Wo Jarvis irrt – oder: What would Apple do?25. Januar 2010

Jeff Jarvis – am Rande der DLD-Konferenz habe ich mich mit dem US-Medienprofessor über das Apple Tablet, über die New York Times und über Paid Content unterhalten.

Dieser blogpost grenzt an Gotteslästerung. Er ist mit Sicherheit streitlustiger als Oolon Coluphids (aka Douglas Adams) philosophische Bombenerfolge “Wo Gott sich irrte”, “Noch ein paar von Gottes größten Fehlern” und “Wer ist denn dieser Gott überhaupt?”. Dieser blogpost ergreift Partei für eine Branche, die am Boden liegt, die es jedoch durchaus verdient hat, neue Hoffnung schöpfen zu dürfen. Dieser Blogeintrag richtet sich daher nicht, wie so oft, gegen bräsige Verleger sondern gegen deren personifiziertes schlechtes Gewissen; dieser post trägt die Überschrift: Wo Jarvis irrt.

Wie schon in früheren Blogeinträgen erwähnt: ich bin Fan von Jeff Jarvis und seinem Buch „Was würde Google tun“ (danke @Almontchen für das Hardcover!). Ich bin vertraut mit der umfangreichen Recherche-Arbeit, die Jarvis letztes Jahr zusammen mit Jeff Mignon von Mignon Media (Video) an der City University of New York geleistet hat, um Verlegern vorzuführen, durch welche Finanzierungsmodelle sie wieder zu Geld kommen könnten.

.Das Gespräch. habe ich. Mitte 2009 in New York aufgenommen

Wenn Jarvis der versammelten Verleger-Schar auf den Münchner Medientagen per Skype-Schalte aus New York die Leviten liest (Ihr hattet 15 Jahre Zeit, Eure Hausaufgaben zu machen. Ihr habt es nicht getan!), dann gluckst das Publikum, denn es weiß: dieser Mann bringt es auf den Punkt.

In einem Punkt jedoch bin ich nicht derselben Meinung wie der große Medienprofessor: anders als Jarvis glaube ich sehr wohl an Paid Content. Und: ich glaube daran, dass es Apple gelingen wird, Zeitungen und Zeitschriften wieder sexy zu machen (und damit meine ich nicht die Bild-Mieze auf Springers Bild-App).

Am Rande der DLD-Burda-Konferenz hatte ich Gelegenheit, mit Jarvis über das Apple Tablet zu reden. Obwohl Jarvis selbst bekennender Apple-Fan ist, kann er den Hype um das „iPad“ (?) nicht nachvollziehen. Schon gar nicht sieht er darin einen game-changer:

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Jarvis’ Antwort erinnert mich stark an jene Aussagen, die ich schon bei der Einführung des iTunes-Music-Stores gehört habe. Ganz ähnlich verliefen auch die Debatten im Jahr vor der Einführung des Apple iPhones: wozu braucht die Welt ein weiteres Telefon? Heute wissen wir: sowohl iPod und iTunes (inzwischen der größte Musikhändler weltweit) als auch iPhone und AppStore (größter Mobilfunk-Softwaremarkt weltweit) haben die Industrie verändert.

Doch Jarvis glaubt weder an eBook-Reader noch an Tablet PCs:

Interessanterweise listet Jarvis alle Funktionen auf, die das Apple Tablet anbieten wird – nur eben auf einem größeren und besseren Display als auf dem iPhone. Es soll eben NICHT wie Kindle & Co ein reiner eReader sein, sondern Internet, Text, Video und Musik möglichst komfortabel unter einem Dach vereinen.

Dass ein solches Gerät auch eine Riesen-Chance für Zeitungs- und Zeitschriften-Verleger wäre, ihre Gratis-Leser wieder zurück an die Kasse zu führen, daran glaubt Jarvis nicht. Im Gegenteil – er hält den Schritt der New York Times, ab 2011 hinter einer Paywall zu verschwinden, für fatal:

Genau hier setzt meine Kritik an. Wie schon früher mehrfach geschildert, glaube ich sehr wohl, dass die Menschen bereit sind auch online für journalistische Texte zu zahlen. Man darf es ihnen nur nicht so schwer machen. Und: der Preis muss sich in einem vernünftigen Rahmen bewegen.

