (und damit auch keine wertvolle Zeit surch sinnloses Koma-Zapping zu vergeuden), ist mir richtig was wert. Auch Deine letzte These unterschreibe ich voll und ganz: es wird länger dauern, als wir alle meinen. Aber es wird passieren. Das Konzept, auf den Beginn einer Sendung warten zu müssen, wird uns irgendwann mal völlig irre erscheinen. “Weisst Du noch, damals…”

  36. Hallo,
    ich bin beträchtlich älter als “jung” – also 65 Jahre alt – und ich bemerke an mir, dass ich das Fernsehen eher als eine Art von Feierabendritual betrachte, etwas, das ein kleiner Ruhepunkt ist. So gucken mein Mann und ich – trashige Fernsehserien – weil ich mich dabei auf die Couch legen kann und man kann “lästern”. Aber schon, wenn “Tante” Slomka mir die Welt erklärt, werde ich ungeduldig, denn auch ich informiere mich zunehmend im Internet und dies den ganzen Tag. Und mir ist auch aufgefallen, wie “beamtenhaft” sich die Berichterstattung – auf hohem technischen Niveau (meist) aber doch mit großen Verzögerungen – gestaltet. Die Unmöglichkeit, sich nicht interaktiv in was einmischen zu können, selbst wenn mans nicht immer tut, stört mich. Ich bin sicher noch eine Ausnahme, ein ziemlicher Netz-Freak, aber das wird zunehmend auch die ältere Generation betreffen, dieses Bedürfnis, selbst auszusuchen, sich im Netz einzumischen, aktiver teilzunehmen, als es das Fernsehen anbietet.

    Gerade bei Ägypten hatte ich dauernd den Laptop auf dem Tisch mit den Facebook und Twitter-Meldungen. Das war irre. Ein Interview mit Mubarak, am abend zuvor berichtet, erschien am nächsten Abend bei “heute”. Zu lang ist das alles.

    Nebenher: Als Kind habe ich mir aus verschiedenen Gründen immer erträumt, überall und jederzeit Filme gucken zu können, in einem kleinen Apparat. Da gings um die Filme, die ich noch nicht sehen durfte. Na, das haben wir jetzt ja wohl schon. :-))

  37. Gleiche Erfahrungen wie Magda macht eine Bekannte (72) von mir, die mich begeistert fragte, ob ich schon Twitter kenne — eine Seite wo ganz viele Leute kurze, SMS-ähnliche Nachrichten schreiben. Sie habe sich dort aus erster Quelle über die Lage in Ägypten informiert und sei ganz fasziniert davon. Schon lange hat sie eine eigene Homepage, zieht YouTube dem klassischen Fernsehen vor und schreibt lieber E-Mails als Briefe.

    Richard, deine Thesen sprechen mir komplett aus der Seele, zudem hat sich um dieses Thema eine spannende Diskussion entwickelt, die ich gerne verfolge. Medien werden den Lesern und Hören in Zukunft nicht mehr vorgelegt — sie werden sich selber Ihre Kanäle und Quellen auswählen und nur das konsumieren, was sie interessiert.

  38. Lieber G!
    Sicher das “TV” der Zukunft wird kommen,ABER hat unser Guru SJ nicht auch erst vermittelt das wir auch wieder “back” gehen müssen…also ich glaube das “TV” bleibt weitestgehends so bestehen, alleine schon weil die öffentlichen nur behende

  39. Interessanter Artikel. Hier ein paar Eigenerfahrungen, keine Ahnung wie repräsentativ:

    1. Fernsehen ist für mich ein optimales Begleitmedium. Vermutlich nicht zuletzt weil das Programm mehr und mehr belanglos wird, mit Wiederholungen, Billigdokus und Unterschichteninhalten gespickt ist.
    2. Fernsehen als Begleitmedium auf dem selben Gerät, an dem ich arbeite funktioniert für mich nicht. Es lenkt ab, das Fenster ist im Weg etc. Deshalb halte ich Mediencenter mit integriertem Chatfenster für Unsinn.
    3. Die Abhängigkeit von einem festen Zeitschema im Fernsehen nervt enorm. Deswegen wären Mediatheken ein wichtiger Ausbaufaktor.
    4. Permanente Werbeunterbrechungen (laut dazu) nerven enorm.
    5. Permanente Eigenwerbung, spezielle Einblenungen etc. nerven enorm.
    6. Auf einem externen herkömmlichen Gerät finde ich mangelnde Qualität nahezu unwichtig, das ganze HD Geraffel ist für mich nicht nachvollziehbar. Schaue ich Inhalte im Netz oder bewußt eine DVD sieht das anders aus.

    Kurzum: Ein Internet mit allumfassenden Mediatheken und ein passendes Streaming-Endgerät würde mir persönlich reichen.