Blog zum Sonntag: Internet macht einsam!

Das Internet ist ein wahres Wunderding: es macht nicht nur dumm und aggressiv – jetzt macht es auch noch einsam – sagt der Papst. Und der muss es ja wissen.

Wir sind Bestseller! Der Papst hat ein Buch geschrieben, besser gesagt, schreiben lassen. Darin bemerkt er nicht nur, dass der Gebrauch von Kondomen eine Form von Nächstenliebe darstellen kann. Er begreift auch, dass Erfindungen wie das Internet durchaus nützlich sein können, zum Beispiel wenn man mal wieder drauf und dran ist, einen Nazi-Bischof zu rehabilitieren. „Leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut“, so der Pontifex kleinlaut.

Aber kann man den Beratern einen Vorwurf machen? Hat der Papst nicht selbst immer wieder vor dem Internet gewarnt? Das Internet mache einsam, so Benedikt erst kürzlich wieder auf einer Konferenz im Vatikan.. Jetzt wissen wir natürlich nicht auf welchen Seiten der Papst unterwegs ist, noch welche Geschwindigkeit sein Web-Zugang hat. Aber ich denke, er meinte das anders. Wörtlich sagte Benedetto: Das Internet mache die Menschen nicht humaner, sondern erhöhe das Risiko von Einsamkeit und Desorientierung, besonders unter jungen Leuten.

Das böse Internet

Blub, da geht es wieder mal unter, unser gesamtes Abendland. Ganz ähnlich klang das damals, als das Fernsehen kam, im Mittelalter bei der Erfindung des Buchdrucks oder im Altertum mit zunehmender Verbreitung der Schrift. Platon verteufelte das geschriebene Wort gar als „seelenloses Abbild“ der Sprache (Sollten Sie mal googeln: „Platon, Phaidros, Dialog“ – und passen Sie dabei gut auf Ihre Ihre Seele auf!).

Zurück in die Gegenwart. Das Internet macht also einsam. Die Ironie: erfahren habe ich von dieser Papst-Botschaft über das Internet. Gestoßen wurde ich auf den Text durch einen Facebook-Freund, den ich über Twitter kennengelernt habe. Zufall? Eine ifo-Studie belegt: Onliner sind informierter als Menschen ohne Internet-Zugang, sie sind politisch und ehrenamtlich engagierter, haben mehr Freunde und gehen messbar häufiger ins Theater, Kino, oder in die Kneipe (Sorry Leute, von Sex stand da nix!).

Das Internet macht einsam und führt zur Verrohung. Das gleiche könnte man natürlich auch über Bücher sagen. Da gibt es die Bibel, aber eben auch Thilo Sarrazin. Und was ist mit den Zeitungen? Auch die liest man allein für sich, ergo: Zeitungen fördern die Isolation. Das Internet macht einsam? Ja ne, is klar.

Über das Internet erreicht man Leute, die große Menschenmengen meiden. Mehr noch: das Internet verleiht auch jenen Menschen Gehör, die einsam sind und deren Stimmen im Alltag untergehen. Wer wie ich viel im Netz unterwegs ist, kann sich vor Kontakten, vor echten wie auch falschen Freunden kaum retten. Genau wie im richtigen Leben. Und wenn ich wirklich mal allein mit mir sein möchte, dann weiß ich, wo ich hingehen muss: Sonntag Vormittag. In die Kirche.

Proteste, Zustimmung – Eure Meinung?

Die Papstrede im Original (engl. Fassung)

Internetnutzung. Ifo-Studie (PDF)

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33 Gedanken zu “Blog zum Sonntag: Internet macht einsam!

Zitiert von
  1. Wir haben bspw. Facebook und die haben halt ihr Buch. Da sind ja auch ganz viele “Freunde” drin. Und in Klöstern sind die nicht mal mehr Freunde, sondern Brüder, also schon viel weiter …

  2. Toller Artikel und wirklich auf den Punkt gebracht. Ich frag mich immer, wie man sich im Vatikan eine Meinung über Dinge bildet, wovon die dort mit Sicherheit keine Ahnung haben. Dabei ist der Papst doch selber schon bei Youtube…

  3. Hallo,

    hat sich hier eigentlich irgenjemand die Mühe gemacht, statt das schwachsinnige Presse-Zitat nachzubeten, die Rede im Kontext zu lesen? Zum ersten geht es darin nicht primär ums Internet, zum zweiten geht es darum, das Netz adäquat zu nutzen und dem mechanischen, algorithmischen, “inhumanen” eine Kommunikation mit “kreativer Intelligenz” entgegenzusetzen (wie auch in den vergleichbaren Reden der Vergangenheit).