Die große Leistung eines Steve Jobs bei der Einführung des iPods war nicht das Gerät. Auch nicht die Software (iTunes war keine Apple-Entwicklung, sondern eine Software, die Apple im Jahr 2000 von einer kleinen Software-Schmiede namens Casady & Greene schlüsselfertig gekauft hatte). Die große Leistung eines Steve Jobs war es, den Musikbossen klarzumachen, dass sie die Gratis-Mentalität niemals beenden werden, wenn sie nicht bereit wären, ihre Songs für einen einfachen und nachvollziehbaren Preis anzubieten: 99 Cent pro Song, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Tophit handelt oder um einen alten Ladenhüter.

Jeff Jarvis glaubt nicht daran, dass sich so ein Pay-Modell auf dem Zeitungsmarkt wiederholen ließe – und er stützt sich dabei auf einen früheren Versuch der New York Times:

Als ob uns Microsoft jemals mit irgendwas begeistert hätte! Nur weil es Bill Gates nicht gelungen ist, soll das ganze Geschäftsmodell falsch sein? Ich denke hier greift Jarvis zu kurz. Wenn Apple in seiner Geschichte etwas bewiesen hat, dann war es stets dort Erfolg gehabt zu haben, wo andere (manchmal ganze Industriezweige) gescheitert sind.

Der Grund dafür ist simpel: Apple schert sich nicht darum, was technisch machbar ist oder aus Lobby-Sicht wünschenswert wäre. Apple denkt stets vom User aus. Das war 1984 beim Macintosh der Fall, ebenso 2001 beim iPod oder 2007 beim iPhone.

Während Jeff Jarvis in seinem Buch die Power des “Google-Juice” beschwört, so bin ich fest davon überzeugt, dass es dem Computerbauer aus Cupertino gelingen wird, mit iPad und iTunes-Zeitungskiosk ein totgeglaubtes Medium wiederzubeleben.

Nicht mit “Google–Saft” – dafür aber mit umso mehr Apple-Juice.

(Vielen Dank an Jeff Jarvis für das anregende Gespräch, ich freue mich auf eine Fortsetzung – unabhängig davon, wer am Ende Recht behält!)

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17 Kommentare
  1. ende schreibt:

    Paid Content kann funktionieren. Er muss 1) bezahlbar und 2) praktisch sein. 1,15€ pro Zeit-Ausgabe (als Beispiel) ist super… jetzt muss sie nur noch automatisch auf den reader kommen. Ebooks kaufen für 90 oder 95% des Paperbacks ist (sorry) BULLSHIT. Das so erworbene Ebook kann ich noch nicht mal einfach weiter geben. Warum keine Ebook Leihbibliothek und Bücher für die ersten 3 Monate zu 1/4 des Paperback-Preises. Danach (wenn man “zu spät” “zurück gibt”) gestaffelt, so dass nach 2 Jahren der Kaufpreis als Miete gezahlt wurde. Danach gehört es mir und ich muss nicht weiter bezahlen. Ich würde das _sofort_ machen. Romane, die man zwei mal liest (im Abstand von 2 Jahren) wäre immer noch günstig im Vergleich. Gute Fachbücher kosten das Gleiche wie das Paperback (weil man die einfach ausleiht und dann behält), schlechte gibt man zurück und macht nicht gar zu viel Verlust. Die Verlage würden nicht weniger verdienen als jetzt, weil man die ausgeliehen Ebooks nicht weitergeben kann (und auch nicht muss).

  2. Ulrike Langer schreibt:

    Man sollte bei dieser Diskussion eines nicht vergessen: Ein multimediales bedienungsfreundliches, gut designtes Gerät – eines, das man wirklich gerne benutzt und rein technisch Tausende von Möglichkeiten bietet, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für den Erfolg von Verlags-Paid-Content. Servicefunktionen und Inhalte, die wirklich Zahlungsbereitschaft auslösen, müssen die Verlage erst einmal entwickeln. Die liefert Apple – zumindest für den deutschen Markt – morgen nicht mit.