    Da steht nichts von Internet-Abstinenz, da steht nichts davon, dass das Internet einsam macht.

    Lieber @gutjahr: ist das etwa wieder ein Beispiel für “klassischen Qualitätsjournalismus”, will sagen: einfach irgendwas abschreiben, was über den Ticker läuft?

    Beste Grüße
    jb

    • @Joerg Blumtritt Lieber Herr Blumtritt, ich teile Ihren Missmut über den sog. ‘Qualitätsjournalismus’ – aber machen Sie bitte nicht den gleichen Fehler und kehren Sie alle/s über einen Kamm. Natürlich habe ich den Text im Original gelesen. Genau diese Rede war es, die mich ja dazu bewogen hat, diesen Text hier zu verfassen. Bedenklich an den Worten des Papstes ist es, dass er einmal mehr über Dinge spricht, von denen er keine Ahnung hat (was er im jüngsten Buch auch selbst eingesteht). Er spricht aber trotzdem darüber, und das dann im Duktus seines Unfehlbarkeitsanspruches. Dabei ist er nicht dumm: er erkennt ja offenbar die eigenen Defizite. Nicht umsonst ruft er seit dem Frühjahr die Gläubigen dazu auf, sich mehr mit dem Internet vertraut zu machen und massiv in Blogs, Foren und Communities mitzumischen (eine Aufforderung, die er im Verbum Domini jüngst wiederholte). Kurz: das Internet ist Teufelszeug, es sei denn, es dient unseren Zwecken. Ganz schön scheinheilig, finden Sie nicht?

  4. Amüsant, netztheologische Theme scheinen heute in der Luft zu liegen. Elfriede Jelineks Version klingt – hm – anders und überraschend kategorisch:

    “Es hat seit der Erfindung des Telegraphen und des Telefons nichts Vergleichbares gegeben, und das Netz schlägt diese Erfindungen ja noch, weil jeder mit jedem ganz nach eigenem Wunsch in Verbindung treten kann. [...] Das Netz ist demokratisch und subversiv zugleich. Es ist Gott.”

    (http://mlrm.de/?p=609 Originalquelle scheint ein in einem Programmheft abgedrucktes E-Mail zu sein. Ich nehme mal an, das ist verbürgt)

  5. Die Institution Kirche und ihr Chef sind eben in erster Linie mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt. Die Message “gehet raus und missioniert im Netz” verbunden mit “macht aber einsam” zeigt die ganze Schizophrenie dieses Ladens. Da schickt er also seine Leute zu den Unwürdigen ins Netz, damit sie diese dort heraustreiben und bekehren. Geschichte wiederholt sich. Irgendwie.

    (Schöner Schlusssatz ;-) )

  6. @Richard Gutjahr Dein Kommentar ist leider etwas überzogen! Die Texte vom Papst sind meistens sehr komplex und zwei Zeilen rausnehmen funzt da leider nicht – Haben wir ja auch hier gesehen:
    http://www.spiegel.de/jahreschronik/0,1518,453204,00.html

    Er wollte halt nur (wahrscheinlich) damit ausdrücken, dass es bestimmte Konstellationen geben kann bei denen eine Vereinsamung entsteht.

    Leider hab ich die (konkrete) Textstelle auch nicht gefunden – vielleicht kannst du helfen!

    • @Thomas Haseloff – Zugegeben: ich vereinfache natürlich auch sehr stark. Aber manchmal ist das nötig, um die Motive offenzulegen, warum hier jemand vor irgendwelchen Gefahren warnt: Der Papst hat offenbar Angst, in einer Explosion von Informationen nicht mehr gehört zu werden.

  7. Das Internet für die eigenen Zwecke zu nutzen ist nicht scheinheilig, sondern vernünftig; das Netz ist doch kein Selbstzweck.

    Die Einschätzung, dass der Papst hier das Internet verteufelt, kann ich nicht teilen. Die Forderung nach menschlicher Kommunikation mit kreativer Intelligenz spricht mir im Gegenteil aus der Seele: denn genau das verstehe ich unter Digital Literacy und genau dafür sind Twitter und Facebook die richtigen Kanäle.

    Zu meiner Spitze wegen “Qualitätsjournalismus”: im Blog-Post ist der Vortrag jedenfalls nicht verlinkt; aber nichts für ungut!
    Schöne Grüße
    jb

    • @Joerg Blumtritt Ich wehre mich gegen die in der herrschenden (alten) Elite, sei es Politik, Wirtschaft oder Klerus, die schnell dabei sind, vor allem die Gefahren des Netzes zu propagieren. Das geschieht ja nicht aus christlicher Nächstenliebe, sondern primär aus Sorge vor dem eigenen Machtverlust.

  8. Okay, dann kommentiere ich hier auch noch, um die Slow-Media-Blogger hier vollständig versammelt zu haben ;-) Was ich an den Äußerungen des Papstes spannend finde, ist, dass er das Internet und die zentrale Bedeutung des Netzes in der Gesellschaft als objektive Tatsache erkennt. Es geht nicht darum, ob und wie man etwas gegen das Internet tun kann. Das Netz ist da und wird bleiben. Offen und damit gestaltbar ist aber die Frage, wie wir das Netz nutzen, was wir damit machen. Wahrscheinlich hatte seit dem Buchdruck keine Medientechnologie bisher so viel Potential, die Welt sehr viel besser zu machen, aber zur gleichen Zeit auch so viel Potential, die Welt sehr viel schlechter zu machen. Es ist die Aufgabe der Religion wie im übrigen auch der Kunst, die im Momentan in diesem Punkt einen schlechteren Job macht, genau darüber zu reflektieren und sowohl die Gefahren wie auch Chancen aufzuzeigen, die sichtbar werden, wenn man die Entwicklung konsequent weiterdenkt.

  9. @jbenno

    “menschlicher Kommunikation mit kreativer Intelligenz” – Super
    Dabei noch ein bisserl Aberglaube mitverkaufen – nicht Super

    @furukama
    Findest du wirklich es braucht mehr Kunstaktionen um die Nutzung des Webs zu propagieren? Wenn ja, welche Art hättest du denn gerne? ;)

    Wenn er die Macht hätte, würde er das Web abschalten. Der kleine Pope. Die katholische Kirche ist mit ihrer Intransparenz, ihrer Machtanhäufung und -fixiertheit quasi der Gegenentwurf zum freien Web.

  10. Eine interessante Diskussion, die leider viel zu wenig sachlich geführt wird, da oft polemisiert wird. Das Internet ist doch in erster Linie eine Infratruktur und schafft somit Räume. Das Internet ist kein Mann, keine Frau, kein Gott. Es liegt an uns, dieses sinnvoll zu nutzen. Ich finde, das Netz ist in vielen Teilen auch ein Spiegel der Gesellschaft und der Welt. Durch die globale Vernetzung und Transparenz werden eben Dinge sichtbar, die man im “Realen” nicht unbedingt sehen würde.
    Mich erinnert das auch ein wenig an die Diskussion um die Rolle der Wissenschaften: Ist Wissenschaft gut oder schlecht, wer hat die Macht, für was wird die Wissenschaft verwendet.

    Ich gebe Benedikt recht, dass es die Rolle der Kunst und Kirche ist, dies zu reflektieren – aber auch des Staates und letztendlich eines jeden einzelnen selbst.

    Ich gebe Benedikt recht, dass vie

  11. Der Papst ist ein alter Mann. Alte Männer (und Frauen) neigen noch mehr als junge zur einer grundsätzlich konservativen Einstellung. Dazu gehört es, dass man Dinge/Technologien/Moden/Musik, die man nicht schon in der Schule (spätestens in der Oberstufe) kannte, zunächst einmal für zumindest überflüssig hält (“Wozu soll das gut sein? Wir haben das doch auch nicht gebraucht!”) Wenn dadurch dann zusätzlich noch bei den Mitmenschen oder im öffentlichen Bewußtsein Dinge/Technologien/Moden/Musik verdrängt werden, die einem lieb sind, wird das Neue schnell für bedrohlich oder gar gefährlich gehalten. Gründe lassen sich dafür schon finden.

    So weit, so normal. Das Gefährliche daran, wenn der Papst solche Ideen vertritt, ist, dass er immer noch für weite Teile der Bevölkerung eine Vorbild-, eine Leitfunktion hat und diese unselige, veränderungsfeindliche Haltung dadurch verfestigt. Das Thema treibt mich schon lange um. Ein Link auf einen eigenen Beitrag sei mir deshalb vielleicht verziehen: Streetview prallt auf eine rückwärts gewandte Kultur.

    Was daran so bedauerlich ist, ist, dass diese “Eliten”, diese Vorbilder, wenn sie denn wirklich verantwortungsbewusst wären, eigentlich versuchen müssten, die Veränderungsfeindlichkeit zu mildern – nicht sie zu verstärken. Denn die Veränderungen kommen unvermeidlich. Eine Kultur, die sie aus tiefem Herzen ablehnt, hat keine besonders große Überlebenswahrscheinlichkeit …

  12. @Benedikt. Dann bleiben wir mal im Rhythmus …

    Veränderungen sind nicht gut. Veränderungen sind nicht schlecht. Sie sind … unvermeidlich.

    Deshalb ist es so fatal, sich gegen Veränderungen grundsätzlich zu wehren. Und das ist die Ausprägung des Konservativismus, die ich hier beklage. Und, was “gut” und was “schlecht” ist, bleibt meist eine höchst subjektive Bewertung, die gegebenenfalls nicht einmal ein- und dieselbe Person Wochen, Monate oder Jahre später noch einmal genau so treffen würde.

  13. @Markus Breuer Nicht alle Veränderungen sind unvermeidlich. Das Internet ist nicht unvermeidlich, sondern so gewollt. Nicht von einer einzigen Person, aber als Kombination unterschiedlicher Interessen.

    Was gut und was schlecht ist, ist eben keine subjektive Bewertung, genau dafür gibt es so etwas wie Ethik (z.B. kategorischer Imperativ). Und an der Stelle haben wir dann wieder den Bogen zum Papst geschafft ;-) Vieles davon, was er sagt – und dazu gehören auch die von Richard zitierten Äußerungen zur digitalen Kommunikation – ist gerade keine Privatmeinung, sondern steht in einer langen Tradition.

  14. @benedikt, sorry für die späte Antwort. Gerade erst zufällig gesehen, dass doch noch eine Antwort gekommen ist. Eine sehr gute sogar. :)

    Leider – oder glücklicherweise (?) – stimme ich mit Dir nicht wirklich überein, was die Bewertung von unvermeidlichen Veränderungen angeht. Selbstverständlich hast Du sehr recht, wenn Du sagst, dass nicht aller Veränderungen “unvermeidlich” sind. Das hängt aber mit der von Dir gewählten Semantik des Wortes “unvermeidlich” zusammen. Im puren Sinne des Wortes ist ganz wenig unvermeidlich – genauso, wie es ganz wenig Dinge gibt, die ich wirklich tun “muss”.

    Aber, wo wir schon beim Wortklauben sind … :)
    Ich habe in meinem Kommentar ja eigentlich nur gesagt, dass “Veränderungen unvermeidlich” sind. Und ich denke, dass kann man mal so stehen lassen. Denn tatsächlich ist es die Eigenschaft eines dynamischen Universums – und ein statisches kennen wir nicht – dass laufend Veränderungen stattfinden. Verzeih die Beckmesserei ;-)

    Was ich meinte, und vermutlich ungeschickt ausgedrückt habe, ist, dass Veränderungen in einer Gesellschaft grundsätzlich unvermeidlich sind, und, dass eine Einstellung, die Veränderungen zunächst einmal grundsätzlich ablehnt “nicht hilfreich” ist. Ich wollte damit nicht JEDE Veränderung als “gut” bewerten. Ich persönlich halte es aber für “gut”, grundsätzlich veränderungsbereit und veränderungsfähig zu sein.

    Wo ich mit Dir aber leider abseits der Wortklauberei wirklich nicht konform gehen kann, ist die Aussage, dass Ethik nichts Subjektives ist. Ich persönlich denke, dass Ethik sogar in höchsten Maße subjektiv und kulturabhängig ist. Es ist mir bewusst, dass in der Tradition der Aufklärung gewissen ethische Prinzipien in unserer Kultur als quasi gegeben angesehen werde – witzigerweise mit der selben Apodiktik, mit der Religionsvertreter ihre Glaubenssätze präsentieren. Da sich die “allgemeingültigen” ethischen Prinzipien selbst in unserer kulturellen Tradition im Laufe der Jahrtausende und manchmal sogar innerhalb von Jahrhunderten oder Jahrzehnten immer wieder geändert haben, fällt es mir sehr schwer, den Glauben an quasi unumstößliche ethische Prinzipien zu teilen. Dass es andere (dort ebenso “unumstößliche”) ethische Prinzipien in anderen Kulturkreisen gibt, ist dabei nicht einmal berücksichtigt.

    Aber … wie oben schon gesagt, ich halte ethische Überzeugungen für vergleichbar mit religiösen Glaubenssätzen. Und darüber kann man nicht wirklich mit den Mitteln der Logik “diskutieren”.